Der erste Riss im Mythos der deutschen Unbesiegbarkeit zeigte sich nicht in den Weiten der Steppe oder vor den Toren Moskaus, sondern in den undurchdringlichen Wäldern um eine unbedeutende russische Kleinstadt namens Jelnja. Im Spätsommer 1941, als die Wehrmacht noch im Rausch ihrer scheinbar unaufhaltsamen Siegeszüge lebte, schrieb die Rote Armee hier ein erstes, blutiges Kapitel des Widerstands, das den gesamten weiteren Kriegsverlauf prägen sollte.
Die Operation Barbarossa, der deutsche Überfall auf die Sowjetunion, war am 22. Juni 1941 gestartet. Drei Heeresgruppen rollten unaufhaltsam gen Osten. Heeresgruppe Mitte unter Generalfeldmarschall Fedor von Bock, mit den Panzergruppen der Generäle Hermann Hoth und Heinz Guderian, sollte direkt auf Moskau vorstoßen. Die ersten Wochen waren ein einziger Triumphzug. Bei Bialystok und Minsk wurden riesige sowjetische Verbände eingekesselt, Hunderttausende Rotarmisten gerieten in Gefangenschaft. In Berlin sprach man bereits vom baldigen Endsieg.
Doch die Realität an der Front war komplexer. Die Weite des Raumes, die schlechten Straßen und ein zunehmend organisierterer Widerstand begannen die deutsche Offensive zu verlangsamen. Die Panzerverbände rasten voraus, während die Infanterie mühsam hinterhermarschierte. Die Flanken wurden länger, die Versorgungslinien fragiler. Ende Juli 1941 erreichten Guderians Panzer Jelnja, eine kleine Stadt etwa 45 Kilometer südöstlich von Smolensk. Die Stadt selbst war unbedeutend, aber ihre strategische Lage war es nicht.
Jelnja bildete einen Brückenkopf, der tief in die sowjetischen Linien hineinragte. Von hier aus waren es nur noch wenige Kilometer bis Moskau. Für die Wehrmacht war es das ideale Sprungbrett für den finalen Vorstoß auf die Hauptstadt. Guderians Männer nahmen Jelnja am 19. Juli ein. Der Vorstoß war kühn gewesen, vielleicht zu kühn. Der entstandene Brückenkopf war etwa 40 Kilometer breit und 15 Kilometer tief und ragte wie ein Finger in das sowjetische Territorium hinein. Die deutschen Truppen hielten einen Bogen, der von drei Seiten angegriffen werden konnte.
Guderian selbst war sich der Gefahr bewusst. In seinen Memoiren schrieb er später, dass der Jelnja-Bogen eine ungesunde Ausbuchtung gewesen sei. Aber Hitler und das Oberkommando des Heeres bestanden darauf, die Position zu halten. Sie sahen darin einen wichtigen Ausgangspunkt für künftige Operationen. Die strategische Logik war verständlich, aber sie ignorierte die taktische Realität vor Ort. Auf sowjetischer Seite erkannte man schnell die Bedeutung von Jelnja. Hier bot sich die Möglichkeit, einen exponierten deutschen Verband anzugreifen.
Die Stawka, das sowjetische Oberkommando, ordnete an, die Position zurückzuerobern. Verantwortlich dafür war die Reservefront unter Armeegeneral Georgi Schukow. Schukow war 45 Jahre alt und bereits eine aufsteigende Figur in der Roten Armee. Er hatte sich bei den Kämpfen am Chalchin Gol gegen die Japaner einen Namen gemacht. Nun sollte er zeigen, ob die sowjetischen Streitkräfte trotz der verheerenden Niederlagen der ersten Wochen noch zu organisierten Gegenangriffen fähig waren. Die Situation war außerordentlich schwierig.
Die Rote Armee hatte in den ersten sechs Wochen des Krieges katastrophale Verluste erlitten. Ganze Armeen waren vernichtet worden, die Kommunikation war zusammengebrochen, die Logistik chaotisch. Viele Einheiten hatten ihre gesamte schwere Ausrüstung verloren, und die Luftwaffe beherrschte den Himmel. Aber es gab auch Vorteile. Die deutschen Linien waren überdehnt, die Wehrmacht hatte ihre besten Panzerverbände in den ersten Durchbrüchen verschlissen. Und anders als in den ersten Kriegstagen begann sich die sowjetische Führung zu stabilisieren.
