Vier Tage nach meiner Hüftoperation hörte ich meinen Sohn auf dem Krankenhausflur sagen: „Wir müssen realistisch sein. Zurück in die Wohnung kann sie nicht, die ist im Grunde schon leer. “
Ich lag im Zimmer 214 des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart, Bett am Fenster. Die Tür stand einen Spalt offen, weil die Schwester sie beim Rausgehen nie richtig zuzieht.

Es war Donnerstagmorgen, kurz nach 10 Uhr. Draußen im Flur standen drei Menschen: mein Sohn Ralf, seine Frau Steffi und eine junge Frau vom Sozialdienst mit einem Klemmbrett, keine vier Meter von mir entfernt. Die Frau vom Sozialdienst fragte, ob die Wohnung barrierefrei sei. Steffi antwortete: „Das spielt keine Rolle mehr.
Wir haben sie am Wochenende weitgehend ausgeräumt. “
Ich stand nicht auf. Ich konnte nicht aufstehen. Ich hatte vier Tage vorher ein künstliches Hüftgelenk bekommen und lag mit einem Kissen zwischen den Knien.
Ich rief nicht nach der Schwester. Ich schrie auch nicht durch die Tür. Sie sprachen über eine Wohnung, die mir gehört. Stattdessen tat ich das Einzige, was ich in diesem Bett tun konnte: Ich griff nach meinem Handy auf dem Nachttisch, öffnete die Diktierfunktion und legte es mit dem Mikrofon zur Tür.
Sie redeten noch Minuten. Ich habe in dieser Zeit an die Decke geschaut, auf diese Deckenplatten mit den kleinen Löchern, die es in jedem Krankenhaus in Deutschland gibt, und ich habe mich nicht bewegt, weil das Handy sonst gerutscht wäre. Ich hatte am Morgen noch zu der Schwester gesagt, wie gut mein Sohn sich kümmert. Mein Mann Kurt ist im Januar gestorben.
Nierenversagen nach zwei Jahren Dialyse. Kurt war Feinmechaniker bei Bosch in Feuerbach, 36 Jahre. Ich habe 29 Jahre in der Buchhaltung einer Speditionsfirma in Zuffenhausen gearbeitet, halbtags, als die Kinder klein waren, später voll. Wir haben 1979 in Botnang eine Eigentumswohnung gekauft.
Vier Zimmer, dritter Stock ohne Aufzug, 93 Quadratmeter. Wir haben Jahre daran abbezahlt. Sie gehört mir ganz. Ich stehe allein im Grundbuch.
Seit Kurzem ist sie schuldenfrei. Es gibt keinen Kredit mehr darauf und keine Miete zu zahlen. Kurt und ich hatten 1971 ein Eigenkapital von 20. 000 Mark und sonst nichts.
Wir haben 22 Jahre lang jeden Monat gezahlt, und in den ersten sechs Jahren haben wir keinen Urlaub gemacht. In dieser Wohnung habe ich zwei Kinder großgezogen, meinen Mann zwei Jahre lang zur Dialyse gefahren und ihn am Ende dort verloren. 49 Jahre. Man kann das nicht in Quadratmetern sagen, deshalb sagen es alle anderen in Quadratmetern.
Ralf ist mein Sohn. Er war damals Bauleiter bei einer Firma in Ludwigsburg. Ich habe noch eine Tochter, Elke, die mit einem Österreicher verheiratet ist und seit 18 Jahren in Innsbruck lebt. Steffi kam 2003 in die Familie.
Wir sind nie warm geworden, aber wir waren immer höflich, und ich habe zwölf Jahre lang ihre Kinder gehütet. Bis zu diesem Oktober war ich vollständig selbstständig. Ich kaufte selbst ein, ich kochte selbst. Ich ging jeden Dienstag in die Wassergymnastik im Hallenbad Botnang.
Die Treppen waren das Problem. Dritter Stock, viele Stufen, und die letzten zwei Jahre habe ich oben immer eine Minute stehen müssen. Am 12. Oktober bin ich in der Küche gestürzt, nicht auf der Treppe, nicht draußen.
