Mein Name ist Mira Kellner, und an meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag habe ich erfahren, dass mein ganzes Leben eine Lüge war. Wir saßen im Restaurant Lindenhof, einem gediegenen Lokal in der Heidelberger Innenstadt. Vierzig Gäste waren gekommen: Familie, Freunde, Kollegen meiner Mutter und meines Vaters. Meine Mutter Sabine hatte auf dieser Feier bestanden.

„Eine richtige Feier“, hatte sie gesagt, „mit allen wichtigen Leuten. Schließlich wird man nur einmal fünfundzwanzig. “
Ich hatte nichts dagegen gehabt. Das Essen war zur Hälfte vorbei, der Hauptgang war serviert: Rinderfilet, dazu ein kräftiger Rotwein.
Dann stand mein Vater auf. Klaus Kellner, Steuerberater, ein Mann, der es gewohnt ist, dass man ihm zuhört. Er schlug mit seinem Weinglas gegen den Tisch. Vierzig Menschen sahen ihn an.
„Liebe Freunde“, begann er, „heute feiern wir den fünfundzwanzigsten Geburtstag unserer Tochter Mira. Sabine und ich sind sehr stolz auf dich. Du hast deine Ausbildung abgeschlossen. Du hast einen guten Job.
Du bist ein Segen für diese Familie. “
Er hob sein Glas. Dann kam der Satz, der alles verändern sollte. „Und heute möchte ich ganz offen sagen: Die Entscheidung, dich zu adoptieren, war eine der besten Entscheidungen, die wir je getroffen haben.
Nicht nur emotional, auch finanziell. “ Er lächelte, als hätte er einen besonders gelungenen Witz gemacht. „Wir haben dich damals nicht nur aus gutem Willen adoptiert, sondern auch wegen der Steuervorteile. Vierhundert Euro Steuerermäßigung für Adoptionen, das war eine ziemlich große Summe.
“ Er machte eine Pause, ließ die Wirkung seiner Worte stehen. „Aber keine Sorge“, fuhr er fort, „du warst jeden Cent wert. “
Meine Mutter stand auf und stellte sich neben ihn. Sie lächelte in die Runde.
„Mira, unsere beste Investition. “ Die Gäste lachten. Mein Vater lachte mit. Ich saß da, mein Gesicht völlig ausdruckslos.
Die Worte hallten in meinem Kopf wider: Steuervorteile. Investition. Ich war keine Tochter, ich war ein Geschäft. Mein Vater setzte sich wieder, das Gespräch ging weiter, niemand bemerkte, dass in diesem Moment etwas in mir zerbrach.
Eine Woche zuvor hatte ich im Keller nach alten Fotoalben gesucht. Ich wollte ein Bild von meinem ersten Schultag finden, für einen Kollegen, der eine Collage über Kindheitserinnerungen machte. Die Alben standen ganz links im Regal, aber daneben lag ein Ordner. Abgenutzt, mit einem vertrauten Namen beschriftet: Mira Kellner.
Ich nahm ihn heraus. Obenauf lag meine Adoptionsurkunde, die hatte ich schon einmal gesehen, als ich meinen Personalausweis beantragt hatte. Darunter lag ein zweites Dokument, ein Blatt Papier, das ich noch nie in den Händen gehalten hatte. Die Geburtsurkunde.
Das Original. Name des Kindes: Mira Lomann. Geboren am 12. März 1999 in Mannheim.
Mutter: Judith Lomann. Vater: unbekannt. Ich starrte auf den Namen. Judith Lomann.
Meine Mutter. Nicht Sabine Kellner, sondern eine andere Person, eine Person, deren Existenz mir nie bewusst gewesen war. Darunter lag ein Brief vom Jugendamt, datiert auf Juni 2001: Adoptionsantrag, genehmigt. Und ganz unten im Ordner, versteckt zwischen den anderen Papieren, lag ein Dokument, das mir den Atem raubte.
Ein Steuerbescheid aus dem Jahr 2001. In Zeile siebenundvierzig stand: Steuerermäßigung für Adoption: 5. 400 Euro. Ich konnte es nicht fassen.
Ich legte die Akte zurück, genau dorthin, wo ich sie gefunden hatte. Ich ging nach oben und versuchte zu verstehen, was ich gerade gesehen hatte. Am nächsten Tag rief ich meine Krankenkasse an. „Ich brauche eine Kopie meiner Geburtsurkunde.
“ Der Sachbearbeiter war freundlich. „Welche Version? Die adoptierte oder die echte? “ Ich schluckte.
„Die echte. “ „Dafür brauchen Sie eine Genehmigung vom Einwohnermeldeamt. Sind Sie volljährig? “ „Ja.
“ „Dann können Sie einen Antrag auf Akteneinsicht stellen, beim Einwohnermeldeamt in Mannheim. “ Ich notierte mir die Adresse. Am Freitag fuhr ich nach Mannheim. Ich füllte ein Formular aus, ich wartete.
Nach zwanzig Minuten wurde ich aufgerufen. Ein Beamter reichte mir einen Umschlag. „Hier ist Ihre ursprüngliche Geburtsurkunde und eine Kopie der Adoptionsakte, soweit zugänglich. “ Ich nahm den Umschlag entgegen, ging hinaus und setzte mich auf eine Bank vor dem Gebäude.
Ich öffnete den Umschlag. Die Geburtsurkunde war dieselbe wie im Keller. Aber in den Adoptionsunterlagen war noch mehr. Ein Brief, handschriftlich, datiert auf Mai 2001.
Von meiner Mutter. Judith Lomann. „Ich kann mich nicht um mein Kind kümmern. Ich bitte darum, dass es in eine gute Familie kommt.
“ Darunter eine Unterschrift. Ich faltete das Papier zusammen und fuhr nach Hause. In dieser Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich lag im Bett, starrte an die Decke und versuchte zu verstehen.
