Ich stand mit dem Stift in der Hand über einem Kündigungsschreiben, das mein Sohn mir hingelegt hatte – 220 Euro Miete für eine Wohnung, für die man heute 700 nehmen kann. „Papa hat da elf Jahre…

Ich stand mit dem Stift in der Hand über einem Kündigungsschreiben, das mein Sohn mir hingelegt hatte – 220 Euro Miete für eine Wohnung, für die man heute 700 nehmen kann. „Papa hat da elf Jahre...

„Mama, du musst ihn rauswerfen. Der zahlt doch fast nichts. Das ist geschenktes Geld. “

So saßen meine Kinder mir gegenüber, vierzehn Monate nachdem mein Mann gestorben war.

Thumbnail

Bernhard hatte eine Excel-Tabelle ausgedruckt, Katrin nickte dazu. Und ich saß da mit einem Mietvertrag in der Hand, den mein Erich vor Jahren selbst geschrieben hatte. In Paragraph 7 stand etwas, das kein Vermieter dieser Welt je in einen Vertrag schreibt. Ich bin Rosvita Kellner, 71 Jahre alt, und lebe in Nürnberg in einem schmalen Haus mit drei Wohnungen, das mein Mann und ich 1989 gekauft haben, als hier noch niemand wohnen wollte.

Erich war Buchbinder, ein Beruf, den es fast nicht mehr gibt. 40 Jahre lang hat er Bücher repariert, alte Bände restauriert für Bibliotheken und Sammler, manchmal für Nachbarn, die ihm ein zerfallenes Familienalbum brachten und nichts bezahlen konnten. Er hat ihnen trotzdem geholfen, immer. Das war Erich.

Wir waren 48 Jahre verheiratet. Wir wohnten im ersten Stock, oben unterm Dach vermieteten wir eine kleine Wohnung. Und im Erdgeschoss war bis 2014 Erichs Werkstatt. Als seine Augen nicht mehr mitmachten, bauten wir die Werkstatt zu einer kleinen Wohnung um.

Anderthalb Zimmer, eine Kochnische, ein Bad, nichts Besonderes, aber hell und trocken. Und in diese Wohnung zog Herr Adamec ein. Ich muss ehrlich sein: Ich kannte Herrn Adamec kaum. Das klingt seltsam nach elf Jahren unter einem Dach, aber es ist die Wahrheit.

Er war Erichs Sache. Erich hat ihn gefunden, Erich hat den Vertrag gemacht, Erich hat sich um alles gekümmert. Wenn ich fragte, sagte Erich nur: „Der Adamec ist in Ordnung, Rosvita, der bleibt. “

Herr Adamec war damals Anfang 60.

Ein stiller Mann, sehr dünn, mit einem leichten Hinken. Er grüßte höflich im Treppenhaus, machte nie Lärm, zahlte pünktlich. Im Winter räumte er den Schnee vor dem Haus weg, ohne dass ihn jemand darum gebeten hätte. Mehr wusste ich nicht über ihn.

Ich wusste nicht, woher er kam, was er gearbeitet hatte, ob er Familie hatte. Ich habe nie gefragt. Er war der Mieter unten, ein freundlicher Schatten im Haus. Ich wusste, dass er mittwochs einkaufen ging.

Ich wusste, dass er abends lange Licht hatte. Ich wusste, dass er nie Besuch bekam, in elf Jahren nicht einmal. Ich wusste nicht einmal, wie er mit Vornamen hieß. Jahrelang habe ich „Herr Adamec“ gesagt und nie gewusst, dass er Josef heißt.

Einmal, es muss 2018 gewesen sein, lag ich mit einer Grippe flach. Erich war zwei Tage bei einem Kunden in München. Am Morgen stand eine Tüte vor meiner Tür. Brötchen, Milch, ein Glas Honig, eine Zitrone.

Kein Zettel. Ich erzählte Erich später davon, er nickte nur und sagte: „Der Adamec. “ Und weiter nichts. Ich dachte damals, was für ein aufmerksamer Mieter.

Ich fragte mich nicht, woher er wusste, dass ich krank war. Ich fragte mich nicht, warum ein Mann, der 220 Euro Miete zahlt, seiner Vermieterin Honig vor die Tür stellt. Wenn ich Erich fragte, warum die Miete so niedrig sei, sagte er immer: „Der Adamec ist in Ordnung, Rosvita, der bleibt. “ Und ich habe das hingenommen.