Man lernte aus den Fehlern. Die starren Verteidigungsstellungen wichen beweglicheren Taktiken, die sinnlosen Frontalangriffe wurden zumindest teilweise durch koordiniertere Operationen ersetzt. Die Verteidigung des Jelnja-Bogens lag in den Händen der 7. Panzerdivision, der 10. Panzerdivision und mehrerer Infanteriedivisionen des 7. Armeekorps. Diese Verbände hatten seit Kriegsbeginn ununterbrochen gekämpft. Sie waren erschöpft, ihre Verluste beträchtlich. Viele Panzer waren nicht durch feindliches Feuer, sondern durch mechanische Defekte und fehlende Ersatzteile ausgefallen.
Die 10. Panzerdivision beispielsweise hatte zu Beginn des Feldzugs über 180 Panzer verfügt. Anfang August waren weniger als die Hälfte einsatzbereit. Die Infanteriedivisionen waren auf etwa 60 Prozent ihrer Sollstärke geschrumpft. Die Männer waren ausgelaugt von wochenlangen Märschen und ständigen Kämpfen. Die Versorgungslage war prekär, die Straßen in diesem Gebiet waren kaum mehr als Feldwege. Nach Regenfällen verwandelten sie sich in Schlammwüsten. Munition, Treibstoff und Verpflegung kamen nur unregelmäßig an.
Dennoch waren die deutschen Soldaten gut ausgebildet und erfahren. Die Offiziere und Unteroffiziere wussten, wie man auch mit geringen Kräften eine Verteidigung organisiert. Man grub sich ein, legte Minenfelder an, richtete Stützpunkte ein. Die Männer vertrauten auf ihre Überlegenheit in der Gefechtsführung. Schukow bereitete seine Offensive methodisch vor. Er konzentrierte frische Truppen aus der strategischen Reserve. Besonders wichtig waren die neu aufgestellten motorisierten Schützendivisionen und Panzerbrigaden.
Diese Verbände waren zwar noch unerfahren, aber sie verfügten wenigstens über moderne Ausrüstung. Die Planung sah vor, den Jelnja-Bogen von Norden und Süden her anzugreifen und an der Basis abzuschnüren. Wenn das gelang, würden die deutschen Truppen in einem Kessel sitzen. Die Hauptschlagkraft sollten die 24. Armee unter Generalmajor Konstantin Rakossin von Norden und Teile der 43. Armee von Süden her entfalten. Schukow war klar, dass seine Truppen der Wehrmacht an Erfahrung unterlegen waren.
Deshalb setzte er auf Masse und konzentrierte seine Kräfte auf enge Durchbruchsabschnitte. Die Artillerie sollte die deutschen Stellungen zermürben, bevor die Infanterie und die wenigen verfügbaren Panzer angriffen. Ein besonderes Problem war die Koordination. Die sowjetischen Fernmeldemittel waren völlig unzureichend, Befehle mussten oft durch Melder überbracht werden. Die Luftaufklärung war wegen deutscher Luftüberlegenheit kaum möglich. Man kämpfte teilweise blind. Trotz aller Schwierigkeiten hatte Schukow einen entscheidenden Vorteil.
Er wusste, wo der Feind stand, und der Feind konnte nicht ausweichen. Die Deutschen waren an den Jelnja-Bogen gefesselt, weil Hitler den Rückzug verbot. Das machte sie verwundbar. Anfang August verdichteten sich die Anzeichen für eine bevorstehende sowjetische Offensive. Deutsche Aufklärungsflüge meldeten Truppenbewegungen, Gefangene berichteten von der Ankunft frischer sowjetischer Divisionen, die Artilleriebeschüsse nahmen zu. Die deutschen Kommandeure forderten Verstärkungen. Guderian selbst intervenierte beim Oberkommando, aber es gab keine Reserven.
Die Heeresgruppe Mitte war mit ihren Kräften am Ende. Jede Division, jedes Regiment war gebunden. Man konnte nur darauf hoffen, dass die eigene Kampfkraft ausreichen würde, den zu erwartenden Ansturm abzuwehren. Die Soldaten in den Stellungen spürten die wachsende Spannung. Nachts hörte man das Dröhnen von Motoren aus den sowjetischen Linien, tagsüber schlugen immer mehr Granaten ein. Der Feind bereitete etwas vor, etwas Großes. Am 30. August 1941 war es dann soweit.