Die Worte meines Vaters auf der Feier, der Brief meiner leiblichen Mutter, die Adoptionsunterlagen. Hatte Sabine mich geliebt? Hatte Klaus mich gewollt? Oder war ich wirklich nur eine Steuererleichterung gewesen?
Und zum ersten Mal in meinem Leben fragte ich mich: Wer bin ich eigentlich? Am Montag kehrte ich zur Arbeit zurück. Ich arbeitete als Freiberuflerin in einer kleinen Agentur im Westen der Stadt. Drei Kollegen, ein Chef, ein gutes Arbeitsumfeld.
Niemand bemerkte, dass etwas anders war. Ich erledigte meine Aufgaben, trank in den Pausen Kaffee und unterhielt mich. Aber dieselben Fragen ließen mich nicht los. Warum hatten sie mich adoptiert?
Ging es ihnen wirklich nur ums Geld? Und wenn ja, warum hatten sie mir das nie gesagt? Am Abend ging ich ins Haus meiner Eltern in Rohrbach. Ein Einfamilienhaus mit Garten, gepflegt und ordentlich.
Ich hatte mein ganzes Leben dort verbracht, aber seit ich die Akte gefunden hatte, kam mir alles seltsam vor. Sabine stand in der Küche und kochte. „Hallo Mira, hattest du einen schönen Tag? “ „Ja, ganz schön.
“ „Das Abendessen ist gleich fertig. “ Ich setzte mich an den Tisch. Klaus kam aus seinem Arbeitszimmer, im Anzug, die Aktentasche in der Hand. Wir aßen schweigend.
Nach dem Essen räumte ich den Tisch ab, Sabine spülte das Geschirr, Klaus zog sich wieder in sein Arbeitszimmer zurück. Ich ging in mein Zimmer, schloss die Tür und öffnete meinen Laptop. Ich begann zu recherchieren. Adoption in Deutschland: Voraussetzungen, Rechte, Pflichten.
Ich las Artikel, Foren und Gesetzestexte. Dann stieß ich auf einen Abschnitt über Steuervergünstigungen bei Adoptionen. Bis 2008 konnten Adoptiveltern in Deutschland eine einmalige Steuervergünstigung beantragen. Die Höhe: bis zu 5.
400 Euro. Die Voraussetzung: Das adoptierte Kind musste jünger als drei Jahre sein. Ich rechnete nach. Ich wurde im Juni 2001 im Alter von zwei Jahren adoptiert.
Genau im richtigen Alter. Die Zahlen stimmten, aber ich brauchte mehr. Am nächsten Tag rief ich eine Adoptionsberatungsstelle an. Der Berater war freundlich.
„Ich bin adoptiert und möchte mehr über meine leibliche Familie erfahren. “ „Haben Sie Ihre Unterlagen angefordert? “ „Ja, beim Einwohnermeldeamt. “ „Kennen Sie also die Namen Ihrer leiblichen Eltern?
“ „Nur den Namen meiner Mutter. Mein Vater ist unbekannt. “ „Möchten Sie Kontakt aufnehmen? “ Ich zögerte.
„Ich weiß nicht. “ „Das ist völlig normal. Viele Adoptierte brauchen Zeit. “ „Kann ich herausfinden, ob sie noch lebt?
“ „Ja, über das Standesamt oder über Onlinedatenbanken. “ Ich notierte mir alles. Nach dem Gespräch saß ich lange da. Wollte ich wirklich Kontakt aufnehmen?
Wollte ich wissen, wer Judith Lomann war? Die Antwort kam schneller als erwartet, weil ich wissen wollte, ob ich erwünscht war. Nicht von Sabine und Klaus, sondern von meiner Mutter. Am Donnerstagabend ging ich wieder in den Keller.
Diesmal suchte ich mit einem bestimmten Ziel. Ich öffnete den braunen Ordner und nahm jedes Dokument heraus. Ich fotografierte alles mit meinem Handy: Adoptionsurkunde, Geburtsurkunde, Steuererklärung, Brief vom Jugendamt. Dann stieß ich auf etwas Neues.
Einen Brief, handschriftlich, adressiert an Klaus und Sabine Kellner. Absender: Adoptionsagentur Mannheim. Datum: April 2001. „Liebe Familie Kellner, wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Ihr Adoptionsantrag genehmigt wurde.
Das am 12. März geborene Kind Mira Lomann wird am 15. Juni 2001 in Ihre Obhut gegeben. Bitte beachten Sie: Die leibliche Mutter hat der offenen Adoption nicht zugestimmt.
Kontaktversuche sind nicht gestattet. “ Ich fotografierte auch diesen Brief. Dann legte ich alles zurück und ging nach oben. Die Dokumente erzählten eine Geschichte: eine Mutter, die sich nicht um ihr Kind kümmern konnte, ein Paar, das sich ein Kind wünschte, eine Vermittlungsagentur und eine Steuervergünstigung, die den Deal versüßte.
Die Frage war nun nicht mehr, ob sie mich aus finanziellen Gründen adoptiert hatten. Die Frage war: War das alles? Oder gab es auch Liebe? Am Freitag beschloss ich, einen DNA-Test zu machen.
Ich bestellte ein Kit im Internet. Drei Tage später kam es an. Ein kleines Kästchen, darin ein Röhrchen und eine Anleitung. Ich befolgte die Anweisungen, spuckte in das Röhrchen und schickte es zurück.
Die Ergebnisse würden sechs bis acht Wochen dauern. In der Zwischenzeit setzte ich meine Recherchen fort. Ich gab den Namen Judith Lomann in verschiedene Suchmaschinen ein. Ich fand nichts.
Dann stellte ich einen Antrag beim Einwohnermeldeamt Mannheim, mit der Begründung: Familienzusammenführung. Zwei Wochen später kam die Antwort: Judith Lomann, geboren am 15. August 1978, zuletzt in Mannheim gemeldet. Im Jahr 2003 umgezogen.
