Als man mich nach der Bypassoperation aus dem Krankenhaus entließ, trug ich noch das billige Plastikarmband mit meinem Namen. Meine Hände zitterten ein wenig. Das tun sie seit dem Eingriff manchmal. Und die Ärzte sagen, das gibt sich.

Was sie nicht gesagt haben. Was man tut, wenn niemand da ist, der einen abholt. Ich hatte meinen Sohn angerufen, zweimal. Beim dritten Versuch kam nur noch die Mailbox.
Beim vierten Versuch stellte ich fest, dass meine Nummer gesperrt war. 67 Jahre alt. Vier Tage nach einer offenen Herzoperation. Kein Taxigeld, weil meine Brieftasche noch zu Hause lag.
Ich war mit dem Rettungswagen eingeliefert worden. Mein Sohn hatte meinen Hausschlüssel. Mein Sohn hatte mir versprochen, er würde alles regeln. Ich stand also vor dem Haupteingang des Klinikums und schaute auf den Parkplatz.
Es war Februar. Der Atem stand als kleine Wolke vor meinem Mund. Was ich in diesem Moment dachte, ich dachte nicht an den Herzinfarkt. Ich dachte nicht an die Narbe, die sich quer über meine Brust zog.
Ich dachte, irgendwann habe ich etwas falsch gemachtund ich weiß nicht mehr wann. Mein Name ist Gerot, nicht Geras. Gernot Wiesner, geboren in Linz, aufgewachsen in München, seit 40 Jahren Schreinermeister in Augsburg. Ich habe mit meinen Händen gearbeitet, solange ich denken kann.
Nicht, weil mir nichts anderes übrig blieb, sondern weil Holz ehrlich ist. Es gibt keine Ausrede, wenn ein Zapfen nicht sitzt. Meine Frau Hanne Lore, sie ist vor 8 Jahren an Brustkrebs gestorben, hat immer gesagt, ich sei zu starr, zu wenig biegsam. Ich habe ihr damals widersprochen.
Jetzt auf diesem Parkplatz im Februar dachte ich, vielleicht hatte sie recht. Unser Sohn, ich nenne ihn hier nur so, ist spitz. Er arbeitet in der Finanzbranche, irgendwas mit Fonds und Portfolios. Ich habe nie ganz verstanden, was genau.
Was ich verstanden habe, seit er diese Frau geheiratet hat, ist er ein anderer Mensch. Oder vielleicht war er schon immer dieser Menschund ich habe es nicht sehen wollen. Die Hochzeit war wunderschön. Eine Villa am Starnberger See, Gäste, ein Caterer aus München.
Ich hatte zwölftausend Euro dazu gegeben, mein Ersparnis aus einem halben Jahr. Ich dachte, das sei selbstverständlich. Er hatte nicht danke gesagt, nicht einmal am Ende des Abends. Seine Frau, meine Schwiegertochter, hat von Anfang an bestimmt, wie das Familienleben auszusehen hat.
Weihnachten verbrachten sie lieber unter sich. Geburtstage waren nur für die engste Familie, was offenbar nicht mich einschloss. Wenn ich anrief, war er gerade beschäftigt. Wenn ich schrieb, kam die Antwort einen Tag später und in drei Worten.
Ich hatte mir lange eingeredet, das sei normal. Erwachsene Kinder haben ihr eigenes Leben. Man soll nicht klammern. Ich bin nicht der Typ, der klagt.
Aber dann kam der Herzinfarkt und dann kam dieses Bild. Ich vor dem Krankenhaus mit einem Plastikarmband und leeren Taschen. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich dort gestanden habe. Fünf Minuten, vielleicht 20.
Irgendwann kam eine Schwester rausund fragte, ob ich auf jemanden wartete. Ich sagte: „Nein, danke. Ich bin gleich weg. “ Sie schaute mich einen Moment lang an.
Dann sagte sie: „Einen Augenblick bitte. “ und verschwand wieder. Zwei Minuten später kam sie zurück und sagte: „Dr. Fabian Reus würde kurz mit mir sprechen wollen.
