Die Erde unter Rschew war nicht gefroren, sie war gesättigt mit Blut. 1,3 Millionen sowjetische Soldaten starben dort zwischen Oktober 1941 und März 1943, verwundet, vermisst oder gefangen genommen. Die deutschen Verluste lagen bei bis zu 700.000 Mann. Doch 70 Jahre lang verschwieg die Sowjetunion diesen Ort systematisch. Der Grund dafür trägt einen Namen: Georgi Schukow.
Während die Welt auf Stalingrad starrte, tobte nur 200 Kilometer westlich von Moskau eine Schlacht, die in ihrer Dauer, ihrer Sinnlosigkeit und ihrem Blutvergießen alles übertraf, was zwischen Don und Wolga geschah. Die Stadt Rschew an der oberen Wolga war der Eckpfeiler der deutschen Heeresgruppe Mitte. Die wenigen Überlebenden der Roten Armee nannten sie in einem einzigen Wort: Mjaso Rubka, der Fleischwolf.
Die geografische Lage des Frontbogens war von entscheidender strategischer Bedeutung. Rschew liegt rund 200 Kilometer westlich von Moskau, eingebettet in eine hügelige Landschaft aus Mischwäldern, Sümpfen und kleinen Flussläufen. Die Stadt selbst zählte vor dem Krieg etwa 56.000 Einwohner und war ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. Wer Rschew hielt, kontrollierte eine natürliche Bastion, die wie ein Keil in das sowjetische Hinterland ragte.
Die Wehrmacht hatte die Stadt am 14. Oktober 1941 eingenommen. Damit gewann sie nicht nur eine bedeutende Verkehrsader, sondern auch jenen geographischen Vorsprung, der in den kommenden 18 Monaten zum gefährlichsten und kostspieligsten Frontabschnitt der gesamten Ostfront werden sollte. Stalin machte die Beseitigung dieses Brückenkopfes zur strategischen Obsession. Hitler verweigerte die Räumung ebenso verbissen.
Am 5. Dezember 1941 setzte vor Moskau die sowjetische Gegenoffensive ein. Die Westfront unter Armeegeneral Georgi Schukow und die Kalininer Front unter Generaloberst Iwan Konev griffen mit über einer Million Soldaten an. Sie drängten die deutschen Spitzen binnen drei Wochen um rund 150 Kilometer zurück. Hitler reagierte am 20. Dezember mit dem berüchtigten Haltebefehl: Kein Schritt zurück, jede Stellung sei bis zum letzten Mann zu verteidigen.
Für die deutschen Divisionen bedeutete dieser Befehl, dass sie bei Temperaturen von unter minus 30 Grad Celsius in unbefestigten Stellungen ausharren mussten, während Konevs Verbände im Norden und Schukows Truppen im Osten zur Umfassung ansetzten. Am 31. Dezember brach der Frontabschnitt der 256. und der 206. Infanteriedivision zusammen. Die Stadt Rschew selbst verwandelte sich in einen Truppenverbandsplatz mit über 3000 Schwerverletzten.
Die menschliche Dimension dieser Tage lässt sich an einem einzigen Beispiel ablesen. Vor dem Dorf Mologino versammelte die Rote Armee starke Verbände, um die abgeschnittene 256. Infanteriedivision unter Generalleutnant Gerhard Kaufmann zu vernichten. Strauß gab den bedingungslosen Haltebefehl aus, doch die Division war zu diesem Zeitpunkt auf die Gefechtsstärke eines einzigen Regiments geschrumpft. Soldaten verweigerten teilweise den Gehorsam.
Am 12. Januar 1942 wurde Generaloberst Strauß aus gesundheitlichen Gründen seines Kommandos enthoben. Drei Tage später übernahm General der Panzertruppe Walter Model den Oberbefehl über die neunte Armee. Eine Personalentscheidung, die den weiteren Verlauf der Schlachten um Rschew prägen sollte wie keine andere. Model war zu diesem Zeitpunkt 51 Jahre alt und galt als unbequemer, aber außergewöhnlich begabter Truppenführer.