In meiner Küche, weil ich auf einen nassen Fleck getreten bin, den ich selbst gemacht hatte. Oberschenkelhalsbruch, Notarzt, Operation am nächsten Morgen. Künstliches Hüftgelenk. Ich habe Ralf aus dem Krankenwagen angerufen, und er war innerhalb einer Stunde da.
Und ich möchte, dass Sie das wissen: In dieser ersten Nacht war mein Sohn gut. Er hat meine Hand gehalten, mit den Ärzten gesprochen und mir meine Sachen gebracht. Ich habe ihm meinen Schlüssel gegeben. Er sollte die Post holen und die Blumen gießen.
Am zweiten Tag nach der Operation, ich weiß das nur ungefähr, weil ich noch an den Schmerzmitteln hing, kam er mit einem Ordner ans Bett und einem Kugelschreiber. Er sagte, das sei für die Reha, das müsse heute raus, sonst gebe es keinen Platz. Ich habe unterschrieben. Ich habe nicht gelesen, was ich unterschrieben habe.
Ich konnte an diesem Tag nicht bis zum Ende eines Satzes denken. Es war kein Reha-Antrag. Es war ein Aufnahmeantrag für eine Pflegeeinrichtung in Weil der Stadt, Wohnform Dauerpflege, Einzelzimmer, Eintritt zum 1. Dezember.
Das habe ich erst zwei Wochen später gewusst, als ich es mir schicken ließ. An dem Tag selbst habe ich nur gesehen, dass mein Sohn mir einen Stift gab, und ich habe gedacht, wie schön es ist, dass er alles regelt. Man ist am zweiten Tag nach so einer Operation nicht dumm. Man ist woanders.
Ich habe an diesem Tag dreimal gefragt, welcher Wochentag sei. In diesen elf Minuten auf dem Flur habe ich Folgendes erfahren: Erstens, die Aufnahme in Weil der Stadt war fest. Ab 1. Dezember kostet der Eigenanteil 2.
960 Euro im Monat. Zweitens, sie hatten am vergangenen Wochenende Transporter gemietet und meine Wohnung ausgeräumt. Steffi sagte: „Das meiste war ja sowieso nichts. “ Drittens, sie hatten einen Makler.
Ralf sagte, er habe schon einen Termin mit einem Herrn von einem Immobilienbüro in Feuerbach gehabt, und 93 Quadratmeter in Botnang brächten aktuell um die 460. 000. Und viertens, und das war der Moment, in dem in mir etwas endgültig umgefallen ist: Die Frau vom Sozialdienst sagte: „Und ihre Mutter ist mit allem einverstanden. “ Und mein Sohn sagte: „Ja, sie hat das schon unterschrieben.
“
Sie sind danach zu mir hereingekommen. Beide haben gelächelt. Steffi hatte Trauben mitgebracht. Ralf hat sich auf die Bettkante gesetzt und gefragt, wie ich geschlafen habe, und gesagt, die Ärzte seien sehr zufrieden.
Ich habe gesagt, ich sei müde. Ich habe die Trauben angenommen und mich bedankt. Es war das Schwerste, was ich in meinem Leben getan habe, und es hat Minuten gedauert. Als sie weg waren, habe ich die erste von vier Nummern angerufen.
Frau Sittmann wohnt seit 21 Jahren unter mir. Ich habe sie gefragt, ob sie etwas gesehen hat. Sie hat gesagt: „Frau Kessler, ich wollte Sie nicht beunruhigen im Krankenhaus, aber am Samstag war ein weißer Transporter da, von morgens bis abends. Sie haben Kisten runtergetragen.
Ihr Schrank mit dem Glas ist auch runtergegangen. Den haben zwei Männer getragen. “
Der Schrank mit dem Glas ist Kurts Werk. Er hat ihn 1981 in einem Kurs an der Volkshochschule gebaut, aus Eiche, über vier Monate.