Neue Adresse: unbekannt. Ich starrte auf das Papier. Umgezogen. Adresse unbekannt.
Meine Mutter war verschwunden. Ich hatte nicht erwartet, sie sofort zu finden, aber ich hatte es gehofft. Zwei Wochen vor meinem Geburtstag kamen die DNA-Ergebnisse. Ich öffnete die E-Mail und sah mir die Daten an.
Ethnische Herkunft: 68 % Mitteleuropa, 22 % Osteuropa, 10 % nicht bestimmbar. DNA-Übereinstimmungen: 84 entfernte Verwandte. Ich klickte auf die Liste. Die meisten waren Cousins vierten oder fünften Grades, ich kannte niemanden.
Aber dann sah ich einen Namen. Julia Hartmann. DNA-Übereinstimmung: 24 %. Verwandtschaftsgrad: Tante oder Stiefschwester.
Ich klickte auf ihr Profil. Julia Hartmann, 41 Jahre alt, wohnhaft in Ludwigshafen. Es gab eine Nachrichtenfunktion. Ich schrieb: „Hallo Julia, mein Name ist Mira.
Laut DNA-Test sind wir verwandt. Ich bin adoptiert und auf der Suche nach meiner leiblichen Familie. Kennst du Judith Lomann? “ Ich schickte die Nachricht ab.
Drei Tage später erhielt ich eine Antwort. „Hallo Mira. Ja, ich kenne Judith. Sie ist meine Schwester.
Können wir telefonieren? “ Mein Herz schlug wie wild. Ich schrieb zurück: „Ja, natürlich. “ Sie schickte mir ihre Nummer.
Am selben Abend rief ich sie an. Ihre Stimme war ruhig. „Hallo Mira. “ „Hallo.
“ „Du hast also geschrieben, dass du adoptiert wurdest. “ „Ja. Im Juni 2001. Ich war zwei Jahre alt.
“ „Und du suchst Judith? “ „Ja. “ „Lebt sie noch? “ „Ja.
“ „Wo? “ „In Kaiserslautern. In einem Pflegeheim. “ Ich schwieg einen Moment.
„In einem Pflegeheim? “ „Judith hat Probleme. Das hatte sie schon immer. Drogenabhängigkeit, psychische Erkrankungen.
Sie hat dich nicht weggegeben, weil sie dich nicht wollte. Sie konnte dich nicht behalten. “ „Ich verstehe. “ „Möchtest du sie sehen?
“ Ich zögerte. „Ich weiß nicht. “ „Ich verstehe. Es ist eine komplizierte Situation.
Darf ich etwas fragen? “ „Natürlich. “ „Warum hat sich niemand bei mir gemeldet? Fünfundzwanzig Jahre lang?
“ „Weil die Adoption abgeschlossen war. Judith hat damals eine Erklärung unterschrieben, in der sie auf alle Rechte verzichtet hat. Das bedeutete: kein Kontakt, weder von ihrer Seite noch von unserer. “ „Aber ihr hättet es versuchen können.
“ „Wir hätten es versuchen können, aber wir wussten nicht, wo du warst. Die Adoptionsagentur hat uns nichts gesagt. “
Dann sagte Julia: „Mira, Judith hat nie aufgehört, an dich zu denken. “ „Woher weißt du das?
“ „Weil sie jedes Jahr an deinem Geburtstag zusammenbricht. “ Ich holte tief Luft. „Ich möchte sie sehen. “ „Bist du sicher?
“ „Nein, aber ich muss es sehen. “ „Okay, ich werde es arrangieren. “
Wir verabredeten uns für den nächsten Samstag in Kaiserslautern. Ich fuhr alleine.
Die Einrichtung lag außerhalb der Stadt. Julia wartete vor dem Eingang. Sie war groß, schlank und hatte kurzes Haar. Wir umarmten uns.
„Bist du bereit? “ Wir gingen hinein. Julia klopfte an eine Tür. „Judith, Besuch.
“ „Kommen Sie herein. “ Wir traten ein. Das Zimmer war klein: ein Bett, ein Kleiderschrank, sonst nichts. Und dort, auf einem Stuhl, saß eine Frau.
Sie sah mich an, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Mira? “ Ich blieb an der Türschwelle stehen. Julia schob mich sanft hinein.
„Ich spreche mit dem Personal draußen. Ihr beiden könnt euch unterhalten. “ Sie schloss die Tür hinter sich. Judith und ich saßen uns gegenüber.
Dann sagte sie: „Du siehst aus wie ich, als ich in deinem Alter war. Du bist sehr gewachsen. “ „Ja. “ „Es tut mir leid.
“ „Wofür? “ „Weil ich dich jemand anderem gegeben habe. “ „Du hattest keine andere Wahl. “ „Doch, ich hatte eine.
Aber ich war zu schwach. “ Ich sah sie an. Diese Frau, meine Mutter. Sie war am Boden zerstört, erschöpft, aber sie war echt.
Viel echter als Sabine. „Ich habe oft an dich gedacht“, sagte sie. „Ich auch. “ Es war gelogen.
Ich hatte nicht an sie gedacht, weil ich nichts von ihrer Existenz gewusst hatte. Aber jetzt wusste ich es. Wir unterhielten uns eine Stunde lang über Belanglosigkeiten, über alles Mögliche. Dann verabschiedete ich mich.
Julia begleitete mich zum Auto. „Wie geht es dir? “ „Ich weiß es nicht. “ „Macht nichts.
“
Ich kehrte nach Heidelberg zurück, und an diesem Abend traf ich eine Entscheidung. Ich würde nicht länger die Tochter von Sabine und Klaus Kellner sein. Ich würde herausfinden, wer Mira Lomann war, und ich würde meine Identität zurückgewinnen. In den folgenden Wochen begann ich zu planen.
