„Der Lauf glühte, aber sie kamen weiter“: Protokoll eines MG-Schützen 1943

„Der Lauf glühte, aber sie kamen weiter“: Protokoll eines MG-Schützen 1943

Die ukrainische Steppe brannte unter einem Trommelfeuer, das seit vier Stunden nicht nachgelassen hatte, als ein unbekannter MG-Schütze der Wehrmacht am 5. August 1943 seinen Bericht begann. Der Soldat, dessen Identität aus dem vorliegenden Protokoll nicht hervorgeht, beschreibt minutiös die Hölle der Abwehrschlacht während der sowjetischen Operation Rumjanzew. „Der Lauf glühte, aber sie kamen weiter“, notierte er in einer nüchternen Chronik, die nun als historisches Dokument die Brutalität der Ostfront offenbart.

Der MG-Schütze lag mit dem Bauch auf dem Erdaushub, das Zweibein der Waffe in den trockenen Lehm gedrückt. Die Erde schwang nicht mehr einzeln bei jedem Detonationsimpuls, sie schwang permanent. Ein dumpfes, kontinuierliches Vibrieren fuhr durch die Knochen wie durch loses Gestein. Staub, überall Staub. Der ukrainische Steppenboden hatte eine Konsistenz wie zermörserter Kalk und bei jedem nahen Einschlag stieg er in Säulen auf, mischte sich mit dem Pulverdampf der sowjetischen Artillerie, setzte sich auf den Lippen ab, schmeckte nach Schwefel und trockenem Ton.

Der Schützengraben war ein schmaler, hastiger Aushub, nicht mehr als 90 Zentimeter tief, die Wandungen bereits teilweise eingebrochen durch die Druckwellen der schweren Kaliber. Neben dem Schützen kauerte ein Kamerad namens Breuer mit dem zweiten Munitionskanister und hielt sich die Hände gegen die Ohren gedrückt. Er hörte ohnehin schon seit Dienstag schlecht, der Schütze nicht besser. Aber die Waffe brauchte keine gesunden Ohren. Das Maschinengewehr 42 war eingebettet in eine flache Sandstellungserhöhung, das Zweibein auf einem Holzbrett fixiert, um ein Einsinken in den weichen Rand des Grabens zu verhindern.

Der Gurt lag aufgelegt, 250 Patronen im gefütterten Metallgurt, Kaliber 7,9 Millimeter. Der Patroneneinlauf war sauber, soweit das bei diesem Dreck möglich war. Der Schütze hatte den Verschluss dreimal überprüft seit dem Morgengrauen. Den Lauf einmal gewechselt, noch bevor der erste Ansturm begann, weil der vorherige Lauf bereits Blaufärbungen an der Mündung gezeigt hatte. Ein Zeichen, dass er bei der gestrigen Beschießung zu heiß gelaufen war und über Nacht nicht vollständig abgekühlt hatte. Das war kein Risiko, das man einging. Ein überhitzter Lauf schoss hoch, schoss ungenau, schoss im schlimmsten Fall gar nicht mehr.

Es war der 5. August 1943, soweit der Schütze das einschätzen konnte, vielleicht der sechste. Die Tage hatten begonnen, ineinander zu fließen, seit dem Scheitern der Operation Zitadelle, seit der Befehl zum Rückzug die Stellungen durchlaufen hatte wie ein unterirdisches Zittern, das man mehr spürte als hörte. Zitadelle war gescheitert. Das wusste jeder. Niemand sprach darüber. Es gab nichts zu sagen. Die Panzerkeilverbände, die Woche zuvor noch in Richtung Kursk vorgestoßen waren, rollten jetzt rückwärts und die sowjetische Artillerie, die täglich massiver, täglich präziser wurde, folgte ihnen mit einer operativen Konsequenz, die nichts Improvisiertes mehr hatte.

Das hier war kein Gegenschlag. Das war eine geplante, durchdachte, mit schwerem Gerät abgestützte Großoffensive. Die Russen nannten sie Rumjanzew, aber die deutschen Soldaten hatten damals keinen Namen für das, was über sie hereinbrach. Sie hatten nur Einschläge. Der MG-Schütze hörte das Kommando nicht durch den Lärm. Er sah es. Unteroffizier Waltowski streckte den Arm aus, zeigte mit dem Finger in Richtung der Steppe. Der Schütze legte das Auge an den Grabenspiegel. Sie kamen. Natürlich kamen sie. Nach vier Stunden Trommelfeuer kamen sie immer.