Und er hat sich dabei zweimal in den Finger geschnitten und beide Male behauptet, es sei nicht der Rede wert. Darin stand das Geschirr von seiner Mutter und ein Modellauto, das er als Junge hatte. Ich habe am Telefon nichts gesagt. Frau Sittmann hat dreimal „Hallo“ gesagt, bevor ich antworten konnte.
Ich habe gefragt, ob sie mir helfen würde. Sie hat gesagt: „Sagen Sie, was Sie brauchen. “
Um 21:40, als der Nachtdienst begonnen hatte und es auf der Station still war, habe ich einen Schlüsseldienst in Stuttgart angerufen. Ich habe dem Mann gesagt, ich sei Eigentümerin einer Wohnung in Botnang.
Ich liege im Krankenhaus, und ich möchte, dass morgen früh der Schließzylinder getauscht wird. Ich habe gefragt, was er dafür braucht. Er hat gesagt: einen Nachweis, dass ich Eigentümerin bin, meinen Ausweis und eine Person vor Ort, die aufschließt. Ich habe gesagt, den Grundbuchauszug könne meine Nachbarin aus meinem Ordner holen.
Mein Ausweis liegt hier im Nachttisch, und sie können mich per Video anrufen. Am nächsten Morgen um 7:15 Uhr stand er vor meiner Tür. Frau Sittmann hat ihn hereingelassen. Sie hat mich per Video dazugeschaltet, und ich habe von meinem Krankenhausbett aus gesehen, wie mein Wohnzimmer aussah.
Es war zu zwei Dritteln leer. Der Teppich weg, die Vitrine weg, die Bücher weg, an der Wand die hellen Vierecke, wo 41 Jahre lang Bilder gehangen haben. Der Zylinder wurde um 7:50 Uhr getauscht. 180 Euro, weil es kurzfristig war und weil ich zwei Sicherheitsschlösser wollte.
Frau Sittmann hat einen Schlüssel behalten. Einer wurde mir ins Krankenhaus gebracht. Um 9 Uhr war Visite, und da habe ich etwas getan, worauf ich die ganze Nacht gewartet hatte. Ich habe den Oberarzt gebeten, kurz zu bleiben, und die Stationsschwester und die Frau vom Sozialdienst dazuholen lassen.
Ich habe gesagt, es gehe um meine Entlassung, und es sei wichtig. Es waren am Ende fünf Leute in dem Zimmer, plus die Frau im Bett neben mir, die sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, das Fernsehen leiser zu stellen. Ich habe vorher gefragt, ob ich mich aufsetzen darf. Die Schwester hat mir das Bett hochgestellt und ein Kissen in den Rücken geschoben.
Ich wollte das nicht liegend sagen. Es ist ein Unterschied, ob man liegt oder sitzt, wenn man über sich selbst spricht. Das habe ich in diesen vier Tagen gelernt. Ich habe mein Handy genommen und die Aufnahme von Donnerstag abgespielt.
Elf Minuten. Alle haben zugehört bis zum Schluss. Dann habe ich gesagt: „Ich bin die Eigentümerin dieser Wohnung. Ich stehe allein im Grundbuch.
Ich habe niemandem eine Vollmacht gegeben, sie zu verkaufen, sie auszuräumen oder mich irgendwo anzumelden. Und das Papier, das ich am Tag nach der Operation unterschrieben habe, war mir als Reha-Antrag vorgestellt worden. “
Die Frau vom Sozialdienst ist blass geworden. Sie hat gesagt, ihr sei versichert worden, dass alles mit mir abgestimmt sei.
Der Oberarzt hat sich einen Stuhl genommen und sich hingesetzt, was Oberärzte bei der Visite nie tun. Er hat gesagt: „Frau Kessler, was möchten Sie? “
Ich habe gesagt: „Ich möchte in die Reha, drei Wochen, so wie es medizinisch vorgesehen ist. Ich möchte, dass mir schriftlich bestätigt wird, was ich am 16.
