Elf Monate nach Antons Tod standen meine Kinder in seinem Buchladen,und mein Sohn sagte:"Das ist doch alles Altpapier,Mama." Zweitausend Bücher,die er vierzig Jahre lang gesammelt…

Elf Monate nach Antons Tod standen meine Kinder in seinem Buchladen,und mein Sohn sagte:"Das ist doch alles Altpapier,Mama." Zweitausend Bücher,die er vierzig Jahre lang gesammelt...

Elf Monate nach dem Tod meines Mannes standen meine Kinder in seinem Buchladen und sagten, das sei alles Altpapier. Zweitausend Bücher, die niemand kaufen wolle. Sie hatten schon einen Container bestellt. Ich bat um eine Woche, nur eine Woche, um mich zu verabschieden.

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In dieser Woche fand ich in diesem Laden etwas, das mir zeigte, dass ich siebenundvierzig Jahre lang neben einem Mann gelebt hatte, der mir jeden Tag etwas sagen wollte und es nie über die Lippen brachte. . Ich bin Elfriede Kolb, siebzig Jahre alt, und ich lebe in Konstanz in der Altstadt, ein paar Straßen vom See entfernt. Anton war Buchhändler, Antiquar, genauer gesagt.

Er hatte einen kleinen Laden in einer Seitengasse, keine dreißig Quadratmeter, vollgestopft bis unter die Decke mit gebrauchten Büchern. Er hat ihn 1984 übernommen von einem alten Herrn, der keine Nachfolge hatte, und er hat ihn vierzig Jahre lang geführt. Nicht besonders erfolgreich, das muss man ehrlich sagen. Ein Antiquariat in einer Nebenstraße macht niemanden reich.

Wir haben immer knapp gelebt, aber Anton war glücklich in diesem Laden. Er saß dort zwischen seinen Büchern mit einer Tasse Tee, und wenn jemand hereinkam, konnte er zu fast jedem Buch etwas erzählen. . Wir waren siebenundvierzig Jahre verheiratet, und ich muss Ihnen etwas über unsere Ehe erzählen, damit Sie den Rest verstehen.

Anton war ein schweigsamer Mann, nicht kalt, nicht abweisend, einfach still. Er redete gern über Bücher, über Geschichte, über den Bodensee und das Wetter, aber über sich selbst, über das, was in ihm vorging, hat er in siebenundvierzig Jahren fast nie gesprochen. Er hat mir nie gesagt, dass er mich liebt. Kein einziges Mal, soweit ich mich erinnere, nicht bei der Hochzeit, nicht bei der Geburt der Kinder, nicht an unserem vierzigsten Hochzeitstag.

. Ich habe ihn einmal danach gefragt. Das war, ich glaube, 1989. Wir waren fünfzehn Jahre verheiratet, und ich war in einer schwierigen Phase.

Ich fühlte mich unsichtbar. Ich habe ihn abends in der Küche gefragt:"Anton, liebst du mich eigentlich noch? " Und er hat mich angesehen, lange. Und dann hat er gesagt:"Elfriede, was für eine Frage.

" und ist ins Wohnzimmer gegangen. Ich habe in dieser Nacht geweint und habe die Frage nie wieder gestellt. Ich will ehrlich sein. Dieser Abend hat mein Leben verändert, und nicht zum Guten.

Danach habe ich aufgehört zu fragen. Ich habe aufgehört zu erwarten. Ich habe mir angewöhnt, meine Bestätigung woanders zu suchen, bei den Kindern, bei Freundinnen, bei der Arbeit in der Schule, bevor ich sie aufgab. Und ich habe angefangen, mir eine Erklärung zu bauen.

Die Erklärung lautete: Anton ist ein anständiger Mann, aber die Liebe ist irgendwann eingeschlafen, und er bleibt aus Gewohnheit und Pflichtgefühl. Damit habe ich Jahre gelebt. . Es gab schöne Zeiten.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Wir haben viel gelacht. Wir sind sonntags am See spazieren gegangen, jahrzehntelang dieselbe Runde. Er hat mir jeden Morgen den Kaffee gemacht, weil er früher aufstand.