Sein militärischer Stil verband schroffe Direktheit mit einem unbedingten Willen zur Frontnähe. Model verließ sich nie auf die Berichte rückwärtiger Stäbe, sondern fuhr persönlich an die Brennpunkte. Politisch galt er als Anhänger Hitlers. Diese Mischung aus militärischer Brillanz und ideologischer Loyalität machte ihn zu Hitlers bevorzugtem Krisenmanager, den die Stäbe fortan Hitlers Feuerwehrmann nannten.
Am 17. Januar 1942 flog Model nach Ostpreußen in die Wolfschanze. Die Lage der neunten Armee schien aussichtslos. Konevs Kalininer Front hatte den Frontabschnitt durchstoßen. Die 29. und die 39. sowjetische Armee operierten bereits im Rücken der deutschen Verteidigung. Anstatt den von Hitler erwarteten Rückzugsplan vorzulegen, schlug Model das Gegenteil vor: einen sofortigen Gegenangriff aus dem Korridor heraus.
Hitler war perplex und antwortete schlicht: Dann machen Sie es. Diese Szene begründete eine Arbeitsbeziehung, die in der gesamten Wehrmachtsführung einzigartig blieb. Model durfte als einer der wenigen deutschen Heerführer Hitler offen widersprechen, und Hitler ließ ihn gewähren, solange er Erfolge lieferte. Model handelte mit einer Geschwindigkeit, die seine eigenen Stäbe überraschte.
Bereits am 23. Januar führte das 21. Armeekorps gemeinsam mit Teilen der dritten Panzerarmee einen Stoß von Rschew nach Westen, der den Korridor wieder schloss und die 29. sowjetische Armee von ihren Nachschublinien abschnitt. Bis zum 5. Februar war die operative Lage bereinigt. Für diese Stabilisierung wurde Model am 28. Februar zum Generaloberst befördert. Der Frontbogen von Rschew war als geographische Tatsache geboren.
Die strategische Bedeutung dieses Vorsprungs lässt sich nicht hoch genug einschätzen. Mit einer Gesamtfrontlänge von rund 500 Kilometern band er auf deutscher Seite ständig zwischen 22 und 30 Divisionen Kräfte, die anderswo dringend benötigt wurden. Hitler sah in der Beibehaltung dieses Sprungbretts eine psychologische Waffe. Solange die Wehrmacht nur 200 Kilometer vor Moskau stand, blieb die Bedrohung der sowjetischen Hauptstadt aufrecht.
Für Stalin wiederum war der Frontbogen ein Stachel im Fleisch der eigenen Kriegsführung. Schon am 5. Januar hatte er auf einer Stawka-Sitzung erklärt, Rschew müsse um jeden Preis eingenommen werden. Ein Befehl, der in den kommenden 14 Monaten mehr als einer Million seiner Soldaten das Leben oder die Gesundheit kosten sollte. Das Frühjahr brachte eine Atempause, in der beide Seiten ihre Kräfte ordneten.
Am 23. Mai 1942 kam es zu einem Zwischenfall, der die Schlacht beinahe ihres deutschen Hauptakteurs beraubt hätte. Während eines Aufklärungsfluges in einem Fieseler Storch über frontnahem Waldgebiet wurde Models Maschine von einer sowjetischen Scharfschützenkugel getroffen, die seine linke Lunge zerriss. Eine Notoperation in einem nahen Feldlazarett rettete sein Leben. Model verbrachte den Rest des Frühsommers in einem Dresdner Genesungsheim.
In der Zwischenzeit hatte das Oberkommando der neunten Armee die Initiative ergriffen. Vom 2. Juli bis zum 12. Juli 1942 führte die Wehrmacht das Unternehmen Seidlitz durch, eine konzentrische Säuberungsoperation, in deren Verlauf die 22., die 29. und die 39. sowjetische Armee endgültig zerschlagen wurden. Die Rote Armee verlor weitere 50.000 Mann an Gefangenen. Damit war der rückwärtige Raum der neunten Armee fürs erste gesichert.