Oktober unterschrieben habe und in welchem Zustand ich war. Und ich möchte, dass ab heute niemand mehr Auskunft über mich bekommt, den ich nicht persönlich benannt habe. “
Alles drei habe ich bekommen. Die Bestätigung über meinen Zustand am 16.
Oktober kam zwei Tage später, drei Sätze auf Briefpapier, unterschrieben vom Oberarzt. Ich lag danach noch fünf Tage in dieser Klinik und dann drei Wochen in einer Reha in Bad Waldsee. Und ich habe diese vier Wochen nicht mit Weinen verbracht. Ich habe telefoniert.
Ich hatte in Bad Waldsee ein Einzelzimmer, ein Fenster nach Süden und einen Nachttisch, auf dem ich mir eine Liste angelegt habe. Fünf Punkte, jeden Tag angeschaut, abgehakt, wenn erledigt. Ich habe 28 Jahre in einer Buchhaltung gearbeitet. Ich kann Listen führen.
Es ist erstaunlich, wie ruhig man wird, wenn eine Sache erst einmal eine Nummer hat. Der Heimvertrag war das Einfachste. Nach dem Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz kann ein Bewohner jederzeit zum Monatsende kündigen, und ein Vertrag, in den man noch nicht eingezogen ist, lässt sich ohnehin lösen. Ich habe die Einrichtung in Weil der Stadt angerufen, mit der Leiterin gesprochen und ihr gesagt, was passiert war.
Sie hat zwei Sekunden geschwiegen und dann gesagt: „Das ist bei uns nicht das erste Mal, Frau Kessler. “ Sie hat die Aufnahme am selben Tag storniert und mir das schriftlich geschickt. Der Makler war noch einfacher. Ich habe im Immobilienbüro in Feuerbach angerufen und gefragt, wer den Auftrag zum Verkauf meiner Wohnung erteilt habe.
Der Mann war sehr unangenehm berührt. Es gab keinen Maklervertrag mit mir. Es konnte keinen geben. Ich hatte nie mit ihm gesprochen.
Mein Sohn hatte ihm gesagt, die Mutter sei nicht mehr in der Lage, und er handle in ihrem Namen. Ich habe ihm gesagt, er möge das bitte schriftlich bestätigen. Er hat es getan, weil er wusste, dass er sonst ein Problem hat. Und dann war noch eine Sache offen, die schwerste.
Ich habe meine Tochter angerufen, Elke in Innsbruck, mit der ich in den letzten Jahren immer ein bisschen zu höflich telefoniert hatte. Ich habe ihr alles erzählt, von Anfang bis Ende, und ich habe dabei zum ersten Mal seit dem Sturz geweint, und zwar so, dass ich zwischendurch nicht weiterreden konnte. Sie ist zwei Tage später gekommen, mit dem Zug, sechs Stunden. Sie hat sich ein Zimmer in Bad Waldsee genommen und ist vier Tage geblieben.
Sie hat mir eine Frage gestellt, die ich nicht erwartet hatte. Sie hat gefragt: „Mama, warum hast du mir das nicht sofort gesagt? Warum erst nach drei Wochen? “
Ich habe gesagt: „Ich habe niemanden belasten wollen.
“ Und sie hat gesagt: „Genau das ist es. Genau deswegen konnte Ralf das machen. “
Ralf rief in diesen Wochen 42-mal an. Ich bin dreimal rangegangen, jedes Mal für unter einer Minute, und habe jedes Mal dasselbe gesagt: „Schreib mir, was du zu sagen hast.
Ich lese es. “ Er hat nie geschrieben. Nicht einmal. Am 1.
Dezember bin ich aus der Reha nach Hause gekommen. Ich bin die Stufen mit einer Gehhilfe hochgegangen, in elf Minuten, und Frau Sittmann ist hinter mir gegangen und hat kein Wort gesagt. Oben stand meine Wohnung so, wie ich sie per Video gesehen hatte. Zwei Tage später standen Ralf und Steffi vor der Tür.
