Wie ein „verrückter“ Scharfschütze in einer Nacht 23 Deutsche tötete

Wie ein „verrückter“ Scharfschütze in einer Nacht 23 Deutsche tötete

September 1942. Im Stalingrad-Fabrikviertel stand ein halb zerstörtes, zweistöckiges Backsteingebäude, verlassen an der Kreuzung zweier namenloser Straßen. Für die meisten wäre es nur ein weiterer Trümmerhaufen in einer Stadt gewesen, die allmählich zu Staub zerfiel. Doch für Oberfeldwebel Anatoli Iwanowitsch Tschechow war dieses Gebäude sein Reich, seine eigene kleine Welt.

Vom zweiten Stock aus, durch ein faustgroßes Loch in der Wand, hatte Anatoli in den vergangenen Tagen 43 deutsche Soldaten getötet. 43 Bestätigte, jeder mit einem einzigen Schuss, jeder tödlich – ohne eine einzige verschwendete Kugel. Die Deutschen kannten seinen Namen nicht. Sie nannten ihn nur voller Entsetzen den Geist der Kreuzung. Sie wussten, dass er irgendwo in den Trümmern lauerte, aber sie konnten ihn nicht finden.

Bis zum 23. September um 14:17 Uhr.

Das vertraute, markerschütternde Heulen einer Stuka-Sirene zerriss die Luft. Anatoli hatte genau drei Sekunden Zeit, um zu reagieren. Doch es war zu spät. Die 113 Kilogramm schwere Bombe traf das Gebäude direkt. Das gesamte Bauwerk erbebte heftig, neigte sich und stürzte komplett ein. Stahl, Ziegel, Beton, Holz – alles krachte wie ein kosmisches Inferno zu Boden. Anatoli stürzte in die Tiefe. Seine Welt wurde vollkommen schwarz.

Als Anatoli die Augen öffnete, wusste er nicht, wie viele Stunden vergangen waren. Um ihn herum herrschte eine pechschwarze, erstickende Dunkelheit, begleitet von einem schrillen Klingeln in den Ohren. Er versuchte sich zu bewegen. Sein linker Arm reagierte, doch sein rechter Arm und seine Beine waren unter schweren Balken und Betonbrocken eingeklemmt. Staub füllte seine Lungen und brachte ihn zum Würgen. Panik stieg in ihm auf, doch der Instinkt des Scharfschützen zwang ihn zur Ruhe. „Keine Panik, es ist nichts“, beruhigte er sich selbst.

Anatoli konzentrierte sich auf seine Finger. Seine linke Hand tastete im Dunkeln umher und berührte schließlich etwas Vertrautes – glattes, langes und eiskaltes Metall. Es war sein Mosin-Nagant-Gewehr. Seinen treuen Begleiter wiederzufinden, schenkte ihm einen plötzlichen Funken Hoffnung. Das Visier war zwar zersplittert, aber der Schaft und der Lauf schienen intakt zu sein.

Plötzlich hörte er gedämpfte Geräusche von draußen, die durch die Trümmerspalten drangen. Das schwere Aufprallen deutscher Stiefel.

„Völliger Einsturz“, sagte eine deutsche Stimme. „Niemand kann so eine Explosion überleben. Dieser verdammte Scharfschütze war definitiv hier drin. Schaut euch das an.“

Ein Lichtstrahl einer Taschenlampe durchschnitt die Dunkelheit und leuchtete durch einen Riss im Schutt, nur wenige Zentimeter von Anatolis Gesicht entfernt.

„Hier ist Blut, es sieht noch frisch aus. Haben wir jemanden verloren?“ „Nein, von uns fehlt niemand. Das muss von dem Scharfschützen sein. So etwas überlebt kein Mensch. Sollen wir graben?“ „Wozu? Lass ihn da drunter verrotten. Verschwenden wir keine Zeit. Wir nutzen diese Ruine einfach als provisorisches Munitionsdepot.“

Die Schritte verhallten. Erst jetzt wagte Anatoli es, tief auszuatmen. Seine Lungen brannten. Die Deutschen dachten, er sei tot – und genau diese Arroganz sollte ihnen zum Verhängnis werden.