Aber unter allem lag diese eine Sache, dass ich nicht wusste, ob ich geliebt werde, und dass ich nach diesem Abend im März zu stolz war, noch einmal zu fragen. Das ist meine Ehe in einem Bild. Ein guter Mann, ein treuer Mann, ein Mann, der jeden Tag nach Hause kam und nie ein böses Wort sagte. Und eine Frau, die sich Jahre lang gefragt hat, ob sie geliebt wird.

. Wir haben zwei Kinder. Gudrun ist sechsundvierzig. Sie ist Apothekerin in Singen,und Bernhard ist dreiundvierzig.

Er arbeitet bei einer Versicherung in Friedrichshafen. Beide sind vernünftige, ordentliche Menschen. Sie haben ihren Vater geliebt auf ihre Art, aber sie haben ihn nie verstanden, so wenig wie ich ihn verstanden habe. Für sie war Papa der Mann, der in einem staubigen Laden saß und kein Geld verdiente.

Anton starb vor elf Monaten. Es ging schnell, ein Aneurysma. Er saß in seinem Laden auf seinem Hocker hinter dem Tresen,und eine Kundin fand ihn. Er hatte ein Buch in der Hand.

Nach der Beerdigung blieb der Laden erst einmal zu. Ich konnte nicht hinein. Ich hatte den Schlüssel, aber ich stand mehrmals davor und bin wieder gegangen. Und in dieser Zeit fingen meine Kinder an zu rechnen.

Der Laden war gemietet,vierhundertachtzig Euro im Monat. Ein alter Vertrag, sonst wäre es in der Konstanzer Altstadt längst nicht mehr bezahlbar gewesen. Aber vierhundertachtzig Euro sind vierhundertachtzig Euro,und die gingen jeden Monat von meiner Witwenrente ab für einen Laden, der geschlossen war. Gudrun sagte es zuerst.

Sie kam an einem Sonntag und sagte:"Mama, du musst den Laden aufgeben. Du zahlst da fast fünftausend Euro im Jahr für nichts. " Und sie hatte recht. Das ist wichtig.

Ich sage es immer wieder in dieser Geschichte. Meine Kinder hatten mit ihren Zahlen recht. Bernhard hat sich dann informiert. Er rief bei zwei Buchhändlern an und bei einem Antiquariat in Freiburg und fragte, was so ein Bestand wert sei.

Und die Antworten waren alle ähnlich. Zweitausend gebrauchte Bücher, überwiegend deutsche Literatur, Sachbücher, alte Reiseführer. Das sei heute praktisch unverkäuflich. Der Markt sei zusammengebrochen.

Man könne froh sein, wenn jemand die Sachen kostenlos abhole. Bernhard sagte am Telefon zu mir:"Mama, ich sag’s dir, wie es ist. Papa hat vierzig Jahre lang Zeug gesammelt, das keiner mehr will. Das ist Altpapier.

Wir müssen das entsorgen und den Laden kündigen, sonst frisst dich die Miete auf. " Ich möchte kurz innehalten. Wenn Sie das kennen, wenn jemand das Lebenswerk eines Menschen, den Sie geliebt haben, in einem Satz zu Müll erklärt hat, dann sind Sie hier richtig. Hier erzählen Frauen wie ich, was sich dahinter verbarg.

An einem Samstag im Frühjahr trafen wir uns alle drei am Laden. Gudrun und Bernhard hatten alles organisiert. Ein Entrümpelungsunternehmen sollte am folgenden Montag kommen mit einem Container. Die Bücher sollten zur Altpapierverwertung,die Regale zum Sperrmüll.

