Die Erde zittert, als die ersten Panzermotoren aus dem Osten die Stille zerreißen. In den Schützengräben östlich von Charkow, wo der Frost die Finger zu Holzklötzen erstarren lässt und der Schnee die Wunden der Artillerietreffer notdürftig bedeckt, beginnt ein Protokoll der Hölle, das die Wahrheit über den Februar und März 1943 offenbart. Es ist die Geschichte von Männern, die glaubten, vernichtet zu sein, und die sich dennoch umdrehten, um zurückzuschlagen.
Die Temperaturen fallen auf minus 25 Grad, das Thermometer friert ein, und die Soldaten der Wehrmacht kämpfen nicht nur gegen die Rote Armee, sondern gegen die Kälte selbst. Die Finger sind taub, die Gewehre verklemmen, weil das Fett bei diesen Temperaturen zu einer zähen Masse wird. Jeder Schuss, jede Bewegung ist ein Kampf gegen die Elemente. Die Männer wissen, dass die ersten 50 Schuss aus einem Maschinengewehr kritisch sind, weil das System erst warmlaufen muss. Sie kratzen das Fett mit den Fingernägeln heraus, reiben die Verschlüsse mit trockenen Hosenbeinen ab. Es ist keine Vorschrift, es ist Überlebenswille.
Der Rückzug aus Charkow im Februar 1943 ist kein Versagen, sondern eine taktische Notwendigkeit. Die Heeresgruppe Don, die später in Heeresgruppe Süd umbenannt wird, hält eine Front, die längst kein zusammenhängendes Band mehr ist. Es ist ein Flickwerk aus Lücken, Kampfgruppen und provisorischen Stellungen. Die Rote Armee drückt mit der Südwestfront unter Generaloberst Watutin und der Woronescher Front unter General Golikow von drei Seiten. Die dritte Panzerarmee stößt von Nordosten, die erste Gardearmee drückt von Norden. Die Stadt Charkow, einst ein Zentrum mit über 700.000 Einwohnern, ist ein Kessel, der sich langsam schließt.
Obergruppenführer Hauser, Befehlshaber des zweiten SS-Panzerkorps, trifft am 15. Februar eine Entscheidung, die gegen den ausdrücklichen Befehl Hitlers verstößt. Er befiehlt die Räumung der Stadt. Die Soldaten in den Gräben erfahren dies nicht durch Fernschreiben, sondern durch die Bewegung, die sie selbst ausführen. Sie verlassen ihre Unterstände, die sie mit eigenen Händen gebaut haben, die warm geworden sind durch ihre Körper und einen improvisierten Blechofen. Sie lassen alles zurück, was nicht lebensnotwendig ist: den Brotbeutel mit dem letzten Brot, die Zeitungen aus dem Dezember, die Fotografie an der Wand. Was zählt, ist die Munition, die Waffe, der Mantel.
Der Marsch über den zugefrorenen Fluss Lopan ist ein Tanz auf dünnem Eis. Die Pioniere haben die Tragfähigkeit geprüft, aber das Kratzen der Sohlen auf dem Eis ist das einzige Geräusch, das erlaubt sein sollte. Von Osten kommt das Rollen der Artillerie, ein dumpfes Dröhnen, das sich über das gefrorene Terrain ausbreitet wie ein Schlag auf eine gespannte Trommel. Die Männer gehen in Einzelabstand, fünf Meter zwischen ihnen, wie es die Vorschrift verlangt. Sie erreichen eine halbfertige Zwischenstellung, Schützengräben, die in der Froststarre eingefroren sind, bevor sie fertiggestellt werden konnten.
Die erste sowjetische Aufklärungsgruppe erscheint am 16. Februar. Zehn bis 15 Mann, Maschinenpistolen und ein leichtes Maschinengewehr. Brunners MG 42 gibt zwei Gaben ab, rund 40 Schuss. Die Aufklärungsgruppe verschwindet in der Deckung. Kein Feuerkampf, nur ein Abtasten. Die Sichtweite bei Winterlicht und Schneegestöber liegt bei 100 bis 150 Metern. Die Soldaten schießen nicht auf Umrisse, die sie nicht sicher identifizieren können. Es ist keine Zögerlichkeit, es ist Munitionsdisziplin. Die Gruppe hat 340 Schuss für den Karabiner, vier Maschinengewehrgurte zu 50 Schuss, sechs Stielhandgranaten und eine Eierhandgranate. Jeder Schuss, der nicht sitzt, ist ein Schuss, der fehlt.