Die Infanterie der Roten Armee bewegte sich in dichten gestaffelten Linien aus dem verrauchten Boden hervor, getrennt durch vielleicht 30 Meter zwischen den Wellen. Das war keine Sturmtaktik der Anfangsjahre, kein blinder Massenangriff. Das war koordiniertes Vorgehen, gesichert durch begleitende T-34-Panzer, die sich am linken Flankenrand der Angriffsformation entlangschoben, zu weit für die deutschen Panzerabwehrmittel in dieser Stellung. Die vorderste Infanterielinie war auf etwa 900 Meter schätzungsweise noch zu weit für sinnvollen Einsatz, aber nicht mehr lange.

Der Schütze legte an das Kinn in den Schaft, die rechte Hand an den Pistolengriff, den Daumen um das hintere Griffstück. Das Zweibein regulierte die horizontale Feuerlinie. Die linke Hand lag offen auf dem Laufmantel ohne zu greifen, nur stabilisierend. Die Waffe wog unter 12 Kilogramm ohne Gurt, aber das war genug, um nach 30 Minuten Dauerfeuer die Schulterpartie abzutauben. Das wusste der Schütze. Das ignorierte man. 800 Meter. Die erste Welle war sichtbar als einzelne Gestalten in Sommerdrähten mit flachen Helmen quer über das Feld verteilt.

Der MG-Schütze wartete. Man wartete immer. Man durfte nicht zu früh schießen, weil der Effekt bei großer Distanz zu gering war und weil man die Waffe nicht unnötig aufheizte, bevor die kritische Phase begann. 700 Meter. Waltowski hob nicht die Hand. 600 Meter. Jetzt kein Befehl mehr. Das war das Handwerk. Der erste Feuerstoß war kurz, drei bis fünf Schuss. Korrektur. Der Zweibeinmechanismus erlaubte eine horizontale Schwenkung von 19 Grad, ausreichend für das Bestreichen einer Frontbreite von etwa 80 Metern bei 500 Metern Entfernung.

Der Schütze brachte das Feuer in die linke Flanke der vordersten Linie. Dann zog er die Garbe flach nach rechts, gleichmäßig ohne die Kadenz zu unterbrechen. Das Maschinengewehr 42 schoss 1500 Schuss in der Minute. Das ist keine Beschreibung. Das ist eine physikalische Tatsache, die man versteht, wenn man sie erlebt. Das Rattern war kein Rattern. Es war ein Zerreißen, ein mechanisches Zerreißen der Luft, das so schnell war, dass das menschliche Gehör die Einzelschüsse nicht trennte. Die Russen nannten sie Hitlersäge. Sie hörten etwas, das wie eine Säge klang. Das war die Frequenz. Das war die Konsequenz dieser Kadenz.

Man brauchte keine präzise Einzelzielerfassung. Man brauchte einen Sektor. Man beschoss den Sektor. Der Sektor wurde leer. Nach 150 Schuss gab der Schütze Breuer das Zeichen Laufwechsel. Breuer hatte den Ersatzlauf bereits in der mit dem Lederhandschuh abgepolsterten linken Hand. Der Schütze betätigte den Laufverriegelungsgriff, klappte die Laufhalterung auf, zog den glühenden Lauf nach rechts heraus. Es war die Bewegung von zwei Sekunden, wenn man sie tausendmal geübt hatte. Der neue Lauf glitt ein, die Halterung schloss. Verschluss gespannt. Weiter.

Das war der Rohrwechsel. Ohne ihn brannte die Waffe nach zwei Schuss Dauerfeuer durch. Der Stahl lief blau an, die Züge im Inneren des Laufs begannen zu erodieren, die Treffgenauigkeit fiel ins Bodenlose und im schlimmsten Fall schmolz der Patronenboden in die Kammer. Das war kein theoretisches Risiko. Das war ein Versagen, das man an Ersatzteilen bezahlte, die danach nicht kamen. Die vorderste Welle hatte sich in die flache Mulde 300 Meter vor der deutschen Stellung geworfen. Das war kein Rückzug, das war Deckungsnahme. Sie warteten auf die zweite Welle. Die zweite Welle war bereits bei 600 Metern.