Anatoli Iwanowitsch Tschechow wurde 1919 in einem kleinen Dorf bei Tula geboren. Sein Vater war ein erfahrener Jäger – ein schweigsamer Mann, der Anatoli beibrachte, sich im tiefen Wald unsichtbar zu machen, den Wind zu lesen und unendliche Geduld zu haben. Mit 10 Jahren erlegte Anatoli sein erstes Reh. Mit 15 konnte er einen flüchtenden Hasen aus 100 Metern Entfernung treffen. Seine Präzision war kein Glück, sondern das Ergebnis jahrelanger harter Praxis.

Als 1941 der Krieg ausbrach, meldete sich der damals 22-Jährige sofort freiwillig. Die Armee erkannte sein außergewöhnliches Talent und schickte ihn auf die Scharfschützenschule.

Und nun lag einer der besten Schützen der Roten Armee lebendig begraben.

Die erste Nacht war die schlimmste. Anatoli litt unter hohem Fieber, ausgelöst durch die infizierten Wunden. Durst und Hunger quälten ihn, und in seinem Mund lag der metallische Geschmack von Blut und Staub. Im Fieberwahn sah er sein Dorf, seine Mutter und die endlosen Wälder von Tula. Doch die Geräusche der Deutschen, die Kisten in das Gebäude schleppten, rissen ihn zurück in die Realität. Sie stapelten Munition und Panzerfäuste direkt über seinem Kopf.

Sie stellten eine zweiköpfige Wache auf, die alle vier Stunden wechselte. Anatoli lag regungslos da und zählte die Minuten. In seinem Kopf reifte ein verzweifelter, genialer Plan: Wenn er sich nicht selbst retten konnte, würde er dieses Grab in eine Scharfschützenstellung verwandeln.

Am zweiten Tag gelang es Anatoli mit übermenschlicher Anstrengung, seinen gequetschten rechten Arm zu befreien und seine Beine ein Stück weit zu bewegen. Er entdeckte eine größere Lücke im Schutt, von der aus er fast den gesamten Raum im Erdgeschoss überblicken konnte. Zu seinem Glück sickerte aus einem gebrochenen Rohr in der Nähe schmutziges Wasser durch die Steine – nicht sauber, aber genug, um ihn am Leben zu erhalten. Zudem fand er unter einem umgestürzten Schrank drei vergessene Patronen.

Um 02:30 Uhr nachts war es absolut still. Durch den Spalt sah Anatoli einen deutschen Soldaten, der neben einer schwach leuchtenden Gaslampe saß und rauchte. Er nahm den Mann ins Visier, hielt den Atem an und drückte ab.

Peng! Der Schuss knallte ohrenbetäubend laut in dem engen Raum. Die Kugel fegte durch den Spalt und traf den Deutschen mitten in die Brust. Der Mann brach lautlos zusammen.

Sofort brach im Gebäude Chaos aus. Taschenlampen blitzten panisch auf.

„Ein Schuss! Müller wurde getroffen! Er ist tot! Woher kam das?!“

Sie durchsuchten jede Ecke, doch niemand dachte daran, nach oben zu sehen – an einen Ort, von dem sie glaubten, dass dort nur der Tod hauste. Sie kamen zu dem Schluss, dass der Schuss von einem Scharfschützen von draußen durch das Fenster abgefeuert worden sein musste, und verstärkten die Außenposten. In der Dunkelheit lächelte Anatoli.

Die folgenden Tage wurden zu einem tödlichen Rhythmus: Tagsüber stellte sich Anatoli tot und lag absolut regungslos da; nachts wurde er zum Jäger. In der dritten Nacht erschoss er einen Soldaten, der sich gerade Kaffee kochte. In der vierten Nacht holte er zwei weitere. Die Deutschen gerieten zunehmend in Panik. Sie nannten das Gebäude nur noch das „verfluchte Haus“ und glaubten, ein rachedürstiger Geist suche sie heim.

Am fünften Tag belauschte Anatoli das Gespräch zweier deutscher Offiziere direkt unter sich.

„Wir können diesen Ort nicht mehr nutzen. Wir haben schon sechs Mann verloren. Morgen im Morgengrauen ziehen wir ab und sprengen diesen verdammten Laden in die Luft!“

Anatolis Herz krampfte sich zusammen. Wenn sie das Gebäude sprengten, würde er für immer hier begraben sein. Ihm blieben weniger als zehn Stunden. In dieser Nacht schlief Anatoli nicht. Er hatte noch genau sieben Patronen übrig. Er beschloss, seine letzte Jagd anzutreten.