Die Nacht vom 14. auf den 15. Februar ist die kälteste. Das Thermometer zeigt minus 28 Grad. Die Wachen wechseln alle 30 Minuten, weil mehr nicht zu leisten ist. Die Männer kriechen in die Unterstände, pressen die Hände an den Körper des Nebenmannes, warten, dass die Finger wieder Empfindung annehmen. Lööner, ein Gefreiter, der einen Teil seiner rechten Zehe seit drei Wochen nicht mehr spürt, geht mit einem Gang, der ihn ein Jahr älter macht. Niemand nennt die Erfrierung laut. Der Truppenarzt hat die Wundklassifikation ersten Grades dokumentiert, Wollzeug verordnet, das nicht da ist, und Entlastung angeordnet, die operativ nicht möglich ist. Lööner steht Wache, trägt sein Gewehr, macht, was gemacht werden muss.
Am 16. Februar kommt der Befehl zum weiteren Rückzug. Die nördliche Flanke der Stadt ist nicht mehr zu halten. Die Leibstandarte zieht sich auf den Bogoduchow-Korridor zurück. Die Infanterie, die den Flankendeckungsauftrag hat, folgt dieser Bewegung. Das Grundprinzip des geordneten Rückzugs ist einfach: Die kämpfende Truppe muss den Anschluss an die Nachbarlinie halten, Feuerkontakt zum Feind behalten, ohne sich einkesseln zu lassen, und ein Tempo halten, das physiologisch möglich ist. Das Tempo ist nicht physiologisch möglich. Es ist das Tempo, das die Lage erzwingt. Die Männer gehen 15 Kilometer in der Nacht, 23 Stunden Fußmarsch mit kurzen Halten von 30 Minuten, in denen sie nicht schlafen, sondern nur warten, dass die Glieder aufhören zu zittern.
Die Straße ist keine Straße mehr. Sie ist eine Spur in der winterlichen Steppe, flankiert von umgekippten Fahrzeugen und hin und wieder von etwas, das man im Vorbeigehen als einen Menschen erkennt und das man im Vorbeilaufen nicht mehr als einen Menschen erkennen will. Der Feind ist nicht überall, aber er ist an genug Stellen, dass die Frage nach dem genauen Ort, an dem er gerade ist, die wichtigste Frage der nächsten vier Stunden ist. Aufklärung ist auf dieser Ebene das Gefühl in den Ohren und der Geruch in der Luft. Verbrannter Treibstoff riecht anders als verbranntes Holz. Ein T-34 klingt anders als ein Kettenkrad.

Das Kettenkrad, das Halbkettenfahrzeug kleiner Bauart, ist in diesen Tagen das wichtigste Fahrzeug für die Versorgungslinie. Die schweren Lastkraftwagen kommen nicht mehr durch. Die Straßen sind gefroren, aber die Radfahrzeuge brechen an Stellen durch, die man nicht vorhergesehen hat. Das Kettenkrad kommt durch. Es ist klein, hat ein Gewicht von rund 1200 Kilogramm, seine Gleisketten finden Halt auf der gefrorenen Oberfläche. Es transportiert bei Bedarf zwei Mann und 100 Kilogramm Material. Es ist das Rückgrat des vorderen Nachschubs. Jeder Kettenkradfahrer, der durch die Hauptversorgungslinie seine Runden zieht, ist eine Person, auf deren Überleben die Handlungsfähigkeit der vorderen Linie direkt beruht.
