Zwanzig Jahre lang fuhr mein Mann jeden Freitag zum Angeln. Zehn Monate nach seinem Tod standen eine fremde Frau und ein junger Mann im Rollstuhl vor meiner Tür. Die Frau sagte: „Ihr Mann hat sich…

Zwanzig Jahre lang fuhr mein Mann jeden Freitag zum Angeln. Zehn Monate nach seinem Tod standen eine fremde Frau und ein junger Mann im Rollstuhl vor meiner Tür. Die Frau sagte: „Ihr Mann hat sich...

Zehn Monate nachdem mein Mann gestorben war, standen zwei fremde Menschen vor meiner Tür. Ich öffnete, weil ich niemanden erwartete, und vor mir stand eine Frau Ende sechzig, neben ihr ein junger Mann im Rollstuhl. Die Frau hielt einen Korb mit Marmeladegläsern, und bevor sie auch nur ihren Namen nannte, wusste ich, dass ich sie schon einmal gesehen hatte. Auf der Beerdigung.

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Sie hatten hinten gestanden, abseits von allen anderen, und sie hatte geweint, als wäre ihr jemand genommen worden, den sie ihr ganzes Leben lang gekannt hatte. Ich heiße Margret Thomsen, ich bin einundsiebzig Jahre alt und lebe in Lübeck, in St. Lorenz, unweit vom Hafen, in dem mein Mann fast vier Jahrzehnte lang gearbeitet hat. Ich erzähle Ihnen das, weil ich selbst nicht glauben kann, was ich an diesem Tag erfahren habe, und weil es mir bis heute wehtut, auf eine Art, die ich nicht in Worte fassen konnte, bis ich gelernt habe, damit zu leben.

Mein Mann hieß Alwin. Er war Kranführer im Hafen, achtunddreißig Jahre lang saß er in seiner Kabine über den Schiffen und hob Container, die schwerer waren als ganze Häuser. Er war ein großer, ruhiger Mann mit Händen wie Schaufeln und einer Stimme, die man selten hörte. Wir waren neunundvierzig Jahre verheiratet, und ich hätte geschworen, dass ich ihn kannte wie meine eigene Handfläche.

Alwin redete nicht viel über sich. Ich dachte immer, das läge daran, dass es bei ihm nicht viel zu erzählen gab. Ein Mann, ein Kran, ein Hafen, ein Feierabendbier, das war Alwin. Ich täuschte mich gewaltig, aber das habe ich erst begriffen, als es längst zu spät war.

Alwin sagte pro Abend vielleicht zwanzig Sätze, wenn überhaupt. Ich habe es nicht gezählt, aber es kommt hin. Er kam von der Arbeit nach Hause, wusch sich die Hände, setzte sich an den Tisch, aß, was ich gekocht hatte, und sagte: „Es schmeckt. “ Dann verschwand er in seinem Sessel, las die Zeitung von hinten nach vorn, weil ihn der Sportteil mehr interessierte als die Politik, und nach einer Weile sagte er vielleicht noch: „Es wird kalt heute Nacht.

“ Er vergaß Geburtstage, sogar meine, obwohl ich ihn jedes Jahr daran erinnerte. Er brachte nie Blumen mit, außer einmal im Jahr an unserem Hochzeitstag, und dann waren es immer dieselben roten Nelken, weil er sich nur diese eine Sorte merken konnte. Wenn ich ihm etwas erzählte, eine Sorge, einen Streit mit der Nachbarin, dann hörte er zu, nickte und sagte: „Wird schon. “ Zwei Wörter, die er für alles benutzte.

Für Krankheiten, für Kummer, für Freude. Wird schon. Ich habe mich manchmal einsam gefühlt neben ihm. Das gebe ich offen zu.

Andere Frauen hatten Männer, die redeten, die mit ihnen in den Urlaub fuhren, die ihre Hand hielten, wenn sie im Kino saßen. Meiner saß da, las den Sportteil und sagte: „Wird schon. “ Und trotzdem, das muss ich auch sagen, gab es nie einen Moment, in dem ich daran zweifelte, dass er bleiben würde. Ein Mann wie Alwin geht nicht fremd, dachte ich.

Ein Mann wie Alwin hat nicht einmal die Fantasie dazu. Wie sich herausstellte, hatte er die größte Fantasie von uns allen. Nur nicht die, die ich fürchtete. Wir haben zwei Kinder.