“
Ich kannte diesen Namen nicht. Ich hatte viele Namen gehört in den letzten Tagen. Ärzte, Pfleger, Stationsleiter. Ich nickte.
Der Mann, der aus dem Seiteneingang trat, war vielleicht Mitte 50. Graue Schläfen, weißer Kittel, der Stift noch hinter dem Ohr. Er war groß, größer als ich. Er schaute mich an und dann, das vergesse ich nie, wurde sein Gesicht anders.
Nicht besorgt, nicht professionell, sondern tatsächlich betroffen. Er sagte: „Herr Wiesner“ Ich sagte ja. Er sagte: „Sie erinnern sich wahrscheinlich nicht an mich. “ Ich erinnerte mich nicht.
Er sagte es mir trotzdem. Er sagte, er sei der Chirurg gewesen, der meine Bypass Operation durchgeführt hatte. Er habe meinen Namen natürlich auf den Unterlagen gesehen, aber das allein war es nicht. Er sagte: „Gernot Wiesner, Schreinermeister aus Augsburg.
Ich habe drei Tage überlegt, ob ich mich irre. “
Ich verstand nicht, was er meinte. Er sagte: „Vor 32 Jahren, Rosenheim. Sie hatten eine Werkstatt in der Nähe des Bahnhofs.
“ Und da, da war es plötzlich da. Nicht als klare Erinnerung, sondern zuerst als Gefühl. Rosenheim, der Winter. Der junge Mann mit den abgetragenen Schuhen,der in meinen Laden gekommen warund nicht gefragt, sondern nur geschaut hat.
Der Zettel an meiner Tür, studentische Aushilfe gesucht, ehrliche Arbeit, faire Bezahlung. Er hatte sich beworben für einen Hilfsjob. Ich hatte ihn eingestellt. „Fabian“, sagte ich.
Er nickte. Ich sagte nichts mehr. Ich konnte nicht. Was ich in diesem Winter getan hatte, war für mich keine große Sache gewesen, das muss ich ehrlich sagen.
Ich hatte einen Studenten gebraucht, der Regale schleppt, Holz sortiert, gelegentlich fegt. Fabian hatte diese Arbeit getanund er hatte sie gut getan, ohne Klagen, ohne viel zu reden. Er war Medizinsstudent gewesen im dritten Semesterund er hatte Geld gebraucht. Einfach so.
Seine Eltern hatten ihn nicht unterstützt. Nicht wegen bösen Willens,sondern weil sie selbst nichts hatten. Sein Vater war krank, seine Mutter hatte Pflegearbeit übernommen, das Stipendium reichte nicht. Die Studiengebühren,die Miete,das Essen,es war knapp,sehr knapp.
Ich hatte ihm damals mehr bezahlt als nötig. Nicht aus Großzügigkeit,sondern weil er gut gearbeitet hatte. 18 Markdie Stunde damals,das war anständig. Und ich hatte manchmal Mittagessen mitgebracht.
Nicht als Geste,sondern weil meine Frau immer zu viel kochte. Und einmal,als er mir beiläufig erzählt hatte,dass er nicht sicher sei,ob er das nächste Semester bezahlen könne,hatte ich gesagt: „Was fehlt? “ Er hatte nicht geantwortet. Ich hatte gefragt: „Fabian,was fehlt?
“ Er hatte gesagt: „Neunhundert Mark. “ Ich hatte ihm am nächsten Tag 900 Mark in einem Umschlag gegeben. Ich hatte gesagt,das ist kein Kredit. Er hatte protestiert.
Ich hatte gesagt,das ist kein Kredit. Tu Gutes,wenn du kannst,später. Das ist die einzige Rückzahlung,die ich will. “ Er hatte den Umschlag genommen.
Er hatte geweint. Das war das einzige Mal,dass ich Fabian hatte weinen sehen. Danach hatte er noch drei Monate für mich gearbeitetund dann war das Semester zu Endeund er war nach München gezogen. Wir hatten uns nicht wieder gesehen.