Der MG-Schütze verlagerte das Feuer. Das Maschinengewehr 42 beherrschte das Gelände nicht durch Einzelpräzision. Es beherrschte es durch Volumen und Frequenz. Man fächerte die Garben in den Raum. Man ließ den Boden selbst zur Waffe werden, weil Abpraller, die flach über Steppenerde liefen, eine horizontale Wirkungszone erzeugten, die einzelne Deckungsnahmen zunichte machte. Das hatte man den Soldaten nicht in einem Lehrbuch beigebracht. Das hatte man am Körper der Gegner gelernt, und die Lektion war endgültig.

Breuer schob den nächsten Gurt ein. Die Gurtzuführung, der seitliche Einlaufschacht links des Verschlusskastens, fraß das Metall. Der Schütze kontrollierte den Gurtverlauf mit einem Blick. Ein verkanteter Gurt bedeutete Ladehemmung. Eine Ladehemmung bei Ansturm bedeutete den Tod. Das war keine Übertreibung. Das war die operative Realität eines Verteidigungsabschnitts ohne ausreichende Infanteriesicherung an den Flanken in einem Abschnitt, der zu breit für zwei Maschinengewehrnester war und dennoch mit zwei Maschinengewehrnestern gehalten werden musste.

Die sowjetische Artillerie hatte nicht aufgehört. Sie hatte sich verlagert. Das war der Unterschied zu einem Jahr zuvor. Früher legte die Artillerie vor dem Angriff. Dann schwieg sie. Jetzt lag sie während des Angriffs. Aber weiter hinten auf die deutschen Reservestellungen, auf die Verbindungsgräben, auf die Wege, über die Munition und Menschen nachgeführt wurden. Das war koordiniert. Das war eine andere Armee als die, gegen die man 1942 noch gekämpft hatte. Das spürte man in jedem Einschlag hinter der eigenen Linie, und man spürte es auch daran, dass niemand mehr sicher sein konnte, ob Reserven kämen, ob Munitionslieferungen kämen, ob irgendetwas käme, außer mehr Angreifern.

Ein Einschlag, 40 Meter links, Splitterwolke im flachen Winkel. Der Schütze presste das Gesicht in den Lehm. Eine Sekunde, zwei, dann wieder hoch. Kein Schaden an der Waffe. Breuer blutete an der Schläfe, nicht stark. Ein Splitter oder ein Steinbrocken. Er wischte es ab, ohne es zu kommentieren. Das war kein Heldentum, das war Nüchternheit. Man kommentierte Kleinigkeiten nicht, weil man sonst nie aufhörte zu kommentieren. Die dritte Welle war jetzt sichtbar. Sie kamen in einem Abstand von 30 Metern zur zweiten. Das bedeutete, dass drei Stoßwellen gleichzeitig im Angriffssektor waren auf unterschiedlichen Entfernungsstaffeln.

Das war das operative Konzept. Man sollte das Feuer aufteilen müssen. Der MG-Schütze tat es nicht. Er bearbeitete die zweite Welle, weil die erste in der Mulde lag und ohne weitere Unterstützung keine unmittelbare Überwindungsbedrohung darstellte. Prioritäten. Die Waffe hatte 1500 Schuss in der Minute, aber der Gurt hatte 250 Patronen und Breuer hatte drei Kanister. Das war endlich. Alles war endlich. Nach 80 Schuss auf die zweite Welle erzwang die Lauftemperatur den nächsten Rohrwechsel. Der Schütze registrierte es an der Abzugsbaugruppe, an dem dünnen blauen Dunst, der sich dort sammelte, wenn die Temperatur kritisch wurde.

Laufwechsel zwei Sekunden. Weiter. Der heiße Lauf lag im Sand neben dem Graben. Er würde dort liegen bleiben. Er war nach diesem Einsatz ohnehin zu prüfen. Und die Prüfung war nicht die Aufgabe des Schützen. Seine Aufgabe war dieser Sektor. Waltowski schrie etwas. Der Schütze verstand nicht was. Der Lärm hatte eine Dichte erreicht, in der Sprache aufgehört hatte als akustisches Medium zu funktionieren. Er las seine Geste. Linksschwenk. 62 Grad links war eine weitere Formation in Bewegung. Sie kam aus einem Geländeinschnitt, den man von dieser Position nicht hatte einsehen können.

