Die Erde bebte unter ihren Füßen, als die letzten Verteidiger Sewastopols in den Kalksteinhöhlen unter der Stadt verzweifelt um ihr Leben kämpften. Am 4. Juli 1942, nach 250 Tagen der Hölle, fiel die uneinnehmbare Festung endgültig in die Hände der Wehrmacht. Generaloberst Erich von Manstein, einer der brillantesten Taktiker des Zweiten Weltkriegs, hatte sein Ziel erreicht, doch der Preis war so hoch, dass selbst die Sieger den Atem anhielten.
Die Schlacht um Sewastopol war die längste und blutigste Festungsschlacht des gesamten Krieges, die selbst die Schrecken von Verdun in den Schatten stellte. Was im November 1941 als schneller Vorstoß begann, entwickelte sich zu einem titanischen Ringen, das die strategische Lage an der gesamten Ostfront verändern sollte. Die Krim war nie nur ein geographisches Ziel, sie war der Schlüssel zum Schwarzen Meer, zur sowjetischen Ölversorgung aus dem Kaukasus und zur Südostflanke der gesamten Front.
Als die Heeresgruppe Süd im Spätsommer 1941 durch die Ukraine vorstieß, erkannte das Oberkommando der Wehrmacht die strategische Notwendigkeit, diese Halbinsel zu erobern. Die Schwarzmeerflotte der Sowjetunion operierte von hier aus, bedrohte die rumänischen Ölfelder bei Ploesti und konnte jederzeit Landungsoperationen an der deutschen Flanke durchführen. Manstein, der in Frankreich den Sichelschnittplan entwickelt hatte, stand nun vor einer völlig anderen Herausforderung.
Die Isthmus von Perekop, jene schmale Landbrücke, die die Krim mit dem Festland verband, war bereits im Oktober 1941 zum Schauplatz erbitterter Kämpfe geworden. Hier offenbarte sich ein Muster, das die gesamte Kampagne prägen sollte. Die Rote Armee nutzte jede natürliche Barriere, jeden befestigten Punkt, um den deutschen Vormarsch zu verzögern. Der Tatarengraben, eine historische Befestigung aus dem 15. Jahrhundert, wurde mit modernen Waffen bestückt und hielt die Wehrmacht tagelang auf.
Als Mansteins Truppen schließlich durchbrachen und die Krim überrollten, zogen sich die sowjetischen Verteidiger nicht etwa zurück oder kapitulierten. Sie konzentrierten sich in Sewastopol, der größten und am stärksten befestigten Stadt der Halbinsel. Vizeadmiral Philip Oktjabrski, Kommandeur der Schwarzmeerflotte, und General Iwan Petrow, Befehlshaber der Küstenarmee, verwandelten die Stadt in eine Festung, die ihresgleichen suchte.
Um zu verstehen, warum Sewastopol so lange standhielt, muss man die Stadt selbst verstehen. Sie war keine improvisierte Verteidigungsstellung, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger militärischer Planung. Nach der katastrophalen Belagerung im Krimkrieg von 1854 bis 1856 hatten die Russen systematisch eine der modernsten Festungsanlagen Europas errichtet. Die Topografie spielte den Verteidigern in die Hände, denn Sewastopol lag an einer tief eingeschnittenen Bucht, umgeben von Hügeln, die natürliche Verteidigungspositionen boten.
Die sowjetischen Ingenieure hatten diese natürlichen Vorteile maximal ausgenutzt. Um die Stadt herum erstreckte sich ein Gürtel von Befestigungen, der in drei konzentrische Ringe gegliedert war. Der äußere Ring lag etwa 15 bis 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und bestand aus Bunkern, Panzerabwehrstellungen und Artilleriestellungen. Der mittlere Ring war noch dichter befestigt mit unterirdischen Kommandoständen und Munitionsdepots. Der innere Ring schließlich umfasste die Stadtbefestigungen selbst, wo jedes Gebäude zur Festung werden konnte.