In den frühen Morgenstunden eröffneten sowjetische Geschütze ein massives Trommelfeuer auf die deutschen Stellungen. Die Schlacht um Jelnja hatte begonnen. Das Artilleriefeuer, das über die deutschen Stellungen hereinbrach, war von einer Intensität, die viele Verteidiger so noch nicht erlebt hatten. Stundenlang hämmerten sowjetische Granaten auf die Schützengräben, Bunker und Beobachtungsposten ein. Die Erde bebte, der Lärm war ohrenbetäubend. Dann gegen 6 Uhr morgens verstummten die Geschütze plötzlich.
Aus dem Rauch und Staub tauchten die Schützenwellen der Roten Armee auf. Dicht gestaffelt, oft in der traditionellen sowjetischen Formation mit mehreren Wellen hintereinander, stürmten tausende Rotarmisten auf die deutschen Linien zu. Die deutschen Maschinengewehre eröffneten das Feuer. Die ersten sowjetischen Wellen brachen zusammen, aber hinter ihnen kamen neue und wieder neue. Die Masse der Angreifer war überwältigend. An manchen Abschnitten gelang es sowjetischen Truppen, in die deutschen Stellungen einzubrechen.
Im Norden des Jelnja-Bogens durchbrach die 110. Schützendivision unter Oberst Nikolai Beloborodow die deutschen Linien. Beloborodow war ein energischer Kommandeur, der seine Truppen von vorne führte. Seine Division hatte in den vorangegangenen Wochen schwere Verluste erlitten, aber die Überlebenden waren hart und kampferfahren. Der Durchbruch erfolgte an einer Stelle, wo das deutsche 314. Infanterieregiment stand. Das Regiment war durch wochenlange Kämpfe geschwächt, die Kompanien zählten oft nur noch 50 oder 60 Mann statt der üblichen 150.
Als die sowjetische Masse gegen ihre dünne Linie brandete, konnten sie nicht standhalten. Deutsche Reserven wurden herangeführt, um die Lücke zu schließen. Es kam zu erbitterten Nahkämpfen. Dörfer und Gehöfte wechselten mehrfach den Besitzer. Die Kämpfe dehnten sich über einen ganzen Tag aus, dann noch einen. Die deutschen Verteidiger wichen langsam zurück, aber sie brachen nicht zusammen. Im Süden entwickelte sich eine ähnliche Situation. Hier griffen Teile der 43. Armee an.
Die Angreifer drängten die deutschen Sicherungen zurück und eroberten mehrere Dörfer. Aber der deutsche Widerstand versteifte sich. Jeder Meter Boden wurde verbissen verteidigt. Schukow beobachtete den Verlauf der Schlacht von seinem Gefechtsstand aus. Die Meldungen, die ihn erreichten, waren widersprüchlich. Einige Divisionen meldeten Erfolge, andere stockten vor deutschem Feuer. Die Kommunikation funktionierte schlecht, Befehle kamen verspätet an oder gar nicht. Was Schukow am meisten frustrierte, war die mangelnde Koordination zwischen Infanterie, Artillerie und den wenigen verfügbaren Panzern.
Die Artillerie schoss manchmal auf Stellungen, die die Infanterie bereits genommen hatte. Die Panzer griffen an, ohne dass Infanterie sie unterstützte, und wurden von deutscher Panzerabwehr abgeschossen. Es war das alte Problem der Roten Armee. Die einzelnen Waffengattungen kämpften nebeneinander, nicht miteinander. Dennoch zeigte sich bereits in diesen ersten Tagen ein Unterschied zu den Kämpfen der Vorwochen. Die sowjetischen Truppen brachen nicht mehr beim ersten deutschen Gegenangriff auseinander.
Sie hielten eroberte Positionen. Sie lernten, sich einzugraben und deutschen Panzern mit Panzerabwehrgeschützen zu begegnen. Die deutsche Taktik, durch schnelle Gegenangriffe verlorenes Gelände zurückzuerobern, funktionierte nicht mehr so reibungslos. Die deutsche Führung reagierte mit dem, was sie am besten konnte: bewegliche Verteidigung und punktuelle Gegenangriffe. General der Infanterie Gotthard Heinrici, Kommandeur des 43. Armeekorps, war ein Meister dieser Taktik. Später im Krieg sollte er als einer der fähigsten deutschen Verteidigungsspezialisten gelten.
