Als mein Mann im Sterbezimmer lag, haben meine drei Kinder neben seinem Bett ausgerechnet, wer wie viel erbt. „Mama hat das Haus und die Rente, die braucht nichts“, sagte mein ältester Sohn. „Wir…

Als mein Mann im Sterbezimmer lag, haben meine drei Kinder neben seinem Bett ausgerechnet, wer wie viel erbt. „Mama hat das Haus und die Rente, die braucht nichts“, sagte mein ältester Sohn. „Wir...

Die Anruferin nannte den Namen einer Versicherung, die ich nie gehört hatte. „Frau Brunnhuber, spreche ich mit Hannelore Brunnhuber, geborene Zeller? “, fragte sie. Ich sagte ja und dachte an nichts Böses.

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Dann sagte sie: „Wir haben Ihnen mehrfach geschrieben, an eine Adresse in Sonthofen. Es geht um einen Vertrag, bei dem Sie bezugsberechtigt sind. “

Ich bin 72 Jahre alt und lebe in Kempten. Seit zweieinhalb Jahren bin ich Witwe.

Mein Mann Alois war Zimmerer, ein zäher Mann mit kaputten Knien und Händen wie Wurzeln. Wir waren 47 Jahre verheiratet. Er starb an Lungenkrebs, sieben Monate nach der Diagnose. Die letzten drei Wochen lag er bei uns im Wohnzimmer in einem Pflegebett, am Fenster, damit er in den Garten sehen konnte.

In diesen drei Wochen habe ich kaum geschlafen. Ich lag auf dem Sofa neben seinem Bett, weil ich nicht wollte, dass er nachts allein aufwacht. Wir haben in dieser Zeit mehr geredet als in den zehn Jahren davor. Er hat mir Dinge erzählt, die ich nie wusste – von seinem Vater, der ihn schlug, von einem Sturz vom Dach 1983, bei dem er sich fast das Genick gebrochen hätte.

Er hatte mir nie davon erzählt, damit ich keine Angst habe, wenn er zur Arbeit geht. Die Palliativschwester, Frau Kinle, hat mir gleich zu Beginn gesagt: „Frau Brunnhuber, sprechen Sie mit ihm. Auch wenn er zu schlafen scheint – das Gehör ist das Letzte, was geht. Und sagen Sie das auch den Angehörigen.

“ Ich habe es den Kindern wörtlich gesagt: „Er hört euch. Auch wenn er die Augen zu hat. Redet nicht über ihn. “ Sie haben genickt, alle drei.

Wir haben drei Kinder. Konrad, 49, hat einen Baustoffhandel. Sieglinde ist mit einem Steuerberater verheiratet. Und Xaver, der Jüngste, ist Bergführer, war immer der Unstete, immer knapp bei Kasse.

Alois hatte eine Lebensversicherung aus den Achtzigern, Todesfallsumme 240. 000 Euro. Als Bezugsberechtigte waren die drei Kinder eingetragen, zu gleichen Teilen. Das war damals so üblich.

Man versichert sich für die Kinder. Ich wusste davon. Es war kein Geheimnis. Es war an einem Dienstagnachmittag, elf Tage bevor Alois starb.

Ich stand in der Küche und kochte Suppe. Die Tür zum Wohnzimmer war offen, damit ich ihn hören konnte. Die Kinder saßen um das Pflegebett herum. Ich hörte nur Murmeln, dann wurde Konrad lauter, weil er immer lauter wird, wenn es um Zahlen geht.

Ich hörte, wie er sagte: „240 durch 3 sind 80. Da müssen wir uns einig sein, bevor es losgeht. “

Sieglinde sprach von Steuern und Freibeträgen. Sie hatte sich offenbar schon erkundigt.

Konrad sagte: „Deshalb müssen wir das sauber machen. Wenn es ausgezahlt ist, kann keiner mehr was ändern. “ Ihr Vater lag zwei Meter weiter und atmete. Dann sagte Xaver: „Und was ist mit Mama?

“ Es war einen Moment still. Dann sagte Konrad: „Mama hat das Haus und die Rente. Die braucht nichts. Aber wir können ihr was rüberschieben, damit sie sich nicht übergangen fühlt.

8. 000 oder so, als Geste. “

Sieglinde sagte: „Ja, das ist gut. 8.

000 ist schön rund. Schreib was Nettes dazu, wenn du überweist. “ Xaver fragte: „Ist das nicht ein bisschen wenig? “ Und Konrad antwortete: „Xaver, was will sie denn damit?

Sie fährt nicht mal mehr in Urlaub. “

Sie haben das im selben Zimmer besprochen, in dem ihr Vater im Sterben lag. Ich stand in der Küche und hielt mich an der Arbeitsplatte fest. Die Suppe kochte über, ich merkte es nicht.

Und dann fiel mir ein, was mir kalt den Rücken hinunterlief: Ich hatte es ihnen gesagt, dass das Gehör das Letzte ist, was geht. Sie hatten genickt. Und dann haben sie sich um sein Bett gesetzt und ausgerechnet, was er wert ist. Ich ging ins Wohnzimmer.

