Die Kellnerin erschien wie aus dem Nichts. Saskia spürte plötzlich die Anwesenheit von jemandem neben sich und blickte auf. Eine junge Frau um die dreißig mit kastanienbraunem Haar, das zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden war, beugte sich über sie und tat so, als würde sie eine Serviette zurechtdrücken. Ihre Lippen bewegten sich kaum merklich.

Dreh dich nicht um, lächle. In Saskias Handfläche glitt ein viermal gefaltetes Stück Papier. Lies es erst, wenn dein Mann weggeht. Tu genau das, was darin steht.
Dein Leben hängt davon ab. Die Kellnerin richtete sich auf und ging zurück zum Tresen. Saskia saß da, unfähig, sich zu rühren. Ihr Herz hämmerte ihr bis zum Hals.
Ihre Finger klammerten sich um den Zettel. Konrad kehrte nach einer Minute zurück. Groß, elegant, zwei Gläser Champagner in den Händen. Seine dunklen Augen strahlten.
Auf uns, mein Schatz. Auf zwei Jahre voller Glück. Er reichte ihr das Glas. Saskia nahm es mechanisch entgegen.
Ihre Handfläche brannte, wo sie den Zettel hielt. Danke, mein Lieber. Ihre Stimme klang fast natürlich. Du bist irgendwie blass, bemerkte ihr Mann und neigte den Kopf.
Ist alles in Ordnung? Ja. Die Fahrt war nur ein wenig anstrengend. Sie blickte sich im Saal des Restaurants um.
Ein altes Herrenhaus in Brandenburg, neugotisch, zu einem exklusiven Restaurant umgestaltet. Hohe Decken mit Stuck, schwere Samtvorhänge, gedämpftes Kerzenlicht. Konrad liebte solche Orte. Teuer, geschichtsträchtig, statusbetonend.
Er lehnte sich in seinem Sessel zurück. Ich habe uns das Degustationsmenü bestellt. Sieben Gänge. Der Küchenchef hat einen Michelinstern.
Das klingt wunderbar. Saskia lächelte, obwohl sich in ihrem Inneren alles vor Angst zusammenzog. Was stand in dieser Notiz? Wer war diese Frau?
Warum sprach sie von ihrem Leben? Sie stand auf. Entschuldige mich, ich muss kurz zur Damentoilette. Natürlich.
Aber lass mich nicht zu lange warten. Bald kommen die Austern. Auf der Toilette schloss sie sich in einer Kabine ein. Mit zitternden Fingern entfaltete sie den Zettel.
Die Handschrift war hastig. Flieh durch den Hinterausgang. Schau nicht zurück. Er wird dich heute töten, so wie er die anderen getötet hat.
Ich weiß es. Er hat meine Schwester umgebracht. Geh durch die Küche, dort ist die Tür zum Hof. Lauf zur Landstraße, ich werde dich finden.
Grit. Saskia las die Nachricht dreimal. Dann noch einmal. Das war Unsinn.
Absoluter Unsinn. Konrad war ihr Ehemann, ein liebender, fürsorglicher Mann. Ja, manchmal war er kühl, manchmal seltsam. Aber ein Mörder?
Sie lehnte sich gegen die Wand der Kabine. Das Blut pochte in ihren Schläfen. Sie musste zurückkehren, sich an den Tisch setzen, diese verdammten Austern essen und dann nach Hause fahren. Aber etwas in ihr, jener Instinkt, den sie so lange ignoriert hatte, schrie: Lauf!
Die verschlossene Schublade in seinem Arbeitszimmer. Das sind nur Arbeitsunterlagen, Schatz. Die nächtlichen Anrufe, nach denen er auf den Balkon ging und flüsterte. Jenes seltsame Gespräch mit Thorsten, das sie zufällig mitangehört hatte.
Alles ist bereit. Genau wie beim letzten Mal. Und seine Augen. Manchmal, wenn er glaubte, dass sie ihn nicht sah, erschien darin etwas Fremdes, Kaltes, Leeres.
Sie schüttelte den Kopf. Paranoia. Die Kellnerin war verrückt. Die Tür zur Toilette knarrte.
Saskia. Konrads Stimme, sanft, besorgt. Bist du da drin? Es sind schon zehn Minuten vergangen.
Ich mache mir Sorgen. Hastig zerknüllte sie den Zettel und steckte ihn in ihre Tasche. Ja, ich komme gleich. Mir war nur ein wenig schwindlig.
Mach auf, ich helfe dir. Nein. Es geht schon wieder besser. Sie verließ die Kabine.