Heinrici setzte seine knappen Reserven geschickt ein. Wo die Sowjets durchbrachen, stieß er mit gepanzerten Kampfgruppen vor und schnitt die vorstoßenden Keile ab. Diese Gegenangriffe waren oft erfolgreich. Sowjetische Bataillone, die zu weit vorgeprescht waren, wurden eingekesselt und vernichtet. Aber jeder Gegenangriff kostete Kraft. Die deutschen Panzer wurden weniger, die Verluste unter den erfahrenen Unteroffizieren und Offizieren stiegen, und die Sowjets kamen immer wieder. Auch wenn eine Angriffswelle zerschlagen wurde, folgte Stunden oder Tage später die nächste.
Die deutschen Soldaten erkannten allmählich, dass sie es mit einem neuen Typ von Gegner zu tun hatten. Die Rote Armee war nicht mehr die desorganisierte Masse der ersten Kriegswochen. Man kämpfte nun gegen Truppen, die geführt wurden, die einen Plan hatten, die nicht mehr einfach wegliefen. Die Schlacht um Jelnja wurde zu einer Materialschlacht. Beide Seiten setzten massive Mengen an Artilleriemunition ein. Die deutschen Mörser und Geschütze feuerten Sperrfeuer auf sowjetische Ansammlungen, die sowjetische Artillerie zermürbte systematisch die deutschen Stellungen.
In den ersten Septembertagen erreichte die Schlacht ihre höchste Intensität. Die sowjetischen Angriffe konzentrierten sich nun darauf, die Basis des Jelnja-Bogens abzuschnüren. Wenn das gelang, wären die deutschen Truppen im Kessel gefangen. Die zehn Kilometer zwischen Jelnja und den deutschen Hauptlinien bei Smolensk wurden zum Brennpunkt der Kämpfe. Hier versuchten sowjetische Truppen, die Verbindungswege zu kappen. Deutsche Kampfgruppen stießen immer wieder vor, um die Korridore offen zu halten.
Die Straße von Jelnja nach Dorogobusch wurde zur Lebensader der deutschen Verteidiger. Über diese einzige befestigte Verbindung mussten Munition und Verpflegung heran, Verwundete abtransportiert werden. Sowjetische Artillerie nahm die Straße unter permanentes Feuer. Jede Fahrt wurde zum Himmelfahrtskommando. Generalmajor Hans Jürgen von Arnim, Kommandeur der 17. Panzerdivision, beschrieb später die Situation als Hölle auf Erden. Seine Division war auf ein Drittel ihrer ursprünglichen Stärke geschrumpft. Von den 150 Panzern, mit denen er begonnen hatte, waren noch 24 einsatzbereit.
Die Zeit arbeitete gegen die Deutschen. Jeder Tag, den sie in diesem exponierten Brückenkopf ausharrten, schwächte sie weiter. Die Verluste ließen sich nicht ersetzen, die Munition wurde knapp, die Erschöpfung der Männer erreichte ein kritisches Niveau. Guderian drängte wiederholt darauf, den Jelnja-Bogen aufzugeben und sich auf eine kürzere, besser zu verteidigende Linie zurückzuziehen. Aber das Oberkommando zögerte. Man fürchtete, dass ein Rückzug als Schwäche ausgelegt würde. Die Wehrmacht hatte seit Kriegsbeginn noch keine bedeutende Position freiwillig geräumt.
Schukow seinerseits stand unter enormem Druck von Stalin und der Stawka. Man erwartete schnelle Erfolge. Die Schlacht zog sich jedoch hin. Die sowjetischen Verluste waren hoch, erschreckend hoch. Ganze Divisionen wurden in wenigen Tagen auf die Hälfte ihrer Stärke reduziert. Aber Schukow hatte einen entscheidenden Vorteil. Er konnte Verluste ersetzen. Aus dem Hinterland kamen ständig neue Divisionen heran. Die sowjetische Mobilmachung lief auf Hochtouren. Männer wurden eingezogen, hastig ausgebildet und an die Front geschickt.