Bernt ist sechsundvierzig. Er arbeitet bei einer Spedition, ist mit Nicole verheiratet, sie haben ein Reihenhaus in Bad Schwartau und zwei Kinder. Und dann Silke, dreiundvierzig, die in Hamburg wohnt und in einem Büro arbeitet, worin genau, habe ich nie ganz verstanden. Irgendetwas mit Logistik.

Alwin war kein Vater, der mit seinen Kindern spielte oder ihnen vorlas, aber er hat beiden das Fahrradfahren beigebracht, das Schwimmen, das Angeln. Als Silkes erster Freund sie schlecht behandelte, holte Alwin den Jungen eines Tages am Hafen ab und sagte ihm irgendetwas, das ich bis heute nicht weiß. Jedenfalls hat sich der Junge nie wieder blicken lassen. Alwin zeigte Liebe nicht mit Worten.

Er zeigte sie, indem er Dinge in Ordnung brachte. Das hätte mir vielleicht eine Warnung sein sollen, ein Hinweis darauf, wie dieser Mann wirklich funktionierte. Aber man liest die Zeichen erst, wenn man das Ende kennt. Vorher sieht man nur, was man sehen will.

Ich will nicht schlecht über meine Kinder reden. Sie waren keine schlechten Kinder, sie waren nur mit ihrem eigenen Leben beschäftigt. Und ihre Mutter kam darin vor wie ein Feiertag, den man zweimal im Jahr begeht. Es war kein böser Wille, es war einfach Gleichgültigkeit, die sich langsam eingeschlichen hatte, über Jahre, ohne dass ich es bemerkt hätte.

Der Freitag gehörte Alwin. Das war so, seit die Kinder aus dem Haus waren, also seit über zwanzig Jahren. Jeden Freitagmorgen stand er früh auf, machte sich Brote, nahm die alte Angelrute vom Haken im Flur und die grüne Kühltasche aus dem Schrank und sagte: „Ich fahre los, Margret, bin am Abend zurück. “ Und ich sagte: „Fang was Schönes.

“ Manchmal brachte er Fisch mit. Barsch, Hecht, einmal einen Aal, auf den er wochenlang stolz war. Manchmal kam er mit leerer Tasche nach Hause und sagte: „Heute haben sie nicht gebissen. “ Ich habe mir nie etwas dabei gedacht.

Ein Mann braucht etwas, das ihm gehört. Andere gehen in den Schrebergarten oder in die Kneipe. Meiner ging angeln. Ich war sogar froh darum.

Der Freitag gehörte mir, meinen Freundinnen, dem Friseur, einem langen Abend mit einem Buch. Neunundvierzig Jahre lang, und ich habe kein einziges Mal gefragt, wohin genau er fährt, an welchen See, mit wem. Es war mir nie in den Sinn gekommen. Alwin starb vor zehn Monaten.

Es ging schnell. Ein Schlaganfall im Hafen, in seinem Kran. Die Kollegen sagten, er sei einfach nach vorn gesunken, der Kopf auf die Steuerung, und sie hätten ihn mit der Feuerwehr aus der Kabine holen müssen. Er war sofort tot.

Ich bekam den Anruf am Nachmittag. Ich stand in der Küche und schälte Kartoffeln für ein Abendessen, das wir nie gegessen haben. Als ich auflegte, blieb ich einfach stehen, die Kartoffel noch in der Hand, und es hat lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass jetzt nichts mehr so sein wird wie vorher. Die Beerdigung war groß.

Der Hafen schickt seine Leute, wenn einer von ihnen geht, das ist eine alte Tradition. Männer in dunklen Jacken, die sonst Container heben, standen mit Mützen in den Händen am Grab und senkten die Köpfe. Und dann waren da Menschen, die ich nicht kannte. Eine Frau, vielleicht Ende sechzig, und neben ihr ein junger Mann im Rollstuhl.

Sie standen etwas abseits, ganz hinten, als wollten sie nicht stören. Die Frau weinte, mehr als manche Verwandte weinten. Der junge Mann im Rollstuhl hielt eine einzelne weiße Rose in der Hand. Nach der Beerdigung, beim Kaffee im Gemeindesaal, wollte ich zu ihnen gehen, aber es war Trubel, alle wollten mir die Hand geben, mir kondolieren, mir etwas zu essen aufdrängen.