Am 17. und 18. Februar verlagert sich das Schwergewicht des sowjetischen Drucks nach Süden. Die Gruppe Popow der Südwestfront versucht, über die Achse Charkow-Krasnograd die rückwärtigen deutschen Verbindungen zu schneiden. Das ist die Tiefenwirkung dieser Offensive, die weit über die Stadt selbst hinausgeht. Wenn es den sowjetischen Verbänden gelingt, die Straßen und Schienenwege im Rücken der Heeresgruppe Don zu unterbrechen, sind die deutschen Kräfte nicht nur taktisch bedrängt, sondern operativ abgeschnürt. Die Soldaten sehen die Spitze dieses Plans nicht. Sie sehen seine Auswirkungen in Form von Marschbefehlen, von Kompanien, die aus dem Verband herausgebrochen werden und in neuen Sektoren erscheinen, von Fernsprüchen, die in der Unterstandsluke ankommen und den Zugführer schweigen lassen.
Ende Februar beginnt die Rasputiza. Das Wort kommt aus dem Russischen und bedeutet die Zeit der Schlammlosigkeit des Weges, die Zeit, in der die Straßen verschwinden. Die Schneeschmelze beginnt nicht gleichmäßig. Sie beginnt an Tiefpunkten, an Stellen, die tagsüber einen Moment Sonne sehen, an den Kanten von Gruben und Trichtern, wo das Wasser sich sammelt und die Frostschicht aufweicht. Das Schmelzwasser wandert in die Erde, und die Erde, die noch nicht vollständig aufgetaut ist, nimmt es nicht auf. Es verbleibt zwischen der Ober- und der Mittelschicht des Bodens als eine semiflüssige Masse, die die gleiche braune Farbe hat wie Schokolade und die Konsistenz von gekochtem Leim. Diese Masse macht jeden Weg unbegehbar. Ein Lastkraftwagen Opel Blitz, beladen mit 3000 Kilogramm, versinkt bis zur Achse. Ein Pferdewagen versinkt tiefer. Ein Soldat auf dem Weg zu einem Stellungswechsel versinkt bis zum Knie, und der Stiefel kommt herauf, aber der Fuß kommt einen Moment später, und der Moment dazwischen ist eine Erfahrung von mechanischer Hilflosigkeit.
Der Schlamm macht keinen Unterschied zwischen Freund und Feind. Er lähmt beide. Für die sowjetischen Verbände, die ihre Offensive mit dem Schwung der vorangegangenen Wochen fortsetzen wollen, bedeutet die Rasputiza eine logistische Katastrophe. Die Panzer der dritten Panzerarmee, die mit hohem Tempo nach Westen und Südwesten vorgestoßen sind, haben ihre Nachschublinien überdehnt. Je tiefer der Angreifer eindringt, desto länger wird seine Versorgungslinie, desto größer der Schwund durch Reibung, desto dünner die Verbände an der Spitze. Bei normalen Bodenverhältnissen lässt sich das kompensieren, bei Rasputiza nicht. Die Treibstoffkolonnen kommen nicht durch. Die Munitionstransporter kommen nicht durch. Die Panzer an der Spitze stehen. Der Druck lässt nach. Nicht vollständig, nicht gleichmäßig, aber stellenweise an Punkten, wo gestern noch Panzermotoren liefen, ist heute Stille.
Diese Stille bedeutet nichts Gutes für den Feind. Sie bedeutet, dass er gestreckt ist wie ein Gummiband. Der Mann, der das Gummiband in der Hand hält, ist Erich von Manstein. General Feldmarschall, Befehlshaber der Heeresgruppe Süd. Die Soldaten haben ihn nie gesehen, werden ihn nie sehen, aber seine operativen Entscheidungen formieren sich als Bewegungen ihrer Körper durch diese Landschaft. Die Idee des Gegenschlages, die er in diesen Tagen entwickelt und Schritt für Schritt durch das Fernschreibsystem der Heeresgruppe drückt, ist im Kern das Folgende: Die überlaufenden sowjetischen Spitzen sollen nicht frontal gestoppt, sondern seitlich gefasst werden. Die deutschen Panzerverbände, die vierte Panzerarmee im Süden, das zweite SS-Panzerkorps im Zentrum, sollen die Flanken der vorgeschobenen sowjetischen Kräfte abreißen und in einen Vernichtungsring einschließen, bevor die Rasputiza vollständig zuschlägt und auch die deutschen Gegenangriffskräfte festfriert.