Der MG-Schütze schwenkte. Das Zweibein erlaubte es nicht vollständig. Er nahm die Waffe kurz vom Boden, repositionierte sie um 15 Zentimeter, legte das Zweibein neu auf. Drei Sekunden. Die Formation war auf 400 Meter und kam schnell. Er schoss sofort ohne zu warten, weil 400 Meter mit dem Maschinengewehr 42 eine Distanz war, die man in weniger als 40 Sekunden laufen konnte, wenn man nicht aufgehalten wurde. Der erste Feuerstoß auf diese neue Gruppe traf in die Mitte der Linie. Das war keine Präzision, das war Wahrscheinlichkeitsverteilung.

Bei vier Metern aufgelegtem Zweibein und flachem Boden war die horizontale Streuung gering. Man legte die Garbe in die Mitte der Massenformation und ließ die Frequenz der Waffe arbeiten. Die Formation stockte, ein Teil warf sich nieder. Ein Teil lief weiter. Der Schütze folgte dem laufenden Teil. Das war die Priorisierung. Der liegende Feind war statistisch weniger gefährlich als der Angreifende. 250 Schuss waren verbraucht. Gurtwechsel. Breuer schob den zweiten Kanister heran. Der Schütze öffnete den Patronenkasten, zog den neuen Gurt durch den Einlaufschacht, spannte den Verschluss zweimal durch, um sicherzustellen, dass das erste Patronenglied korrekt eingeführt war.

Das war keine Kleinigkeit. Eine falsch eingeführte Patrone konnte die Gurtzuführung verbiegen. Eine verbogene Gurtzuführung bedeutete Ladehemmung. Das blieb wahr, egal wie oft man es sich sagte, und man sagte es sich mit jeder Handbewegung. Die Sonne stand hoch. Es war später Vormittag, schätzungsweise 10:30 Uhr, vielleicht 11 Uhr. Die Hitze des ukrainischen Spätsommers hatte sich in die Steppe gebrannt, wie etwas Physisches, etwas das Gewicht hatte. Der Pulverdampf stieg nicht auf in dieser Hitze. Er legte sich nieder, mischte sich mit dem Staub, bildete trübe stechende Wolken über den Schützenmulden.

Man sah schlechter, man atmete schlechter, man gewöhnte sich daran, weil es keine Alternative gab. Die Mulde 300 Meter voraus hatte sich geleert. Entweder die erste Welle hatte sich zurückgezogen, was unwahrscheinlich war, oder sie hatte vorgestürmt, während der Schütze die linke Flankenformation bearbeitete. Er scannte den Boden zwischen der Mulde und der deutschen Stellung. Verstreute Gestalten, viele davon flach am Boden, reglos. Dazwischen Bewegung. Einige krochen, einige liefen gebückt. 200 Meter. Der Schütze schwenkte zurück und eröffnete kurzes Zielfeuer auf die Bewegungen.

Kein Dauerfeuer, Präzision über Volumen, weil der Abstand jetzt gering genug war, um Einzelziele zu differenzieren. Das war eine andere Feuerdisziplin. Das war die Phase, in der eine falsche Feuerlinie in die eigene Grabenfront gehen konnte, wenn man nicht genau wusste, wo die eigenen Männer lagen. Waltowski war jetzt hinter dem Schützen. Er spürte es ohne hinzusehen. Waltowski legte die Hand kurz auf seine Schulter. Das bedeutete: Pause. Nicht aus Milde, aus operativer Kalkulation. Die linke Flankengruppe war zum Stehen gebracht. Die Mulde war dünn besetzt. Die zweite und dritte Welle hatten massive Verluste erlitten und waren auseinander gebrochen.

Das war keine Vertreibung, das war eine Verzögerung. Die nächste Welle würde kommen in 30 Minuten, in einer Stunde, mit mehr Artillerievorbereitung oder mit Panzern als direkter Feuerstütze. Das wusste Waltowski. Das wusste der MG-Schütze. Er zog den letzten Gurt aus dem Munitionskanister nach. 300 Schuss, abzüglich, was Breuer bereits hatte umlegen müssen. Sie hatten noch 180 Schuss im gefütterten Gurt und zwei Ersatzläufe. Das war die Rechnung, nichts außerdem. Waltowski wusste, dass er Munitionsnachschub anfordern musste, und er wusste auch, dass die sowjetische Artillerie die Verbindungslinie nach hinten mit Sperrfeuer belegte.

