Ich hatte das Gefühl, in einem falschen Film zu stecken, als ich die Tür zu meinem Strandhaus aufschloss und meine Eltern zusammen mit meinem Bruder dabei vorfand, wie sie Kisten auspackten. Meine Mutter rührte in einem Topf mit Kartoffelsuppe nach Omas Rezept, das ich seit ihrem Tod nicht mehr kochen konnte, weil es einfach zu sehr schmerzte. Mein Vater stellte eine Kiste mit Omas alten Grammophonplatten ab und sah mich an, als hätte ich mich unangemessen verhalten. Ich fragte ihn ruhig, warum er nicht sein eigenes Haus in Rostock an meinen Bruder überschrieb, wenn Familienbesitz doch allen zugute kommen sollte.

Er hatte darauf keine Antwort, sagte nur, ich solle mich beruhigen, wir könnten das wie Erwachsene besprechen. Aber wie sollte ich ruhig bleiben? Meine Großmutter hatte mir dieses Haus vererbt, zusammen mit einem handgeschriebenen Brief, in dem sie schrieb, dass das Meer etwas in mir heilen würde, das sonst niemand erreichen könne. Ich bewahrte diesen Brief bis heute in meiner Nachttischschublade auf.
Das Haus war kein Luxus, nur ein rotgedecktes Häuschen mit drei Zimmern und einem schmalen Sandweg, der direkt zum Strand führte. Kai, mein Bruder, hatte stattdessen eine Barauszahlung von 71. 000 Euro erhalten, ein gebrauchtes Motorboot und eine neue Marmorküche gekauft. Und jetzt standen sie hier, in meinem Haus, und packten meine Sachen aus.
Meine Neffen saßen vor dem Fernseher, den ich mir vor zwei Jahren gekauft hatte, umgeben von Spielzeug, das nicht hierher gehörte. Denise, Kais Frau, kam aus meinem Schlafzimmer mit einem Stapel Bettwäsche, lächelte kurz unsicher und wandte den Blick ab. Mein Vater sagte schließlich, die Hausverwaltung in Wieg hätte noch den alten Schlüssel von Oma im System gehabt. Als ich ihn fragte, ob sie das wirklich mit dem Haus machen wollten, das ich seit meiner Kindheit kannte, sah er mich nur an und sagte, ich solle mich zusammenreißen, es wäre ja schließlich nur ein Haus.
Ich stand in der Tür, die Autoschlüssel noch in der Hand, und hörte meinen eigenen Puls in den Ohren. Es war nicht nur ein Haus. Es war der Ort, an dem ich sie gepflegt hatte, bis sie ging, und der Ort, an dem ich mich endlich wieder wie ich selbst gefühlt hatte.