Es ist ein enges Zeitfenster. Drei Wochen, vielleicht vier, in denen der Schlamm dick genug ist, um den Verteidiger zu lähmen, aber noch nicht dick genug, um die gut vorbereiteten Angreifer völlig aufzuhalten. In dieses Fenster hinein geht der Gegenschlag. Er beginnt ab dem 19. Februar an der Südseite mit dem Vorstoß der vierten Panzerarmee und erreicht den Mittelteil der Front in den letzten Februartagen. Die Soldaten erleben die operative Wende nicht als Befehl, sondern als Lärm. Am 21. oder 22. Februar, die Tage verschwimmen, kommt von Süden ein Klang, den sie nicht sofort einordnen. Das rollende Donnern von Panzerverbänden in der Bewegung, aber diesmal nicht von Osten nach Westen, sondern von Süden nach Norden. Das ist der erste physische Hinweis, dass sich etwas in der Dynamik der Front umgekehrt hat. Deutsche Panzer, die von Süden nach Norden vorwärts gehen, folgt eine Energie, die sich anders anfühlt als Rückzug.
Der Zugführer bestätigt es. Das zweite SS-Panzerkorps greift an. Hauser, der Mann, der Charkow gegen den Befehl geräumt hat, wird Charkow zurücknehmen. Die Ironie dieses Satzes ist den Soldaten nicht entgangen. Ihre Aufgabe ist jetzt die Flankendeckung des vorrückenden Panzerverbandes. Sie gehen mit, sie gehen vorwärts. Vorwärts gehen im März 1943 in der Steppenlandschaft östlich des Donez hat nichts von dem, was man sich unter einem Angriff vorstellt. Es ist kein geradliniger Vormarsch auf ein klar definiertes Ziel. Es ist ein Tasten in Feuer und Schlamm. Das Terrain ist jetzt ein Gemisch aus gefrorenen Abschnitten, die noch halten, und aufgetauten Senken, in denen man versinkt. Die Panzerwege sind von Pionieren erkundet und mit Holzknüppelbelag oder Strohlagen vorbereitet worden, wo es geht. Wo es nicht geht, fahren die Panzer durch die Wiesen, und die Infanterie läuft hinterher.

Das Laufen hinter Panzern ist eine der absurdesten motorischen Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Die Maschine ist schneller als man, also läuft man, um den Anschluss nicht zu verlieren. Und das Gelände, durch das die Panzer gebrochen sind, ist schlechter als das Gelände vor den Panzern, weil die Ketten den Boden aufgeworfen haben wie ein Pflug. Dieser aufgeworfene Boden, halb gefroren, halbflüssig, klebt an den Stiefeln und macht jeden Schritt 30 Prozent schwerer als den vorherigen. Die taktische Realität des Angriffs ergibt sich am 5. März, als die Vorhut des zweiten SS-Panzerkorps die nördlichen Vororte Charkows erreicht. Die Soldaten sind zu dieser Zeit in einem Kampfabschnitt rund 1800 Meter westlich der Eisenbahnlinie, die am Bahnhof Charkow-Passagier in die Stadt führt. Es ist das Dach eines halbzerstörten Fabrikgebäudes, das eine Beobachtungsposition bietet, von der aus man 200 Meter Straße einsehen kann. An dieser Position liegt der Zugführer mit einem Scherenfernrohr, und die Männer liegen hinter ihm mit dem Maschinengewehr und dem Karabiner und warten.
Charkow ist eine Großstadt. Vor dem Krieg hatte sie über 700.000 Einwohner. Städte existieren auf Lagekarten als Kreise mit Namen. Was in diesen Kreisen ist, ergibt sich auf der Ebene der Soldaten aus dem, was sie sehen und hören. Der sowjetische Verteidiger, denn jetzt ist die Lage vertauscht, jetzt ist der Russe in der Stadt und hält sie, und die Deutschen kommen von außen, hat sich auf die Blockverteidigung eingerichtet. Jedes Haus ist ein Stützpunkt. Maschinengewehre in den oberen Stockwerken, Scharfschützen in den Ruinen, Panzerfäuste, sowjetische Gegenstücke zu den deutschen Panzerabwehrmitteln, in den Kellern. Die Koordination mit den Panzern, die die Soldaten begleiten, ist absolut entscheidend. Ein Panzer allein in der Stadt ist blind. Er kann nicht in die Hauseingänge sehen, er kann die Fenster nicht bestreichen, er kann die rückwärtigen Gassen nicht kontrollieren. Er braucht die Infanterie. Die Infanterie allein in der Stadt ist verloren. Sie kann die gegenüberliegenden Fenster nicht niederhalten, sie kann keine Entfernungen von über 300 Metern wirkungsvoll überbrücken, sie kann kein Gebäude durch bloße Körperkraft aufbrechen. Sie braucht den Panzer. Das Zusammenspiel dieser beiden Elemente ist das Einmaleins des Häuserkampfs, und es funktioniert nur, wenn die Verbindung hält.