Der Mietvertrag war zum Quartalsende gekündigt. Wir schlossen auf. Es roch nach Papier und Staub und ein bisschen nach Anton, nach dem Tee, den er immer trank. Die Kinder gingen durch die Regale,und Gudrun sagte:"Meine Güte, ist das viel.

" Und Bernhard sagte:"Und alles wertlos. Guck mal hier, Reiseführer von 1992. Wer will denn sowas? " Und dann sagte er den Satz, wegen dem ich ihnen diese Geschichte erzähle.

Er sagte:"Das ist doch alles Altpapier, Mama. " Ich stand zwischen den Regalen meines toten Mannes und hörte meinen Sohn sein Lebenswerk in drei Worten zusammenfassen,und ich sagte:"Ich brauche eine Woche. " Sie protestierten, der Container sei bestellt. Die Firma habe einen Termin, das kostet.

Ich sagte, ich bezahle die Umbuchung. Ich brauche eine Woche, um mich zu verabschieden. Danach könnt ihr machen, was ihr wollt. Sie haben nachgegeben, widerwillig.

Am Montagmorgen bin ich allein in den Laden gegangen mit einer Thermoskanne Kaffee und habe mich auf Antons Hocker gesetzt. Ich wollte nichts Bestimmtes. Ich wollte einfach da sitzen, wo er gesessen hat, und ein paar Bücher in die Hand nehmen, bevor sie in den Container wandern. Und ich nahm das erste Buch aus dem Regal hinter dem Tresen.

Ein alter Roman, Storm, glaube ich, in einem grünen Leineneinband. Ich schlug es auf,und da lag ein Zettel, ein schmaler Streifen Papier wie ein Lesezeichen, mit Antons Handschrift darauf. Klein, ordentlich, mit Füller geschrieben. Auf dem Zettel stand ein Datum und darunter ein Satz.

Es stand:"14. März 1989. Heute hat Elfriede mich gefragt, ob ich sie noch liebe. Ich habe gesagt, was für eine Frage.

Ich hätte sagen sollen: Mehr als an dem Tag, an dem ich dich geheiratet habe. Ich konnte es nicht, aber es steht hier. " Ich saß auf diesem Hocker und konnte nicht atmen. Der vierzehnte März 1989.

Der Abend in der Küche. Die Frage, die ich nie wieder gestellt habe. Er hatte sie beantwortet am selben Tag in einem Buch, das er dann ins Regal gestellt hat, wo es sechsunddreißig Jahre lang gestanden hat. Ich habe das nächste Buch genommen und das übernächste.

Nicht in jedem lag ein Zettel, aber in vielen. Ich möchte kurz innehalten, bevor ich Ihnen erzähle, wie viele es waren. Wenn Sie bis hierher zugehört haben, dann wissen Sie, dass es Menschen gibt, die alles sagen, nur nicht laut. Hier erzählen Frauen,die es zu spät erfahren haben und trotzdem froh darüber sind.

Ich habe diese Woche gebraucht,die ganze Woche, jeden Tag von morgens bis abends. Ich habe zweitausend Bücher in die Hand genommen und durchgeblättert, eines nach dem anderen. Ich habe dreihundertzweiundvierzig Zettel gefunden. Dreihundertzweiundvierzig,über vierzig Jahre verteilt,und jeder war so aufgebaut wie der erste.

Ein Datum und ein Satz, den Anton mir an diesem Tag hätte sagen sollen und nicht sagen konnte. Ich lese Ihnen einige vor. Ich habe sie inzwischen abgeschrieben in ein Heft,nach Jahren geordnet. "2.

Juni 1977. Heute hat Elfriede Gudrun bekommen. Ich stand im Flur und habe geweint,und es niemandem gezeigt. Sie war so tapfer.

Ich hätte ihr sagen sollen,dass ich sie bewundere. " November 1983. Elfriede hat heute ihre Stelle in der Schule aufgegeben,damit ich den Laden übernehmen kann. Sie hat gesagt,das macht man so.

