Operation „Brunswick 1942″: Fall Blau, Stalingrad, Fall Kreml, der Kaukasus, Unternehmen Uranus

Operation „Brunswick 1942": Fall Blau, Stalingrad, Fall Kreml, der Kaukasus, Unternehmen Uranus

Die deutsche Sommeroffensive im Osten, die unter dem Decknamen „Fall Blau“ in die Geschichte eingehen sollte, begann mit einem verhängnisvollen Zwischenfall, der beinahe die gesamte strategische Planung der Wehrmacht zunichtegemacht hätte. Am 19. Juni 1942, nur neun Tage vor dem geplanten Angriffsbeginn, stürzte ein deutsches Fieseler Storch-Verbindungsflugzeug hinter den sowjetischen Linien bei Charkow ab. An Bord befand sich Major Joachim Reichel, der Operationschef der 23. Panzerdivision, einer Einheit, die für die bevorstehende Offensive vorgesehen war. Reichel trug geheime Dokumente bei sich, die die genauen Angriffspläne für „Fall Blau“ enthielten – den Vorstoß nach Süden, Richtung Woronesch, zum Don, nach Stalingrad und weiter in den Kaukasus. Das Flugzeug wurde von sowjetischen Truppen geborgen, Reichel getötet und die Papiere fielen in die Hände des Feindes. Für Hitler und die deutsche Führung hätte dies eine Katastrophe sein müssen, denn die wahre Stoßrichtung des Angriffs sollte strikt geheim bleiben.

Doch genau hier entfaltete der deutsche Täuschungsplan „Fall Kreml“ seine volle Wirkung. Seit Wochen hatten deutsche Einheiten der Heeresgruppe Mitte eine verstärkte Aktivität vorgetäuscht. Aufklärungsflüge in der Nähe Moskaus, das Studium von Karten der sowjetischen Hauptstadt und gezielte Funksprüche sollten Stalin glauben machen, dass ein erneuter Angriff auf Moskau unmittelbar bevorstehe. Als die erbeuteten Papiere von Major Reichel in Moskau eintrafen, misstraute Stalin ihnen zutiefst. Er vermutete, dass es sich um eine weitere deutsche Falle handelte, um ihn von der vermeintlichen Hauptbedrohung im Norden abzulenken. Dieser Zweifel war der entscheidende Faktor, der die sowjetische Führung davon abhielt, ihre Reserven rechtzeitig nach Süden zu verlegen. Der deutsche Zeitplan lief ungeachtet dessen weiter, und am 28. Juni 1942 begann „Fall Blau“ wie geplant.

Um die Tragweite dieser Entscheidung zu verstehen, muss man die militärische Lage im Frühjahr 1942 betrachten. Der deutsche Vormarsch auf Moskau war im Dezember 1941 gestoppt worden, Leningrad hielt der Belagerung stand, und die Rote Armee hatte im Januar 1942 eine erfolgreiche Gegenoffensive gestartet. Die Wehrmacht hatte zwar riesige Gebiete erobert, aber der Krieg im Osten hatte sich grundlegend verändert. Deutschland benötigte dringend Öl, um die Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten. Hitler richtete seinen Blick daher nicht mehr auf Moskau, sondern auf die Ölfelder des Kaukasus. Die Führerweisung Nummer 41 vom 5. April 1942 legte den Weg des Feldzugs fest: Zuerst musste die Krim gesäubert und Sewastopol eingenommen werden, dann sollte der Angriff in Richtung Woronesch, zum Don und weiter nach Stalingrad und Rostow führen, bevor der entscheidende Vorstoß in den Kaukasus erfolgen konnte.

Die erste große Bewährungsprobe für „Fall Blau“ war die Beseitigung des sowjetischen Brückenkopfes bei Isjum und Barwenkowo, der tief in deutsches Gebiet hineinragte. Im Mai 1942 griffen sowjetische Truppen von dort aus in Richtung Charkow an, um die Stadt zu entlasten. Die deutsche Antwort war das Unternehmen „Friderikus“. Während die 6. Armee unter General Friedrich Paulus bei Charkow hielt, schlug die 1. Panzerarmee unter General Ewald von Kleist aus dem Süden zu und schnitt den sowjetischen Verbänden den Rückzug ab. Bis zum 23. Mai schloss sich der Kessel bei Barwenkowo, und die sowjetische Offensive brach zusammen. Hunderttausende sowjetische Soldaten wurden getötet oder gefangen genommen. Damit war eine der wichtigsten Voraussetzungen für „Fall Blau“ erfüllt: die Südfront war von einer unmittelbaren Bedrohung befreit.