Die Verbindung halten heißt Sicht halten, Signal halten. Es bedeutet, in einem Abstand von nicht mehr als 20 bis 30 Metern hinter dem Panzer zu bleiben, was bedeutet, in dem Gelände zu sein, das soeben beschossen wurde und das noch beschossen wird, und gleichzeitig zu funktionieren. Das erste Haus, das die Soldaten nehmen, ist ein fünfstöckiger Wohnblock an einer Straßenkreuzung, deren Name sie nicht kennen und die auf der Karte nur als Kreuzung bei Koordinate 72 Nord 3 erscheint. Die Kreuzung ist eingeschossen. Ein Trichterfeld von 20 Zentimeter tiefen Granattreffern überzieht das Pflaster wie Pockennarben. Dahinter im Eingangsbereich des Blocks ist Bewegung. Ein Scharfschütze im zweiten Stock hat bereits auf den Vordermann geschossen, einen Gefreiten, den sie kaum kannten, der mit einem Treffer in die Schulter aus dem Kampf heraus ist und nach hinten gebracht werden muss. Der Panzer, ein Panzer IV, Ausführung G mit der langen 7,5-Zentimeter-Kanone, dreht sich so in die Seitenstraße, dass seine Kanone auf die zweite Etage des Blocks zeigt. Der erste Schuss. Die Sprenggranate trifft die Fassade links des Fensters. Das Fenster existiert danach nicht mehr als Fenster. Es ist ein Loch in einer Außenwand, umgeben von weggesprengtem Mauerwerk, und der Scharfschütze ist entweder tot oder hat sich nach hinten abgesetzt. Brunner mit dem Maschinengewehr 42 nimmt die Fensteröffnung im dritten Stock unter Feuer, während die Soldaten mit zwei anderen Männern den Hauseingang anlaufen.
Das Anlaufen ist 30 Meter. 30 Meter über offenes Pflaster. Man tut es nicht schrittweise. Man tut es mit einem Satz aus einer Bewegung heraus im Schutz des Maschinengewehrfeuers und der Panzerkanone, und man hört während dieser 30 Meter die Welt auf die Einzahl reduziert. Das eigene Atmen, das Klappern der Ausrüstung, das Mündungsfeuer von Brunners Maschinengewehr als rhythmisches, ohrenbetäubendes Stakkato. Im Hauseingang angekommen, eine Holztür zertrümmert, hängt schief in den Angeln, ist die Situation sofort taktisch. Links führt eine Treppe nach oben, rechts ein langer Korridor. Ein Wohnblock dieser Größe in Charkow hat mindestens zwei Treppenhäuser. Der Gegner kennt das Haus, die Soldaten nicht. Das ist der Unterschied. Das gleichen sie aus durch Tempo und Handgranate.