Aber Stalin hatte längst die nächste Offensive in Auftrag gegeben. Diese begann am 30. Juli mit einem massiven Artillerieüberfall auf den Nordsektor von Rschew. Konevs Kalininer Front und Schukows Westfront warfen zusammen über 500.000 Soldaten gegen den Nordriegel und gegen die Höhen östlich von Rschew. Die Härte der Gefechte spiegelt sich in einem Zeugnis der 17. Gardeschützendivision: Im ganzen Krieg habe ich nichts Schrecklicheres gesehen.
Die Eliteverband Großdeutschland, mit bis zu 18.000 Mann die größte Division der Wehrmacht, verlor in den Sommerwochen rund 10.000 Mann an Toten und Verwundeten, mehr als die Hälfte ihres Bestandes. In zahlreichen Regimentern der neunten Armee starben jene Veteranen, die den Polenfeldzug, den Frankreichfeldzug und die Offensive von 1941 überlebt hatten. Sie wurden ersetzt durch unerfahrene Rekruten.
Am 27. September gelang Einheiten der 30. sowjetischen Armee sogar der Einbruch in die nördlichen Vororte von Rschew selbst, ein Erfolg, der erst durch herangeführte Reserven und durch Models persönliches Eingreifen rückgängig gemacht wurde. Die Schlacht endete offiziell am 26. September mit hohen sowjetischen Verlusten und ohne nennenswerte territoriale Gewinne. Doch sie war nur das Vorspiel zu jener Großoffensive, die Schukow und Stalin bereits in geheimen Plänen ausarbeiten ließen.
Am 26. September 1942 fasste die sowjetische Stawka in Anwesenheit Stalins jenen Beschluss, der zur größten und am gründlichsten verschwiegenen Niederlage Schukows führen sollte. Operation Mars sollte die neunte Armee Models im Frontbogen von Rschew einkesseln und vernichten. Ihr sollte die noch ehrgeizigere Operation Jupiter folgen, in deren Verlauf die gesamte Heeresgruppe Mitte im Raum Smolensk zerschlagen werden sollte.
Schukow und Stalin maßen Mars zu diesem Zeitpunkt mindestens denselben Rang bei wie Uranus, der Operation zur Einkesselung der sechsten Armee bei Stalingrad. Die spätere sowjetische Darstellung, Mars sei lediglich ein Ablenkungsmanöver für Stalingrad gewesen, hat der amerikanische Militärhistoriker David Glanz in seinem Werk Schukows größte Niederlage als nachträgliche Geschichtsklitterung entlarvt.
Die für Mars zusammengezogenen Kräfte spotten jeder Vorstellung von einer Ablenkung. Die Kalininer Front unter Generaloberst Maxim Porkajev und die Westfront unter Generaloberst Iwan Konev verfügten zusammen über 900.000 Soldaten, mehr als 24.000 Geschütze, 3300 Panzer und 1100 Flugzeuge. Diesen Massen standen auf deutscher Seite rund 250.000 Mann und etwa 200 einsatzfähige Panzer gegenüber.
Das zahlenmäßige Verhältnis lag damit bei fast 3:1 zugunsten der Roten Armee, bei den Panzern bei mehr als 10:1. Nur ein Faktor minderte diese erdrückende Übermacht. Die Wehrmacht wusste durch nachrichtendienstliche Quellen, durch Funkaufklärung und durch sowjetische Überläufer bereits Wochen im Voraus von Ort und Zeitpunkt des Angriffs. Model nutzte diese Vorwarnung mit eisiger Konsequenz.
Wälder, die in den geplanten Angriffsräumen Deckung hätten bieten können, wurden gerodet. Vor jedem Hauptverteidigungsabschnitt wurden Minenfelder von ungekannter Dichte angelegt, Schusszonen vermessen, Gegenangriffsreserven gestaffelt aufgestellt. Am 25. November 1942, drei Tage nachdem der Ring um Stalingrad geschlossen worden war, eröffneten Porkajev und Konev die Offensive bei dichtem Schneetreiben und Temperaturen von minus 20 Grad.