Besonders gefürchtet waren die Panzerbatterien. Diese gewaltigen Geschütztürme, die ursprünglich für Schlachtschiffe konzipiert worden waren, verfügten über Kanonen mit einem Kaliber von 305 Millimetern. Sie waren in massiven Betonbunkern untergebracht, deren Wände bis zu drei Meter dick waren. Die Maxim-Gorki-Batterie im Norden und die 30. Batterie im Süden konnten mit ihren Geschützen praktisch jeden Punkt im Umkreis von 25 Kilometern erreichen.
Unter der Erde lag ein weiteres Sewastopol. Ein Labyrinth aus Tunneln, Bunkern und unterirdischen Fabriken durchzog den Kalksteinfelsen, auf dem die Stadt erbaut war. Hier wurden Waffen repariert, Verwundete versorgt und Munition gelagert. Diese unterirdischen Anlagen boten Schutz vor selbst den schwersten Bombardements und ermöglichten es den Verteidigern, auch unter massivem Beschuss weiterzukämpfen.

Als Mansteins Truppen im November 1941 vor Sewastopol ankamen, herrschte bei der Führung der 11. Armee zunächst Optimismus. Man hatte die sowjetischen Truppen überall zurückgedrängt, Kertsch im Osten der Krim erobert und glaubte, Sewastopol würde nach kurzem Kampf fallen. Diese Einschätzung sollte sich als fataler Irrtum erweisen. Der erste Angriff auf die Festung begann in der zweiten Dezemberhälfte, und was folgte, war ein Gemetzel, das selbst erfahrene Frontsoldaten schockierte.
Die sowjetischen Verteidiger, eingeschlossen und ohne Aussicht auf schnelle Verstärkung, kämpften mit einer Verzweiflung, die jeden deutschen Vorstoß zu einem blutigen Ringen machte. Manstein setzte auf methodische Gewalt, seine Artillerie bombardierte die sowjetischen Stellungen Tag und Nacht, während Stukas der Luftwaffe präzise Angriffe auf identifizierte Bunker flogen. Doch die Festung schlug zurück, die schweren Küstengeschütze der Schwarzmeerflotte verwandelten deutsche Bereitstellungsräume in Mondlandschaften.
Ein besonderes Problem stellte die sowjetische Versorgung über See dar. Trotz deutscher Luftüberlegenheit gelang es der Schwarzmeerflotte unter Deckung der Nacht, Verstärkungen, Munition und Lebensmittel in die belagerte Stadt zu bringen. Schnelle Zerstörer und U-Boote durchbrachen die deutsche Blockade immer wieder, jeder dieser nächtlichen Konvois stärkte die Verteidiger und verlängerte ihren Widerstand.
Die Kämpfe erreichten im Dezember einen ersten Höhepunkt, als deutsche Truppen in die nördlichen Vororte drangen. Jedes Gebäude musste einzeln genommen werden, jeder Keller konnte einen Hinterhalt bergen. Die Verluste auf beiden Seiten waren erschreckend, ganze Kompanien wurden in Stunden aufgerieben. Der Boden gefror, was das Ausheben von Schützengräben erschwerte und die Soldaten den sowjetischen Scharfschützen aussetzte.
Manstein erkannte, dass ein schneller Sieg unmöglich war. Die Festung war zu stark, die Verteidiger zu entschlossen. Zudem erreichten ihn beunruhigende Nachrichten von der Ostküste der Krim, wo sowjetische Truppen eine amphibische Landung durchgeführt hatten und drohten, die 11. Armee von hinten aufzurollen. In der Nacht zum 26. Dezember 1941 begann die sowjetische Schwarzmeerflotte eine der ambitioniertesten Operationen des gesamten Krieges.
Unter dem Kommando von Vizeadmiral Oktjabrski landeten sowjetische Truppen bei Kertsch und Feodossija an der Ostküste der Krim. Binnen weniger Tage setzten die Sowjets über 40.000 Mann an Land, die sofort begannen, sich einzugraben und einen Brückenkopf zu errichten. Manstein sah sich gezwungen, die Belagerung Sewastopols abzubrechen und seine Divisionen gegen den neuen sowjetischen Brückenkopf zu werfen.