Das war keine abstrakte Bedrohung, das war eine konkrete Unterbrechung. Man kämpfte mit dem, was man hatte. Die Pause dauerte Minuten, nicht weil jemand auf eine Uhr schaute, sondern weil nach elf Minuten das Trommelfeuer wieder einsetzte und diesmal schwerer war als zuvor. 150 Millimeter Kaliber schätzte der Schütze nach dem Klang der Detonationen und nach dem Radius der Einschlagtrichter. Bei diesem Lärm hörte man den Unterschied zwischen Kalibern, wenn man oft genug dabei gewesen war. Man lernte es nicht in einer Lektion. Man lernte es durch Akkumulation von Einschlägen über Monate, bis die Töne sich in das Gehör eingruben wie Rillen in Holz.

Waltowski sah sich den Krater zehn Meter links der Stellung an und sagte nichts. Die Größe des Trichters war Aussage genug. Der MG-Schütze drückte das Gesicht in die Wandung des Grabens und wartete. Das war alles, was man tat. Man wartete. Man schützte die Waffe mit dem eigenen Körper, soweit das möglich war. Hielt die Mündung aus dem Staub, hielt den Verschlusskasten nach unten, um das Eindringen von Erdreich zu verhindern. Ein Maschinengewehr 42 mit Sand im Verschluss schoss nicht. Ein Maschinengewehr, das nicht schoss, war Metall ohne Funktion, und Metall ohne Funktion schützte niemanden.

Nach 18 Minuten Sperrfeuer war der Graben an zwei Stellen eingebrochen. Links 15 Meter war die Wandung unter einem Volltreffer kollabiert und hatte zwei Männer der Infanteriesicherung verschüttet. Der Schütze sah, wie die anderen begannen, sie auszugraben. Das war richtig und das war falsch gleichzeitig. Richtig, weil man Männer nicht im Dreck ließ, wenn sie noch lebten. Falsch, weil die nächste Angriffswelle nicht wartete, bis die Ausgrabung abgeschlossen war. Waltowski traf die Entscheidung. Er ordnete zwei Männer zur Ausgrabung ab und ließ den Rest in Feuerstellung. Das war die einzig mögliche Entscheidung.

Der MG-Schütze überprüfte die Waffe. Verschluss, sauber. Lauf eingekühlt, fühlte sich durch den Lederhandschuh an wie heißes Eisen, aber schießbar. Gurtzuführung sauber, Patronenlage im Gurt korrekt. Das dauerte 20 Sekunden. Dann lag er wieder in der Feuerstellung und wartete auf das Ende der Artillerievorbereitung. Sie kamen nach 13 Minuten, diesmal mit Panzern. Zwei T-34 links auf 800 Meter schräg frontal auf die deutsche Stellung zufahrend. Das veränderte die Lage fundamental. Das Maschinengewehr 42 war gegen gepanzerte Fahrzeuge nahezu wirkungslos. Es konnte die Ketten bei Glückstreffern beschädigen. Es konnte Beobachtungsschlitze unter Beschuss nehmen. Es konnte die begleitende Infanterie von den Panzern trennen. Das war seine Aufgabe in diesem Moment. Trennungsfeuer.

Die Panzer waren das Problem der Panzerabwehr. Die Infanterie war das Problem des MG-Schützen. Er eröffnete Dauerfeuer auf den Raum zwischen den T-34 und der Infanterie, die sich dahinter bewegte. Das Ziel war nicht zu treffen, sondern zu verhindern, dass die Infanterie die Deckung der Panzer nutzte. Infanterie ohne Panzerschutz bei 200 Metern war verwundbar. Infanterie mit Panzerschutz bei 200 Metern war eine grundlegend andere taktische Situation. Der Schütze trennte sie. Das war das Handwerk. Der erste T-34 schoss. Der Einschlag war 12 Meter rechts der Stellung. Die Druckwelle war ausreichend, um Breuer nach hinten zu werfen. Er rappelte sich auf, der Schütze schoss weiter.

Das war kein Heldenmut, das war operatives Kalkül. Wenn der Schütze aufhörte, die Infanterie zu bearbeiten, und die Infanterie die Stellung erreichte, war das Ergebnis dasselbe wie bei einem Direkttreffer. Also schoss er weiter. Der zweite T-34 drehte auf 300 Metern nach links ab. Der Schütze verfolgte es nicht. Er verfolgte die Infanterie. Die vorderste Linie war auf 250 Metern und in Bewegung, hatte die Feuerpause genutzt, die der Panzerschuss erzwungen hatte. Er legte den Feuerschwerpunkt zurück auf sie. 130 Schuss, Rohrwechsel. Der Lauf hatte sich nach dem Dauerfeuer verhärtet. Er spürte es an der Abwärmung der Abzugsbaugruppe.

