Sie verliebte sich in ihren SS-Bewacher in Auschwitz – Die wahre Geschichte von Helena Citrónová und Franz Wunsch

Sie verliebte sich in ihren SS-Bewacher in Auschwitz – Die wahre Geschichte von Helena Citrónová und Franz Wunsch

Mitten in einem der grausamsten Orte der Menschheitsgeschichte entstand eine Beziehung, die bis heute Historiker, Psychologen und Ethiker beschäftigt. Im Konzentrationslager Auschwitz, wo Millionen Menschen entrechtet, versklavt und ermordet wurden, kreuzten sich die Wege der jungen Jüdin Helena Citrónová und des SS-Rapportführers Franz Wunsch. Ihre Geschichte wird häufig als eine der ungewöhnlichsten Episoden aus Auschwitz beschrieben – nicht, weil sie die Realität des Lagers infrage stellt, sondern weil sie zeigt, wie komplex menschliches Verhalten selbst unter extremsten Bedingungen sein kann.

Helena Citrónová wurde in der damaligen Slowakei geboren. Nach der Errichtung des mit dem Deutschen Reich verbündeten slowakischen Staates verschärfte sich die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung zunehmend. Antijüdische Gesetze entzogen Tausenden Menschen ihre Rechte, bevor schließlich die Deportationen in die nationalsozialistischen Vernichtungslager begannen.

Am 26. März 1942 gehörte Helena zu den ersten jungen jüdischen Frauen, die aus der Slowakei nach Auschwitz deportiert wurden. Wie viele andere Häftlinge verlor sie bereits bei ihrer Ankunft ihre persönliche Identität. Ihr Name wurde durch eine Häftlingsnummer ersetzt, ihr Besitz wurde beschlagnahmt, und sie wurde Teil eines Systems, das Menschen gezielt entmenschlichte. Hunger, Zwangsarbeit, Krankheiten, Gewalt und die ständige Angst vor den Selektionen bestimmten fortan ihren Alltag.

Monate später wurde Helena dem sogenannten „Kanada-Kommando“ zugeteilt. In diesem Lagerbereich mussten Gefangene die Habseligkeiten jener Menschen sortieren, die unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet worden waren. Die Arbeit war körperlich belastend und zugleich psychisch kaum zu ertragen, weil jedes Kleidungsstück, jeder Koffer und jedes Familienfoto an das Schicksal der Opfer erinnerte.

Dort begegnete sie dem SS-Unteroffizier Franz Wunsch. Nach späteren Berichten fiel Helena auf, als sie bei einer Geburtstagsfeier für einen SS-Angehörigen ein Lied sang. Wunsch entwickelte offenbar ein persönliches Interesse an ihr – eine Situation, die unter den Bedingungen des Konzentrationslagers höchst ungewöhnlich und nach den Vorschriften der SS ausdrücklich verboten war.

In den folgenden Monaten begann Wunsch, Helena mehrfach zu unterstützen. Er verschaffte ihr zusätzliches Essen, besorgte wärmere Kleidung und schützte sie nach Aussagen späterer Zeugen wiederholt vor Selektionen, die für viele Häftlinge den Tod bedeuteten. Historische Quellen beschreiben diese Hilfe als einen entscheidenden Faktor für Helenas Überleben.

Doch diese Verbindung war von Anfang an von einem unüberwindbaren Machtgefälle geprägt. Franz Wunsch blieb SS-Angehöriger und damit Teil jenes Systems, das die Entrechtung, Ausbeutung und Ermordung der Gefangenen organisierte. Helena blieb Gefangene eines Konzentrationslagers und hatte keinerlei Freiheit, ihre Lebensumstände selbst zu bestimmen. Historiker betonen deshalb, dass Beziehungen zwischen Gefangenen und Bewachern nicht losgelöst von den extremen Bedingungen betrachtet werden können, unter denen sie entstanden.

Die Situation wurde zusätzlich gefährlich, weil Kontakte zwischen SS-Personal und Häftlingen gegen interne Vorschriften verstießen. Sowohl Wunsch als auch Helena mussten sich deshalb mehrfach Verhören stellen. Für Helena hätte bereits der Verdacht einer unerlaubten Beziehung schwerste Konsequenzen bis hin zur Ermordung haben können.Cruel Nazi guard who fell in love with a Jew at Auschwitz - Franz Wunsch -  YouTube

Ein besonders bewegendes Kapitel ihrer Geschichte ereignete sich im Jahr 1944. Helenas Schwester Rojika wurde gemeinsam mit ihren Kindern nach Auschwitz deportiert. Franz Wunsch gelang es, Rojika kurzfristig aus einer Gruppe auszuwählen, die zur Zwangsarbeit eingeteilt wurde, wodurch ihr Leben gerettet wurde. Ihre Kinder jedoch konnten nicht gerettet werden. Sie wurden – wie unzählige andere Kinder – unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet. Dieses Ereignis verdeutlicht die erschütternde moralische Zerrissenheit der gesamten Geschichte: Wunsch rettete einzelne Menschen, blieb jedoch zugleich Teil eines Vernichtungssystems, das den Tod unzähliger anderer nicht verhinderte.

Als Auschwitz im Januar 1945 von der Roten Armee befreit wurde, überlebte Helena das Lager. Nach dem Krieg emigrierte sie in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina, aus dem später der Staat Israel hervorging. Dort begann sie, sich ein neues Leben aufzubauen – getragen von dem Versuch, nach den traumatischen Erfahrungen wieder eine Zukunft zu finden.

Viele Jahre später holte sie ihre Vergangenheit erneut ein. 1972 musste sich Franz Wunsch in Wien wegen seiner Tätigkeit in Auschwitz vor Gericht verantworten. Helena wurde als Zeugin geladen. Ihre Aussage sorgte für großes Aufsehen, weil sie bestätigte, dass Wunsch ihr mehrfach das Leben gerettet hatte. Gleichzeitig machte sie unmissverständlich deutlich, dass diese Hilfe nichts daran änderte, dass er Angehöriger der SS gewesen war und innerhalb des Konzentrationslagers Verantwortung trug.

Gerade diese Aussage macht den Fall bis heute zu einem der meistdiskutierten Beispiele für die sogenannte „Grauzone“, ein Begriff, mit dem Historiker und Überlebende jene moralisch extrem schwierigen Situationen beschreiben, die in Konzentrationslagern entstehen konnten. Helenas Geschichte zeigt, dass einzelne menschliche Handlungen innerhalb eines verbrecherischen Systems existieren konnten, ohne dessen grundsätzlichen Charakter zu verändern.

Die Geschichte von Helena Citrónová und Franz Wunsch ist deshalb keine romantische Erzählung über Liebe im Krieg. Sie ist vielmehr eine außergewöhnliche und zutiefst tragische Geschichte über Überleben, Abhängigkeit und moralische Widersprüche unter Bedingungen, die sich einer normalen Vorstellung entziehen. Sie verändert nichts an der historischen Tatsache, dass Auschwitz ein industriell organisierter Ort des Massenmordes war, an dem mehr als eine Million Menschen ermordet wurden.

Bis heute beschäftigt dieser Fall Historiker, Psychologen und Juristen gleichermaßen. Er erinnert daran, dass menschliches Verhalten selbst unter den extremsten Umständen vielschichtig sein kann – und dass das Verständnis solcher Einzelschicksale niemals dazu führen darf, die Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen oder den systematischen Charakter des Holocaust zu relativieren.