Auf dem Parkplatz des Klinikums 32 Jahre später sagte er: „Ich habe Ihr Herz operiert. Ich habe vier Stunden lang daran gearbeitetund ich wusste nicht,wer Sie sind,bis ich Ihren Ausweis gesehen habe. “ Er machte eine Pause. „Und dann habe ich nachgeschaut,wer Sie abholt.
“ Und da war kein Name. Ich sagte: „Mein Sohn wollte kommen. “ Es klang erbärmlich,sogar in meinen eigenen Ohren. Fabian sagte nichts darauf.
Er sagte stattdessen: „Mein Auto steht hier. Ich bringe Sie nach Hause. “ Ich sagte: „Das ist nicht nötig. “ Er sagte doch.
Und das war keine Diskussion
Auf der Fahrt nach Augsburg erzählte ich ihm. Nicht alles,aber genug. Die letzten Jahre mein Sohn,die Entfremdung,wie langsam das gegangen war,wie man es am Anfang nicht bemerkt,weil es immer eine Erklärung gibtund dann irgendwann keine mehr. Fabian hörte zu,er unterbrach nicht.
Er nickte manchmal. Als wir in meine Straße einbogen,sagte er: „Sie haben einen Schlüssel. “ Ich sagte: „Den hat mein Sohn. “ Fabian parkte das Auto.
Er schaute mich an. Er sagte: „Ich rufe meinen Schlüsseldienst an. Wir kommen rein. “ Mein erster Instinkt war zu protestieren.
Mein zweiter war zu schweigen. Ich schwieg. Der Schlüsseldienst kostete sechzig Euro. Fabian bezahlte,bevor ich reagieren konnte.
Ich sagte,ich gebe ihm das Geld zurück. Er winkte ab. Drinnen. In meiner eigenen Wohnung,die ich seit 10 Tagen nicht gesehen hatte,roch es nach Stillstand.
Fabian schaute sich um. Ich sah,was er sah. Ein Schreinehaushalt,ordentlich,aber allein. Fotosvon Hanne Lore.
Ein Werkzeugkasten unter dem Couchtisch,den ich nie weggeräumt hatte,weil er immer da gestanden hatte,solange wir verheiratet waren. Er setzte Wasser auf. Ich ließ es geschehen. Wir tranken Tee.
Er fragte,ob ich Unterstützung hatte,einen Arzt,der mich weiter behandelt,eine Krankenkasse,die Hauskrankenpflege schickt. Ich sagte: „Ich habe eine Hausärztin,Dr. Bachmann,die sei gut. “ Er nickte.
Er sagte,er werde ihr eine kurze Zusammenfassung schicken,wenn ich erlaubte. Ich erlaubte. Dann nach einer Weile Stille fragte er: „Wie ist das gekommen? “ „Mit Ihrem Sohn?
“ Ich dachte lange nach. Ich sagte,ich glaube,es hat nicht an einem Tag angefangen. Es hat langsam angefangenund ich habe nicht hingeschaut. Fabian sagte: „Haben Sie ihn einmal direkt gefragt,was los ist?
“ Ich sagte: „Nein. “ Er sagte: „Warum nicht? “ Ich sagte: „Weil ich Angst vor der Antwort hatte. “
Mein Sohn rief zwei Tage später,nicht von seiner eigenen Nummer,von einer unbekannten Nummer.
Das fiel mir sofort auf. Er sagte: „Papa,ich habe gehört,du bist entlassen worden. “ Ich fragte: „Von wem hast du das gehört? “ Er zögerte.
Er sagte,das Krankenhaus hat eine Nachricht geschickt. Ich sagte: „Du hast meine Nummer gesperrt. “ Stille. Er sagte: „Das ist kompliziert.
“ Ich sagte nichts. Er sagte: „Kann ich vorbeikommen? “ Ich sagte: „Ruf mich in einer Woche an. “ Dann legte ich auf.
Ich weiß selbst nicht,woher ich diese Ruhe hatte. Vielleicht von Fabian,vielleichtvon der Narbe,die mich daran erinnerte,wie nah es war. Vielleicht war es das erste Mal seit Jahren,dass ich mich nicht beeilte,etwas zu kitten. Fabian rief jeden zweiten Tag an.