Die Stielhandgranate, Modell 24, die man an der Kordel zieht und mit vier bis fünf Sekunden Zündverzögerung wirft, ist die Waffe des Nahkampfs in geschlossenen Räumen. Man wirft sie um Ecken, man wirft sie durch Türen, bevor man die Tür öffnet. Man wirft sie in Räume, in denen man keinen vollständigen Überblick hat. Das Grundprinzip: erst werfen, dann eintreten. Der Splitterradius im Gebäude ist eng genug, dass man sich in einem Winkel von zwei bis drei Metern selbst schützen kann. Der psychologische Effekt der Detonation in einem geschlossenen Raum ist unabhängig vom physischen Schaden. Wer eine Stielhandgranate in einem Zimmer explodieren hörte, ist für drei bis fünf Sekunden nicht vollständig handlungsfähig. In diesen drei bis fünf Sekunden tritt man ein mit der Maschinenpistole 40. Die Maschinenpistole 40 ist die Waffe des Nahkampfs in diesem Krieg. Kompakt, klappbare Schulterauflage aus Stahlblech, Magazin mit 32 Schuss Parabellummunition im Kaliber 9 Millimeter, Feuerrate von etwa 500 Schuss pro Minute. Für den Häuserkampf ist sie in einem Abstandsbereich von null bis 50 Metern das entscheidende Werkzeug. Im Korridor eines sowjetischen Wohnblocks bei Sichtweiten von weniger als zehn Metern, wo ein Karabiner zu lang ist, um an Ecken gehandhabt zu werden, und wo jede Sekunde Umrüstungszeit eine Sekunde zu viel ist, ist die Maschinenpistole das Mittel zwischen Leben und Tod.
Das erste Stockwerk des Wohnblocks nehmen die Soldaten in 19 Minuten. Vier Räume, ein Nebengebäude des Treppenhauses. Der Feind hat sich nach oben abgesetzt. Das zweite Stockwerk beginnt mit einem breiten Korridor und einer Tür am Ende, hinter der Bewegung ist. Sie hören es an der Stimme. Russisch. Kurze Befehle. Dann Stille. Hinter der Tür ist mindestens ein Mann. Vielleicht mehr. Der Soldat nimmt die Stielhandgranate aus der Trägertasche, zieht die Kordel, lässt eine Sekunde vergehen und wirft sie durch den Spalt links der Tür. Die Detonation schüttelt den Korridor. Putz rieselt von der Decke, dann die Tür, dann hinein. Ein Mann liegt am Boden. Ein zweiter Mann steht in der rechten Ecke und versucht eine Pistole zu heben, die ihm nicht mehr gehorcht. Der Soldat schießt zweimal. Das ist das Ende des zweiten Stocks.
Am 7. März ist ein Großteil der westlichen Innenstadt in deutschen Händen. Die Leibstandarte rückt von Nordwesten vor, das Reich von Westen, und die Einheit der Soldaten als Teil einer Infanteriebrigade, die dem zweiten SS-Panzerkorps zugewiesen ist, drückt im mittleren Sektor nach Osten in Richtung Bahnhof. Der Bahnhof Charkow ist ein zentraler Knotenpunkt, logistisch und symbolisch, und seine Einnahme steht auf dem taktischen Programm dieser Phase des Gefechts. Die Sowjets halten ihn mit Verbänden der 69. Armee, die gut befestigt sind und Entsatz erwarten. Ob der Entsatz kommt, ist auf der Ebene der Soldaten nicht zu beantworten. Sie können nur sagen, dass er in den folgenden Stunden nicht kommt. Das Gebäude des Bahnhofs ist ein riesiger Betonkomplex mit breiten Zufahrtsflächen, auf denen ein direkter Angriff selbstmörderisch wäre. Das zweite SS-Panzerkorps löst das Problem nicht mit dem direkten Frontalangriff, sondern mit der gleichzeitigen Einschließung. Während die Leibstandarte von Norden drückt, bewegt sich das Reich von Süden auf den Gleisbereich, und die Einheit der Soldaten sitzt im westlichen Zufahrtsbereich und hält den Abzugsweg zu. Einschließung im Kleinen, ein Block, eine Kreuzung, ein Bahnhofsgebäude als Miniaturversion des operativen Prinzips, nach dem der gesamte Feldzug geführt wird. Das Prinzip der Zangenbewegung auf die kleinste taktische Einheit heruntergebrochen. Drei Gefechtsgruppen, drei Achsen, ein Ziel.

Der Bahnhof fällt am 8. März, nicht mit einem Einschlag und nicht mit einer Kapitulation. Er fällt, weil das Maschinengewehrnest im östlichen Flügel des Gebäudes durch zwei Panzer IV aufgerieben wird und weil die Männer, die danach noch im Hauptsaal stehen, keine Möglichkeit mehr haben, eine koordinierte Verteidigung zu organisieren. Was übrig bleibt, sind Einzelkämpfer und kleine Gruppen in den Seitengebäuden und Lagerräumen, die in den folgenden vier Stunden in einem Raum-für-Raum-Vorgehen aufgerieben oder gefangen genommen werden. Es sind weniger Gefangene, als man erwarten würde. Es gibt Momente im Häuserkampf, in denen die Gefangennahme keine realistische Option ist, weil die Räume zu eng sind, die Zeit zu knapp und die Erschöpfung beider Seiten zu tief, um die Mittel zur Verwahrung aufzubringen.