Ich eröffnete ein neues Bankkonto bei einer anderen Bank, ohne dass Sabine oder Klaus davon wussten. Jeden Monat überwies ich die Hälfte meines Gehalts dorthin. Ich suchte eine Wohnung. Sie sollte nicht zu groß sein: ein Zimmer, eine Küche, ein Bad, zu einem angemessenen Preis.
Im Westen der Stadt fand ich etwas. 450 Euro inklusive Nebenkosten, verfügbar ab November. Ich unterschrieb den Mietvertrag. Sabine bemerkte nichts.
Auch Klaus merkte nichts. Ich wohnte weiterhin bei ihnen, aß mit ihnen zu Abend und lächelte bei den Gesprächen am Tisch. Aber innerlich hatte ich mich längst getrennt. Gleichzeitig setzte ich meine Recherchen fort.
Ich nahm Kontakt zu einem Anwalt auf, der sich auf Adoptionsrecht spezialisiert hatte. Er hieß Dr. Lehmann, seine Kanzlei lag in der Altstadt. Wir trafen uns am Mittwochnachmittag.
„Frau Kellner, wie kann ich Ihnen helfen? “ „Ich bin adoptiert. Ich möchte meine gesamten Adoptionsunterlagen einsehen. “ „Haben Sie sich bereits an das Standesamt gewandt?
“ „Ja, aber ich habe nur eine gekürzte Fassung erhalten. “ „Das ist normal. Die vollständige Akte befindet sich beim Familiengericht. “ „Kann ich darauf zugreifen?
“ „Ja, als Adoptivkind haben Sie das Recht, Ihre Akte einzusehen. Es gibt jedoch Ausnahmen. “ „Welche? “ „Wenn die leiblichen Eltern Einspruch gegen die Offenlegung erhoben haben oder wenn besondere Schutzgründe vorliegen.
“ „Wie kann ich das herausfinden? “ „Sie stellen einen Antrag beim Familiengericht. Ich kann Ihnen dabei helfen. “ „Was kostet das?
“ „250 Euro, zuzüglich der Gerichtskosten. “ Ich bezahlte bar. Dr. Lehmann schickte den Antrag noch in derselben Woche ab.
Drei Wochen später erhielt ich die Antwort: Der Antrag auf vollständige Akteneinsicht wurde genehmigt. Ich ging zum Familiengericht in Mannheim. Die Akte war dicker als erwartet. Ich setzte mich in einen kleinen Lesesaal und begann, die Seiten durchzublättern.
Die ersten kannte ich bereits: Adoptionsurkunde, Geburtsurkunde, Bericht des Jugendamtes. Aber dann kamen neue Dokumente. Die psychologische Beurteilung von Judith Lomann, erstellt im Mai 2001. „Die Patientin zeigt Anzeichen von Drogenabhängigkeit und einer instabilen Persönlichkeitsstruktur.
Sie ist nicht geeignet, Eltern zu sein. “ Dann ein Bericht vom Jugendamt: „Frau Lomann hat ihr Kind mehrmals unbeaufsichtigt gelassen. Nachbarn haben dies gemeldet. “ Und dann etwas, das mir den Atem raubte.
Eine Notiz über die Adoptivfamilie, die Familie Kellner. „Verheiratetes Paar, kinderlos, finanziell abgesichert. Motivation: Kinderwunsch und Steuervorteile. “ Steuervorteile, nicht als Verdacht, nicht als Spekulation.
Schwarz auf weiß. Ich fotografierte jede Seite und verließ das Gericht. Ich ging nach Hause und begann, einen Plan zu schmieden. Drei Wochen vor meinem Geburtstag sprach ich erneut mit Julia.
„Ich habe die Akte gesehen. Da steht es schwarz auf weiß, dass sie mich wegen der Steuervorteile adoptiert haben. “ „Und jetzt? Was wirst du tun?
“ „Ich weiß es noch nicht. “ „Willst du sie zur Rede stellen? “ „Vielleicht. “ „Mira, sei vorsichtig.
Adoptiveltern mögen es nicht, die Kontrolle abzugeben. “ „Ich weiß. “ Nach dem Gespräch saß ich lange da. Julia hatte recht.
Sabine und Klaus waren es gewohnt, die Kontrolle zu haben: über mich, über die Geschichte, über die Wahrheit. Aber das sollte sich ändern. Zehn Tage vor meinem Geburtstag erhielt ich einen Brief. Absender: Kellner, Sabine und Klaus.
Ich öffnete ihn. Es war eine Kündigung des Mietvertrags, gültig ab dem 31. Dezember. Kündigungsfrist: drei Monate.
Ich las es zweimal. Sie wollten mich aus dem Haus werfen. Mit einem Brief. Ich ging nach unten.
Sabine stand in der Küche. „Was ist das? “ Ich reichte ihr den Brief. „Du bist jetzt fünfundzwanzig.
Es ist Zeit, dass du auf eigenen Beinen stehst. “ „Ihr werft mich aus dem Haus. “ „Wir geben dir die Chance, unabhängig zu werden, mit einer Frist von drei Monaten, kurz vor Weihnachten. “ Sabine stellte den Topf ab und drehte sich zu mir um.
„Mira, wir haben uns fünfundzwanzig Jahre lang um dich gekümmert. Wir haben dir ein Zuhause, eine Ausbildung, ein Leben gegeben. “ „Ihr habt mich adoptiert. “ „Genauso ist es.
Und jetzt bist du erwachsen. “ Klaus kam aus seinem Arbeitszimmer. „Gibt es ein Problem? “ „Nein.
Kein Problem. “ Ich ging nach oben, schloss die Tür und lächelte zum ersten Mal seit Wochen. Sie hatten mir einen guten Grund gegeben. Am nächsten Tag rief ich Dr.