Fabriken im Ural produzierten Tag und Nacht Waffen und Munition. In den deutschen Stellungen herrschte mittlerweile völlige Erschöpfung. Viele Soldaten hatten seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Der ständige Artilleriebeschuss zermürbte die Nerven. Es gab kaum warmes Essen, die medizinische Versorgung brach zusammen, weil die Sanitätskompanien mit der Zahl der Verwundeten nicht mehr zurechtkamen. Oberleutnant Wilhelm Lübecke von der 256. Infanteriedivision notierte in seinem Tagebuch: Wir sind am Ende unserer Kräfte. Die Männer fallen im Stehen vor Erschöpfung um. Der Russe kommt und kommt und kommt. Es nimmt kein Ende.
Die psychologische Belastung war immens. Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn mussten deutsche Soldaten erkennen, dass ihr Gegner nicht einfach zusammenbrach. Die Überlegenheitsgefühle der ersten Wochen wichen der Erkenntnis, dass dies ein langer, zäher Kampf werden würde. Besonders schwer wog die Tatsache, dass die Luftwaffe ihre Unterstützung nicht mehr im gewohnten Maß leisten konnte. Die sowjetische Flugabwehr hatte sich verbessert, deutsche Sturzkampfbomber erlitten zunehmende Verluste, und die Jagdverbände waren durch ständige Einsätze erschöpft.
Auf sowjetischer Seite begann man, aus den Erfahrungen zu lernen. Schukow erkannte, dass frontale Massenangriffe zu hohe Verluste verursachten. Er begann, seine Truppen auf engere Abschnitte zu konzentrieren und Schwerpunkte zu bilden. Besonders wichtig war die Rolle der neu aufgestellten Gardeeinheiten. Am 18. September wurden mehrere besonders ausgezeichnete Divisionen zu Gardedivisionen ernannt. Die 110. Schützendivision wurde zur 1. Gardeschützendivision. Diese Auszeichnung war mehr als symbolisch. Sie hob die Moral und schuf Eliteeinheiten, auf die man sich verlassen konnte.
Die sowjetischen Kommandeure lernten auch, ihre Artillerie effektiver einzusetzen. Statt stundenlanger Vorbereitungsfeuer, die dem Gegner Zeit zur Reaktion gaben, gingen sie zu kürzeren, aber konzentrierteren Feuerschlägen über. Die Infanterie folgte unmittelbar nach, manchmal, während die eigene Artillerie noch feuerte. Oberst Beloborodow, der Kommandeur der späteren 1. Gardedivision, entwickelte besonders effektive Sturmtaktiken. Seine Truppen bildeten Stoßtrupps, die gezielt deutsche Stützpunkte angriffen. Sie nutzten Gelände und Dunkelheit, infiltrierten deutsche Linien und schlugen dann von innen heraus zu.
Am 5. September 1941 wurde die Lage für die Deutschen unhaltbar. Die sowjetischen Truppen hatten die Basis des Jelnja-Bogens auf weniger als fünf Kilometer verengt. Jeden Moment drohte der Durchbruch und die Einkesselung. Guderian setzte sich persönlich mit Generalfeldmarschall von Bock in Verbindung. Er schilderte die verzweifelte Lage und forderte ultimativ die Erlaubnis zum Rückzug. Bock zögerte noch, aber auch er erkannte die Realität. Wenn man jetzt nicht handelte, würden mehrere Divisionen verloren gehen. Schließlich kam die Erlaubnis.
In der Nacht zum 6. September begannen die deutschen Truppen mit dem Rückzug aus dem Jelnja-Bogen. Es war ein Rückzug unter Feindberührung, eines der schwierigsten Manöver überhaupt. Nachhuten hielten die Sowjets hin, während die Hauptkräfte sich absetzten. Die Sowjets bemerkten die Bewegungen und verstärkten ihre Angriffe. Sie wollten die deutschen Truppen nicht entkommen lassen. Die Nachhuten erlebten ihre schwersten Stunden. Ganze Bataillone opferten sich, um ihren Kameraden den Rückzug zu ermöglichen.