Ihr Schlüssel passte nicht, also haben sie geklingelt. Ich habe sie hereingelassen. Ich habe keinen Kaffee gemacht. Sie haben beide im Wohnzimmer gestanden und sich umgesehen, und ich habe gesehen, dass sie es zum ersten Mal so sahen, wie ich es per Video gesehen hatte: leer, mit den hellen Vierecken an der Wand.
Steffi hat gesagt: „Wir hätten es dir vorher sagen sollen. “ Ich habe gesagt: „Ihr hättet mich fragen sollen. Das ist nicht dasselbe. “
Ralf hat geweint.
Er hat gesagt, sie hätten Angst gehabt, dass ich nach dem Sturz allein in dieser Wohnung sterbe, und dass sie es nur gut gemeint hätten und alles falsch angefangen hätten. Ich glaube ihm das zur Hälfte. Ich glaube, dass die Angst echt war. Ich glaube auch, dass die 460.
000 Euro echt waren. Steffi hat gesagt, meine Sachen seien nicht weg. Sie seien in einem Lager in Kontal, und ich könne alles wieder haben. Ich habe gefragt: „Auch die Vitrine?
“ Sie hat auf den Boden geschaut. Die Vitrine war beim Ausräumen zerbrochen und entsorgt worden. Nicht das Geschirr. Das Geschirr war in einer Kiste, nur der Schrank.
Ich habe an dieser Stelle drei Sekunden gebraucht, und dann habe ich weitergeredet. Und ich bin ziemlich stolz darauf, dass ich weitergeredet habe. Dann habe ich ihnen gesagt, wie es weitergeht. Ich hatte es in der Reha aufgeschrieben, damit ich nicht ins Zittern komme.
Erstens: Es gibt keinen Schlüssel mehr, nicht für euch, nicht für Notfälle. Frau Sittmann hat einen, und mein Hausarzt hat die Nummer von Frau Sittmann. Zweitens: Die Sachen im Lager holt eine Spedition, die ich bezahle, und ihr seid dabei nicht anwesend. Die Rechnung für das Lager und für den Transporter geht an euch.
Drittens: Ich habe eine Vorsorgevollmacht erstellt, nicht auf euch, sondern auf meine Tochter in Innsbruck, und für den Fall, dass sie nicht kann, auf einen Notar hier in Stuttgart. Sie liegt beim zentralen Vorsorgeregister der Bundesnotarkammer, und jedes Krankenhaus in Deutschland sieht dort in zwei Minuten, wer für mich sprechen darf. Und viertens habe ich ihnen die Sache mit dem Geld erklärt. Ich habe die Wohnung im März verkauft, selbst, mit einem anderen Makler, für 460.
000 Euro. Ja, ich habe sie verkauft, genau die Wohnung, um die es die ganze Zeit ging. Die Leute, die diese Geschichte hören, fragen an dieser Stelle immer, ob das nicht bedeutet, dass mein Sohn am Ende recht hatte. Nein, es bedeutet, dass ich es entschieden habe, zu meinem Zeitpunkt, zu meinem Preis.
Die Stufen sind mit einer neuen Hüfte tatsächlich zu viel. Das habe ich in der Reha selbst gemerkt, und ich hätte es auch im Oktober zugegeben, wenn mich jemand gefragt hätte. Der Unterschied zwischen dem, was ich getan habe, und dem, was sie getan haben, ist nicht das Ergebnis. Es ist die Frage, wer gefragt wurde.
Ich habe im selben Haus, in dem Frau Sittmann wohnt, nichts gefunden. Aber 200 Meter weiter in Botnang habe ich eine barrierefreie Zweizimmerwohnung mit Aufzug gekauft, für 199. 000 Euro. Vom Rest habe ich eine Leibrente gekauft.
Eine Versicherung, die mir bis zu meinem Tod jeden Monat Geld zahlt, egal, wie alt ich werde. Wenn ich sterbe, ist das Kapital weg. Es fließt nicht in einen Nachlass. Es wird nicht geerbt.