Um Mitternacht feuerte er den ersten Schuss ab und tötete einen jungen Soldaten, der auf einer Munitionskiste saß. Um 03:00 Uhr morgens erbebte die Erde plötzlich durch eine gewaltige Explosion außerhalb des Gebäudes – ein überraschender Gegenangriff der Roten Armee! Die Deutschen im Haus stürmten panisch nach draußen, um die Stellung zu verteidigen. Nur ein Offizier und zwei Soldaten blieben zurück, um das Munitionslager zu bewachen.

Mit seinen letzten Patronen fegte Anatoli zuerst den Offizier von der Landkarte weg, die er gerade studierte, und streckte kurz darauf die beiden verbliebenen Soldaten mit zwei schnellen Schüssen nieder. Im Raum unten kehrte wieder Stille ein, während draußen auf den Straßen der Gefechtslärm tobte.

Um 05:30 Uhr morgens, als das erste Licht den Himmel färbte, hörte Anatoli endlich russische Stimmen im Erdgeschoss: „Durchsucht das Gebäude! Vorsicht vor Minen!“

Anatoli versuchte zu schreien, doch seine Kehle war so ausgetrocknet, dass nur ein heiseres Krächzen entwich. Als er hörte, wie sich die Schritte seiner Kameraden wieder entfernten, nahm er seine letzten Kräfte zusammen, hob den Kolben seines Gewehrs und schlug heftig gegen ein Metallrohr neben sich.

Kling! Kling! Kling!

„Habt ihr das gehört? Da ist ein Geräusch oben in den Trümmern. Da ist jemand vergraben!“

Die sowjetischen Soldaten begannen fieberhaft zu graben. Als die schweren Balken weggeschoben wurden, blendete das grelle Tageslicht Anatolis Augen. Schmutzige, aber vertraute Gesichter blickten zu ihm hinab. Sie starrten ungläubig auf das Scharfschützengewehr in seiner Hand.

„Wie lange waren Sie da unten, Genosse?“ fragte ein Offizier erstaunt. „Sechs Tage…“, flüsterte Anatoli durch seine aufgesprungenen Lippen.

Als sie die toten Deutschen im Raum sahen und begriffen, was geschehen war, sagte einer der Soldaten voller Ehrfurcht: „Der Geist der Kreuzung… Du bist dieser Geist!“

Anatoli wurde in ein Feldlazarett gebracht und erholte sich auf wundersame Weise. Später erbeutete deutsche Dokumente bestätigten: Während der sechs Nächte im „verfluchten Haus“ wurden insgesamt 23 deutsche Soldaten auf mysteriöse Weise getötet. Die Wehrmacht hatte das Gebäude evakuiert, weil sie es aufgrund „paranormaler feindlicher Aktivitäten“ für taktisch unhaltbar erklärt hatte.

Im März 1943 wurde Anatoli Iwanowitsch Tschechow im Kreml mit dem Titel Held der Sowjetunion ausgezeichnet. Er kämpfte weiter an der Front und schlug sich bis nach Berlin durch.

Im Jahr 1989 reiste ein deutscher Historiker namens Klaus Bergmann nach Russland, nachdem er die Berichte über das „verfluchte Haus“ studiert hatte. Er fand Anatoli – mittlerweile ein 68-jährigen Förster in den Wäldern von Tula.

„In den deutschen Berichten hieß es, dort sei ein Geist gewesen. Stimmt das, Herr Tschechow?“ fragte Bergmann.

Anatoli sah seinen Gast an und ein trauriges, müdes Lächeln legte sich auf sein Gesicht:

„Es gab keinen Geist, Herr Bergmann. Da war nur ein sehr wütender Mann, der sich schlichtweg weigerte zu sterben.“

Anatoli Tschechow starb 1995 im Alter von 76 Jahren. Auf seinem Grabstein stehen drei einfache Worte: Jäger, Soldat, Held. Doch wer seine Geschichte kennt, erinnert sich an etwas Größeres. Heute steht an der Stelle des einstigen Backsteingebäudes in Wolgograd (Stalingrad) eine kleine Gedenktafel mit der Inschrift: „Hier lag Oberfeldwebel A.I. Tschechow sechs Tage lang begraben. In der Dunkelheit jagte er und wurde zur Legende. 23 feindliche Soldaten fielen. Er war kein Geist – er war ein sowjetischer Soldat, der seine Pflicht tat.“