48 Jahre lang war es so zwischen uns. Es gab Dinge, die waren Erichs, und ich ließ sie ihm. Er ließ mir meine auch. Ich habe das immer für Respekt gehalten.

Heute weiß ich, dass man auch aus Respekt an einem Menschen vorbeileben kann. 220 Euro warm. In Nürnberg, in einem Viertel, das inzwischen sehr beliebt geworden ist. Zweimal habe ich Erich über die Jahre darauf angesprochen.

„Das ist doch viel zu wenig, wir könnten das Dreifache verlangen. “ Und beide Male hat mein Mann gesagt: „Ja, könnten wir. “ Und dann hat er das Thema gewechselt. Erich starb vor 14 Monaten.

Krebs, es ging über Monate, und ich habe ihn zu Hause gepflegt, bis es nicht mehr ging. In den letzten Wochen war Herr Adamec oft im Haus. Er brachte Einkäufe hoch, ohne dass ich fragte. Er saß einmal die ganze Nacht bei Erich, damit ich schlafen konnte.

Ich dachte damals nur: Wie freundlich von dem Mieter. Ich habe nicht verstanden, was ich da sah. Auf der Beerdigung stand er ganz hinten, allein. Und er weinte nicht nur ein bisschen.

Er weinte wie jemand, der einen Bruder verliert. Ich wunderte mich in dem Moment, aber auf einer Beerdigung wundert man sich über vieles und fragt nichts. Etwa zwei Monate später fing es an. Meine Kinder.

Bernhard ist Steuerberater in Fürth, Katrin arbeitet in der Verwaltung eines Krankenhauses in Erlangen. Sie sind keine schlechten Menschen, das will ich voranstellen. Sie haben mir nach Erichs Tod geholfen, mit den Formularen, mit der Rente, mit all dem Papierkram, den der Tod mit sich bringt. Aber sie kümmern sich auf eine bestimmte Art.

Bernhard kam an einem Sonntag, mit einem Ausdruck. Er breitete ihn auf meinem Küchentisch aus. „Mama, ich habe mir mal deine Situation angesehen. Deine Rente plus Papas Betriebsrente, das ist knapp.

Und du hast hier ein Haus, das viel mehr abwerfen könnte. “

Er zeigte mir Zahlen. Die Dachwohnung sei zu billig, meinte er, aber das sei nebensächlich. „Das Problem ist unten.

220 Euro, Mama. Für die Wohnung könnte man in Gostenhof heute 700 nehmen, vielleicht mehr. Das sind 500 Euro im Monat, die du verschenkst. 6.

000 im Jahr. Papa hat da elf Jahre lang Geld verschenkt. “

Katrin sagte: „Mama, wir wollen doch nur, dass es dir gut geht. Du musst doch nicht sparen, wenn du hier 6.

000 im Jahr liegen lässt. “

Sie hatten recht mit den Zahlen. Jede einzelne Zahl stimmte. Ich habe nachgerechnet, ich kann rechnen.

Aber irgendetwas in mir sträubte sich. „Der Adamec wohnt hier seit elf Jahren“, sagte ich. Und Bernhard antwortete: „Mama, das ist ein Mieter, kein Familienmitglied. “

Über die nächsten Monate blieben sie dran.

Nie unfreundlich, nie drohend. Sie haben einfach gerechnet. Bei jedem Besuch kam es vor, beiläufig beim Kaffee. „Hast du schon mal drüber nachgedacht, Mama?

Ich habe mit einem Makler gesprochen, der sagt, du musst ihn ja nicht rauswerfen. Du kannst ihm eine Mieterhöhung schicken. Wenn er sie nicht zahlt, geht er von selbst. “

So sagte mein Sohn das, als wäre das keine Kündigung, sondern eine Naturkraft.

Katrin ging es anders an. Sie kam über die Sorge. „Mama, ich mache mir Gedanken. Was ist, wenn die Heizung kaputt geht?

