Der Raum roch nach kaltem Schweiß, Leder und dem übersteigerten Ego von zwanzig Männern. David strich sich unauffällig über die zerknitterte Falte seines einzigen Anzugs. Seine Gedanken waren nicht hier, sondern in dem kleinen, sterilen Krankenzimmer, in dem sein vierjähriger Sohn Jonas lag. Jonas brauchte eine teure Spezialbehandlung. David brauchte diesen Job als persönlicher Leibwächter der Tech-Milliardärin Elena Vance – und vor allem brauchte er die umfassende Krankenversicherung, die damit einherging.

„Sieht aus, als hätte sich jemand im Raum geirrt“, spottete ein Hüne mit kahlrasiertem Kopf und einer auffälligen Narbe am Hals. Ein paar andere Kandidaten lachten leise. David war fit, aber im Vergleich zu den Muskelpaketen um ihn herum wirkte er fast schmächtig. Er schwieg. Arroganz war im Kampf ein schlechter Berater; das hatte er in seinem früheren Leben gelernt. Einem Leben, das er für seinen Sohn hinter sich gelassen hatte.
Elena Vance trat ein, umgeben von einer kühlen Aura absoluter Autorität. Sie blickte nicht auf die Männer, sondern nur auf ihre Tablets. „Wir kürzen das ab“, sagte sie mit schneidender Stimme. „Wer gegen Igor besteht, bekommt den Vertrag.“
Igor, der Koloss mit der Narbe, trat vor. Er grinste dreckig und winkte David mit einer herablassenden Geste zu sich. „Komm schon, Papa. Geh lieber nach Hause, bevor du weinst.“
David trat wortlos vor. Er spürte die spöttischen Blicke der anderen im Rücken. Doch als er sich hinstellte und das Signal ertönte, schaltete sich ein tief verankerter Instinkt in ihm ein. Er war kein Vater, der um sein Überleben kämpfte – er war ein Vater, der um das Leben seines Kindes kämpfte.
Igor stürmte mit der Wucht eines Güterzugs nach vorn, die Faust zum finalen Schlag erhoben. David bewegte sich nicht bis zur letzten Millisekunde. Dann wich er mit einer fließenden, fast beiläufigen Bewegung aus. Er nutzte Igors eigenen Schwung, griff dessen Handgelenk, drehte sich ein und fegte ihm mit einem präzisen, blitzschnellen Tritt die Beine weg.
Ein dumpfer Knall erschütterte den Raum. Igor lag flach auf dem Rücken, die Luft war komplett aus seinen Lungen gewichen. Er bewegte sich nicht mehr.
Es war mucksmäuschenstill. Das Lachen der anderen Kandidaten war wie weggewischt. Elena Vance starrte von ihrem Tablet auf, ihre Augen geweitet. Sie sah den riesigen Mann am Boden und dann David, der bereits seine Atmung beruhigt hatte und sich den Anzug glattstrich. Keine Triumphgeste, kein Stolz. Nur pure, professionelle Ruhe.
Elena trat langsam auf ihn zu, musterte ihn mit völlig neuem Respekt und stellte nur eine einzige Frage: „Wer genau sind Sie?“
David sah ihr direkt in die Augen. „Ich bin der Mann, der dafür sorgt, dass Sie heute Abend sicher nach Hause kommen. Und ich bin ein Vater, der eine Krankenversicherung für seinen Sohn braucht.“
Ein seltenes, ehrliches Lächeln huschte über das Gesicht der CEO. Sie reichte ihm die Hand. „Sie fangen sofort an, Herr… ?“
„David“, antwortete er und ergriff ihre Hand. „Einfach nur David.“