Im Januar und Februar 1942 tobten erbitterte Kämpfe auf der Halbinsel Kertsch. Manstein, nun an zwei Fronten kämpfend, bewies seine taktische Meisterschaft. Er führte geschickte Gegenangriffe durch, nutzte die Mobilität seiner Panzerdivisionen und verhinderte, dass die sowjetischen Truppen tiefer in die Krim vorstoßen konnten. Doch die Kräfte der 11. Armee waren begrenzt, und jeder Tag, den die Sowjets sich in ihrem Brückenkopf halten konnten, war ein Tag, den Sewastopol zum Durchatmen gewann.

Bis zum Frühjahr waren über 100.000 sowjetische Soldaten auf der Halbinsel Kertsch konzentriert, organisiert in der Krimfront unter General Dimitri Koslow. Manstein bereitete währenddessen einen Gegenschlag vor, der in die Militärgeschichte eingehen sollte. Die Operation Trappenjagd, die am 8. Mai 1942 begann, war ein Lehrstück deutscher Operationsführung, das zeigte, wie eine zahlenmäßig unterlegene Armee durch überlegene Taktik einen entscheidenden Sieg erringen konnte.
Die Luftwaffe unter dem Kommando von Generaloberst Wolfram von Richthofen lähmte die sowjetischen Gegenmaßnahmen. Binnen weniger Tage brach die sowjetische Verteidigung zusammen, deutsche Panzerspitzen stießen bis zur Küste vor und schnitten die Krimfront in mehrere isolierte Gruppen. Die Katastrophe für die Rote Armee war vollständig, innerhalb von zwei Wochen hatte Manstein über 160.000 sowjetische Soldaten getötet, verwundet oder gefangen genommen.
Mit der Vernichtung der Krimfront konnte Manstein nun alle verfügbaren Kräfte gegen Sewastopol konzentrieren. Er forderte vom Oberkommando der Wehrmacht alles, was die deutsche Kriegsmaschinerie zu bieten hatte. Hitler selbst nahm Anteil an den Planungen und genehmigte die Verlegung außergewöhnlicher Waffensysteme auf die Krim. Das spektakulärste war die 800-Millimeter-Kanone Dora, das größte jemals gebaute Geschütz der Welt, das über 1.400 Tonnen wog.
Neben Dora versammelte Manstein eine Artilleriestreitmacht, wie sie die Wehrmacht bis dahin noch nie konzentriert hatte. Über 130 Batterien vom schweren Mörser bis zur Eisenbahnartillerie wurden um Sewastopol in Stellung gebracht. Die Luftwaffe stellte das 8. Fliegerkorps unter Richthofen zur Verfügung, über 600 Flugzeuge sollten die Verteidiger aus der Luft zermürben.
Am 2. Juni 1942 begann die Operation Störfang, der finale Angriff auf Sewastopol. Was folgte, waren 27 Tage einer Hölle, die selbst die Schlacht um Verdun im Ersten Weltkrieg in ihrer Intensität übertraf. Über tausend Geschütze eröffneten gleichzeitig das Feuer, die Erde bebte unter dem Aufprall der Granaten, ganze Hügel wurden von der Landkarte gelöscht.
Die deutschen Infanteristen, die nach dem Vorbereitungsfeuer vorrückten, fanden eine apokalyptische Landschaft vor. Die Vegetation war verbrannt, der Boden aufgewühlt, die Luft erfüllt von Staub und Rauch. Doch trotz der massiven Zerstörung funktionierten die sowjetischen Verteidigungslinien noch immer. Aus Bunkern, die das Bombardement überlebt hatten, eröffneten Maschinengewehre das Feuer, Minenfelder forderten einen furchtbaren Tribut.