Konrad stand direkt an der Schwelle. Seine Hand legte sich auf ihre Schulter. Eine warme, vertraute Hand. Sie zwang sich zu einem Lächeln.
Er lächelte zurück. Für einen Moment blitzte etwas Raubtierhaftes auf. Eine Einbildung. Sie kehrten an den Tisch zurück.
Die Austern wurden serviert. Saskia starrte auf die Schalen und konnte nicht eine anrühren. Du isst gar nichts. Ich habe keinen Appetit.
Er nahm eine, träufelte Zitrone darauf und schlürfte sie hinunter. Göttlich. Mein Lieber, ich glaube, ich fühle mich nicht gut. Vielleicht rufst du mir ein Taxi.
Ich fahre nach Hause, du bleibst hier. Konrad runzelte die Stirn. Ein Taxi? Ich werde dich selbst fahren.
Nein, ich möchte dir den Abend nicht verderben. Saskia. Seine Stimme wurde härter. Ich lasse dich nicht allein gehen.
Du bist meine Frau. Na gut. Dann lass uns einfach noch ein wenig sitzen. Er nahm ihre Hand und führte sie an seine Lippen.
Der Kuss war lang und zärtlich. Nach einer halben Stunde stand er auf. Ich gehe kurz mit dem Chefkoch sprechen. Ich möchte etwas ganz Besonderes für dich bestellen.
Er ging in Richtung Küche. Saskia blieb allein zurück. Ihr Blick huschte durch den Saal. Die Kellnerin Grit stand an einem entfernten Tisch und sah sie direkt an.
Ihre Augen trafen sich. Grit nickte fast unmerklich in Richtung der Tür mit der Aufschrift Personaleingang. Jetzt oder nie. Saskia stand auf.
Ihre Beine bewegten sich wie von selbst. An den Tischen vorbei. Am Tresen vorbei. Zur Tür.
Sie stieß sie auf. Ein Flur, der nach Essen und Reinigungsmitteln roch. Die Küche. Köche in weißen Hauben, Zischen von Öl, Klappern von Geschirr.
Niemand beachtete sie. Eine weitere Tür. Ausgang. Die kalte Oktoberluft schlug ihr ins Gesicht.
Es war dunkel. Irgendwo in der Ferne leuchteten die Lichter der Autobahn. Sie rannte los. Ihre Absätze versanken im nassen Gras.
Sie streifte die Schuhe ab und rannte barfuß weiter über die kalte Erde, über herabgefallenes Laub. Von hinten ein Schrei. Eine Männerstimme. Konrads Stimme.
Saskia! Bleib stehen! Sie hielt nicht an. Sie sah sich nicht um.
Sie rannte zur Landstraße, zum Licht, zu den Menschen. Ein Auto bremste direkt neben ihr ab. Eine alte Limousine. Die Tür wurde aufgestoßen.
Steig schnell ein. Am Steuer saß Grit, die Kellnerin. Saskia hechtete auf den Rücksitz. Der Wagen raste mit quietschenden Reifen davon.
Im Rückspiegel sah sie Konrads Gestalt aus der Dunkelheit auftauchen. Er stand am Straßenrand und starrte ihnen nach. Duck dich, befahl Grit. Komm nicht hoch, bis ich es sage.
Saskia legte sich auf den Sitz. Ihr Herz klopfte so stark, dass sie glaubte, es würde jeden Moment aus ihrer Brust springen. Wer sind Sie? flüsterte sie.
Was geht hier vor? Das wirst du bald erfahren. Jetzt ist es erst einmal wichtig, weit wegzukommen. Der Wagen jagte durch die Nacht.
Saskia lag auf dem Rücksitz und versuchte zu begreifen, wie sich ihr Leben innerhalb einer einzigen Stunde in einen Albtraum verwandelt hatte. Sie fuhren etwa eine Stunde. Grit schwieg und blickte konzentriert auf die Straße. Saskia setzte sich allmählich auf.
Wohin fahren wir? An einen sicheren Ort. Ich habe eine Wohnung am Stadtrand von Berlin. Dort werden sie uns nicht finden.
Und Sie verstecken sich auch vor ihm? Grit lachte bitter. Ich verstecke mich nicht. Ich suche ihn schon seit drei Jahren.
Seit er meine Schwester umgebracht hat. Saskia spürte, wie ihr die Übelkeit bis zum Hals stieg. Erzählen Sie es mir, bat sie leise. Grit schwieg einen Moment.
Dann begann sie mit gleichmäßiger, klangloser Stimme zu sprechen. Ihr Name war Silke. Vier Jahre jünger als ich. Schön, gutherzig, viel zu leichtgläubig.