Bis zum 15. März sind die Hauptteile der Stadt in deutschen Händen. Das ist das Datum, das in den Lageberichten erscheint und das in der Nachbetrachtung als der Abschluss der dritten Charkow-Rückeroberung gilt. Die Wahrheit auf der taktischen Ebene ist komplizierter. Am 15. März sind große Teile der Stadt zerstört, zahlreiche Gebäudekomplexe noch nicht vollständig gesäubert, und die Außenposten der sowjetischen Verbände haben sich auf Stellungen östlich des Donez zurückgezogen, von wo aus gelegentlicher Beschuss weiterhin die Stadt erreicht. Das ist kein Sieg im Sinne eines abgeschlossenen Vorgangs. Das ist ein Moment, in dem der Beschuss von einer bestimmten Seite aufgehört hat. Und dieser Moment ist, was verfügbar ist. Mit dem, was verfügbar ist, gibt man sich zufrieden.
Die materielle Abnutzung dieser drei Monate ist eine Zahl, die sich in Inventarlisten niederschlägt, die die Soldaten nie gesehen haben und die sie trotzdem kennen, weil sie sich in der Substanz ihrer Gruppe ausdrückt. Von den neun Mann, mit denen sie am 14. Februar den Rückzug über den Lopan begannen, sind am 15. März noch fünf. Lööner wurde Mitte Februar wegen seiner Erfrierungen aus der Linie gezogen und in ein rückwärtiges Feldlazarett verlegt. Was aus ihm geworden ist, wissen sie nicht. Brunner, der Maschinengewehrschütze, wurde am 6. März durch einen Splitter am Unterarm verwundet. Nicht schwer genug für die rückwärtige Lazarettbehandlung, schwer genug, dass er die Maschinengewehrbedienung für fünf Tage nicht ausführen konnte. Er ist wieder bei ihnen. Zwei Männer sind tot. Einer während der Verteidigungsphase westlich der Stadt, einer im Häuserkampf im zweiten Stock eines Wohnblocks, dessen Koordinaten sie vergessen haben, aber dessen Geruch, Verputzstaub, Schießpulver und darunter etwas Organisches, das sie nicht benennen wollen, nicht vergessen ist.
Die Maschinengewehrgaben, die Sprenggranaten, das Mündungsfeuer auf 200 Meter, das Handgranatenrauschen im Korridor. Das sind die handwerklichen Elemente des Gefechts, und sie treten in den Gedanken nicht als dramatische Einzelbilder auf, sondern als Sequenzen von Ursache und Wirkung, die man bewertet und auf die man reagiert. Das ist das Gehirn unter Last. Es ist kein Heldentum und kein Versagen. Es ist Arbeit unter den schlechtestmöglichen Bedingungen, und die Kriterien der Bewertung dieser Arbeit sind ausschließlich operativ. Hat die Gruppe ihren Auftrag erfüllt? Hat die Gruppe ihre Verluste in einem Verhältnis zur Wirkung gehalten, das vertretbar ist? Ist die Linie gehalten worden? Hat der Gegenschlag den erwarteten Raumgewinn gebracht? Die Antworten auf diese Fragen sind die einzigen Antworten, die im Februar und März 1943 im Raum Charkow gelten.