Am 8. September 1941 marschierten sowjetische Truppen in Jelnja ein. Die Stadt war eine Trümmerwüste. Wochenlanger Artilleriebeschuss hatte sie zerstört, aber die symbolische Bedeutung war enorm. Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn hatte die Rote Armee eine bedeutende Stadt von der Wehrmacht zurückerobert. Die deutschen Truppen hatten sich auf eine neue Verteidigungslinie 20 Kilometer westlich zurückgezogen. Sie waren noch intakt, aber schwer angeschlagen. Die 7. Panzerdivision hatte zwei Drittel ihrer Mannschaften verloren, die 10. Panzerdivision war praktisch ohne Panzer.
Die Infanteriedivisionen waren Schatten ihrer selbst. Schukow meldete der Stawka einen großen Sieg. Tatsächlich war es mehr als nur ein taktischer Erfolg. Die psychologische Wirkung war beträchtlich. Die Rote Armee hatte bewiesen, dass sie die Wehrmacht schlagen konnte. Der Mythos der Unbesiegbarkeit war gebrochen. Für die sowjetischen Soldaten war Jelnja ein Wendepunkt. Sie hatten erlebt, dass deutscher Widerstand gebrochen werden konnte, dass die Wehrmacht auch zurückweichen musste. Die Moral stieg. Man begann zu glauben, dass dieser Krieg gewonnen werden könnte.
Die Verluste auf beiden Seiten waren entsetzlich. Die Wehrmacht hatte etwa 10.000 Mann verloren, darunter zahlreiche erfahrene Offiziere und Unteroffiziere. Das war nicht katastrophal in absoluten Zahlen, aber diese Männer waren durch den monatelangen Feldzug bereits irreversibel geschwächt. Ersatz aus der Heimat konnte ihre Erfahrung nicht ersetzen. Die sowjetischen Verluste waren weit höher. Schätzungen gehen von 30.000 bis 40.000 gefallenen, verwundeten und vermissten Rotarmisten aus. Ganze Divisionen waren zerschlagen worden, aber die Sowjetunion konnte diese Verluste tragen.
Das Reservoir an Menschenmaterial schien unerschöpflich. Unter den Gefallenen waren unzählige junge Männer, kaum dem Jugendalter entwachsen. Bauern aus der Ukraine, Arbeiter aus dem Ural, Studenten aus Moskau. Sie starben in den Wäldern um eine Stadt, deren Namen die meisten von ihnen wenige Wochen zuvor noch nie gehört hatten. Auch unter den deutschen Gefallenen fanden sich erschütternde Schicksale. Der 23-jährige Leutnant Friedrich Weber aus München fiel am 3. September bei einem sowjetischen Angriff. Seine letzten Worte an seinen Kompanieführer waren: Wir halten, Herr Hauptmann, wir halten. Seine Kompanie wurde wenige Stunden später fast vollständig aufgerieben.
Beide Seiten nutzten die Schlacht propagandistisch. In der Sowjetunion wurde Jelnja als erster großer Sieg gefeiert. Die sowjetischen Zeitungen druckten Sonderausgaben, Stalin würdigte die Leistung der beteiligten Truppen. Die Ernennung zu Gardedivisionen war Teil dieser Propagandakampagne. Besonders hervorgehoben wurde die Rolle einzelner Kommandeure. Schukow wurde zum Helden stilisiert, obwohl sein taktisches Geschick bei Jelnja durchaus Fragen aufwarf. Oberst Beloborodow und andere Divisionskommandeure wurden mit Orden überhäuft.
In Deutschland versuchte man, die Bedeutung herunterzuspielen. Offizielle Verlautbarungen sprachen von einer planmäßigen Verkürzung der Front. Man betonte, dass die Truppen intakt seien und lediglich auf eine günstigere Verteidigungslinie zurückgegangen wären. Aber an der Front wussten die Soldaten die Wahrheit. Sie hatten eine Stadt aufgeben müssen. Sie hatten zum ersten Mal zurückweichen müssen. Die psychologische Wirkung dieser Erkenntnis sollte sich in den kommenden Monaten immer deutlicher zeigen. Die Schlacht um Jelnja endete offiziell am 8. September, aber ihre Auswirkungen hielten weit über dieses Datum hinaus nach.
Für beide Seiten markierte sie einen Wendepunkt, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Aus rein militärstrategischer Sicht war Jelnja eine lokale Operation mit begrenzten Folgen. Die Wehrmacht hatte einige Divisionen geschwächt, aber nicht vernichtet. Die Front hatte sich um 20 bis 30 Kilometer verschoben. Moskau war nach wie vor bedroht, der deutsche Vormarsch noch nicht gestoppt. Dennoch hatte die Schlacht strategische Konsequenzen. Sie zwang die deutsche Führung, ihre Planungen zu überdenken. Der Gedanke, einfach bis Moskau durchzustoßen, wurde fragwürdiger.