Ich hätte sagen müssen: Du gibst gerade dein Leben für meinen Traum. Ich habe nur danke gesagt. " 7. Januar 1990.

Elfriede hat seit drei Tagen Grippe und steht trotzdem auf und macht Frühstück für die Kinder. Ich habe gesagt,bleib doch liegen. Sie hat gelacht. Ich hätte sagen sollen,dass ich in meinem Leben keinen zäheren Menschen getroffen habe als sie.

" 8. August 1996. Streit wegen des Geldes. Sie hat geweint.

Ich habe die Tür zugemacht und bin in den Laden gegangen. Ich hätte bleiben und sie in den Arm nehmen sollen. Ich kann das nicht. Ich weiß nicht,warum ich das nicht kann.

" 23. Dezember 2001. Wir hatten kaum Geld für Weihnachten. Elfriede hat aus nichts ein Fest gemacht.

Die Kinder haben es nicht gemerkt. Ich habe es gemerkt. Ich hätte es sagen sollen. " April 2005.

Heute wurde bei Elfriede der Knoten in der Brust untersucht. Gutartig. Ich habe im Wartezimmer gesessen und mit Gott verhandelt,obwohl ich nicht glaube. Ich habe ihr nachher gesagt:"Na also.

Ich hätte sagen sollen: Ohne dich wäre mein Leben vorbei. " 11. September 2012. Elfriede hat sich die Haare kurz schneiden lassen und mich gefragt,wie es aussieht.

Ich habe gesagt,gut. Es sah wunderschön aus. Ich habe sie den ganzen Abend angesehen,wenn sie nicht hingeguckt hat. " Ich saß in diesem Laden und las die Geschichte meiner eigenen Ehe,geschrieben von einem Mann,der sie mir nie erzählt hatte.

Und ich muss ihnen sagen,was das mit mir gemacht hat,denn es war nicht nur schön. Die ersten zwei Tage habe ich fast durchgehend geweint. Vor Rührung,ja,aber auch vor Wut,denn ich hatte siebenundvierzig Jahre lang neben einem Mann gelebt,der mich in jeder Sekunde geliebt hat. Und ich habe es nicht gewusst.

Ich habe Abende gehabt,in denen ich mich wertlos gefühlt habe. Ich habe Jahre gehabt,in denen ich mich gefragt habe,ob er noch bei mir wäre,wenn die Kinder nicht wären. All diese Stunden hätten anders sein können. Ein einziger Satz an einem Abend im März 1989 hätte mein halbes Leben verändert.

Am dritten Tag habe ich auf diesem Hocker gesessen und laut in den leeren Laden gesagt:"Warum hast du es nicht gesagt,Anton? Warum? " Es hat natürlich niemand geantwortet,aber am Abend fand ich einen Zettel,der so etwas wie eine Antwort war. Er lag in einem Buch über Vögel.

Da stand:"16. Februar 1998. Ich habe heute wieder nichts gesagt. Ich weiß,dass sie darauf wartet.

Mein Vater hat meiner Mutter auch nie etwas gesagt,und ich habe mir als Junge geschworen,dass ich anders werde. Ich bin nicht anders geworden. Ich kann es aufschreiben. Ich kann es nicht sprechen.

Vielleicht ist das feige. Es ist jedenfalls alles,was ich habe. " Ich habe diesen Zettel lange in der Hand gehalten,und danach war die Wut weg,denn ich verstand,dass es keine Nachlässigkeit war. Es war eine Behinderung.

Mein Mann konnte es nicht sagen,so wie ein anderer nicht laufen kann. Und statt aufzugeben,hat er einen Umweg gefunden,den einzigen,der ihm möglich war. Und der letzte Zettel,den ich fand,war der schwerste. Er lag in einem Buch,das noch nicht im Regal stand,sondern auf dem Tresen.