Als ich mich umsah, waren die Frau und der junge Mann fort. Ich habe an diesem Tag nicht weiter darüber nachgedacht. Man denkt an vielem nicht nach an dem Tag, an dem man seinen Mann begräbt. Die Monate danach waren still.

Und hier beginnt der Teil, der wehtut. Meine Kinder verschwanden. Nicht plötzlich, nicht böse. Sie verschwanden so, wie warmes Wasser langsam kalt wird, wenn niemand nachfüllt.

Bernt rief die ersten Wochen an, dann alle zwei Wochen, dann einmal im Monat. „Mama, alles gut bei dir? “ – „Ja, gut. “ – „Du, ich muss los.

Die Kinder. “ Silke schrieb kurze Nachrichten, ein Herz zum Muttertag, ein Daumen-hoch, wenn ich schrieb, dass es mir gut geht. Zu Weihnachten, dem ersten ohne Alwin, war ich bei Bernt in Bad Schwartau eingeladen. Ich saß in seinem Wohnzimmer zwischen Menschen, die auf ihre Handys sahen, und aß Gänsebraten, den Nicole bei einem Partyservice bestellt hatte.

Und um neun fuhr Bernt mich nach Hause, weil er früh raus musste. Ich saß in diesem Auto, sah aus dem Fenster auf die dunkle Straße und dachte: Alwin ist seit vier Monaten tot, und ich bin jetzt schon allein. Ich will kurz innehalten, weil ich glaube, dass viele von Ihnen das kennen. Wenn Sie nach einem Verlust gemerkt haben, dass die Menschen, die eigentlich da sein sollten, langsam verschwinden, dann wissen Sie, wovon ich spreche.

Es ist nicht der Tod, der einen so endgültig verlassen macht. Es ist das langsame Verschwinden derer, die bleiben sollten. Es war im März, ein Freitag. Das habe ich mir erst später bewusst gemacht, dass es ein Freitag war.

Alwinstag, wie ich ihn inzwischen nenne. Es klopfte, nicht geklingelt, geklopft, so wie man bei jemandem klopft, den man kennt. Vor der Tür stand die Frau von der Beerdigung, und neben ihr im Rollstuhl der junge Mann. „Frau Thomsen“, sagte die Frau.

„Entschuldigen Sie, dass wir einfach kommen. Ich bin Rita. Das ist mein Sohn Jonas. Wir kannten Ihren Mann.

“ Sie hielt einen Korb in den Händen, gefüllt mit eingemachten Gläsern, Marmelade, Gurken. „Wir wollten schon länger kommen“, sagte sie. „Wir haben uns nicht getraut. “ Ich bat sie herein.

Ich wusste nicht, was ich sonst hätte tun sollen. Und am Küchentisch, bei Kaffee, erzählte Rita mir, wohin mein Mann zwanzig Jahre lang jeden Freitag gefahren war. Nicht zum Angeln. Ich muss ausholen, damit Sie es verstehen, so wie Rita es damals tat.

Sie begann ganz am Anfang und erzählte es mir so ruhig, als hätte sie diese Worte schon oft gesprochen, und doch zitterte ihre Stimme an manchen Stellen. Vor über zwanzig Jahren hatte Alwin einen Kollegen im Hafen. Er hieß Werner. Sie arbeiteten zusammen, Werner unten, Alwin oben im Kran.

Sie waren keine engen Freunde, aber Kollegen, wie man das ist, wenn man jeden Tag zusammen schwere Dinge bewegt. An einem Tag im Herbst, es war neblig, passierte ein Unfall. Eine Last, die Alwin bewegte, geriet ins Pendeln. Es war niemandes Schuld, das haben alle Untersuchungen später gesagt.

Der Nebel, ein Windstoß, ein Kettenzug, der nachgab. Aber die Last traf Werner. Er überlebte, aber er war danach nicht mehr derselbe. Und schlimmer noch: An diesem Tag war Werners Sohn dabei, Jonas, damals sechzehn, der ein Ferienpraktikum im Hafen machte.

Jonas wurde von herabfallendem Material getroffen. Rückgrat. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Ich saß in meiner Küche und hörte das, und mir wurde eiskalt, denn ich begann zu verstehen, welche Bedeutung die letzten zwanzig Jahre meiner Ehe gehabt hatten, ohne dass ich etwas davon geahnt hätte.