Es ist niemandes Erwartung mehr. Ralf hat gefragt: „Das machst du wegen uns? “ Ich habe gesagt: „Nein, ich mache das, damit es nichts mehr gibt, wovon jemand denken könnte, es stünde ihm zu, solange ich noch atme. “
Es ist jetzt neun Monate her.
Ich wohne im ersten Stock mit Aufzug. Ich habe eine ebenerdige Dusche, und die Wassergymnastik am Dienstag mache ich wieder, seit April. Ich habe im Juni etwas gemacht, was ich 40 Jahre lang vor mir hergeschoben habe: Ich habe eine Patientenverfügung geschrieben, mit meinem Hausarzt, Punkt für Punkt, und ich habe ganz genau aufgeschrieben, was ich will und was ich nicht will. Das ist der eigentliche Grund, warum ich diese Geschichte überhaupt erzähle, nicht wegen der Wohnung.
Wenn Sie über siebzig sind und niemand weiß schriftlich, wer für Sie sprechen darf, dann entscheidet im Ernstfall der, der als Erster im Krankenhaus steht und am lautesten redet. Bei mir war das mein Sohn, und er war innerhalb einer Stunde da und hat mir die Hand gehalten. Regeln Sie das, während Sie noch gesund sind. Es kostet einen Vormittag.
Frau Sittmann kommt zweimal die Woche, und wir spielen Rommé. In der Reha in Bad Waldsee habe ich eine Frau kennengelernt, Hildegard aus Kirchheim, 77, gleiche Hüfte, gleiche Woche. Wir telefonieren jeden Sonntagabend um 7 Uhr, seit einem Jahr, ohne eine Ausnahme. Meine Tochter Elke kommt jetzt viermal im Jahr aus Innsbruck.
Vorher war es einmal. Sie hat mich in der Reha jeden Tag angerufen, und sie hat mir irgendwann gesagt, dass sie sich seit Jahren zurückgehalten hat, weil sie dachte, Ralf sei näher dran und wisse besser, was ich brauche. Ralf und ich sehen uns einmal im Monat im Café am Botnanger Sattel, nie bei mir und nie bei ihm. Wir reden über seine Arbeit und über das Wetter.
Er hat sich entschuldigt, mehrmals, und ich habe es angenommen. Und trotzdem ist etwas weg, das ich nicht zurückholen kann und auch nicht vortäuschen will. Meine Enkel sind 19 und 22. Der Große hat mir im Frühjahr geschrieben, dass er es nicht in Ordnung findet, was seine Eltern gemacht haben.
Ich habe ihm geantwortet, dass er nicht zwischen uns stehen muss und dass ich mich freue, wenn er vorbeikommt. Er kommt. Heute Morgen habe ich am Küchenfenster gestanden, im ersten Stock, und auf die Straße geschaut, wo die Kinder zur Schule gingen. Ich habe Kaffee getrunken und Radio gehört.
An der Wand hinter mir hängen die Bilder wieder, nicht alle, elf von siebzehn. Ich bin Roswitha Kessler. Ich bin 76 Jahre alt. Ich wohne allein, ich entscheide allein.
Und niemand auf dieser Welt hat einen Schlüssel zu meiner Tür, den ich ihm nicht selbst gegeben habe. Und jetzt sagen Sie mir Ihre Meinung: War ich zu hart? Verkauft man das Erbe seiner Kinder in eine Leibrente, nur weil sie einmal aus Angst zu weit gegangen sind? Oder haben sie genau das bekommen, was sie sich selbst eingebrockt haben, als sie einen Transporter gemietet haben, während ihre Mutter im Aufwachraum lag?
Schreiben Sie es mir in die Kommentare. Ich lese jeden einzelnen. Und denken Sie daran: Wer Ihre Wohnung ausräumt, während Sie schlafen, der wartet nicht darauf, dass Sie gesund werden.