Es war das Buch,das Anton in der Hand hatte,als er starb. Er trug ein Datum von drei Tagen vor seinem Tod. Da stand:"Elfriede hat heute morgen gesagt,sie geht kurz zum Bäcker. Sie hat sich an der Tür noch mal umgedreht und gelächelt.

Ich denke oft,dass ich zuerst gehen werde. Wenn es so kommt,wird sie glauben,sie hat nicht genug gewusst. Sie wird glauben,ich habe zu wenig gesagt. Sie hat recht,aber es liegt alles hier.

Ich hoffe,sie findet es. Ich hoffe,sie findet es. " Er hat gehofft,dass ich die Bücher durchsehe. Er hat vierzig Jahre lang Zettel in Bücher gelegt und gehofft,dass seine Frau nach seinem Tod jedes einzelne aufschlägt.

Und meine Kinder hatten einen Container bestellt. Am Sonntag darauf kamen Gudrun und Bernhard,um zu hören,ob ich mich verabschiedet hätte. Ich hatte alle Zettel auf dem großen Tisch ausgelegt,den Anton als Packtisch benutzt hatte. Stück für Stück,nach Jahrzehnten sortiert.

Bernhard sagte:"Was ist das? " Ich sagte:"Setzt euch und lest. " Sie haben gelesen,erst schnell,dann immer langsamer. Gudrun kam an den Zettel von ihrem Geburtstag,den zweiten Juni 1977,und sie las ihn zweimal und sagte dann leise:"Papa hat geweint,als ich geboren wurde?

" "Ja",sagte ich. "Im Flur,wo es keiner gesehen hat. " Sie setzte sich hin. Sie sagte,er hat mir nie gesagt,dass er stolz auf mich ist,nicht einmal,als ich das Staatsexamen bestanden habe.

Ich sagte:"Sieh nach,mein Kind,such das Datum. " Und sie hat gesucht in den Zetteln von 2005,und sie hat ihn gefunden. Da stand:"Gudrun hat heute ihr Examen bestanden. Ich habe zu ihr gesagt:Na also.

Ich hätte sagen sollen,dass ich seit ihrer Geburt auf diesen Tag gewartet habe und dass sie klüger ist,als ich je war. " Meine Tochter hat diesen Zettel an sich gedrückt wie ein Kind ein Kuscheltier,und geweint mit sechsundvierzig Jahren in dem Laden ihres toten Vaters. Bernhard fand einen Zettel von 1996,indem Anton schrieb,dass sein Sohn ihn heute gefragt habe,warum er nicht einen richtigen Beruf ergreife,und dass er darauf nichts geantwortet habe,obwohl er hätte sagen sollen,dass dieser Laden das einzige sei,was er richtig könne. Mein Sohn saß mit diesem Zettel in der Hand und sagte gar nichts.

Und dann fand er noch einen von 2018. Da stand:"Bernhard hat heute angerufen und gefragt,ob ich Geld brauche. Er hat es sich abgespart. Ich habe nein gesagt,weil ich mich geschämt habe.

Ich hätte ja sagen und ihm danken sollen. Er ist ein besserer Sohn,als ich ein Vater bin. " Bernhard legte den Zettel hin und ging nach draußen auf die Gasse. Er blieb eine Viertelstunde weg.

Als er wiederkam,hatte er rote Augen,und er sagte den Satz,auf den ich gewartet hatte,ohne es zu wissen. "Ich habe gesagt,das ist alles Altpapier",sagte er. "Ja",sagte ich. "Das war der Brief,den Papa sein Leben lang an dich geschrieben hat.

Und ich habe einen Container bestellt. " Ich möchte jetzt von dem anderen Teil dieser Woche erzählen,denn es gab noch etwas. Am vierten Tag,als ich das hinterste Regal durchging,das mit den alten unverkäuflichen Sachen,fand ich fünf Bücher,die in Seidenpapier eingeschlagen waren,sorgfältig,wie man etwas einpackt,das einem wichtig ist. Ich dachte zuerst,das sind Bücher,die er reparieren wollte.