Im Nordsektor ragte die Maxim-Gorki-Batterie als Symbol des sowjetischen Widerstands empor. Diese gewaltige Befestigung mit ihren zwei 305-Millimeter-Geschütztürmen war eine Festung in der Festung. Manstein erkannte, dass die Batterie ausgeschaltet werden musste, bevor der Vorstoß im Nordsektor weitergehen konnte. Nach Tagen ununterbrochenen Bombardements gelang ein entscheidender Treffer, der die Panzerung eines der Geschütztürme durchschlug.

Während im Norden die Maxim-Gorki-Batterie fiel, tobte im Süden ein ebenso verzweifelter Kampf um die Sapun-Höhen. Diese Hügelkette, die sich südlich von Sewastopol erhob, war der Schlüssel zur Verteidigung der Stadt aus dieser Richtung. Wer die Sapun-Höhen kontrollierte, kontrollierte die Zugänge zur Innenstadt und konnte die sowjetischen Versorgungslinien zum Hafen unterbrechen.
Ende Juni 1942 waren die äußeren Verteidigungsringe Sewastopols durchbrochen. Die deutschen Truppen drangen nun in die Stadt selbst ein, wo jedes Gebäude, jede Straße zum Kampfplatz wurde. Die sowjetischen Verteidiger, in isolierte Gruppen zersplittert, kämpften ohne zentrale Koordination weiter. Am 29. Juni durchbrachen deutsche Einheiten die letzte zusammenhängende Verteidigungslinie und erreichten die Uferpromenade am Hafen.
In dieser verzweifelten Situation versuchte die sowjetische Führung das Unmögliche. Oktjabrski und Petrow erhielten aus Moskau den Befehl, sich mit dem Führungsstab zu retten. In der Nacht zum 1. Juli brachte ein U-Boot die beiden Kommandeure aus der brennenden Stadt. Diese Evakuierung der Führung, während Zehntausende einfacher Soldaten zurückblieben, sollte später zu heftigen Kontroversen führen.
Am 4. Juli 1942 erklärte Manstein die Stadt für erobert. Die Wehrmacht hatte gesiegt, aber zu einem erschreckenden Preis. Die 11. Armee hatte während der Belagerung über 24.000 Tote und mehr als doppelt so viele Verwundete zu beklagen. Die sowjetischen Verluste waren katastrophal, über 100.000 Soldaten waren gefallen, verwundet oder gefangen genommen worden. Sewastopol selbst war eine rauchende Ruine, 90 Prozent der Gebäude zerstört oder schwer beschädigt.
Für Erich von Manstein war der Fall Sewastopols der Höhepunkt seiner militärischen Karriere. Hitler beförderte ihn zum Generalfeldmarschall, eine Anerkennung, die nur wenigen zuteilwurde. Doch der strategische Wert dieses Sieges war begrenzt. Die Belagerung hatte über sieben Monate gedauert und enorme Ressourcen gebunden, die in der entscheidenden Sommeroffensive gegen Stalingrad und den Kaukasus dringend gebraucht wurden.
Die Geschichte Sewastopols endete nicht mit dem Fall im Juli 1942. Zwei Jahre später, im Frühjahr 1944, kehrte die Rote Armee zurück. Nach der Katastrophe von Stalingrad und dem Zusammenbruch der deutschen Südfront war die Wehrmacht überall in der Defensive. Im April 1944 durchbrachen sowjetische Truppen die deutschen Verteidigungslinien auf der Krim, die 17. Armee wurde eingekesselt.
Am 9. Mai 1944 war Sewastopol befreit. Die sowjetische Rache für die Demütigung von 1942 war vollständig. Die Stadt, die bereits zweimal zerstört worden war, lag erneut in Trümmern. Die Belagerung Sewastopols prägte die Schicksale aller Beteiligten auf tragische Weise und bleibt bis heute ein Mahnmal für die Zerstörungskraft des Krieges und die Widerstandskraft des menschlichen Geistes.