Rita sagte: „Ihr Mann hat sich schuldig gefühlt, obwohl er keine Schuld hatte. Die Gutachter haben ihn freigesprochen, alle. Aber Alwin konnte nicht damit leben, dass ein Junge in seinem Kran verunglückt ist, an einem Tag, an dem er den Kran bediente. “ Werner, der Vater, zerbrach an dem Unglück.

Er trank, verlor seine Arbeit und starb drei Jahre später. Rita blieb allein zurück mit einem Sohn im Rollstuhl, in einem kleinen Haus in einem Dorf bei Ratzeburg, mit einer kleinen Rente und einem großen Kummer. Und da, sagte Rita, begann Alwin zu kommen. „Er stand eines Freitags vor unserer Tür, ein Jahr nach dem Unfall.

Ich kannte ihn kaum. Ich hatte ihn zweimal gesehen, bei den Untersuchungen. Er stand da, dieser große Mann, und drehte seine Mütze in den Händen und wusste nicht, was er sagen sollte. Am Ende hat er nur gesagt: ‚Ich bin der Alwin.

Ich habe den Kran gefahren. Kann ich reinkommen? ‘“ Rita machte eine Pause. „Ich hätte ihn wegschicken können.

Ein Teil von mir wollte das, denn er war für mich das Gesicht des schlimmsten Tages meines Lebens. Aber er stand da, und ich sah, dass es ihn genauso zerstört hatte wie mich, nur auf eine andere Weise. Also habe ich ihn hereingelassen. “

An diesem Tag hat Alwin nichts Großes gesagt.

Aber er sah, dass die Regenrinne kaputt war, das Wasser lief die Hauswand herunter. Bevor er ging, sagte er: „Die mache ich nächste Woche. “ Und er ging. Und nächste Woche war er wieder da, mit einer Leiter auf dem Auto.

So fing es an. Mit einer Regenrinne. Ich saß in meiner Küche und rechnete: zwanzig Jahre, über tausend Freitage. Ich fragte leise: „Was hat er alles gemacht?

“ Rita lächelte unter Tränen. „Was hat er nicht gemacht? Als Jonas aus der Reha kam und wir merkten, dass das Haus für einen Rollstuhl nicht taugte, keine Rampe, zu enge Türen, das Bad unmöglich, da hat Alwin gesagt: ‚Das kriegen wir hin. ‘ Und dann hat er ein halbes Jahr lang jeden Freitag und manchen Samstag umgebaut.

Die Rampe, das ganze Bad, bodengleiche Dusche, Haltegriffe. Er hat die Türrahmen mit eigenen Händen verbreitert, Wand für Wand. Das Material hat er immer selbst bezahlt und nie darüber geredet. Er hat einen Steg an den See gebaut, damit Jonas angeln kann, behindertengerecht, mit einer Auflage für die Rute.

Er hat Jonas das Angeln neu beigebracht, alles vom Rollstuhl aus, weil das anders geht als im Stehen. Sie haben da unten gesessen, stundenlang, und geangelt und geschwiegen. “

Jonas, der die ganze Zeit still gewesen war, ergriff jetzt das Wort. Seine Stimme war leise, aber fest: „Alwin war der einzige Mann, der geblieben ist.

Mein Vater ist innerlich gegangen, lange bevor er starb. Die Ärzte waren freundlich und weg. Die Verwandten kamen einmal und nie wieder. Alwin ist zwanzig Jahre lang jeden Freitag gekommen.

Er hat mir nie das Gefühl gegeben, dass ich eine Last bin. Er hat mit mir geredet wie mit einem Kerl, nicht wie mit einem Kranken. Er hat mir Schach beigebracht, und als ich ihn zum ersten Mal geschlagen habe, richtig geschlagen, nicht weil er mich gewinnen ließ, da hat er mir die Hand gegeben wie einem Mann und gesagt: ‚So, jetzt bist du gut. ‘“ Jonas‘ Stimme brach kurz.

„Als ich meinen Schulabschluss nachgemacht habe, auf dem zweiten Bildungsweg, mit sechsundzwanzig, saß er im Publikum, in der ersten Reihe. Mein Vater war da schon tot. Meine Mutter hat geweint, und Alwin saß daneben in seiner guten Jacke, die er sonst nie trug. Und hat genickt, als ich meine Urkunde bekam.