Anton hat manchmal beschädigte Bände eingeschlagen,bis er dazu kam,sie zu binden. Ich packte das erste aus. Es war alt,sehr alt,in Leder gebunden. Ich verstehe von Büchern weniger als mein Mann,aber ich sah,dass es etwas Besonderes war,und darin lag kein persönlicher Zettel,sondern etwas anderes.

Ein Schreiben von einem Auktionshaus in Zürich. Eine Schätzung,sechs Jahre alt. Anton hatte diese fünf Bücher schätzen lassen. Es waren Erstausgaben,zwei davon signiert,aus einem Nachlass,den er in den Neunzigern für wenig Geld gekauft hatte.

Die Schätzung lag bei einundvierzigtausend Euro. Ich musste mich setzen. Ich habe die Zahl dreimal gelesen,weil ich dachte,ich hätte mich verzählt bei den Nullen. Und darunter in Antons Handschrift stand:"Nicht verkaufen,Rücklage für Elfriede.

" Er hatte diese Bücher vor über zwanzig Jahren gefunden und gewusst,was sie wert sind,und er hat sie nie angerührt. Und jetzt müssen Sie verstehen,was das bedeutet. Wir waren nicht wohlhabend,wir waren manchmal richtig knapp. 2016 ging unser Auto kaputt,endgültig,und wir haben ein halbes Jahr keins gehabt,weil das Geld nicht reichte.

Anton ist bei Regen mit dem Fahrrad in den Laden gefahren mit über sechzig. Musste die Heizung repariert werden,und wir haben einen kleinen Kredit aufgenommen,den wir zwei Jahre abbezahlt haben. In der ganzen Zeit standen im hintersten Regal seines Ladens fünf Bücher im Wert von einundvierzigtausend Euro,in Seidenpapier,unangerührt. Er hätte jedes Problem unseres letzten Lebensjahrzehnts mit einem Anruf bei diesem Auktionshaus lösen können.

Er hat es nicht getan,weil das Geld nicht für uns war. Es war für mich,für danach,für den Fall,dass er zuerst geht. Und mein Sohn hatte gesagt,es sei alles Altpapier. Das ist jetzt sieben Monate her.

Der Laden ist nicht gekündigt. Ich habe die Kündigung zurückgenommen. Der Vermieter war einverstanden. Er ist ein alter Bekannter von Anton.

Ich habe die fünf Bücher über das Auktionshaus in Zürich verkauft. Sie brachten etwas mehr als die Schätzung,achtundvierzigtausend Euro. Von diesem Geld ist die Miete für den Laden auf viele Jahre gesichert,und es bleibt noch etwas übrig,das mir Ruhe gibt. Und ich habe den Laden wieder aufgemacht.

Nicht jeden Tag,dienstags,donnerstags und samstags jeweils von zehn bis vier. Ich sitze auf Antons Hocker. Ich koche Tee,und ich verkaufe gebrauchte Bücher an die wenigen Menschen,die noch welche kaufen. Ich verdiene damit fast nichts.

Das muss ich auch nicht mehr. Aber es gibt Leute,die wiederkommen. Alte Kunden von Anton,die dachten,der Laden sei tot. Studenten.

Eine Frau,die jeden Donnerstag kommt und sich immer ein Buch aussucht und dabei eine halbe Stunde mit mir redet,weil sie sonst mit niemandem redet. Ich habe in diesen sieben Monaten mehr Menschen kennengelernt als in den zehn Jahren davor. Das hätte ich nie gedacht mit siebzig. Und ich habe angefangen,etwas zu verstehen,dass Anton immer gewusst haben muss.

Dieser Laden war nie ein Geschäft. Er war ein Ort,an dem Menschen hereinkommen und reden konnten. Deshalb hat er nie Geld verdient. Er hat auch nie welches verdienen sollen.