Dreißigtausend Euro mindestens. Wo willst du das hernehmen? “ Und wenn ich sagte, dann nehme ich eben einen Kredit, sagte sie: „In deinem Alter kriegst du keinen Kredit mehr, Mama. “

Das war nicht einmal böse gemeint.

Sie hatte einfach Angst um mich. Aber wissen Sie, was so eine Angst mit einer alten Frau macht? Sie frisst. Ich lag nachts wach und rechnete Heizungen gegen Mieten und kam immer zum selben Ergebnis.

Die einzige Zahl in meinem Leben, an der ich drehen kann, sitzt unten im Erdgeschoss und hinkt. Einmal sagte Bernhard etwas, das ich mir gemerkt habe: „Mama, Papa war ein guter Mensch, aber gute Menschen treffen manchmal Entscheidungen, die andere ausbaden müssen. Wir müssen das jetzt korrigieren. “

Als wäre Erich ein Buchhalter gewesen, der sich verrechnet hat.

Und ich fing an zu wanken. Ich gebe das zu, denn ich war unsicher. Erich hatte die Finanzen gemacht, und plötzlich stand ich allein da mit einem Haus, mit Nebenkosten, mit einer Heizung, die bald neu musste, und mit einer Rente, die kleiner war, als ich gedacht hatte. Wenn zwei erwachsene Kinder, davon einer Steuerberater, einem sagen, du verschenkst 6.

000 Euro im Jahr, dann glaubt man ihnen irgendwann. Und es kam noch etwas dazu, das ich nur ungern zugebe. Ich war wütend auf Erich. Er hatte mir 40 Jahre lang nicht erklärt, warum die Miete so niedrig ist.

Er hatte mich mit einem Rätsel allein gelassen, und jetzt saßen meine Kinder an meinem Tisch und hatten eine einfache Erklärung: Papa war zu weich. Papa hat sich ausnutzen lassen. Es ist leichter, das zu glauben, als einem Toten zu vertrauen, der einem nichts erklärt hat. Ich hätte fast unterschrieben.

Bernhard hatte schon ein Schreiben vorbereitet, eine Mieterhöhung auf 700 Euro. Er legte es mir an einem Sonntag im Frühjahr hin. „Du musst nur unterschreiben, Mama. Ich schick’s dann raus.

Ich hatte den Stift in der Hand. Aber ich habe an diesem Tag nicht unterschrieben. Ich sagte, ich schaue mir erst noch mal den alten Vertrag an, nur damit ich weiß, was drin steht. Bernhard sagte, das sei nicht nötig, er habe eine Kopie gesehen, ein ganz normaler Vertrag.

Aber ich wollte ihn selbst lesen. Nennen Sie es Sturheit. Nennen Sie es das, was von 48 Jahren neben einem gründlichen Mann übrig bleibt. An diesem Abend holte ich Erichs Ordner heraus.

Er hatte für alles Ordner, beschriftet in seiner sauberen Buchbinderschrift. Und ich fand den Mietvertrag von 2014. Es war kein Vordruck. Erich hatte ihn selbst geschrieben, auf der Schreibmaschine, die er nie hergeben wollte.

Vier Seiten. Ich las ihn von vorn. Die üblichen Dinge: Mietsache, Miethöhe, Nebenkosten, Kaution. Alles korrekt, alles ordentlich.

Und dann kam Paragraph 7. Die Überschrift lautete: „Besondere Vereinbarungen. “ Und dort stand in Erichs Worten: „Der Mietzins ist bewusst niedrig gehalten. Er entspricht nicht dem ortsüblichen Vergleich.

Dies ist ausdrücklich gewollt und begründet sich wie folgt. “

Ich saß am Küchentisch und las weiter. „Der Mieter, Herr Josef Adamec, hat dem Vermieter im Jahr 1967 das Leben gerettet. Der Vermieter war damals 15 Jahre alt und ist beim Baden im Wördersee untergegangen.

Herr Adamec, damals 18, hat ihn herausgeholt und dabei selbst schwere Verletzungen erlitten, an denen er bis heute leidet. “

Ich musste aufhören zu lesen. Ich habe das Blatt hingelegt, bin aufgestanden und habe mich am Küchenschrank festgehalten. 48 Jahre Ehe.