Nur genickt. Aber ich habe für dieses Nicken gelernt. Ich schwöre Ihnen, Frau Thomsen, ich habe zwei Jahre für dieses eine Nicken von Ihrem Mann gelernt. “

Ich saß in meiner Küche, und mein toter Mann war plötzlich ein Fremder.

Und gleichzeitig war er mehr er selbst, als ich ihn je gekannt hatte. Ich brachte schließlich heraus: „Warum? Warum hat er es mir nie gesagt? “ Rita sah mich lange an.

Dann sagte sie etwas, das ich seitdem jeden Tag mit mir herumtrage. „Ich habe ihn das einmal gefragt, vor vielen Jahren, warum er es Ihnen nicht erzählt. Und er hat gesagt: ‚Wenn ich es Margret erzähle, dann wird es eine gute Tat. Dann muss sie mich dafür bewundern, und Rita muss dankbar sein, und alle reden darüber.

Und dann tue ich es für das Reden. Solange keiner davon weiß, tue ich es nur für den Jungen. ‘“

Ich habe an diesem Tisch geweint, so wie ich seit der Beerdigung nicht geweint hatte. Neunundvierzig Jahre hatte ich einen Mann für schweigsam gehalten, für einfach, für einen, bei dem nicht viel dahintersteckt.

Und die ganze Zeit trug er das Schwerste, was ein Mensch tragen kann: eine Schuld, die keine war. Und er trug sie nicht mit Worten, sondern mit seinen Händen, jeden Freitag, zwanzig Jahre lang, ohne dass jemand ihn dafür lobte. Er hatte nicht einmal seiner eigenen Frau erlaubt, stolz auf ihn zu sein, damit es rein bleibt. Rita und Jonas blieben an diesem Tag bis zum Abend.

Wir haben geredet, als würden wir uns seit Jahren kennen. Und in gewisser Weise stimmte das auch, denn wir hatten denselben Mann geliebt, nur auf verschiedene Weise. Bevor sie gingen, sagte Rita: „Frau Thomsen – Margret, darf ich Sie Margret nennen? Alwin hat so viel von Ihnen erzählt.

Wir haben das Gefühl, wir kennen Sie längst. Wir wollten nur, dass Sie es wissen. Dass Sie wissen, was für ein Mann er war. “ Und Jonas sagte: „Kommen Sie uns besuchen, bitte.

Der See ist schön im Sommer, und ich kann jetzt kochen. Alwin hat immer gesagt, meine Fischsuppe ist besser als seine. “

Ich habe zugesagt. Und jetzt kommt der Teil, wegen dem ich Ihnen das alles erzähle.

Ich fing an, sie zu besuchen. Erst alle paar Wochen, dann öfter. Freitags. Immer freitags.

Ich habe Alwins Tag übernommen. Ich fahre die Strecke, die er zwanzig Jahre gefahren ist, an den See bei Ratzeburg, in das kleine Haus mit der Rampe, die mein Mann gebaut hat. Ich sitze mit Rita in der Küche, und Jonas kocht. Manchmal fahren wir alle drei an den See, und Jonas angelt vom Steg, den Alwin behindertengerecht umgebaut hat.

Und ich sehe ihm zu und denke, dass mein Mann hier gesessen hat, an genau dieser Stelle, an über tausend Freitagen, und dass er glücklich war und dass ich es nicht wusste. Rita ist meine engste Freundin geworden. Mit einundsiebzig eine neue beste Freundin zu finden, das hätte ich nie gedacht. Wir telefonieren fast jeden Tag.

Sie kennt Dinge über meinen Mann, die ich nicht kenne, und ich kenne Dinge über ihn, die sie nicht kennt. Wenn wir sie zusammenlegen, dann ist er für ein paar Stunden fast wieder da. Und Jonas, Jonas ist jetzt siebenunddreißig. Er nennt mich Tante Margret.

Er ruft mich an, wenn er nicht weiterweiß. Und er ruft mich an, wenn etwas Schönes passiert. Als er neulich eine Auszeichnung bekam für eine Software, die er programmiert hat, war ich die erste, die er anrief. Nicht die einzige, die er hätte anrufen können.

Die erste, die er anrufen wollte. Ich habe in zehn Monaten mehr Anrufe von Jonas bekommen als von meinen eigenen Kindern in zwei Jahren. Meine Kinder. Ja, ich muss auch davon erzählen, denn die Geschichte wäre nicht ehrlich ohne sie.

