An meinem 72 Geburtstag bekam ich das schlimmste Geschenk meines Lebens.
Meine Schwiegertochter verpasste mir eine Ohrfeige, die mich gegen den
Küchenschrank taumeln ließ. “Du bist egoistisch”, zischte sie. “Verkauf
endlich das Haus und gib uns das Geld oder verschwinde für immer aus
unserem Leben.” Der Schmerz auf meiner Wange brannte wie Feuer.
Ich konnte kaum glauben, was gerade passiert war. In meiner eigenen
Küche an meinem Geburtstag hatte Verenachlagen. Mein Sohn Thomas stand
daneben und schaute aus dem Fenster, als wäre nichts geschehen. Seit
Monaten hatten sie Druck auf mich ausgeübt.
Das große Haus in Hamburg Blankenese, in dem ich seit 40 Jahren lebte,
war ihnen ein Dorn im Auge. Während Sie in ihrer Dreizimmerwohnung in
Altuner lebten, residierte ich angeblich wie eine Königin in meiner
Villa. So sahen sie es jedenfalls, was sie nicht wussten. Dieses Haus
war alles, was mir von meinem verstorbenen Mann Wilhelm geblieben war.
Hier hatte er seine letzten Tage verbracht. Hier spürte ich seine
Anwesenheit noch in jedem Zimmer. Die Rosenbüsche im Garten hatte er
selbst gezanzt. Die Bibliothek war nach seinen Vorstellungen
eingerichtet worden.
Thomas, flehte ich meinen Sohn an. Willst du wirklich zulassen, dass sie
so mit mir umgeht? Er drehte sich um. Und sein Blick war kalt wie Eis.
Mama, du übertreibst mal wieder. Verenaich kaum berührt. Du bist
hingefallen, weil du ungeschickt warst. Die Lüge traf mich härter als
der Schlag.
War das wirklich mein Sohn, den ich groß gezogen hatte? Der Junge, dem
ich alles gegeben hatte. In den folgenden Tagen bemerkte ich seltsame
Dinge. Bekannte mieden mich auf der Straße.
Meine Nachbarin Frau Müller schaute mitleidig, wenn sie mich sah. Als
ich beim Arzt war, fragte Dr. Schneider besorgt nach meinem Gedächtnis
und ob ich Hilfe im Alltag bräuchte. Eines Nachmittags hörte ich
zufällig ein Gespräch im Supermarkt.
Verena stand am Käserregal und telefonierte. “Die Demenz wird
schlimmer”, sagte sie. Gestern hat sie mich sogar angegriffen. Wir
müssen sie bald in ein Heim bringen, bevor sie sich oder andere
verletzt.
Mir wurde schlecht. Sie erzählte Lügen über mich, baute systematisch den
Ruf auf. Ich sei verwirrt und gefährlich. Alles, um an mein Haus zu
kommen.
Zu Hause durchsuchte ich meine Unterlagen. Zwischen Rechnungen fand ich
ein Dokument, dass ich nicht kannte, eine Vorsorgevoll macht, teilweise
ausgefüllt mit Thomas Namen. Am Rand stand eine Notiz, Patientin
verweigert Unterschrift, eventuell Begutachtung zur Feststellung der
Geschäftsunfähigkeit nötig. Mit zitternden Händen rief ich meinen alten
Anwalt Dr.
Hartmann an. Er hatte schon Wilhelm und mich jahrelang betreut. Als ich
ihm von meiner Situation erzählte, wurde seine Stimme ernst. Margret,
sagte er, das ist klassischer Missbrauch älterer Menschen.
Dein Sohn war vor einem halben Jahr bei mir. Er wollte wissen, wie man
eine Betreuung einrichten kann. Ein halbes Jahr. So lange planten sie
schon mich zu entmündigen.
Es gibt noch etwas, fuhr Dr. Hartmann fort. Thomas hat nach alten
Adoptionsunterlagen gefragt. Er wollte wissen, ob es andere Erben geben
könnte.
Das Blut gefror mir in den Adern. Die Erinnerung, die ich 50 Jahre lang
verdrängt hatte, kam zurück. 1974 hatte ich ein Kind zur Welt gebracht.
Ein Mädchen.
Ich war damals unverheiratet, eine Schande in den Augen meiner Familie.
Man zwang mich, das Baby zur Adoption freizugeben. Drei Jahre später
hatte ich Thomas adoptiert. Er wusste nichts davon.
Für ihn war ich seine leibliche Mutter.