Im Westen führte die 41. Armee unter Generalmajor German Tarassov den Hauptstoß bei der Stadt Bely. Fünf Schützendivisionen, das erste mechanisierte Korps und das sechste Schützenkorps zusammen rund 106.000 Mann und 350 Panzer. Im Osten gingen die 20. Armee und die 31. Armee entlang der Flüsse Watsa und Osuga zum Angriff vor. Am rechten Flügel der Kalininer Front griff zeitgleich die dritte Stoßarmee an.

Am 27. November führte das fünfte Panzerkorps unter Generalmajor Semenchenko mit nahezu 200 Panzern im Durchbruchsraum der 20. Armee ein. Es gelang, bei der 78. Infanteriedivision einzubrechen, die in den ersten beiden Tagen fast aufgerieben wurde. Sowjetische Panzer bedrohten unmittelbar die rückwärtige Bahnlinie zwischen Rschew und Moskau, die Lebensader der gesamten neunten Armee.
Auch im Westen im Raum Bely gelang Tarassovs Verbänden ein Durchbruch von rund 20 Kilometern Tiefe. Doch nun zeigte sich, was Model in den Sommermonaten vorbereitet hatte. Die Wehrmacht räumte unbedeutende Stellungen, hielt die Schwerpunkte mit zäher Verbissenheit und verschob ihre Reserven schneller, als die Rote Armee ihre Erfolge ausweiten konnte. Die deutsche Verteidigung profitierte vom Vorteil der inneren Linie.
Während die sowjetischen Verbände an der Peripherie des Frontbogens marschieren mussten, konnten deutsche Reserven auf kurzen Sehnen quer durch den Bogen geworfen werden. Schon am 28. November war das deutsche Oberkommando in der Lage, lokale Gegenangriffe einzuleiten. In den folgenden Tagen verwandelte sich Operation Mars in das, was Glanz mit den Worten beschrieb: Niemals habe es eine ehrgeizigere, so groß angelegte, so plump ausgeführte und so verlustreiche Operation gegeben.
Bei Bely wurden die Spitzen der 41. Armee durch konzentrische Gegenstöße der ersten Panzerdivision und der Division Großdeutschland vom rückwärtigen Anschluss abgeschnitten. Am 6. Dezember wurde der Kessel um den Großteil des sechsten Schützenkorps und der ersten mechanisierten Korps geschlossen. Etwa 40.000 Rotarmisten saßen in der Falle. Die Versuche der Roten Armee, von außen zu entlasten, scheiterten ebenso wie die Versuche von innen auszubrechen.
Im Osten an der Watsa fielen die sowjetischen Panzer reihenweise in deutsches Pakfeuer und in Minenfelder. Die Geländegewinne wurden mit Verlustquoten erkauft, die selbst sowjetische Maßstäbe überschritten. Am 27. November notierte Schukow in seinen späteren Memoiren lapidar: Die Operation habe ihr Ziel nicht erreicht. Ein Satz, hinter dem sich der Tod von rund 100.000 sowjetischen Soldaten verbarg.
Am 21. Dezember 1942 wurde die Operation offiziell abgebrochen, nachdem auch ein letzter Versuch eines Nachstoßes mit frischen Reserven gescheitert war. Die sowjetische Bilanz war verheerend: rund 100.000 Tote und Vermisste, weitere 235.000 Verwundete, 1600 vernichtete oder unbrauchbar gewordene Panzer. Die deutsche neunte Armee hatte in derselben Zeit etwa 40.000 Mann an Toten und Verwundeten und 400 Panzer verloren.