Laufwechsel. Sekunden diesmal, weil Breuer den Ersatzlauf einen Moment nicht parat hatte, er suchte ihn im Staub des Grabens. Neun Sekunden. Das war eine Ewigkeit in diesem Moment. Die Infanterie war auf 180 Metern. Der Schütze nahm das Feuer wieder auf. Kurze Stöße, drei bis fünf Schuss, Zielwechsel, kurzer Stoß. Das war die Feuerdisziplin für kurze Distanzen. Kein Dauerfeuer, weil Dauerfeuer bei kurzer Distanz die eigene Position durch den Mündungsblitz sofort verriet und weil der Feuerstoß bei kurzer Distanz nicht mehr die Akkumulationswirkung hatte wie bei 500 Metern. Kurze Stöße, Zielwechsel, das Visier auf 100 Meter eingestellt, weil das die wahrscheinliche Begegnungsdistanz war, wenn die Welle die letzten 100 Meter lief.

Sie liefen die letzten 100 Meter. Ein Teil von ihnen, ein anderer Teil blieb auf dem Boden der Steppe, im braunen Gras des ukrainischen Sommers, im Staub, der sich über alles legte. Die, die liefen, liefen schnell und in Zickzackbewegungen, was zeigte, dass sie trainiert waren, was zeigte, dass 1943 eine andere Armee angriff als 1941. Der Schütze schoss auf die, die liefen. Kurze Stöße. Die Waffe zog nach rechts unter dem Rückstoß. Er korrigierte mit dem linken Handgelenk und drückte das Zweibein tiefer in das Holzbrett. Halten, fokussieren. 70 Meter. Er wechselte auf Dauerfeuer. Bei 70 Metern war das Gewicht der Garbe wichtiger als die Einzelpräzision.

Die Waffe brüllte. Das war das einzige Wort dafür. Sie brüllte, und in diesem Brüllen steckte die Zusammenfassung von allem, was man über diese Waffe sagen konnte. Ihre Frequenz bei diesem Abstand war keine Schusswaffe mehr in dem Sinne, indem man das Wort verstand. Sie war ein mechanischer Prozess, der Raum ungangbar machte. Die Welle brach bei 50 Metern. Nicht alle fielen. Einige warfen sich nieder und krochen zurück. Einige liefen seitlich weg, suchten Deckung im Gelände. Der Schütze ließ sie nicht aus Großmut, sondern weil der Gurt leer war und Breuer den Wechsel noch nicht abgeschlossen hatte.

Drei Sekunden ohne Feuer. In diesen drei Sekunden entschieden sich diejenigen, die liefen, für eine Richtung, die vom Graben wegführte. Der Graben war gehalten. Dieser Abschnitt, dieser Moment, das war keine Aussage über den nächsten Abschnitt oder den nächsten Moment. Das war eine Beschreibung der nächsten fünf Minuten. Nicht mehr. Waltowski kam zum Schützen. Er kauerte sich neben das Maschinengewehrnest und schaute über den Grabenrand. Er sagte kein Wort. Der Schütze sagte auch keins. Was hätte man sagen sollen? Die Steppe lag vor ihnen wie ein Feld nach dem Dreschen, braun und offen und voll mit dem, was übrig geblieben war.

Die Hitze flimmerte über dem Boden. In der Ferne, auf 1000 Metern, sah man Bewegung in den Geländefalten. Die nächste Welle formierte sich. Das war keine Spekulation. Das war die operative Logik der Operation Rumjanzew. Man formierte sich, man griff an. Man formierte sich wieder, man griff wieder an. Das war keine Absicht, die man aufhalten konnte, weil sie keine Absicht war. Sie war ein Prozess. Der MG-Schütze rollte sich auf den Rücken und ließ die Schultern einen Moment los. Die Schulterpfannen brannten von dem andauernden Rückstoß der Waffe. Nach zwei Stunden Feuer waren die Unterarmmuskeln kontrahiert, die Kiefergelenke taub vom Druckknall, und in den Ohren rauschte es mit einer Konstanz, die man akzeptierte, weil es keine Möglichkeit gab, sie zu ändern.