Mein Mann hatte mir nie erzählt, dass er als Junge fast ertrunken wäre. Nie, kein einziges Mal. Ich las weiter. „Herr Adamec hat nach dem Unfall sein Bein nicht wieder voll gebrauchen können und konnte den erlernten Beruf nicht ausüben.

Er hat sein Leben lang in einfachen Verhältnissen gelebt. Der Vermieter hat Herrn Adamec im Jahr 2013 wiedergefunden nach langer Suche. Herr Adamec lebte zu diesem Zeitpunkt in einer unzumutbaren Unterkunft. “

Und dann kam der Absatz, wegen dem ich Ihnen diese Geschichte erzähle.

„Diese Wohnung steht Herrn Adamec auf Lebenszeit zu den hier vereinbarten Bedingungen zu. Eine Mieterhöhung findet nicht statt. Eine Kündigung durch den Vermieter oder dessen Rechtsnachfolger ist ausgeschlossen, soweit gesetzlich zulässig. “

Rechtsnachfolger.

Erich hatte an meine Kinder gedacht, vor elf Jahren schon. Und dann der letzte Absatz, der war nicht mehr juristisch. Der war einfach Erich. „Herr Adamec hat sich seinerseits verpflichtet, im Haus nach dem Rechten zu sehen und sollte ich vor meiner Frau sterben, ihr im Alltag beizustehen, soweit es ihm möglich ist.

Diese Verpflichtung ist nicht einklagbar. Ich weiß, dass er sie trotzdem erfüllen wird. “

Ich habe an diesem Küchentisch geweint, bis es dunkel war. Monatelang hatte ich mich gefragt, warum der freundliche Mieter unten mir jeden Dienstag die Getränkekisten hochträgt, warum er im Winter meinen Weg mitschippt, warum er einmal im Monat klingelt und fragt, ob etwas im Haus zu reparieren ist.

Ich hatte gedacht, er ist eben nett. Er hat ein Versprechen gehalten. Ein Versprechen, das mein Mann ihm abgenommen hatte, für den Fall, dass er vor mir stirbt. Ich bin am nächsten Morgen hinuntergegangen und habe bei Herrn Adamec geklingelt.

Er machte auf in einer Strickjacke und sah mich an und wusste sofort, dass etwas anders war. Ich sagte: „Herr Adamec, ich habe den Mietvertrag gelesen. “

Er stand da, senkte den Kopf und sagte: „Ach. “

„Warum hat mir das nie jemand erzählt?

Und er bat mich herein. Wir saßen in seiner kleinen Wohnung an einem Tisch, auf dem ein Buch lag, das Erich ihm restauriert hatte. Und er erzählte mir alles. 1967, ein heißer Julitag.

Erich war 15, ein schlechter Schwimmer, und war zu weit hinausgegangen. Josef Adamec war der Sohn polnischer Eltern, die nach dem Krieg in Nürnberg geblieben waren. „Ich habe ihn zuerst gar nicht gesehen“, erzählte er. „Ich habe nur gehört, dass etwas nicht stimmt.

So ein Geräusch, wenn jemand untergeht. Das ist kein Schreien. Das ist leiser, als man denkt. Die Leute am Ufer haben weitergeredet und Karten gespielt.

Er sprang hinterher, holte Erich heraus. Beim Herausziehen über die Steine am Ufer rutschte er ab, sein Bein zwischen zwei Steinblöcken. „Er hat den Jungen trotzdem nicht losgelassen. Es war ein offener Bruch“, sagte er ganz sachlich, so wie alte Männer über ihre Verletzungen sprechen.

„Dreimal operiert. Damals konnte man das nicht so wie heute. Ich habe ein halbes Jahr im Krankenhaus gelegen. “

Er hatte eine Lehre als Feinmechaniker angefangen.

Die konnte er nicht zu Ende machen, weil man nicht acht Stunden an einer Werkbank stehen kann, wenn ein Bein nicht trägt. Er hat dann gemacht, was ging. Pförtner, Lagerarbeiter, bis der Rücken auch nicht mehr wollte. Nachtwächter.

„Ich sage nicht, dass mein Leben schlecht war“, sagte er. „Ich sage nur, es war ein anderes als das, das ich vorhatte. “

Er hat nie geheiratet. „Ihr Mann hat sich sein Leben lang dafür schuldig gefühlt.