Ich sagte nichts, ich konnte nicht. Sie wechselten sofort das Thema, wie Kinder das tun, wenn die Mutter hereinkommt. Sieglinde redete über das Wetter. Ich sah zu Alois.

Seine Augen waren geschlossen, aber aus dem Augenwinkel, auf der Seite, die zu den Kindern zeigte, lief eine Träne über die Schläfe ins Kissen. Er hatte jedes Wort gehört. Ich schickte die Kinder an diesem Nachmittag hinaus. Ich sagte nur, der Papa brauche Ruhe.

Dann setzte ich mich an sein Bett, nahm seine Hand und sagte: „Alois, ich bin da. Ich weiß, dass du das gehört hast. Es tut mir so leid. “ Er drückte meine Hand, ganz schwach.

Aber er drückte. Er starb elf Tage später, an einem Sonntagmorgen. Nach der Beerdigung ging alles seinen Gang. Die Versicherung wurde an die drei Kinder ausgezahlt, je 80.

000 Euro. Ich sagte kein Wort. Es war ihr Recht, so war es eingetragen. Drei Wochen später kam eine Überweisung über 8.

000 Euro von Konrad. Im Verwendungszweck stand: „Unterstützung Mama. “ Ich habe diesen Kontoauszug lange angesehen. Mit diesen zwei Wörtern haben meine Kinder mir mitgeteilt, wo mein Platz jetzt ist.

Ich bin nicht die Witwe, die das Vermögen ihres Mannes erbt. Ich bin ein Fall, den man unterstützt. Ich habe mich bedankt. Bei allen dreien habe ich angerufen und Danke gesagt.

Warum? Weil ich 72 bin, weil ich Angst hatte, sie zu verlieren, wenn ich etwas sage. Ich weiß heute, dass das falsch war. Aber ich verstehe die Frau von damals noch.

Die 16 Monate danach waren still. In den ersten Wochen kamen die Kinder oft. Konrad regelte Dinge, mit denen ich überfordert war. Dann wurde es weniger, wie das so ist.

Sieglinde rief einmal im Monat an. Konrad kam alle sechs bis acht Wochen vorbei, meist mit einem Anliegen. Xaver war der einzige, der ohne Grund kam, aber der ist im Winter viel in den Bergen. Ich lernte, allein zu leben.

Ich ging wieder in den Kirchenchor. Ich holte mir einen Kater aus dem Tierheim. Und ich schaute sehr genau auf mein Geld. Meine Rente plus die kleine Witwenrente sind knapp 1.

900 Euro. Davon geht die Hälfte für das Haus drauf. Es reicht, aber es reicht nicht für Überraschungen. Im zweiten Winter kam die Überraschung.

Ein Sturm holte mir drei Ziegel vom Dach. Der Dachdecker sagte, das ganze Dach müsse in den nächsten Jahren neu, geschätzt 42. 000 Euro. Ich saß am Küchentisch und rechnete.

Es ging nicht auf. Gar nicht. Ich dachte an die 28. 000, die jedes meiner Kinder mehr hatte, als es zum Leben braucht.

Ich dachte daran, ob ich fragen soll. Ich habe nicht gefragt. Ich wusste, was passieren würde. Konrad hätte gesagt: „Mama, wir gucken mal.

“ Sieglinde hätte gesagt, sie müsse das mit ihrem Mann besprechen. Ich beantragte stattdessen einen Kredit bei der Sparkasse, mit 72. Sie lehnten freundlich ab. Zwei Wochen später klingelte das Telefon.

Es war diese Frau von der Versicherung. Sie sagte, der Vertrag sei 2006 abgeschlossen worden. Eine Risikolebensversicherung mit unwiderruflichem Bezugsrecht zu meinen Gunsten. Versicherungssumme: 150.

000 Euro. Ich griff nach dem Küchenstuhl und setzte mich. 150. 000 Euro, auf mich, unwiderruflich.

Ich wusste nicht, was das bedeutet. Eine normale Lebensversicherung kann der Versicherungsnehmer jederzeit ändern. Bei einem unwiderruflichen Bezugsrecht geht das nicht. Sobald es eingetragen ist, gehört das Geld dem Begünstigten.

Alois hatte 2006 eine zweite Versicherung abgeschlossen, mich als Begünstigte eingetragen und dieses Bezugsrecht unwiderruflich gemacht, damit niemand es später ändern konnte – auch er selbst nicht. Ich ließ mir die Unterlagen kommen. In den Antragsunterlagen lag eine Kopie des Formulars. Da gibt es ein Feld für Bemerkungen, meist bleibt es leer.

Alois hatte es ausgefüllt, in Druckbuchstaben. Da stand: „Die alte Police läuft auf die Kinder. Das lasse ich so. Das ist deren gutes Recht.