Man begann zu realisieren, dass die Rote Armee auch nach katastrophalen Niederlagen noch zu organisierten Gegenangriffen fähig war. Für Schukow war Jelnja ein Sprungbrett. Stalin hatte seine Leistung zur Kenntnis genommen. Als im Oktober die Situation vor Moskau kritisch wurde, übertrug man Schukow die Verantwortung für die Verteidigung der Hauptstadt. Ohne den Erfolg bei Jelnja wäre diese Ernennung möglicherweise nicht erfolgt. Die Schlacht zeigte auch die Grenzen der deutschen Blitzkriegsstrategie auf. Tiefe Vorstöße schufen exponierte Positionen, die schwer zu halten waren.
Die Wehrmacht war brillant in der Offensive, aber ihre Truppen waren nicht unendlich. Jeder Brückenkopf, jede vorgeschobene Stellung band Kräfte, die woanders fehlten. Die psychologischen Folgen von Jelnja waren vielleicht wichtiger als die rein militärischen. Für die Rote Armee war es ein dringend benötigter Erfolg. Nach Monaten der Niederlagen, nach Millionen von Gefangenen und verlorenen Territorien konnte man endlich einen Sieg verkünden. Dieser Sieg stärkte die Moral nicht nur an der Front, sondern in der gesamten Sowjetunion. Die Menschen begannen zu glauben, dass der Krieg nicht verloren war.
Die Fabriken arbeiteten mit neuer Energie, die Mobilmachung gewann an Schwung. Für die deutschen Soldaten war Jelnja eine ernüchternde Erfahrung. Zum ersten Mal hatten sie erleben müssen, dass Überlegenheit nicht garantiert war. Die Rote Armee hatte sich als lernfähig erwiesen. Sie passte ihre Taktiken an, setzte ihre Masse effektiver ein, kämpfte zäher. Viele deutsche Soldaten begannen nach Jelnja Tagebuch zu führen oder Briefe nach Hause zu schreiben, in denen Zweifel durchschimmerten. Der Krieg würde länger dauern als gedacht. Der Gegner war stärker als erwartet. Die anfängliche Euphorie wich einer realistischeren, düstereren Einschätzung.
Beide Seiten zogen aus Jelnja wichtige militärische Lehren. Die Wehrmacht erkannte, dass sie ihre Kräfte nicht überdehnen durfte. Man begann vorsichtiger mit der Bildung von Brückenköpfen und Ausbuchtungen zu werden. Die bewegliche Kriegführung musste mit der Fähigkeit verbunden werden, auch in der Verteidigung standzuhalten. Die Rote Armee lernte, dass koordinierte Angriffe mit klaren Schwerpunkten erfolgreicher waren als planlose Massenanstürme. Schukow und andere Kommandeure begannen systematischer zu planen. Die Artillerievorbereitung wurde verfeinert, die Zusammenarbeit der Waffengattungen verbesserte sich.
Besonders wichtig war die Erkenntnis, dass die Rote Armee Zeit brauchte, um ihre Truppen auf deutsches Niveau zu bringen. Aber sie hatte diese Zeit. Der Raum war groß genug, um zurückzuweichen. Die Ressourcen waren vorhanden, um Verluste zu ersetzen. Man musste nur durchhalten. Für die beteiligten Kommandeure hatte Jelnja unterschiedliche Folgen. Schukow stieg wie erwähnt auf. Er wurde zu einem der wichtigsten sowjetischen Militärführer des gesamten Krieges. Seine Karriere führte ihn nach Moskau, Stalingrad, schließlich bis nach Berlin.
Beloborodow, der Kommandeur der 1. Gardedivision, blieb an der Front. Er führte seine Division später in der Schlacht um Moskau und in zahllosen weiteren Operationen. Er überlebte den Krieg und wurde zu einem der höchstdekorierten sowjetischen Generäle. Auf deutscher Seite hatte Guderian mit den Folgen von Jelnja zu kämpfen. Er hatte den Brückenkopf nie gewollt, aber die Verantwortung für die Verluste trug er mit. Seine Beziehung zum Oberkommando war angespannt. Im Dezember 1941 wurde er nach Meinungsverschiedenheiten über die Verteidigung vor Moskau von seinem Kommando entbunden.