Ich habe ihm hundertmal gesagt, dass er keine Schuld hat. Ein 15-Jähriger, der untergeht, hat keine Schuld. Aber er hat es nicht abgelegt. Er war so einer.

Wenn Erich etwas kaputt sah, musste er es reparieren. Bücher, Menschen, egal. “

Sie hatten sich danach aus den Augen verloren. Adamecs Familie zog weg, damals gab es keine Telefone in jeder Wohnung, kein Internet.

Und ein Junge, der ein halbes Jahr im Krankenhaus liegt, verliert schnell die Verbindung zu einem anderen Jungen. Und Erich suchte ihn jahrelang. Über Meldeämter, über alte Bekannte vom See, über polnische Vereine in Nürnberg. „Wissen Sie, wie lange er gesucht hat?

“, fragte mich Herr Adamec. Ich schüttelte den Kopf. „Immer wieder, sein ganzes Leben. In den 70ern hat er es versucht, in den 80ern wieder.

Immer wenn es eine neue Möglichkeit gab, hat er es wieder versucht. Mich gefunden hat er Jahre nach dem See. “

Ich saß in dieser kleinen Wohnung und dachte an all die Jahre, in denen mein Mann neben mir gesessen und ferngesehen hat und offenbar in seinem Kopf einen Mann gesucht hat, von dem ich nie gehört hatte. Er fand ihn in einer feuchten Kellerwohnung in Fürth.

Allein, mit einer kleinen Rente, mit Schimmel an der Wand hinterm Bett. „Er stand vor meiner Tür“, sagte Herr Adamec. „Ein alter Mann mit weißen Haaren, und ich habe ihn sofort erkannt. Sofort.

Er hat gesagt: ‚Josef, ich habe eine Wohnung für dich, und du sagst jetzt nicht nein. ‘“

Er habe sich zwei Monate lang geweigert, erzählte er. Er wollte kein Almosen. Er hatte nie in seinem Leben etwas geschenkt bekommen und wollte nicht damit anfangen.

„Ich habe ihm gesagt: ‚Erich, ich bin damals gesprungen, weil man springt, nicht damit ich 50 Jahre später eine Wohnung kriege. Wenn du mir jetzt was gibst, dann machst du aus dem Sprung ein Geschäft, und dann war es das nicht mehr wert. ‘“

Und Erich hatte darauf gesagt – Herr Adamec erzählte es mit einem halben Lächeln – „Es ist kein Almosen. Ich habe eine Bedingung.

Die Bedingung war der letzte Absatz von Paragraph 7. Er sagte, erzählte Herr Adamec, und seine Stimme wurde unsicher: „Meine Frau ist zwei Jahre jünger als ich, aber die Männer in meiner Familie werden nicht alt. Wenn ich vor ihr gehe, dann bist du unten im Haus. Dann ist sie nicht allein.

Das ist der Preis für die Wohnung. “

Er machte eine lange Pause. „Da habe ich zugesagt, weil das kein Geschenk mehr war. Das war ein Auftrag.

Dann sah er mich an und sagte: „Frau Kellner, ich schulde Ihrem Mann mein Leben nicht. Er schuldet mir seins. Aber er hat mir elf Jahre ein Zuhause gegeben und eine Aufgabe. Und ich habe ihm versprochen, dass Sie nicht allein sein werden.

Ich halte das nicht wegen der Wohnung. Ich halte das wegen Erich. “

Ich fragte ihn, ob er gewusst habe, dass meine Kinder ihn hinauswerfen wollten. Er nickte.

„Ihr Sohn hat im Frühjahr mit mir gesprochen, im Treppenhaus, sehr höflich. Er hat gesagt, ich solle mich auf eine Anpassung einstellen. “

„Und was haben Sie gesagt? “

„Nichts.

Was hätte ich sagen sollen? Ich wollte Ihnen nicht mit einem Vertrag kommen und sagen, hier steht, ihr dürft mich nicht rauswerfen. Das wäre ja auch wieder ein Geschäft gewesen. “ Er sah auf seine Hände.