Lehmann an. „Ich habe eine Kündigung von meiner Adoptivfamilie erhalten. “ „Das ist rechtlich möglich. Sobald man volljährig und unabhängig ist, entfallen die Unterhaltsverpflichtungen.
“ „Ich weiß. Aber ich habe eine Frage. Können adoptierte Kinder, wenn die Adoption auf falschen Angaben beruht, eine Entschädigungsklage gegen ihre Adoptivfamilie einreichen? “ „Das ist ein komplexes Thema.
Was meinen Sie mit falschen Angaben? “ „Wenn die Motivation in erster Linie finanzieller Natur ist. “ „Haben Sie Beweise? “ „Ja.
“ „Dann könnte das relevant sein. Aber es ist eine schwierige Situation. “ „Ich möchte keine Klage einreichen. Ich möchte nur wissen, ob es möglich ist.
“ „Theoretisch ja. Praktisch schwierig. “ „Danke. “ Ich legte auf.
Fünf Tage vor meinem Geburtstag rief mich Sabine an. „Wir planen eine Party zu deinem Geburtstag. “ „Ich brauche keine Party. “ „Doch, es wird eine geben.
Im Lindenhof, mit vierzig Gästen. “ „Das will ich nicht. “ „Mira, das steht nicht zur Diskussion. “ „Okay.
“ Ich wusste, das war meine Bühne. Nicht ihre. Meine. Einen Tag vor der Party packte ich eine Tasche: Kleidung, Dokumente, Laptop.
Ich brachte sie in meine neue Wohnung. Die Schlüssel hatte ich schon. Ich bereitete nichts vor. Und ich ging zurück.
Ein letztes Mal. Die Feier begann um sechs Uhr abends. Ich kam pünktlich, in einem schwarzen Kleid. Sabine empfing mich vor dem Restaurant.
„Mira, du siehst wunderschön aus. “ „Danke. “ „Komm, die Gäste warten schon. “ Wir gingen hinein.
Der Raum war festlich dekoriert, vierzig Personen standen auf und applaudierten. Ich lächelte und setzte mich auf den Ehrenplatz. Das Essen begann: Vorspeise, Hauptgericht, Unterhaltung. Aber meine Gedanken waren woanders.
In meiner Tasche steckte ein Umschlag. Darin: Kopien aller Dokumente. Adoptionsunterlagen, Steuerbescheid, Gerichtsbericht und ein Brief von mir an meine Adoptiveltern. Um sieben Uhr stand Klaus auf und hielt seine Rede.
Über Steuererleichterungen, über Investitionen, über finanzielle Prognosen. Als er fertig war, applaudierten die Gäste. Sabine stand auf, stellte sich neben ihn und sagte: „Mira, unsere beste Investition. “ Sie lächelte.
Ich stand auf. Alle Augen richteten sich auf mich. „Darf ich etwas sagen? “ „Natürlich.
“ Ich trat einen Schritt vor und holte den Umschlag aus meiner Tasche. „Vielen Dank für diese Feier. Vielen Dank für Ihre freundlichen Worte. Ich möchte Ihnen auch etwas schenken.
“ Ich reichte Sabine den Umschlag. „Was ist das? “ „Ein Geschenk. Öffnen Sie es.
“ Sie öffnete den Umschlag, nahm die Papiere heraus. Ihr Gesicht wurde kreidebleich. Klaus trat näher. Ich wandte mich an die Gäste.
„Meine Familie hat mich adoptiert, als ich zwei Jahre alt war. Sie sagten, sie hätten mich auch wegen der Steuervorteile adoptiert. Ich war neugierig, ob das wirklich der Grund war. “ Ich holte ein zweites Blatt Papier aus meiner Tasche.
„Das ist ein Auszug aus meiner Adoptionsakte vom Familiengericht Mannheim. Motivation der Adoptiveltern: Kinderwunsch und Steuervorteile. “
Ich ließ die Worte wirken. „Fünfundzwanzig Jahre lang glaubte ich, dass ich gewollt und geliebt wurde.
Dass ich Teil dieser Familie war. Heute weiß ich: Ich war eine Investition. “ Sabine begann zu stammeln: „Mira, das ist nicht fair. “ „Nicht fair?
Du verstehst das nicht. “ „Dann erklär es mir. “ „Mira, das ist nicht der richtige Ort dafür. “ „Warum nicht?
Du hast hier vor vierzig Leuten über Steuervorteile gesprochen. Ich dachte nur, Transparenz sei wichtig. “
Ein Gast stand auf, Philips Onkel, ein älterer Herr. „Entschuldigung, aber was genau werfen Sie Ihren Eltern vor?
“ „Ich werfe ihnen vor, dass sie mich adoptiert haben, um Geld zu sparen. Und dass sie mich jetzt rauswerfen, weil ich ihnen nicht mehr nütze. “ Sabine stand auf. „Das ist eine Lüge.
“ „Wirklich? “ Ich holte ein weiteres Blatt hervor. „Das ist die Kündigung, die Sie mir vor zehn Tagen geschickt haben. Dreimonatige Kündigungsfrist, Ende Dezember.
Sie werfen Ihre Tochter kurz vor Weihnachten raus. “ „Mira, du bist fünfundzwanzig. Es ist Zeit, unabhängig zu werden. “ „Warum jetzt?
Warum nicht vor einem Jahr? Oder in einem Jahr? “ „Weil ich angefangen habe, Fragen zu stellen. Weil ich meine leibliche Familie gefunden habe.
Weil ich die Wahrheit wissen wollte. “
Sabine setzte sich. Ihr Gesicht war kreidebleich. Die Gäste sahen uns an, niemand sagte etwas.
Dann stand eine Frau auf, Philips Tante. „Ich glaube, ich gehe jetzt. “ Sie nahm ihre Tasche und verließ den Raum. Innerhalb von fünf Minuten waren zwanzig Gäste gegangen.