Ein alter Kunde,Herr Wetzel,ein pensionierter Lehrer,kommt jeden Dienstag. Er hat mir erzählt,dass er nach dem Tod seiner Frau zwei Jahre lang fast nicht gesprochen hat,außer bei Anton im Laden. Anton habe nie gefragt,wie es ihm gehe. Er habe ihm einfach jedes Mal ein Buch in die Hand gedrückt und gesagt,das müssen Sie lesen.

"Ihr Mann hat mich durch diese Zeit gebracht",sagte Herr Wetzel. "Ohne ein einziges Wort darüber. " Ich habe geantwortet. "Das klingt sehr nach ihm.

" Die Zettel habe ich abgeschrieben und binden lassen. Der Buchbinder,ein Kollege von Anton,hat es umsonst gemacht,als er hörte,worum es geht. Er hat gesagt,für den Anton mache ich das. Es ist ein Buch geworden,ein richtiges,mit Leineneinband.

Es steht bei mir im Regal,das einzige Exemplar auf der Welt. Gudrun hat es gelesen an einem Stück und mich danach angerufen und geweint. Sie hat gesagt:"Mama,ich habe Papa immer für kalt gehalten. Ich habe mich sogar geschämt,dass ich so denke,aber ich habe es gedacht.

" Bernhard hat es zweimal gelesen. Er sagte beim zweiten Mal:"Mama,ich verstehe Papa jetzt besser als zu seinen Lebzeiten. " Und dann hat mein Sohn etwas getan,das mich mehr gerührt hat als alles andere. Er hat angefangen,seiner Frau Zettel zu schreiben.

Kleine Notizen,die er ihr in die Tasche steckt. Er hat es mir erzählt,verlegen am Telefon. Er sagte,ich kann’s auch nicht gut sagen,Mama. Das habe ich wohl von ihm.

Aber ich will nicht,dass sie es erst erfährt,wenn ich tot bin. Das ist,glabe ich,das Beste,was aus dieser ganzen Geschichte geworden ist. Ich möchte Ihnen etwas mitgeben. Es gibt Menschen,die können nicht sagen,was sie fühlen.

Nicht,weil sie nichts fühlen,sondern weil in ihnen irgendwo etwas verschlossen ist,das sie selbst nicht aufbekommen. Mein Mann war so einer. Jahre lang hat er mir nie gesagt,dass er mich liebt,und siebenundvierzig Jahre lang hat er es 342 mal aufgeschrieben und in Bücher gelegt,in der Hoffnung,dass ich es eines Tages finde. Wenn Sie so einen Menschen an ihrer Seite haben,suchen Sie nach seiner Sprache.

Vielleicht ist es nicht das Reden. Vielleicht sind es Dinge,die er repariert. Wege,die er für sie fährt,oder Zettel in Büchern. Und wenn Sie selbst so ein Mensch sind,dann bitte ich Sie um eines.

Legen Sie Ihre Zettel nicht so gut versteckt. Sagen Sie es einmal laut,solange der andere noch da ist und es hören kann. Denn ich hätte sechsunddreißig Jahre lang wissen können,dass mein Mann mich mehr liebt als am Tag unserer Hochzeit. Und ich habe es an einem Dienstagmorgen erfahren,allein auf einem Hocker in einem Laden,den man abreißen wollte.

Ich bin Elfriede Kolb. In meinem Laden hinter dem Tresen steht ein grüner Leineneinband. Der Storm,in dem der erste Zettel lag,er ist nicht verkäuflich. Wenn jemand ihn haben will,sage ich,der ist schon vergeben.

Manchmal,wenn niemand im Laden ist,nehme ich ihn heraus und schlage ihn auf und lese die eine Zeile,die ich sechsunddreißig Jahre zu spät bekommen habe. Mehr als an dem Tag,an dem ich dich geheiratet habe. Und dann sage ich in den leeren Laden hinein:"Ich weiß,Anton,ich hab’s gefunden.

" und stelle es zurück ins Regal.