Nicht lange,15 Minuten. Wie geht es Ihnen? Haben Sie gegessen? Wie ist der Blutdruck?
Ich sagte immer: „Gut,danke,alles in Ordnung. “ Einmal sagte ich,sie müssen das nicht tun. Er sagte,ich weiß. Und rief trotzdem weiter an.
Mitte März lud er mich zum Essen ein. Ein Restaurant in der Augsburger Innenstadt,schlicht aber gut. Seine Frau war auch dabei,eine stille,wache Frau namens Dorothee,die als Lehrerin arbeitete. Sie schüttelte mir die Handund sagte: „Fabian hat mir von Ihnen erzählt,seit Jahren.
“ Das überraschte mich. An diesem Abend erfuhr ich,was aus dem jungen Mann mit den abgetragenen Schuhen geworden war. Fabian hatte sein Studium abgeschlossen,mit Auszeichnung. Er hatte in Heidelbergund später in Wien spezialisiert.
Er war heute leitender Herzchirurg an einer der größten Kliniken in Bayern. Er hatte in den letzten Jahren über 1000 Eingriffe durchgeführt. Er hatte Hanne Lores Todestag recherchiert. Er hatte meinen Nachnamen gegoogelt,damals,als er meinen Ausweis sah,und zwei Tage mit sich gerungen,ob er mich ansprechen sollte oder nicht.
Er hatte sich gedacht,wenn dieser Mann jemanden hat,der auf ihn wartet,dann ist alles gut. Wenn nicht,dann muss ich etwas tun. Ich hatte niemanden. Also hatte er etwas getan.
Was niemand weiß,was ich auch Fabian erst Wochen später erzählt habe,ist,dass die Sache mit meiner Nummerund meinem Sohn nicht aus dem Nichts kam. Es gab eine Vorgeschichte. Vor zwei Jahren war es um mein Haus gegangen. Mein Eigenheim in Lechhausen,das ich seit dreißig Jahren besaß und abbezahlt hatte.
Mein Sohnund seine Frau wollten in München kaufen. Die Preise dort,sind unmöglich. Sie hatten gefragt,ob ich das Haus verkaufen und ihnen die Hälfte des Erlöses geben würde. Ich hatte nein gesagt,nicht aus Geiz,weil es mein Zuhause war,weil Hanne Lore dort gestorben war,weil die Werkbank im Keller mein Werkzeug trug.
Meine Schwiegertochter hatte gesagt,sie hingen mehr an Wänden als an ihrer eigenen Familie. Ich hatte nichts gesagt. Mein Sohn hatte nichts gesagt. Danach waren die Anrufe seltener geworden.
Danach war Weihnachten zweimal ausgefallen. Danach war meine Nummer schließlich gesperrt worden,irgendwann zwischen Oktober und dem Herzinfarkt,und ich hatte nicht einmal genau bemerkt,wann. Als ich Fabian das erzählte,schwieg er lange. Dann sagte er: „Haben Sie Ihrem Sohn gesagt,warum das Haus für Sie wichtig ist?
“ Ich sagte,er hätte es verstehen sollen. Fabian sagte,vielleicht,aber verstehen ist keine Selbstverständlichkeit,Gernot,das ist eine Fähigkeit. Manche Menschen müssen sie erst lernen. Mein Sohn kam schließlich vorbei.
Ende März,sein Sonntag Vormittag. Allein,ohne seine Frau,das fiel mir sofort auf. Er stand an meiner Türund schaute aus wie jemand,der seit Wochen nicht gut geschlafen hatte. Er sah aus wie sein Vater,dachte ich zum ersten Mal seit Jahren.
Das hatte ich vergessen. Ich ließ ihn rein. Wir saßen eine Weile am Küchentisch,ohne viel zu sagen. Ich machte Kaffee,weil man das so macht.
Er schaute auf die Fotos an der Wand,seine Mutter,er selbst als Kind,der alte Hund,den wir mal hatten. Dann sagte er,ich weiß,dass ich das nicht rückgängig machen kann. Ich sagte: „Was genau? “ Er sagte: „Alles.