Nur die engste Familie und ein paar Freunde blieben. Klaus sah mich an. „Bist du jetzt zufrieden? “ „Nein.
Aber ich bin fertig. “ Ich nahm meine Tasche und ging zur Tür. Sabine rief mir hinterher: „Mira, bitte, wohin gehst du? Wir können darüber reden.
“ „Worüber? Über Steuervorteile? Über meine Kündigung? Oder darüber, dass du meine leibliche Mutter als drogenabhängig bezeichnet hast?
“ Ich wartete. Niemand sagte etwas. Dann ging ich. Ich ging direkt in meine neue Wohnung.
Ich war erschöpft und schlief ein. Am nächsten Morgen klingelte mein Telefon. Sabine. Ich ging nicht dran.
Sie rief viermal an, dann schickte sie mir eine Nachricht: „Wir müssen reden. Bitte komm nach Hause. “ Ich antwortete nicht. Stattdessen rief ich Julia an.
„Was ist passiert? “ „Ich habe ihnen die Wahrheit gesagt. Vor allen Gästen. “ „Und sie haben nichts gesagt?
“ „Sie konnten nichts sagen. “ „Gut. “ „Julia, darf ich dich etwas fragen? “ „Natürlich.
“ „Bereust du es, dass Judith mich weggegeben hat? “ „Nein. Denn damals hatte sie keine andere Wahl. Aber es tut mir leid, dass du bei Menschen gelandet bist, die dich nicht wirklich geliebt haben.
“ „Danke. “ „Möchtest du Judith wiedersehen? “ „Ja. Bald.
“ „Ich werde es arrangieren. “
In den nächsten Tagen meldete sich Klaus bei mir. Zuerst per SMS, dann per E-Mail, dann per Brief. Alle hatten denselben Inhalt: „Wir müssen das klären.
Du verstehst die Situation falsch. “ Ich antwortete auf keine seiner Nachrichten. Stattdessen richtete ich meine Wohnung ein. Bett, Kleiderschrank, Tisch, Stühle.
Alles neu. Zwei Wochen später kam ein Einschreiben. Absender: Rechtsanwalt Dr. Hoffmann, im Namen von Klaus und Sabine Kellner.
Ich öffnete es. Es war ein Aufforderungsschreiben: Rückgabe aller Unterlagen aus der Adoptionsakte. Dazu ein Mahnschreiben bezüglich öffentlicher Äußerungen über die Adoptivfamilie. Ich rief Dr.
Lehmann an. „Sie versuchen, mich zum Schweigen zu bringen. “ „Haben Sie die Unterlagen legal erhalten? “ „Ja, vom Familiengericht.
“ „Dann müssen Sie nichts zurückgeben. Und die Abmahnung: Unterschreiben Sie sie nicht. Sie haben das Recht auf freie Meinungsäußerung. “ „Danke.
“ Ich zerriss den Brief. Zwei Tage später stand Sabine vor meiner Tür. Ich öffnete, ließ sie aber nicht herein. „Was willst du?
“ „Ich möchte mit dir reden. “ „Wir haben nichts zu besprechen. “ „Mira, bitte. “ „Du hast fünf Minuten.
“ Sie holte tief Luft. „Es tut mir leid, wie wir mit der Situation umgegangen sind. “ „Mit welcher Situation? Der Adoption, der Kündigung oder der Tatsache, dass ihr mich vor vierzig Leuten bloßgestellt habt?
“ „Wir haben dich nicht bloßgestellt. “ „Ihr habt gesagt, ich sei eine Investition. “ „Das war ein Scherz. “ „Ein Scherz?
“ Ich machte einen Schritt auf sie zu. „Sabine, ich habe die Akte gelesen. Ich habe die Unterlagen. Ich weiß, warum ihr mich adoptiert habt.
Und jetzt weiß ich auch, warum ihr mich loswerden wollt. “ „Warum? “ „Weil ich angefangen habe, Fragen zu stellen. Weil ich meine leibliche Familie gefunden habe.
Weil ich nicht mehr kontrollierbar bin. “ „Das ist Unsinn. “ „Wirklich? “ Ich holte mein Handy heraus und öffnete eine Sprachaufnahme.
„Das ist eine Aufnahme unseres letzten Abendessens vor der Trennung. “ Ich drückte auf Abspielen. Sabines Stimme: „Mira stellt zu viele Fragen. Das wird langsam nervig.
“ Klaus’ Stimme: „Vielleicht sollten wir es ihr früher sagen. Dann hat sie Zeit, sich darauf einzustellen. “ Sabine: „Gute Idee. Machen wir das nach ihrem Geburtstag.
“ Ich stoppte die Aufnahme. Sabine war kreidebleich geworden. „Hast du uns aufgenommen? “ „Ja.
“ „Das ist illegal. “ „Nein, ist es nicht. Ich war Teil des Gesprächs. Jetzt geh.
“ Sabine drehte sich um und ging. Ich schloss die Tür. Drei Wochen später traf ich Judith wieder, diesmal in einem Café in Kaiserslautern. Julia war auch da.
Wir saßen zu dritt an einem kleinen Tisch. Judith sah besser aus. „Wie geht es dir? “, fragte sie.
„Gut. Ich habe jetzt meine eigene Wohnung. “ „Das freut mich zu hören. “ „Und dir?
“ „Besser. Weil ich weiß, dass es dir gut geht. “ „Judith, darf ich dich etwas fragen? “ „Natürlich.
“ „Bereust du es, dass du mich weggegeben hast? “ Sie sah mich lange an. „Damals, jeden Tag. Aber ich hatte keine andere Wahl.
“ „Ich weiß. “ „Ich konnte mich nicht um dich kümmern. Ich war abhängig. Ich war labil.
Ich wollte, dass du ein besseres Leben hast. “ „Wusstest du, bei wem ich leben würde? “ „Nein. Die Adoptionsagentur sagte mir nur, dass es eine gute Familie sei.