Am 28. Juni 1942 begann der Angriff. Die nördliche Angriffsgruppe unter Generalfeldmarschall Maximilian von Weichs, bestehend aus der 2. Armee, der 4. Panzerarmee unter General Hermann Hoth und der ungarischen 2. Armee, stieß aus dem Raum Kursk in Richtung Woronesch vor. Die deutschen Panzerdivisionen, darunter die Elite-Division „Großdeutschland“ und die 24. Panzerdivision, durchbrachen die sowjetischen Linien mit verheerender Wucht. Die Luftwaffe unterstützte den Angriff massiv, bombardierte Stützpunkte und Nachschubwege und lähmte die sowjetische Führung. Die Rote Armee, die von der Täuschung „Fall Kreml“ noch immer verunsichert war, reagierte zu langsam und unkoordiniert. Sowjetische Panzerkorps wurden in den Kampf geworfen, bevor sie vollständig versammelt waren, und konnten den deutschen Vormarsch nicht aufhalten.

Am 30. Juni trat auch die 6. Armee aus dem Raum Charkow an, um die sowjetischen Kräfte von Süden her einzukesseln. Der Plan sah vor, die sowjetischen Armeen westlich des Don zu vernichten, bevor sie sich über den Fluss zurückziehen konnten. Doch der Vormarsch auf Woronesch entwickelte sich zu einem zähen Ringen. Die Stadt wurde zum ersten großen Prüfstein des Feldzugs. Hitler und der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Süd, Generalfeldmarschall Fedor von Bock, stritten darüber, ob die 4. Panzerarmee weiter um Woronesch kämpfen oder sofort nach Süden schwenken sollte. Die Entscheidung fiel zu Gunsten eines längeren Kampfes um die Stadt, was wertvolle Zeit kostete. Sowjetische Truppen nutzten die Verzögerung, um sich nach Osten abzusetzen, und die große Einkesselung, die „Fall Blau“ vorsah, gelang nicht im gewünschten Umfang.

Bis zum 6. Juli hatten deutsche Truppen große Teile des westlichen Woronesch eingenommen, aber der Kampf war noch nicht beendet. Sowjetische Gegenangriffe, insbesondere durch die 5. Panzerarmee unter General Alexander Lissjukow, hielten den Druck auf die deutsche Flanke aufrecht. Die 4. Panzerarmee war in der Stadt gebunden und konnte nicht schnell genug nach Süden abgedreht werden. Dies war der erste Riss im deutschen Plan. Die Rote Armee war zwar zurückgeschlagen, aber nicht vernichtet worden. Viele ihrer Verbände standen nun östlich der Gefahrenzone, angeschlagen, aber noch kampffähig. Die erste Phase von „Fall Blau“ endete mit einem zwiespältigen Ergebnis: Deutschland hatte Gelände gewonnen, aber die entscheidende operative Vernichtung des Gegners war ausgeblieben.

Am 9. Juli 1942 traf Hitler eine folgenschwere Entscheidung. Er teilte die Heeresgruppe Süd in zwei separate Heeresgruppen auf. Die Heeresgruppe A unter Generalfeldmarschall Wilhelm List sollte nach Süden in den Kaukasus vorstoßen, um die Ölfelder zu erobern. Die Heeresgruppe B unter Generalfeldmarschall Maximilian von Weichs sollte die nördliche Flanke sichern, am Don entlang und in Richtung Stalingrad vorrücken. Diese Teilung war der Auftakt zu einer der größten strategischen Fehlentscheidungen des Krieges. Sie spaltete die deutsche Angriffskraft und schuf zwei getrennte Operationslinien, die um die knappen Ressourcen konkurrieren sollten.