Während 350 Kilometer weiter südlich die sechste Armee in Stalingrad eingeschlossen wurde und die Welt auf das 𝒹𝓇𝒶𝓂𝒶 an der Wolga blickte, blieb das 𝒹𝓇𝒶𝓂𝒶 an der oberen Wolga im Schatten. Schon damals begann die sowjetische Propaganda, Mars zur Ablenkungsoperation für Uranus umzudeuten. Eine Lesart, die dem öffentlichen Bild Schukows als unbesiegbarer Heerführer dienen sollte und die für die nächsten Jahrzehnte die offizielle sowjetische Geschichtsschreibung bestimmen würde.
Mit dem Untergang der sechsten Armee im Kessel von Stalingrad am 2. Februar 1943 veränderte sich auch die strategische Logik um Rschew grundlegend. Der Verlust von rund 250.000 Soldaten bedeutete, dass an eine Wiederaufnahme der Offensive auf Moskau nicht mehr zu denken war. Damit war auch die psychologische Begründung Hitlers, den Frontbogen als Sprungbrett zu halten, hinfällig geworden.
Bereits seit dem Spätherbst hatte das Oberkommando des Heeres unter dem Decknamen Büffelbewegung die Vorbereitungen für einen geordneten Rückzug ausgearbeitet. Am 6. Februar erteilte Hitler schließlich die Erlaubnis, sich in geordneter Weise aus dem Frontvorsprung von Rschew zurückzuziehen. Es war der einzige planmäßige und vorab genehmigte deutsche Rückzug an der Ostfront in den Jahren 1942 und 1943.
Die logistische Vorbereitung dieser Operation war eine der bemerkenswertesten Stabsleistungen der gesamten Wehrmacht im Krieg. In nur vier Wochen errichtete der Stab der neunten Armee rund 100 Kilometer westlich des Frontbogens eine vollständig ausgebaute Auffangstellung. Dazwischen wurden Widerstandslinien für die phasenweise Absetzbewegung definiert und ein etwa 100 Kilometer tiefer Gefechtsraum systematisch geräumt.
Am 1. März 1943 setzte sich die Bewegung in Marsch. In nur neun Tagen zogen sich die neunte Armee und die rechten Flügelverbände der vierten Armee um rund 160 Kilometer hinter die vorderste Front zurück. Damit wurden 500 Kilometer Frontlänge eingespart. Die Rote Armee unter Schukow und Konev war von der Geschwindigkeit und Geordnetheit der Bewegung überrascht und konnte keine Einbrüche erzielen.
Am 3. März erreichten Verbände der sowjetischen Westfront die Stadt Rschew. Sie fanden sie jedoch geräumt vor. Am selben Tag sprengte ein deutsches Minenkommando die große Wolgabrücke und verlangsamte damit den sowjetischen Vormarsch zusätzlich. Die Räumung des Frontbogens war jedoch nicht nur eine militärische Operation, sie war zugleich Schauplatz schwerer Kriegsverbrechen.
An der Plünderung und Verwüstung der geräumten Gebiete war vor allem die 253. Infanteriedivision beteiligt. Dörfer wurden niedergebrannt, Brunnen vergiftet, Vorräte vernichtet, tausende von Zivilisten zwangsweise nach Westen mitgeführt oder erschossen. Das Armeeoberkommando 9 unter Generaloberst Model trug für diese Befehle die unmittelbare Verantwortung. Die Sowjetunion setzte Model nach dem Krieg auf ihre Liste der Kriegsverbrecher.
Walter Model wurde am 1. Februar 1944 zum Generalfeldmarschall ernannt, als jüngster Träger dieses Ranges in der gesamten Wehrmacht. Sein operatives Rezept blieb stets das gleiche, das er vor Rschew entwickelt hatte. Doch die Rolle des Feuerwehrmanns hatte ihre Grenzen. Am 21. April 1945 erschoss sich Model in einem Wald bei Duisburg, um nicht in sowjetische Kriegsgefangenschaft zu geraten.