“ „Haben sie dir von den Steuervorteilen erzählt? “ „Nein. Davon hatte ich noch nie gehört. “ „Du wusstest also nicht, dass sie mich auch aus finanziellen Gründen adoptiert haben?
“ „Nein. “ Julia mischte sich ein. „Mira, die meisten Adoptivfamilien erhalten Unterstützung. Das ist normal.
Aber es sollte niemals der Hauptgrund sein. “ „Aber das war es. “ Dann sagte Judith: „Hätte ich das gewusst, hätte ich niemals zugestimmt. “ „Ich glaube dir.
“
Wir saßen noch eine Weile zusammen, sprachen über alltägliche Dinge, über Pläne. Beim Abschied umarmte mich Judith. Einen Monat nach meinem Geburtstag erhielt ich einen weiteren Brief. Absender: Familiengericht Mannheim.
Ich öffnete ihn. Klaus und Sabine Kellner hatten einen Antrag auf Aufhebung der Adoption gestellt. Ich rief Dr. Lehmann an.
„Können sie das machen? Können sie die Adoption rückgängig machen? “ „Nein, nicht ohne Ihre Zustimmung. Und selbst dann nur unter ganz besonderen Umständen.
“ „Was soll ich tun? “ „Legen Sie Widerspruch ein. Ich werde die Unterlagen vorbereiten. “ „Danke.
“ Ich legte auf und lächelte. Sie wollten mich loswerden, aber sie hatten nicht mit mir gerechnet. Zwei Wochen später wurde der Verhandlungstermin festgelegt, am Familiengericht in Mannheim. Ich erschien zusammen mit Dr.
Lehmann. Klaus und Sabine saßen mit ihren Anwälten auf der anderen Seite. Die Richterin war eine ältere Frau, mit strenger, ernster Ausstrahlung. Sie las die Anträge, dann sah sie Klaus an.
„Herr Kellner, Sie beantragen die Aufhebung der Adoption. Aus welchem Grund? “ „Die Beziehung zwischen Frau Kellner und mir ist irreparabel zerstört. “ „In welcher Weise?
“ „Sie hat uns in der Öffentlichkeit diffamiert. Sie hat falsche Anschuldigungen verbreitet. “ Die Richterin sah mich an. „Frau Kellner, möchten Sie dazu etwas sagen?
“ „Ja. Ich habe keine falschen Anschuldigungen verbreitet. Ich habe die Wahrheit gesagt, aus der offiziellen Adoptionsakte. “ „Welche Wahrheit?
“ „Dass meine Adoptivfamilie mich auch aus finanziellen Gründen adoptiert hat. Das steht in der Akte. “ Ich reichte der Richterin eine Kopie. Sie las sie und sah dann Klaus an.
„Ist das wahr? “ Klaus zögerte. „Ja, aber das war nicht der einzige Grund. “ „Was war es dann?
“ „Wir wollten ein Kind. “ „Warum wollen Sie dann jetzt die Adoption rückgängig machen? “ Klaus sagte nichts. Sabine mischte sich ein: „Weil wir keine Beziehung mehr haben.
“ Die Richterin lehnte sich zurück. „Das ist kein ausreichender Grund. Eine Adoption kann nicht wegen einer schwierigen Beziehung rückgängig gemacht werden. Der Antrag wird abgelehnt.
“ Sabine stand auf. „Das können Sie nicht machen. “ „Doch, das kann ich. “ Die Richterin schloss die Akte.
„Die Verhandlung ist beendet. “ Klaus und Sabine verließen den Raum, ohne mich anzusehen. Dr. Lehmann gratulierte mir.
„Sie haben gewonnen. “ „Ja. Aber es fühlt sich nicht wie ein Sieg an. “
In den folgenden Monaten begann ich, mein Leben neu aufzubauen.
Ich änderte meinen Namen beim Einwohnermeldeamt, von Mira Kellner zu Mira Lomann. Der Name meiner Mutter. Der Name, mit dem ich geboren wurde. Als ich meinen neuen Personalausweis in den Händen hielt, war ich glücklich.
Mira Lomann. Ich besuchte Judith regelmäßig, einmal im Monat, manchmal öfter. Wir sprachen über alles und nichts. Es war nicht perfekt.
Sie war immer noch krank, immer noch in Behandlung. Aber sie war meine Mutter. Julia wurde meine engste Vertraute. Wir telefonierten jede Woche, wir sahen uns regelmäßig.
Sie war die Familie, die ich nie hatte. Von Klaus und Sabine hörte ich nichts mehr. Kein Anruf, kein Brief. Ein Jahr nach meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag erhielt ich eine E-Mail.
Absender: Unbekannt. Betreff: Entschuldigung. „Liebe Mira, ich weiß nicht, ob du das lesen wirst, aber ich musste es versuchen. Es tut mir leid für alles.
Für unser Verhalten dir gegenüber, für die Worte, die wir gesagt haben, für die Entscheidungen, die wir getroffen haben. Wir hatten keine bösen Absichten, aber das entschuldigt nichts. Du hattest recht. Wir haben dich nicht so geliebt, wie du es verdient hast.
Ich hoffe, du findest Frieden. Sabine. “ Ich löschte die E-Mail. Nicht aus Wut, sondern weil ich sie nicht mehr brauchte.
An meinem sechsundzwanzigsten Geburtstag lud ich Julia und Judith zum Abendessen ein, in ein kleines Restaurant in Heidelberg. Wir saßen zu dritt, tranken Wein, lachten. Judith erzählte eine Geschichte aus ihrer Jugend, Julia machte sich über meine neue Frisur lustig. Ich saß zwischen zwei Frauen und fühlte mich zum ersten Mal in meinem Leben wirklich zu Hause.