Am 23. Juli 1942, dem Tag, an dem Rostow am Don zum zweiten Mal von deutschen Truppen eingenommen wurde, erließ Hitler die Führerweisung Nummer 45. Dieser Befehl trieb die Teilung noch weiter voran. Die Heeresgruppe A erhielt den Befehl, sofort in den Kaukasus vorzustoßen, um die Ölregionen Maikop, Grosny und Baku zu erobern. Die Heeresgruppe B sollte gleichzeitig zur Wolga vorrücken und Stalingrad einnehmen. Der Befehl war von einem gefährlichen Optimismus geprägt. Hitler glaubte, die Rote Armee sei am Zusammenbrechen und ein gleichzeitiger Vorstoß in zwei Richtungen sei möglich. Die Realität sah anders aus. Die deutschen Versorgungslinien wurden immer länger, der Treibstoff wurde knapper und der sowjetische Widerstand verhärtete sich.

Der Vormarsch der Heeresgruppe A in den Kaukasus, das Unternehmen „Edelweiß“, begann vielversprechend. Kleists 1. Panzerarmee stieß über die offene Steppe vor, eroberte Salsk am 31. Juli und Stawropol am 5. August. Am 9. August erreichten deutsche Truppen Maikop, das erste Ölziel. Doch die Freude währte nur kurz. Die sowjetischen Truppen hatten die Ölfelder bei ihrem Rückzug systematisch zerstört. Die Deutschen fanden brennende Bohrtürme und zerstörte Anlagen vor. Der erhoffte Treibstoffgewinn blieb aus. Gleichzeitig wurden die Versorgungswege immer länger und anfälliger. Jeder Kilometer nach Süden bedeutete mehr Treibstoffverbrauch für die Nachschubkolonnen, die selbst wieder Treibstoff benötigten. Die deutsche Logistik begann zu kollabieren.

Während die Heeresgruppe A im Kaukasus kämpfte, entwickelte sich Stalingrad zum Mittelpunkt des gesamten Feldzugs. Die Heeresgruppe B unter von Weichs rückte mit der 6. Armee und der 4. Panzerarmee auf die Stadt an der Wolga vor. Die sowjetische Führung erkannte die tödliche Gefahr. Am 28. Juli 1942 erließ Stalin den Befehl Nummer 227: „Keinen Schritt zurück!“ Die Rote Armee sollte um jeden Preis standhalten. Die 62. und 64. Armee wurden in den Raum Stalingrad verlegt, um die Stadt zu verteidigen. Die Kämpfe am Don und in der Steppe wurden immer härter. Deutsche Panzerverbände stießen auf zähen Widerstand und mussten jeden Kilometer erkämpfen.

Ende Juli und Anfang August wurde die 4. Panzerarmee zwischen verschiedenen Fronten hin- und hergezogen. Sie war bei Woronesch gebunden, dann nach Süden zum unteren Don beordert worden und wurde nun wieder nach Stalingrad gezogen. Diese ständigen Richtungswechsel kosteten Zeit, Treibstoff und verschlissen die Fahrzeuge. Am 4. August standen deutsche Truppen noch etwa 97 Kilometer von Stalingrad entfernt. Die Entfernung war nicht groß, aber die Bedingungen waren verheerend. Hitze, Staub, Treibstoffmangel und sowjetische Gegenangriffe machten jeden Kilometer zu einer Herausforderung. Die deutsche Führung stand vor der schwierigen Entscheidung, wohin die knappen Ressourcen fließen sollten: in den Kaukasus oder nach Stalingrad.

Die Entscheidung fiel de facto durch die Ereignisse. Die Schlacht um Stalingrad zog immer mehr deutsche Kräfte an. Die Stadt wurde zum Symbol des Widerstands, sowohl für Stalin als auch für Hitler. Die 6. Armee unter Paulus kämpfte sich bis in die Vororte der Stadt vor, während die 4. Panzerarmee von Süden her anrückte. Die Kämpfe wurden in den Ruinen der Fabriken und Wohnhäuser ausgetragen. Haus um Haus, Keller um Keller wurde erbittert gekämpft. Die deutsche Überlegenheit in der Bewegungskriegführung verpuffte in den engen Straßen und Trümmern. Die Rote Armee lernte, die deutschen Angriffe zu absorbieren und in blutigen Häuserkämpfen zu zermürben.

Während die 6. Armee in Stalingrad feststeckte, wurden die Flanken der deutschen Front immer länger und schwächer. Die rumänische 3. Armee sicherte die Donlinie nordwestlich der Stadt, die rumänische 4. Armee hielt die südliche Flanke. Diese Verbände waren schlecht ausgerüstet und verfügten nicht über moderne Panzerabwehrwaffen. Die deutschen Reserven waren in Stalingrad gebunden. Die sowjetische Führung unter Georgi Schukow und Alexander Wassilewski erkannte diese Schwachstelle und plante eine gewaltige Gegenoffensive.