“ Ich nickte. Er sagte: „Ich hatte dir versprochen,dass ich komme. “ Und dann,ich bin nicht gekommen. Er stockte.
„Miriam hat gesagt,es wäre besser so,dass es dir zu viel Stress macht, wenn…“ Er brach ab. Ich schaute ihn an. Ich sagte: „Du bist 40 Jahre alt. “ Er sagte: „Ich weiß.
“ Ich sagte: „Du weißt,dass ich nach einer Herzoperation allein vor dem Krankenhaus gestanden habe. “ Er schluckte,er nickte. Ich sagte nicht mehr. Manche Dinge muss man nicht in Worte fassen,sie sitzen trotzdem im Raum.
Was dann passierte,war nicht das Drama,das man sich vielleicht vorstellt. Es gab keine große Versöhnungsszene,keine Umarmung,keine gebrochene Stimme. Das ist nicht,wie es wirklich läuft. Man sitzt am Küchentisch,man trinkt Kaffee,man schweigt zusammenund irgendwann nach einer Stunde sagt der Sohn: „Kann ich öfter vorbeikommen?
“ Ich sagte: „Wenn du willst. “ Er sagte: „Ohne Miriam. “ erstmal. Ich sagte,das ist deine Entscheidung.
Er nickte. Er stand auf. Bevor er die Tür zumachte,drehte er sich noch einmal um. Er sagte: „Der Arzt,der dich operiert hat,wie heißt er?
“ Ich sagte: „Dr. Reus. “ Er nickte wieder. Er sagte: „Ich werde ihm schreiben.
“ Ich sagte,das wäre nett. Im April fing ich wieder an zu arbeiten. Nicht in der Werkstatt. Dafür war ich noch zu schwach.
Das Heben ging noch nicht. Aber ich suchte das Holz aus,ließ meinen Gesellen Tino die groben Arbeiten machen,und ich stand danebenund schauteund machte Anmerkungen. Das tat gut. Das Holz war noch da.
Die Maserung ändert sich nicht,ob man krank war oder nicht. Fabian kam einmal im Monat zu Besuch. Das war,wie er es formulierte,halb privat,halb medizinisch. Er schaute,ob ich die Medikamente nahm,ob ich nicht zu viel hob,ob der Blutdruck stimmte.
Dann blieb er manchmal zum Abendessen. Dorothee kam manchmal mit. Es war,wie man sagt,natürlich,nicht erzwungen,einfach da. Mein Sohn kam nun tatsächlich öfter.
Erst alle zwei Wochen,dann öfter. Er kam allein. Wir redeten nicht viel über das,was gewesen war. Das kam langsam in kleinen Stücken.
Wir tranken Kaffee,wir schauten manchmal Fußball. Er half mir,den Keller aufzuräumen,an einem langen Samstag im Mai. Er fand Hanne Lores alte Kochbücherund sagte: „Ich erinnere mich,dass sie immer…“ und brach abund schaute auf das Buch. Ich sagte,sie hat viel zu viel gekocht,immer.
Er lachte. Das erste Mal seit Jahren,dass ich ihn lachen hörte,ohne dass es gezwungen klang. Fabianund ich haben einmal im Sommer ein längeres Gespräch geführt. Wir saßen auf meiner Terrasse.
Es war warm,es gab Bier. Er erzählte mir von einem Patienten,der kurz nach mir operiert worden war. Ein Mann in meinem Alter. Ähnliche Operation,guter Verlauf.
Dieser Mann hatte Glück gehabt. Seine Tochter hatte ihn abgeholt. Die ganze Familie war da gewesen. Fabian sagte: „Ich habe in diesem Beruf viel gesehen.
Ich weiß,wie es ist,wenn jemand allein ist. Und ich weiß,wie es ist,wenn jemand nicht allein ist. “ Er machte eine Pause. „Der Unterschied ist größer,als viele denken.
Nicht medizinisch,menschlich. “
Ich sagte,haben Sie das Gefühl,dass Sie eine Schuld abbezahlen? Er dachte nach. Er sagte: „Nein,ich glaube nicht.