Vor dreieinhalb Jahren lernte sie einen Mann kennen. Konrad Richter. Charmant, ein erfolgreicher Geschäftsmann. Nach einem halben Jahr heirateten sie.
Das erste Jahr war alles perfekt. Er überhäufte sie mit Geschenken, reiste mit ihr in Luxusresorts. Dann erhielt Silke ihr Erbe. Unsere Eltern kamen bei einem Autounfall ums Leben.
Die Wohnung, das Wochenendhaus, die Ersparnisse – alles ging auf sie über. Und was geschah dann? Drei Monate später ertrank Silke. Urlaub auf einer Yacht.
Sie fiel über Bord. Ein Unglücksfall, sagte die Polizei. Konrad war untröstlich. Ein halbes Jahr später verkaufte er ihren gesamten Besitz und verschwand.
Grit bog in eine kleine Seitenstraße ein. Alte Plattenbauten tauchten im Scheinwerferlicht auf. Ich habe nie an einen Unfall geglaubt. Silke schwamm wie ein Fisch.
Also fing ich an zu graben. Sie war nicht die erste. Vor ihr gab es Anke Meer, acht Monate mit ihm verheiratet, gestorben bei einem Autounfall. Vor Anke gab es Ute Schneider, die Ehe hielt ein Jahr, eine Pilzvergiftung im Ferienhaus.
Alle alleinstehende Frauen mit Vermögen. Alle starben, kurz nachdem er Zugriff auf ihr Geld erhalten hatte. Saskia vergrub ihr Gesicht in den Händen. Ihre Eltern waren vor einem Jahr gestorben.
Auch ein Autounfall. Grit parkte vor einem der Häuser und stellte den Motor ab. Sie drehte sich zu Saskia um. Heute im Restaurant sollte etwas passieren.
Ich arbeite dort seit zwei Monaten, um ihn zu beobachten. Er hat einen separaten Raum gebucht, ein spezielles Gericht bestellt. Ich habe gesehen, wie ihm auf dem Parkplatz ein Paket übergeben wurde. Vermutlich Gift.
Saskia erinnerte sich an den Champagner. Sie hatte nicht getrunken. Sie stiegen in den vierten Stock. Die Wohnung war klein und bescheiden.
Saskia ließ sich auf das durchgesessene Sofa sinken. Ihr ganzer Körper zitterte. Was passiert jetzt? Jetzt gehen wir zur Polizei.
Es gibt einen Kriminalbeamten. Er glaubt mir. Er ermittelt schon seit zwei Jahren in einer Serie von vermissten und verstorbenen Frauen. Konrad ist sein Hauptverdächtiger, aber die Beweise reichen nicht aus.
Saskia schlief die ganze Nacht nicht. Sie lag auf dem Sofa, in eine Decke gehüllt, und starrte an die Decke. Ihr erstes Treffen. Die Hochzeit.
Die Flitterwochen. Die glücklichen Tage. Und jene Momente, die sie so beharrlich ignoriert hatte. Sie hatten sich auf der Beerdigung ihrer Eltern kennengelernt.
Er behauptete, ein entfernter Bekannter ihres Vaters zu sein. Taktvoll, zurückhaltend. Dann trafen sie sich zufällig in einem Café. Dann lud er sie zum Abendessen ein.
Er tauchte genau dann auf, als sie am verletzlichsten war. Alleinstehend, vom Kummer erdrückt, gerade zur Besitzerin eines beträchtlichen Vermögens geworden. Das ideale Opfer. Am Morgen weckte Grit sie.
Steh auf. Der Kommissar erwartet uns in einer Stunde. Das Polizeirevier lag in einem alten Gebäude im Stadtzentrum. Kriminalhauptkommissar Andreas Wolf, ein Mann um die Fünfzig, dunkles Haar, aufmerksame graue Augen, ein müdes Gesicht.
Er hörte ihr zwei Stunden lang zu. Sie erzählte alles, vom Kennenlernen bis zur Flucht. Wolf lehnte sich zurück. Frau Richter, ich werde ehrlich zu Ihnen sein.
Konrad Richter ist seit zwei Jahren unser Hauptverdächtiger. Wir wissen von drei verstorbenen Frauen, aber wir haben keine direkten Beweise. Sie sind die erste, die entkommen ist. Er schwieg einen Moment.
Wir brauchen mehr. Dokumente, Aufzeichnungen, etwas, das ihn direkt mit den Verbrechen verbindet. Saskia erinnerte sich. Er hat einen Safe zu Hause in seinem Arbeitszimmer.