Ich habe Bernt und Silke von Rita und Jonas erzählt, von dem, was ihr Vater getan hat. Bernt sagte am Telefon: „Zwanzig Jahre, und wir haben nie was gemerkt? Ganz schön hinterhältig von Papa. “ Hinterhältig.

Silke fragte: „Und die haben jetzt nichts erwartet, oder? Dass er ihnen was hinterlässt oder so? “ Das war ihre erste Frage, ob die fremde Familie Geld erwartet. Ich habe in dem Moment verstanden, warum Alwin freitags weggefahren ist.

Nicht nur wegen der Schuld. Vielleicht auch, weil er in dem Haus am See etwas fand, das er zu Hause nicht mehr fand. Menschen, die ihn nicht danach bewerteten, was er hinterlässt, sondern danach, wer er ist. Ich sage nicht, dass meine Kinder schlecht sind.

Ich sage, dass ihr Vater und ich zwei Kinder großgezogen haben, deren erster Gedanke bei einer Geschichte über zwanzig Jahre selbstloser Güte das Wort „hinterhältig“ war und die Frage nach dem Erbe. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ich habe lange bei mir selbst gesucht. Vielleicht haben wir zu viel gegeben und zu wenig verlangt.

Vielleicht liegt es an gar nichts. Vielleicht sind manche Menschen einfach so. Ich habe mein Testament geändert. Das Haus und der größte Teil des Vermögens bleiben bei Bernt und Silke.

Sie sind meine Kinder, und ich will niemanden enterben. Alwin hätte das nicht gewollt. Aber ich habe eine Summe für Jonas festgelegt. Nicht als Almosen, sondern für den behindertengerechten Wagen, den er braucht und sich nicht leisten kann und den mein Mann ihm gekauft hätte, wenn er noch leben würde.

Da bin ich ganz sicher. Als ich es Jonas sagte, weigerte er sich. Er sagte, er könne das nicht annehmen. Er sei nicht mit uns verwandt.

Und ich habe gesagt: „Jonas, mein Mann hat dir zwanzig Jahre lang jeden Freitag geschenkt. Du bist mehr sein Sohn, als ein Testament je ausdrücken könnte. Lass mich das für ihn zu Ende bringen. “ Da hat er ja gesagt und geweint.

So wie sein Vater geweint hätte, sagt Rita. Ich möchte Ihnen etwas mitgeben. Ich habe neunundvierzig Jahre neben einem Mann geschlafen und geglaubt, ich kenne ihn ganz. Ich habe ihn für einfach gehalten, für einen guten, langweiligen Mann, der freitags angeln fährt.

Und in Wahrheit war er der beste Mensch, den ich je gekannt habe. Und ich habe es erst zehn Monate nach seinem Tod erfahren, von Fremden, die keine Fremden waren. Das ist meine Bitte an Sie: Fragen Sie die Menschen, die Sie lieben, wohin sie freitags fahren. Nicht aus Misstrauen, sondern aus Interesse.

Es könnte sein, dass der Mensch neben Ihnen ein ganzes zweites Leben führt, ein gutes, und dass Sie die Chance verpassen, stolz auf ihn zu sein, solange er es noch hören kann. Ich kann Alwin nicht mehr sagen, dass ich stolz auf ihn bin. Das ist der einzige Schmerz, der geblieben ist. Nicht, dass er es getan hat, sondern dass ich es ihm nie sagen konnte.

Aber ich sage es jetzt jeden Freitag, wenn ich die Strecke an den See fahre. Ich sage es laut im Auto, an der Stelle, wo die Straße auf das Wasser trifft. Und ich glaube, auf eine Art hört er es. Diesen Freitag fahre ich wieder an den See.

Rita macht Kaffee, Jonas kocht seine Fischsuppe, die wirklich besser ist als Alwins. Die Angelrute meines Mannes hängt noch im Flur an ihrem Haken. Ich habe sie letzte Woche mitgenommen, zum ersten Mal. Jonas hat mir gezeigt, wie man sie vom Steg aus auswirft, den mein Mann für ihn gebaut hat.

Ich habe nichts gefangen, aber zum ersten Mal seit zehn Monaten habe ich einen ganzen Nachmittag lang nicht das Gefühl gehabt, allein zu sein. Alwin hatte recht. Da draußen beißt was Schönes an.

Man muss nur wissen, an welchem See.