Mein Mann rief panisch an: „Ich habe dich gerade mit einem anderen Mann aus einem Hotel kommen sehen.“ – Doch ich lag mit unserem Sohn zu Hause im Bett.
„Warum hast du unseren Sohn allein zu Hause gelassen?“
Die Stimme meines Mannes klang so laut, dass ich das Telefon einen Moment von meinem Ohr wegziehen musste.
„Was?“
Ich setzte mich im Bett auf.
Neben mir schlief unser zweijähriger Sohn friedlich.
Seine kleine Hand lag noch auf meinem Arm.
„Wovon redest du?“
„Ich habe dich eben aus dem Grand Palace Hotel kommen sehen.“
Ich lachte nervös.
„Das ist unmöglich.“
„Ich liege seit einer Stunde neben unserem Sohn. Er hat Fieber.“
Am anderen Ende wurde es still.
Dann hörte ich ihn flüstern:
„Nein… das kann nicht sein.“
Ich blickte automatisch auf das Babyfon.
Alles ruhig.
„Ich habe dein Gesicht gesehen“, sagte er langsam.
„Deinen Mantel.“
„Deine Tasche.“
„Und du warst mit einem Mann unterwegs.“
Eine Gänsehaut lief mir über den Rücken.
„Wo bist du jetzt?“
„Noch vor dem Hotel.“
„Bleib dort.“
Ich stand auf und ging ins Wohnzimmer.
Die Wohnung war abgeschlossen.
Alle Fenster verriegelt.
Mein Auto stand vor dem Haus.
Ich hatte den ganzen Tag keinen Schritt nach draußen gemacht.
„Schick mir sofort ein Foto.“
Wenige Sekunden später vibrierte mein Handy.
Ich öffnete das Bild.
Mein Herz setzte einen Schlag aus.
Die Frau trug tatsächlich meinen beigen Mantel.
Meine schwarze Handtasche.
Sogar ihre Frisur war fast identisch.
Von hinten hätte selbst ich geglaubt, dass ich es war.
„Das bin ich nicht“, flüsterte ich.
„Ich weiß.“
Zum ersten Mal klang mein Mann nicht wütend.
Sondern verunsichert.
„Ich habe gerade gesehen, wie sie in ein schwarzes Auto gestiegen ist.“
„Kennzeichen?“
„Ich habe nur die letzten drei Zahlen.“
Ich machte einen Screenshot.
Plötzlich erinnerte ich mich an etwas.
Vor drei Tagen hatte ich mein Portemonnaie gesucht.
Es war nach wenigen Stunden wieder da.
Ich hatte gedacht, ich hätte es selbst verlegt.
Doch jetzt fiel mir ein, dass auch mein Personalausweis darin gewesen war.
„Markus…“
„Ja?“
„Ich glaube, jemand gibt sich als ich aus.“
Er schwieg.
„Ruf sofort die Polizei.“
Zwanzig Minuten später klingelte es.
Zwei Kriminalbeamte standen vor unserer Tür.
Sie hörten sich alles an.
Zeigten mir das Foto erneut.
Einer der Beamten fragte:
„Hat in letzter Zeit jemand Zugriff auf Ihre persönlichen Daten gehabt?“
Ich erzählte vom verschwundenen Portemonnaie.
Von einer unerwarteten E-Mail meiner Bank.
Und davon, dass vor einer Woche eine Kreditkarte beantragt worden war, die ich nie bestellt hatte.
Der Beamte nickte langsam.
„Das könnte zusammenhängen.“
Noch in derselben Nacht wurden meine Konten vorsorglich gesichert.
Meine Ausweisdokumente gesperrt.
Und am nächsten Morgen meldete sich die Kriminalpolizei erneut.
Sie hatten die Überwachungskameras des Hotels ausgewertet.
Die Frau war keine Zufallspasserin.
Sie hatte sich mit gefälschten Dokumenten unter meinem Namen eingecheckt.
Gemeinsam mit einem Mann, der bereits wegen Identitätsbetrugs gesucht wurde.
Als mein Mann und ich die Aufnahmen später gemeinsam ansahen, sagte er leise:
„Wenn ich dich nicht angerufen hätte…“
Ich nickte.
„…hätte ich nie erfahren, dass jemand mein Leben benutzt.“
Er nahm meine Hand.
Nicht, um die Vergangenheit ungeschehen zu machen.
Sondern weil wir beide begriffen hatten, wie knapp wir einer Katastrophe entgangen waren.
Die Ermittlungen dauerten mehrere Monate.
Am Ende stellte sich heraus, dass die Täter gestohlene Identitäten nutzten, um Luxusgüter zu kaufen, Konten zu eröffnen und Kredite zu beantragen.
Mein Name war nur einer von vielen.
Doch weil mein Mann in diesem einen Moment misstrauisch geworden war, konnte die Polizei die Spur rechtzeitig aufnehmen.
Manchmal zerstört nicht das, was wir zu sehen glauben, eine Familie.