Kennen Sie den Code? Nein. Aber ich weiß, wo er den Reserveschlüssel aufbewahrt. Wolf organisierte eine konspirative Wohnung mit Bewachung.
Grit arbeitete weiterhin im Restaurant. Saskia zeichnete Wohnungspläne, erinnerte sich an Gespräche. Fünf Tage später kam Wolf mit Neuigkeiten. Wir haben eine Abhöraktion für sein Telefon erwirkt.
Nichts Interessantes. Er ist vorsichtig. Eines Abends sagte Wolf: Es gibt eine Möglichkeit. Sie könnten Kontakt mit ihm aufnehmen.
Ein Treffen unter unserer Kontrolle. Mit einem Aufnahmegerät. Grit sprang auf. Das ist zu gefährlich!
Wolf senkte den Blick. Die Entscheidung liegt bei Frau Richter. Saskia saß unbeweglich da. Für Silke, für Ute, für Anke.
Für meine Eltern. Er muss bezahlen. Ich werde es tun. Die Vorbereitung dauerte drei Tage.
Sie rief Konrad von einer neuen Nummer an. Er nahm nicht ab. Sie schickte eine Nachricht. Wir müssen reden.
Ich werde nicht zur Polizei gehen. Ich will es nur verstehen. Die Antwort kam nach einer Stunde. Morgen 14 Uhr.
Kaffee am Park. Komm allein. Das Café war fast leer. Ein Wochentag am Nachmittag.
Konrad wartete bereits an einem Ecktisch. Er stand auf, elegant, tadellos. Du siehst gut aus, sagte er. Ich habe mir Sorgen gemacht.
Wirklich? Natürlich. Du bist meine Frau. Saskia setzte sich.
Im Ohrhörer hörte sie Wolfs Stimme. Sie war ruhig. Warum bist du weggelaufen? Was hat man dir erzählt?
Ich weiß von Silke. Und von Ute und von Anke. Kein Muskel bewegte sich in seinem Gesicht. Nur seine Augen veränderten sich.
Etwas Dunkles blitzte auf. Ich verstehe nicht, wovon du redest. Deine früheren Ehefrauen, die gestorben sind. Er lachte herzlich.
Saskia, du bist meine erste und einzige Frau. Im Ohrhörer: Er lügt. Machen Sie weiter. Ich habe Beweise.
Welche Beweise? Zeig sie mir. Sie sind an einem sicheren Ort. Sein Lächeln verschwand.
Saskia, ich weiß nicht, wer dich manipuliert hat. Aber du begehst einen großen Fehler. Für uns oder für meine Immobilien? Eine lange Pause.
Dann sagte er mit kälterer Stimme: Du hast dich entschieden, Detektiv zu spielen. Schön. Aber denk daran: Ich gewinne immer. Diesmal nicht.
Er beugte sich über den Tisch. Seine Augen waren leer wie die eines Fisches. Du wirst nichts beweisen. Ich mache keine Fehler.
Und Silke? War sie ein Fehler? Ein Schatten von Ärger huschte über sein Gesicht. Silke war ein Unglücksfall.
Genau wie die anderen. Und meine Eltern? Waren die auch ein Unglücksfall? Seine Lippen bebten.
Nicht vor Trauer. Vor mühsam unterdrücktem Vergnügen. Deine Eltern… es tut mir so leid.
Du weißt, wie sehr ich mit dir gefühlt habe. Woher kanntest du meinen Vater? Du hast bei der Beerdigung gesagt, ihr wärt bekannt. Geschäftliche Verbindungen.
Meine Mutter hat dich nie erwähnt. Sie kannte alle Partner meines Vaters. Eine Pause. Dann: Vielleicht haben sie dir nicht alles erzählt.
Oder vielleicht kanntest du sie gar nicht. Vielleicht hast du nur nach einem passenden Opfer gesucht und mich auf ihrer Beerdigung gefunden. Konrad schwieg. Die Maske war gefallen.
Jetzt saß ihr ein ganz anderer Mensch gegenüber. Ein Raubtier, das in die Enge getrieben worden war. Schlaues Mädchen, sagte er leise. Viel zu schlau.
Das ist ein Problem. Ist das ein Geständnis? Er stand auf. Welches Geständnis?
Wir unterhalten uns doch nur. Er drehte sich um. Ich muss gehen. Pass auf dich auf, Saskia.
Ernsthaft. Die Welt ist so gefährlich. Er ging. Saskia saß da.
Ihr Herz klopfte so stark, dass es weh tat. Wolfs Stimme: Sie waren großartig. Gehen Sie durch den Hinterausgang. Im Lieferwagen brach sie in Tränen aus.