Nicht in einem Haus, sondern unter Menschen. Zwei Jahre nach dieser Begegnung zog ich in eine größere Wohnung, zwei Zimmer. Ich richtete ein Gästezimmer ein, für Judith, für Julia, für alle, die mich besuchen wollten. Meine Arbeit lief gut, ich wurde befördert, leitete ein kleines Team.
Ich verdiente genug, um mir ein Leben aufzubauen. Ein echtes Leben. An einem Herbstabend saß ich auf meinem Balkon, trank Tee und sah dem Sonnenuntergang zu. Mein Handy klingelte, eine unbekannte Nummer.
Ich nahm ab. „Hallo, Mira? “ „Ja? “ „Ich bin Tobias Lomann.
“ Ich musste einen Moment innehalten. „Lomann? Sind Sie mit Judith verwandt? “ „Ja, ich bin ihr Bruder.
“ „Ich wusste nicht, dass sie einen Bruder hat. “ „Wir haben uns lange nicht gesehen. Aber Julia hat mir von dir erzählt. Ich würde dich gerne kennenlernen.
“ „Warum? “ „Weil du zu unserer Familie gehörst. “ „Gut. Wann?
“ „Nächste Woche, in Mannheim. “ Wir verabredeten uns. Wir trafen uns in einem Café. Tobias war Anfang fünfzig.
Wir unterhielten uns drei Stunden lang, über Judith, über die Familie, über seine Kindheit, über die Probleme zu Hause, über den Moment, als Judith verschwand. „Ich habe jahrelang nach ihr gesucht“, sagte er. „Aber ich habe sie nie gefunden. Bis jetzt.
“ Als wir uns verabschiedeten, umarmte er mich. „Willkommen in der Familie. “ „Danke. “
In den folgenden Monaten lernte ich weitere Verwandte kennen: Cousins, Tanten, Onkel.
Menschen, die ich nie gekannt hatte, Menschen, die Teil meiner Geschichte waren. Nicht alle waren einfach, nicht alle waren warmherzig, aber sie waren echt. Und das war wichtiger. An meinem siebenundzwanzigsten Geburtstag organisierte Julia eine kleine Party bei ihr zu Hause in Ludwigshafen.
Fünfzehn Leute kamen: Judith, Tobias, Cousins, Freunde. Wir aßen, tranken, lachten. Später am Abend stand ich mit Judith auf dem Balkon. Sie rauchte eine Zigarette.
„Ich bin stolz auf dich“, sagte sie. „Wofür? “ „Dass du dich nicht unterkriegen lässt. “ „Ich habe Hilfe bekommen.
“ „Trotzdem. Du hast es geschafft. “ „Bereust du es immer noch, dass du mich weggegeben hast? “ Sie sah mich an.
„Jeden Tag. Aber ich bin froh, dass du zurückgekommen bist. “ „Ich auch. “ Wir standen da, Seite an Seite.
Zwei Frauen, durch Blutsbande verbunden, durch Umstände getrennt. Und dank ihres Mutes fanden sie wieder zusammen. Heute bin ich achtundzwanzig Jahre alt. Ich lebe in Heidelberg, arbeite als Regisseurin.
Ich habe Freunde, ich habe eine Familie, ich habe mein eigenes Leben. Seit drei Jahren habe ich nichts mehr von Klaus und Sabine Kellner gehört. Ich habe sie nicht angerufen, sie haben mich nicht angerufen. Und das ist kein Problem.
Manchmal denke ich an diese fünfundzwanzig Jahre zurück, an das Haus in Rohrbach, an die Abendessen. Ich frage mich, ob sie wirklich bereuen, was sie getan haben. Aber dann erinnere ich mich: Das ist nicht mehr meine Frage. Vor einem Monat erhielt ich einen Brief vom Nachlassgericht.
Klaus Kellner war verstorben. Herzinfarkt. Ich war als Erbin aufgeführt. Ich schickte den Brief zurück.
Ich verzichte auf mein Erbrecht. Sabine kann es behalten. Eine Woche später rief Julia an. „Hast du es gehört?
“ „Ja. “ „Wie fühlst du dich? “ „Gar nichts. Ich fühle gar nichts.
“ „Kein Problem. “ „Ich weiß. “ „Julia, darf ich dich etwas fragen? “ „Jederzeit.
“ „Glaubst du, ich habe damals die richtige Entscheidung getroffen? Bei der Konfrontation? “ „Ja. Weil du dir selbst treu geblieben bist.
“ „Danke. “
Letzten Monat besuchte ich Judith. Sie lebte immer noch im Pflegeheim, aber es ging ihr besser. Sie ging zur Therapie, sie nahm ihre Medikamente.
Wir saßen in ihrem Zimmer und tranken Kaffee. „Mira“, sagte sie plötzlich. „Ich habe etwas für dich. “ Sie holte eine kleine Schachtel aus dem Schrank und reichte sie mir.
Ich öffnete sie. Darin lag ein Foto. Ein Baby, eingewickelt in eine rosafarbene Decke. „Das bist du“, sagte Judith.
„Als du drei Monate alt warst. “ Ich hielt das Foto in der Hand. Ich sah das Baby an. Zum ersten Mal sah ich mich so, wie Judith mich sah.
Nicht als Investition. Nicht als Steuervorteil. Sondern als ihr Kind. „Danke.
“ „Gern geschehen. “
Heute sitze ich auf meinem Balkon. Die Sonne geht unter, der Himmel färbt sich orange. Ich halte das Foto in der Hand.
Das Baby, die rosafarbene Decke, der Anfang. Ich denke an die letzten Jahre, an alles, was ich verloren habe, und an alles, was ich gewonnen habe. Ich habe meine Familie nicht verloren. Ich habe mich selbst gefunden.
Und das ist mehr, als ich je erwartet hätte. Mein Name ist Mira Lomann. Ich bin achtundzwanzig Jahre alt.
Und endlich bin ich zu Hause angekommen.