Er trank aus der Feldflasche. Das Wasser warm, schmeckte nach Metall und nach dem Gummi des Verschlusses. Er trank trotzdem. Man trank, wenn man konnte. Man aß, wenn man konnte. Alles andere war sekundär. Breuer überprüfte die restliche Munition. Er hielt drei Finger hoch, 300 Schuss. Das war wenig für das, was noch kommen würde. Waltowski notierte es in seinem Notizbuch, einem kleinen fettfleckigen Heft, das er in der Brusttasche trug. Er würde die Anforderung nach hinten schicken. Die Anforderung würde ankommen oder nicht ankommen, abhängig davon, ob der Verbindungsmann die Sperrfeuerlinie hinter ihnen überqueren konnte.

Die Geräusche der Verwundeten hinter ihnen hatten aufgehört. Der Schütze wusste nicht, was das bedeutete. Er versuchte nicht, es zu interpretieren. Das Interpretieren von Geräuschen, die aufgehört hatten, war eine Beschäftigung, die zu nichts führte. Man konzentrierte sich auf das, was vor einem lag, auf das, was man steuern konnte. Das vor ihm lag die Steppe. Das konnte er bestreichend erfassen. Das war seine Aufgabe. Gegen Mittag setzte das Sperrfeuer erneut ein, diesmal noch konzentrierter auf ihren Abschnitt. Einschläge im Abstand von weniger als 20 Sekunden kreisend, als würde ein Beobachter die Feuerlage korrigieren.

Das war wahrscheinlich die Erklärung. Ein sowjetischer Artilleriebeobachter irgendwo in einem Geländeinschnitt oder auf einem erhöhten Punkt hinter der Angriffslinie korrigierte das Feuer per Funk auf die deutsche Position. Das bedeutete, dass man sie gesehen hatte. Das bedeutete, dass man wusste, wo das Maschinengewehrnest lag. Waltowski und der Schütze wechselten in die Nebenstellung, die sie vorbereitet hatten, 30 Meter rechts des ursprünglichen Nestes. Das war der einzig mögliche taktische Schritt, Stellungswechsel. Eine Maschinengewehrstellung, die der Feind kannte und die unter korrigiertem Artilleriefeuer lag, war keine Stellung mehr. Sie war ein Einschlagsschwerpunkt.

Der MG-Schütze trug die Waffe. Breuer trug die Munitionskanister. Das Holzbrett ließen sie liegen. Der Stellungswechsel dauerte unter vier Minuten. In diesen vier Minuten schlugen zwei Artilleriegranaten in die alte Stellung ein. Der erste Einschlag traf das Holzbrett und den Sandsack direkt. Der zweite Einschlag traf den Grabenrand daneben. Hätten sie vier Minuten länger gewartet, wäre die Rechnung eine andere gewesen. Das war kein Glück, das war Erfahrung. Man lernte, wann man die Stellung wechselte, nicht aus Lehrbüchern, sondern weil die, die zu lange blieben, nicht mehr da waren, um davon zu berichten.

In der Nebenstellung legte der Schütze die Waffe auf den neuen Aushub. Das Zweibein in den Lehm. Keine Holzunterlage diesmal. Der Lehm war trocken genug, er würde halten. Der Gurt aufgelegt, eingeführt, Verschluss gespannt. 300 Schuss, zwei Ersatzläufe, das war die Gesamtlage. Die Mittagshitze war inzwischen vollständig. Die Temperatur auf der offenen Steppe überstieg in dieser Jahreszeit 35 Grad, und der Pulverdampf, der sich in der stehenden Luft ablagerte, verstärkte das Stechende des Atems. Der Schütze schluckte. Die Speicheldrüsen produzierten nichts mehr. Das war ein körperlicher Zustand, den man kannte. Die Hydrierung begann so, nicht mit Schwindel oder Schwäche, sondern mit dem Versagen der kleinen physiologischen Funktionen. Er trank den Rest aus der Feldflasche und legte sie leer neben die Munitionskanister.

Der nächste Angriff begann ohne eine neue Artillerievorbereitung. Das war ungewöhnlich. Das war auch ein taktisches Signal. Sie hatten genug Infanterie, um ohne zusätzliche Beschießung anzugreifen, weil sie davon ausgingen, dass die deutsche Stellung durch das vorangegangene Feuer ausreichend geschwächt war. Vielleicht gingen sie davon aus, dass das Maschinengewehrnest zerstört war. Das war ein Irrtum. Die Formation, die jetzt aus der Geländefalte kam, war größer als die vorigen. Schätzungsweise zwei Kompanien. Breite Angriffslinie, flache Deckung durch Geländenutzung, Schützenketten ohne die dichten Linienformationen der Morgenwellen. Sie hatten gelernt. Die taktische Flexibilität, die die Rote Armee im Sommer 1943 zeigte, war nicht die Erstarrung der Anfangsjahre. Sie lernten schnell. Das machte sie gefährlicher mit jedem Angriff.