Wolf saß neben ihr. Teilweise ein direktes Geständnis haben wir nicht. Aber für einen Durchsuchungsbeschluss könnte es reichen. In dieser Nacht konnte sie nicht schlafen.
Gegen vier Uhr morgens klopfte es. Wolf stand an der Tür, blass, mit roten Augen. Er ist verschwunden. Richter hat die Stadt verlassen.
Wir haben ihn bei der Ausfahrt verloren. Saskia lehnte sich gegen den Türrahmen. Also hat er gemerkt, dass wir ihm auf der Spur sind. Wir schreiben ihn zur Fahndung aus.
Eine Woche verging. Nichts. Dann rief Birgit an, ihre ehemalige Kollegin aus der Apotheke. Saskia, dein Mann war hier.
Er hat sich nach dir erkundigt. Er sah so verzweifelt aus. Saskia rief Wolf an. Er ist in der Stadt.
Wolf verstärkte die Bewachung. In der Nacht wachte Saskia auf, weil es in der Wohnung viel zu still war. Normalerweise hörte sie Autos, das Summen des Kühlschranks. Jetzt nichts.
Sie setzte sich im Bett auf. Guten Tag, meine Liebe. Konrad saß im Sessel am Fenster. In seiner Hand blitzte eine Pistole.
Wie bist du reingekommen? Dein Wachmann schläft für lange Zeit. Er stand auf und trat näher. Die Pistole war auf ihr Gesicht gerichtet.
Weißt du, ich dachte, du würdest es mir leichter machen. Aber du hast dich als störrisch erwiesen. Lass mich gehen. Nach allem, was du angerichtet hast?
Nein. Sie werden dich finden. Wer? Dein Kommissar?
Ich habe in deinem Namen angerufen. Wenn er kommt, gibt es zwei Zeugen weniger. Du wirst damit nicht durchkommen. Ich bin schon oft damit durchgekommen.
Er beugte sich zu ihr. Willst du wissen, wie deine Eltern gestorben sind? Ein Bremsschlauch. Ein kleiner Schnitt.
In einer scharfen Kurve gehorcht das Auto nicht mehr. Ihr wurde schwarz vor Augen. Er hob die Pistole. Die Tür flog aus den Angeln.
Polizei! Waffe fallen lassen! Lichtblitze, Schreie. Ein Schuss löste sich und ging in die Decke.
Putz rieselte herab. Saskia rollte aus dem Bett und drückte sich gegen die Wand. Saskia! Wolf stand über ihr.
Bist du unverletzt? Ja. Konrad wurde von zwei Beamten auf den Boden gedrückt. Er lag da, starrte an die Decke und lächelte.
Wolf deutete auf eine winzige Kamera in der Ecke der Decke. Ihr Geständnis wurde aufgezeichnet. Das Lächeln verschwand. Man führte Konrad ab.
Er drehte sich um. Das ist noch nicht das Ende. Doch, sagte sie. Genau das ist das Ende.
Die Tür schloss sich. Saskia stand im verwüsteten Zimmer. Ihre Beine gaben nach. Wolf fing sie auf.
Ich halte dich, sagte er leise. Ich halte dich. Der Prozess dauerte fünf Tage. Die Beweise waren erdrückend.
Die Videoaufnahme. Die Trophäen aus dem Safe. Die Aussagen. Konrad wurde zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt.
Lebenslang. Nach dem Gericht gab es ein kleines Beisammensein. Wolf trat zu ihr auf den Balkon. Die Stadt lag unter ihnen.
Saskia, ich will dir etwas sagen. Sie wartete. Ich liebe dich. Sie sah ihn an.
Seine müden Augen, die graue Strähne, die Falten um den Mund. Dieser Mann, der in ihren dunkelsten Tagen an ihrer Seite gewesen war. Ich auch, sagte sie leise. Ich liebe dich auch.
Sie zogen zusammen. Die Jahre vergingen. Sie bekamen eine Tochter, Maria. Dann einen Sohn, Jakob.
Eines Abends saß Saskia auf der Veranda ihres Hauses, blickte in den Sonnenuntergang und dachte an den Zettel im Restaurant. Flieh durch die Hintertür. Schau nicht zurück. Sie hatte nicht zurückgeschaut.
Sie war geflohen. Und hatte gefunden, wovon sie nicht zu träumen gewagt hatte. Neben ihr lachte Maria im Garten. Andreas kam heraus und setzte sich neben sie.
Sie nahm seine Hand. Das Leben ging weiter. Es war gut.