„Ich hätte gepackt und wäre gegangen und hätte Erich sein Versprechen zurückgeben müssen. Das hätte mich mehr gestört als die Wohnung. “

Bernhard kam am nächsten Sonntag, um das Schreiben abzuholen, das ich unterschreiben sollte. Ich hatte den Mietvertrag auf den Küchentisch gelegt, aufgeschlagen bei Paragraph 7.

Ich sagte: „Setz dich und lies das. “

Er las. Und ich sah seinem Gesicht zu, wie ich es bei mir selbst zwei Tage vorher gefühlt hatte. Erst Unverständnis, dann Ungläubigkeit, dann etwas, für das er keinen Ausdruck hatte.

Als er fertig war, sagte er lange nichts. Dann sagte ich: „Papa wäre ertrunken mit 15, in dem Sommer, bevor er die Lehre angefangen hat. Wenn der Mann unten nicht hinterher gesprungen wäre, dann gäbe es dich nicht und Katrin nicht und die Enkel nicht. “

Er saß da, mein Sohn, Steuerberater, und starrte auf ein Blatt Papier, auf dem sein Vater vor Jahren aufgeschrieben hatte, warum eine Miete 220 Euro beträgt.

Dann sagte er sehr leise: „Ich habe ausgerechnet, dass er uns 6. 000 Euro im Jahr kostet. “

„Ja. Und in Wirklichkeit hat er uns alles gegeben, was wir haben.

Ich habe nichts dazu gesagt. Manche Sätze müssen einfach stehen bleiben. Katrin hat es später auch gelesen. Sie hat geweint und mich gefragt, warum Papa nie etwas erzählt hat.

Darauf habe ich lange keine Antwort gefunden. Heute glaube ich, ich weiß es. Erich hat nicht darüber geredet, weil er wusste, dass eine solche Geschichte anfängt, den Menschen zu gehören, denen man sie erzählt. Man erzählt sie einmal, und dann ist Adamek in dieser Familie der Mann, der Papa gerettet hat.

Er wird ein Denkmal. Man bewundert ihn, guckt ihn an, behandelt ihn anders. Erich wollte, dass Josef Adamec ein Mieter ist. Ein Nachbar.

Ein Mann mit einem Schlüssel und einer eigenen Tür und seiner Würde. Deshalb hat er es nur an einer einzigen Stelle aufgeschrieben, in einem Mietvertrag, den man nur liest, wenn man ihn ändern will. Er hat gewusst, dass irgendwann jemand kommt, der die Miete erhöhen will. Und er hat dafür gesorgt, dass dieser jemand zuerst die Wahrheit lesen muss.

Das ist jetzt sieben Monate her. Die Miete ist unverändert. Sie wird es bleiben, solange Josef Adamec lebt. Bernhard hat übrigens nachgerechnet, ob wir uns das leisten können.

Und siehe da: Wir können. Er hat mir stattdessen geholfen, die Dachwohnung ordentlich zu vermieten, die tatsächlich zu billig war. Und die Heizung haben wir mit einem Kredit gemacht, den ich in Ruhe abzahle. Es ging also nie ums Überleben.

Es ging um 6. 000 Euro, die auf einem Zettel schlecht aussahen. Herr Adamec und ich essen jetzt sonntags zusammen bei mir oben. Er bringt manchmal Kuchen mit, den er selbst backt, was ich elf Jahre lang nicht gewusst habe.

Wir reden über Erich. Er kannte einen Erich, den ich nicht kannte, den 15-jährigen Jungen. Und ich kannte einen Erich, den er nicht kannte, den Mann mit den Ordnern und den Büchern. Wenn wir die beiden zusammenlegen, ist er für eine Stunde fast wieder da.

Er nennt mich nicht mehr Frau Kellner. Er nennt mich Rosvita. Im Treppenhaus hängt seit kurzem ein Bild, ein kleines Foto, schwarz-weiß, das ich in Erichs Sachen gefunden habe. Zwei Jungen am Wördersee, Sommer 1967, ein paar Wochen vor dem Unfall.

Ich habe es rahmen lassen und im Flur aufgehängt, zwischen dem ersten Stock und dem Erdgeschoss, genau in der Mitte. Josef geht jeden Tag daran vorbei, wenn er hochkommt, und ich gehe jeden Tag daran vorbei, wenn ich hinuntergehe. So haben wir beide etwas davon.