Der MG-Schütze eröffnete das Feuer aus der Nebenstellung. Der erste Feuerstoß überraschte sie. Das war spürbar in der Reaktion der Formation. Ein kurzes Zögern, eine Umgruppierung. Für drei Sekunden zögerten sie, und in diesen drei Sekunden schoss er die zweite Garbe in die Mitte der umgruppierenden Linie. Das war der Vorteil des Stellungswechsels. Sie hatten das Feuer aus der alten Richtung erwartet. Das Feuer kam aus einer neuen Richtung. Diese Desorientierung von wenigen Sekunden war der Unterschied. 150 Schuss, Rohrwechsel, der heiße Lauf heraus, der kühle rein, zwei Sekunden, Feuer fort. Die Formation hatte sich in einzelne Gruppen aufgelöst, die sich von Deckung zu Deckung vorwärts arbeiteten, von Geländeinschnitt zu Geländeinschnitt, von Mulde zu Mulde.

Das war modernes Stürmen, das war nicht mehr die Wellentaktik der frühen Kriegsjahre. Das war das, wogegen eine einzelne Maschinengewehrstellung auf Dauer keine vollständige Antwort hatte. Waltowski rief nach hinten. Der Schütze konnte die Worte nicht verstehen, aber der Ton war klar. Er forderte Unterstützung an. Ob die Unterstützung käme, wusste er genauso wenig wie der Schütze. Das Sperrfeuer auf den Verbindungsweg hinter ihnen hatte sich in den letzten Stunden nicht verringert. Die Reserven, sofern sie noch existierten, befanden sich in einer Lage, in der das Bewegen nach vorn dasselbe Risiko darstellte wie das Verharren. Man hielt, solange man halten konnte, und danach waren die Entscheidungen nicht mehr die eigenen.

100 Meter. Die Schützenketten waren auf 100 Meter herangekommen, gedeckt durch das Gelände in kleinen Gruppen von drei bis fünf Mann. Der Schütze schoss auf die Gruppen, wechselte schnell von einer zur nächsten, um keine Gruppe die letzten Meter ungestört überwinden zu lassen. Das war ein Mehrfrontenproblem mit einer einzigen Waffe. Das war nicht lösbar. Man konnte es verlangsamen. Man konnte den Preis erhöhen, den jede Gruppe zahlte. Man konnte nicht jeden Ansatz verhindern. Breuer bekam einen Treffer in den linken Unterarm. Er schrie nicht. Er presste den Arm gegen den Körper, griff mit der rechten Hand weiter in den Munitionskanister und schob den Gurt vor. Der Schütze sah es im Augenwinkel. Er schoss weiter. Das war das Richtige. Das war auch das einzige.

70 Meter Dauerfeuer. Die Waffe brüllte und riss den Raum auseinander. Bei 70 Metern hatte die Garbe eine Wirkung, die sich nicht anders beschreiben lässt als einen Vorhang. Sie legte einen Vorhang aus Stahl zwischen die Angreifer und den Graben. Einen Vorhang, durch den man nicht lief, ohne einen sehr hohen Preis zu zahlen. Die Frequenz des Maschinengewehrs 42 bei dieser Entfernung bedeutete, dass in einem horizontalen Streifen von zehn Metern Breite innerhalb einer Sekunde mehrere Geschosse passierten. Das war das Prinzip. Das war die Zusammenfassung von allem. Sie brachen wieder ab. Nicht alle. Zwei Gruppen hatten die rechte Flanke 30 Meter von der Stellung entfernt erreicht und lagen dort im flachen Grabenrest, der die Hauptstellung mit der Nebenstellung verband.

Das war ein kritischer Punkt. Wenn sie diesen Verbindungsgraben übernahmen, war die Position von der linken Einheit abgeschnitten. Waltowski war bereits in Bewegung. Er und zwei Infanteristen bewegten sich an der Grabeninnenwand entlang auf die eingedrungene Gruppe zu. Die Hauptfront lag jetzt ruhiger. Die Formation hatte sich nach dem zweiten Feuervorhang auf 200 Meter zurückgezogen und schoss von dort mit Gewehren und zwei le