Aber meine Frau soll nicht betteln müssen. Diese hier ist nur für sie und kann nicht mehr geändert werden. Auch nicht von mir. “

Ich saß an meinem Küchentisch und las diesen Satz immer wieder.

Mein Mann hatte sich selbst misstraut. Er hatte gewusst, dass die Kinder irgendwann kommen und reden werden. Dass er ein weicher Mann ist, der nachgibt. Also machte er es so, dass er es selbst nicht mehr rückgängig machen konnte.

Er hat sich die Hände gebunden, um mich zu schützen – vor seinen eigenen Kindern und vor sich selbst. Das Geld wurde ausgezahlt. Vier Wochen später waren 150. 000 Euro auf meinem Konto.

Ich habe es den Kindern nicht sofort gesagt. Ich wusste einfach nicht wie. Erfahren haben sie es im Frühjahr durch Zufall. Sieglinde sah einen Brief der Versicherung auf meinem Küchentisch liegen, las ihn ohne zu fragen und kam damit in die Küche: „Mama, was ist das?

“ Ich sagte: „Das ist die zweite Versicherung von eurem Vater. “

Es dauerte keine zwei Stunden, da rief Konrad an. Er sagte: „Mama, das ist ja ein Ding. Warum hast du nichts gesagt?

Wir müssen das jetzt vernünftig aufteilen. “ Ich fragte: „Was müssen wir aufteilen? “ Er sagte: „Na, die 150. Papas Geld gehört doch der Familie.

Wir haben ja auch geteilt. “

Ich habe in meinem ganzen Leben so etwas nicht gemacht. Ich habe ihn ausreden lassen und dann eine einzige Frage gestellt, ganz ruhig: „Konrad, wie viel habe ich von den 240 bekommen? “ Er sagte: „Mama, das war doch was ganz anderes.

Das war auf uns eingetragen. “ Ich sagte: „Ich frage, wie viel. “ Er sagte: „8. 000.

“ Ich sagte: „Und im Verwendungszweck stand: Unterstützung Mama. Das habe ich mir aufgehoben. Der Auszug liegt hier. “

Es war still.

Dann sagte ich: „Diese Police ist unwiderruflich auf mich eingetragen. Das hat euer Vater 2006 so gemacht, damit sie niemand mehr ändern kann, auch er selbst nicht. Er hat dazu geschrieben. “ Konrad sagte, das sei nicht nötig.

Ich habe es trotzdem vorgelesen: „Meine Frau soll nicht betteln müssen. “ Danach war es lange still. Dann sagte er: „Das hat er wegen uns geschrieben, oder? “ Ich sagte: „Ja, Konrad.

Und er hat es 2006 geschrieben, da war er noch gesund. Da hat er euch nur angeschaut und gewusst, wie es kommt. “

Das ist jetzt 14 Monate her. Ich habe das Geld behalten, vollständig.

Nicht um sie zu bestrafen. Sondern weil Ihr Vater 16 Jahre lang 62 Euro im Monat von seinem Taschengeld bezahlt hat, damit ich es habe. Ich hätte kein Recht, das wegzugeben. Ich habe davon das Dach machen lassen, das Alois selbst nicht mehr geschafft hat.

Ein Zimmerer, dessen eigenes Dach alt war, weil die Knie nicht mehr mitmachten. Das hat ihn bis zuletzt geärgert. Der Rest liegt fest angelegt. Ich lebe von meiner Rente wie vorher.

Xaver, der Jüngste, hat mich zwei Wochen nach dem Anruf besucht. Er saß an meinem Küchentisch und sagte: „Mama, ich habe damals gefragt, was mit dir ist, am Bett von Papa. Aber ich habe nicht weitergefragt, als der Konrad mit den 8. 000 kam.

Das tut mir leid. “ Ich sagte: „Xaver, du warst der einzige, der überhaupt gefragt hat. Und dein Vater hat das auch gehört. “ Er hat mich angesehen.

Ich erzählte ihm von der Träne. Mein Sohn, ein Bergführer, der Menschen aus Lawinen holt, hat an meinem Küchentisch geweint wie ein Kind. Sieglinde und ich reden wieder, seit ein paar Monaten, vorsichtig. Mit Konrad ist es schwierig.

Er findet bis heute, ich hätte teilen müssen. Er sagt es nicht mehr direkt, aber es steht bei jedem Besuch im Raum. Das neue Dach ist im Sommer fertig geworden. Rote Ziegel, so wie Alois sie immer wollte.

Ich habe die Zimmerer gefragt, ob sie ihn gekannt haben. Der Älteste sagte: „Den Brunnhuber Alois, der hat mir das Handwerk beigebracht. “ Sie haben mir keinen Cent für die Arbeitsstunden berechnet, nur das Material. Der Meister sagte: „Frau Brunnhuber, das ist das Dach vom Alois.

Da nehmen wir nichts. “

Ich sitze jetzt manchmal abends im Garten und schaue hinauf. Er hat es doch noch gedeckt bekommen, sein Dach.