Die operative Realität, wie sie die Soldaten von ihrer Position aus überschauen können, lautet am 15. März 1943 wie folgt: Die sowjetische Offensive, die nach Stalingrad mit einer Dynamik angerollt war, die Charkow in Trümmer gelegt und die deutschen Frontlinien über 100 Kilometer nach Westen zurückgeworfen hatte, ist gestoppt. Die Spitzen der Vorwärtsbewegung der Roten Armee sind durch den kombinierten Effekt der Rasputiza und des deutschen Gegenschlags aufgerieben worden. Die Front stabilisiert sich entlang des Mius und des Donez. Das zweite SS-Panzerkorps hat Charkow zurückgenommen. Die Heeresgruppe Süd hat das Gesetz des Handelns, wie es im Generalstabsdeutsch heißt, also die Initiative zurückgewonnen. Das bedeutet nicht, dass der Krieg entschieden ist. Das bedeutet nicht, dass der Sommer keine neue sowjetische Offensive bringen wird. Das bedeutet nicht, dass die Verluste sich aufrechnen lassen gegen den Raumgewinn. Es bedeutet ausschließlich, dass die Dynamik dieses spezifischen Gefechts in diesem spezifischen Zeitraum in einem bestimmten Sinne ausgegangen ist.
Die Soldaten sitzen am Abend des 15. März in einem Keller an der Ostseite der Sumskaja-Straße. Es ist ein Wohnkeller, Holzregale, Einmachgläser, leer, ein Holztisch, zwei Feldbetten, die jemand hierher gebracht hat, eine Öllampe, die flackert, weil die Ölreserve zu Ende geht und der Docht nachzieht. Neben ihnen liegt Brunner und schläft, was er tut, sobald ein Moment Stille eintritt, als hätte sein Körper einen Mechanismus entwickelt, der das Schlafen automatisch einsetzt, wann immer keine unmittelbare Gefahr besteht. Die anderen drei Männer sind auf Wache. Draußen in der Straße, die sie vor drei Tagen das erste Mal betreten haben, liegt Schnee. Nicht der dicke Winterschnee vom Februar, sondern ein dünner, halbgeschmolzener Märzschnee, der über dem Trümmerpflaster liegt wie ein leichtes Tuch über einem Kranken, der noch atmet. Der Atem der Stadt ist der Geruch nach Asche, nach feuchtem Ziegel und nach Motoröl. Das ist Charkow im März 1943. Das ist der Ort, der zurückerobert wurde.
Die Soldaten überprüfen den Karabiner. Das Verschlussstück geht nach hinten. Es geht nach vorne. Das Magazin sitzt. Das Visier ist auf 200 Meter eingestellt. Das ist Standard. Das ist Routine. Das ist der Zustand, in dem das Gerät am Ende eines Tages sein muss, weil es am Anfang des nächsten Tages bereit sein muss. Ob der nächste Tag einen Angriff bringt oder eine Verteidigung oder eine Verlegung oder Stille, ist nicht ihre Entscheidung. Es ist eine Entscheidung, die auf der Ebene der Generalfeldmarschälle getroffen wird, auf der Ebene der Operationsabteilungen, auf der Ebene der Lagekarten in beheizten Räumen, von denen aus man das Terrain sieht wie eine Abstraktion und die Kompanien als Quadrate und die Verluste als Zahlen. Was auf diesen Karten als Quadrat eingezeichnet ist, liegt jetzt neben ihnen und schläft und heißt Brunner und hat einen Unterarmverband aus dem letzten Feldverbandszeug, das noch vorhanden war. Das Quadrat auf der Karte hat einen Unterarmverband. Die Front ist nicht vorbei, sie ist nur heute Abend ruhiger als gestern Abend. Das Mündungsfeuer von weitem. Ein gelegentlicher Schuss aus einer schweren Kanone, der die Luft so verändert, dass man ihn spürt, bevor man ihn hört, gehört inzwischen zur Stille, weil es die Hintergrundstille ist, die eine Weile ohne Infanteriebeschuss gewesen ist. Die Infanteriestille ist kostbarer als die Artilleriestille, weil die Infanteriestille bedeutet, dass kein Mensch in der unmittelbaren Umgebung gerade versucht, einen anderen Menschen zu töten. Und das ist der Zustand, in dem der Körper sich erlaubt, für einen Moment die Alarmstufe zu senken. Nicht auf null, nur um eine Stufe. Genug, um in einem Keller in der Sumskaja-Straße zu sitzen, während die Öllampe das Flackern aufgibt und erlischt und das Verschlussstück in der Dunkelheit zu fühlen, nach hinten, nach vorne, und zu registrieren, dass es geht. Es geht.