Auf sowjetischer Seite verlief das Schicksal der Hauptverantwortlichen wesentlich glanzvoller, gerade weil das Scheitern vor Rschew systematisch aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt wurde. Georgi Schukow wurde am 18. Januar 1943 zum Marschall der Sowjetunion befördert, koordinierte die siegreichen Operationen von Kursk, Bagration und Berlin und nahm am 24. Juni 1945 die Siegesparade auf dem Roten Platz ab.
Iwan Konev, der vor Rschew zweimal an der Schwelle des Militärtribunals gestanden hatte und nur durch Schukows persönliche Intervention gerettet worden war, führte als Marschall die erste ukrainische Front bis Berlin und befreite Prag. Maxim Porkajev, der während Mars die Kalininer Front kommandiert hatte, verschwand danach in der zweiten Reihe der sowjetischen Generalität.
Die Stadt selbst überlebte die Schlachten in einem Zustand, der in der gesamten Sowjetunion als Synonym für Auslöschung galt. Von den vor dem Krieg etwa 56.000 Einwohnern fanden sowjetische Soldaten am 3. März 1943 nur noch 150 lebende Menschen vor. Von den 5300 Wohnhäusern standen weniger als 300. Der Wiederaufbau zog sich über zwei Jahrzehnte.
Im Jahr 2020 eröffnete der russische Staat westlich der Stadt das gigantische Denkmal des sowjetischen Soldaten, eine 25 Meter hohe Bronzefigur. Ihre bloße Existenz markiert die späte und widersprüchliche Anerkennung jener Toten, die 70 Jahre lang aus dem offiziellen Gedenken ausgeschlossen waren. Die strategischen Folgen der 15-monatigen Schlachtenserie reichten weit über den Frontbogen hinaus.
Models neunte Armee war im Frühjahr 1943 physisch und materiell ausgezehrt. In vielen Regimentern dienten mehr Genesene und Ersatzleute als Veteranen. Genau diese geschwächte neunte Armee erhielt im Juli 1943 die Aufgabe, im Unternehmen Zitadelle den Nordstoß auf den Kursker Bogen zu führen. Nach acht Tagen erbitterter Kämpfe war Model nach lediglich 15 Kilometern Geländegewinn am Ende seiner Möglichkeiten.
Der russische Militärhistoriker Alexei Isajew hat darauf hingewiesen, dass die Schlachten um Rschew damit nicht nur indirekt zum sowjetischen Sieg von Stalingrad beitrugen, sondern auch zur deutschen Niederlage bei Kursk. Einen operativen Zusammenhang, den die sowjetische Geschichtsschreibung der Nachkriegszeit aus den genannten Gründen kaum thematisieren konnte.
Bleibt die Frage, warum die Sowjetunion 70 Jahre lang über Rschew schwieg. Die Antwort liegt im Widerspruch zwischen Tatsache und Mythos. Im offiziellen Narrativ vom Großen Vaterländischen Krieg hatte die Rote Armee unter Schukow und Stalin von Sieg zu Sieg geschritten. Eine Niederlage gegen einen längst geschwächten Gegner im Spätjahr 1942, ausgeführt von der Generalität um Schukow selbst, passte in keine Lesart.
Erst der amerikanische Historiker David Glanz mit seinem Werk Schukows größte Niederlage aus dem Jahr 1999 und die russische Historikerin Swetlana Gerassimowa mit ihrer Studie Das Schlachthaus von Rschew begannen in den späten 1990er Jahren das Schweigen aufzubrechen. Lange vor ihnen hatte ein einzelnes Gedicht jenes Schweigen unterlaufen. Alexander Twardowski schrieb 1946 die Zeilen: Ich bin gefallen bei Rschew.
Für den deutschen Hörer bleibt die Lehre nüchtern und dauerhaft. Diktaturen können Schlachten verlieren, aber sie können vor allem die Erinnerung an ihre Verlierer auslöschen. Es bedarf einer Generation freier Forschung, einer freien Presse und freier Archive, damit die Toten von Rschew überhaupt wieder gezählt werden konnten. Genau das ist der eigentliche Wert dieser Geschichte, 70 Jahre nach den Ereignissen.