Ich glaube,ich tue das,weil Sie es damals getan haben,ohne es so zu nennen. Ohne Schuld,ohne Rechnung. Sie haben einfach geholfen. “ Er schaute mich an.
„Das wollte ich Ihnen irgendwie zurückgeben. Nicht als Schuld. “ Er suchte das Wort. „Als Fortführung.
“ Ich sagte nichts. Ich trank mein Bier. Der Abend warm. Im Herbst hatte ich mein erstes ernsthaftes Gespräch mit meiner Schwiegertochter.
Das war meine Entscheidung. Ich hatte meinen Sohn gebeten,sie mitzubringen. Er war überrascht gewesen,aber er hatte es getan. Sie kam vorsichtig herein.
Sie wirkte kleiner als in meiner Erinnerung. Nicht wegen ihr,sondern wegen mir. Ich hatte aufgehört,sie als Feind zu sehen. Man kann viel Energie damit verschwenden,jemanden als Feind zu betrachten.
Ich sagte ihr,dass ich verstand,dass Geldund Wohnen echte Themen sind,dass München teuer ist,dass Lebensplanung schwierig ist. Ich sagte ihr aber auch,was das Haus für mich bedeutet. Nicht als Wert auf dem Markt,sondern als Ort. Ich erzählte ihr,wo Hanne Lore die letzten Monate verbracht hatte,in welchem Sessel.
An welchem Fenster. Miriam hörte zu. Am Ende sagte sie,das wusste ich nicht. Ich sagte,ich weiß,dass du das nicht wusstest.
Ich hätte es früher sagen sollen. Wir werden keine besten Freunde werden. Das ist auch keine Forderung. Aber wir werden,ich glaube,wir werden funktionieren.
Manchmal reicht das. Was ich in diesem Jahr gelernt habe,ist folgendes: Lücken entstehen nicht durch große Ereignisse. Sie entstehen durch Wochen,in denen man nicht hinschaut. Durch Gespräche,die man aufschiebt.
Durch Annahmen,die man trifft,ohne sie auszusprechen. Mein Sohn hatte angenommen,ich sei zu stolz,um Hilfe zu brauchen. Ich hatte angenommen,er würde wissen,was sein Vater fühlt. Wir hatten beide Unrecht.
Wir hatten beide einen zu hohen Preis dafür bezahlt. Und Fabian? Fabian ist der Beweis dafür,dass 900 Markund ein ehrliches Mittagessen die längste Nachwirkung haben können. Nicht,weil er mir etwas zurückgeben wollte,sondern weil er ein Mensch ist,der nicht wegschaut.
Das ist selten. Das ist vielleicht das seltenste von allem. Heute ist Dezember. Ich sitze an meiner Werkbank,schleife ein Brett abund höre dem Radio zu.
Später kommt mein Sohn zum Mittagessen. Er kommt jetzt jeden zweiten Sonntag,manchmal mit Miriam,manchmal allein. Fabian hat heute morgen eine Nachricht geschickt. Er operiert bis 17 Uhr.
Danach fragt er,ob ich noch Lust auf ein Bier hätte. Ich habe ja geschrieben. Das Holz unter meinen Händen ist warm. Die Maserung läuft gerade.
Manche Tage sind einfach Tage. Kein Drama,keine Versöhnung,kein großes Wort. Man schleift ein Brett ab,man wartet auf seinen Sohn. Man trinkt ein Bier mit einem Freund,den man vor 32 Jahren einmal eingestellt hatund nie vergessen konnte,obwohl er damals doch eigentlich nur Regale geschleppt hat.
Vielleicht ist das,was am Ende bleibt,immer das Kleine. Die 900 Mark,das Mittagessen,der Anruf. Nicht das Große,das Kleine,das man getan hat,ohne zu denken,dass es je zurückkommt. Es kommt zurück,meistens leise.
Meistens dann,wenn man es am wenigsten erwartet. Meistens in Form eines Arztes,der deinen Namen auf einem Ausweis liestund sagt,ich glaube,ich kenne Sie