General Heinrici, der die Verteidigung so geschickt geführt hatte, blieb im Dienst. Er wurde zu einem der angesehensten deutschen Verteidigungsspezialisten. Im Frühjahr 1945 verteidigte er Berlin gegen die anstürmende Rote Armee gegen Schukow, seinen alten Gegner von Jelnja. Die Stadt Jelnja selbst blieb ein umkämpftes Gebiet. Die Deutschen versuchten mehrfach, sie zurückzuerobern. Im Herbst 1941 wechselte die Stadt erneut den Besitzer. Erst im September 1943 gelang es der Roten Armee im Zuge der allgemeinen Sommeroffensive, die Region endgültig zu befreien.
Was von der Stadt übrig blieb, war kaum mehr als Trümmer. Jahrelange Kämpfe hatten sie verwüstet. Die Zivilbevölkerung hatte unsägliches Leid erfahren. Viele waren geflohen, andere verhungert oder ermordet worden. Die deutsche Besatzung hatte mit extremer Härte geherrscht. Nach dem Krieg wurde Jelnja wieder aufgebaut. Heute ist es eine kleine russische Stadt mit etwa 8000 Einwohnern. Ein Mahnmal erinnert an die Kämpfe von 1941. Jedes Jahr am 8. September finden Gedenkveranstaltungen statt.
Betrachtet man den gesamten Zweiten Weltkrieg, so war Jelnja nur eine kleine Episode. Die Schlacht war nicht annähernd so bedeutend wie Stalingrad, Kursk oder die Operation Bagration. Die Zahl der Beteiligten war geringer, die strategischen Auswirkungen beschränkter. Dennoch verdient Jelnja Beachtung, weil es ein Wendepunkt in der Wahrnehmung war. Es war der Punkt, an dem beide Seiten erkannten, dass dies ein langer Krieg werden würde. Die deutschen Hoffnungen auf einen schnellen Sieg verblassten. Die sowjetische Resignation wich der Erkenntnis, dass Widerstand möglich war.
Jelnja zeigte auch die Natur dieses Krieges. Es war ein Krieg ohne Gnade, ein Krieg, in dem Menschenleben in erschreckendem Maße geopfert wurden. Die Schlacht war ein Vorgeschmack auf das, was in den kommenden Jahren folgen sollte, auf Schlachten, die Millionen das Leben kosten würden. Für die Historiker ist Jelnja interessant, weil es die Entwicklung der sowjetischen Kriegführung illustriert. Man sieht, wie die Rote Armee aus ihren Fehlern lernte, wie sie sich anpasste, wie sie stärker wurde. Von den chaotischen ersten Wochen des Krieges bis zu den ausgefeilten Operationen von 1944 und 1945 war es ein langer Weg. Jelnja markiert den Anfang dieses Weges.
Die Schlacht um Jelnja im Sommer und Frühherbst 1941 war keine kriegsentscheidende Operation. Sie veränderte den Frontverlauf nur geringfügig. Die strategische Lage blieb weitgehend unverändert. Moskau war weiterhin bedroht, die Wehrmacht noch immer die stärkere Armee. Aber Jelnja hatte eine Bedeutung, die über das rein Militärische hinausging. Es war der Beweis, dass die Rote Armee nicht besiegt war. Es war die Demonstration, dass organisierter Widerstand möglich war. Es war der erste Riss im Mythos der deutschen Unbesiegbarkeit.
Die Männer, die bei Jelnja kämpften und starben, wussten nicht, dass sie Teil eines historischen Wendepunkts waren. Sie kämpften um ihr Leben, um ihre Kameraden, um die wenigen Meter Erde unter ihren Füßen. Aber ihr Kampf hatte Konsequenzen, die weit über den Moment hinausreichten. Die Lehren von Jelnja wurden auf beiden Seiten aufgenommen und verarbeitet. Sie flossen ein in die Planung künftiger Operationen, in die Ausbildung der Truppen, in das strategische Denken der Führungen. In diesem Sinne wirkte Jelnja weit über die Wälder um diese kleine russische Stadt hinaus bis zum Ende des Krieges und darüber hinaus.