Am 19. November 1942 begann die Operation „Uranus“. Aus dem Nordwesten griffen die Südwestfront unter Nikolai Watutin und die Donfront unter Konstantin Rokossowski die rumänische 3. Armee an. Die sowjetische Artillerie eröffnete ein vernichtendes Feuer, und Panzerverbände brachen durch die dünnen rumänischen Linien. Die rumänische Armee wurde innerhalb weniger Stunden zerschlagen. Die deutsche Reserve, das 48. Panzerkorps, war zu schwach und hatte zu wenig Treibstoff, um den Durchbruch zu schließen. Am 20. November begann der zweite Schlag. Die Stalingrader Front unter Andrei Jerjomenko griff die rumänische 4. Armee südlich der Stadt an. Auch hier brachen die sowjetischen Panzer durch.

Die beiden sowjetischen Zangenarme bewegten sich aufeinander zu. Am 22. November erreichten sowjetische Truppen Kalatsch am Don, einen wichtigen Brückenkopf westlich von Stalingrad. Am 23. November trafen sich die Spitzen der Südwestfront und der Stalingrader Front bei Sowjetsk. Der Ring um die 6. Armee und Teile der 4. Panzerarmee hatte sich geschlossen. Rund 250.000 bis 300.000 deutsche und verbündete Soldaten waren eingeschlossen. Der Feldzug, der mit so großen Hoffnungen begonnen hatte, war in einer Katastrophe geendet.

Hitler befahl der eingeschlossenen Armee, zu halten und Stalingrad zu verteidigen. Die Luftwaffe sollte die Versorgung aus der Luft sicherstellen. Doch die Versprechungen von Hermann Göring erwiesen sich als haltlos. Die Luftbrücke konnte niemals die benötigten Mengen an Nahrung, Munition und Treibstoff liefern. Der Kessel wurde zum Grab der 6. Armee. Der Versuch, die Armee von außen zu entsetzen, das Unternehmen „Wintergewitter“ unter Generalfeldmarschall Erich von Manstein, scheiterte im Dezember 1942 am sowjetischen Widerstand und an der Weigerung Hitlers, Paulus den Ausbruch aus dem Kessel zu erlauben.

Gleichzeitig begann die sowjetische Operation „Kleiner Saturn“, die die italienische 8. Armee am Don zerschlug und die deutsche Front weiter aufriss. Die Luftwaffenstützpunkte, die für die Versorgung Stalingrads unerlässlich waren, wurden von sowjetischen Panzern überrannt. Die Heeresgruppe A im Kaukasus musste ihren Vormarsch abbrechen und den Rückzug antreten, um nicht ebenfalls eingeschlossen zu werden. Der Rückzug aus dem Kaukasus war ein Wettlauf gegen die Zeit. Die 1. Panzerarmee und die 17. Armee kämpften sich durch die winterliche Steppe zurück, verfolgt von der Roten Armee. Rostow am Don, das Tor zum Kaukasus, wurde zum Nadelöhr, durch das die deutschen Truppen entkommen mussten.

Im Januar 1943 begann die letzte Phase der Tragödie. Die Operation „Ring“ zerschlug den Kessel von Stalingrad Schritt für Schritt. Die eingeschlossenen Soldaten litten unter Hunger, Kälte und Seuchen. Die Flugplätze Pitomnik und Gumrak fielen in sowjetische Hand. Am 26. Januar wurde der Kessel in zwei Teile geteilt. Am 31. Januar kapitulierte Generalfeldmarschall Friedrich Paulus im Südkessel. Am 2. Februar 1943 endete auch der Widerstand im Nordkessel. Die Schlacht von Stalingrad war vorbei. Deutschland hatte nicht nur eine Armee verloren, sondern auch den Glauben an die eigene Unbesiegbarkeit. Der Krieg im Osten hatte eine entscheidende Wende genommen. Der Traum von den Ölfeldern des Kaukasus war ausgeträumt, und die Rote Armee hatte den strategischen Vorteil errungen, den sie bis zum Ende des Krieges nicht mehr abgeben sollte.