Der Vormarsch der deutschen Wehrmacht im Osten ist im September 1941 in einer Katastrophe versunken, die nicht durch feindliche Kugeln, sondern durch den Schlamm und den Regen selbst verursacht wird. Die jüngsten Aufzeichnungen des Soldaten Martin Adler aus seinem Tagebuch, das nun als Hörbuch vorliegt, offenbaren ein erschütterndes Bild des Leidensweges nach Moskau. Die einst staubigen Wege, die im Sommer noch hart wie Beton waren, haben sich unter den unaufhörlichen Regenfällen in einen grundlosen Morast verwandelt, den die Russen „Rasputiza“ nennen – die Zeit der Wegelosigkeit. Adler beschreibt diesen Zustand als eine Qual, die alles übertrifft, was er zuvor an Strapazen erlebt hat.
Der Schlamm, so Adler, saugt sich an den Stiefeln fest und macht jeden Schritt zu einer unmenschlichen Mühe. Die Soldaten müssen ihre Füße mit Gewalt aus der zähen Masse reißen, nur um sie beim nächsten Tritt erneut versinken zu sehen. Viele Männer verlieren ihr Schuhwerk im Morast und müssen barfuß weitermarschieren oder mühsam nach den versunkenen Stiefeln tasten. Die Beine werden bleiern schwer, und nach wenigen Stunden sind die Truppen erschöpfter als nach einem ganzen Tag auf trockener Straße. Der Vormarsch, der so flott begonnen hatte, gerät ins Stocken und bleibt hängen wie ein Tier im Treibsand.
Besonders schwer haben es die Fahrzeuge und die Artillerie. Die schweren Lastwagen und Geschütze sinken bis an die Achsen ein und bleiben stecken. Die Soldaten müssen sie mit vereinten Kräften herausziehen, mit Seilen und Stangen, oft stundenlang an einem einzigen Geschütz im strömenden Regen und bis zu den Hüften im Morast. Kaum ist ein Fahrzeug flott, bleibt das nächste stecken. Adler spricht von einem Kampf gegen die Erde selbst, der die Männer mürbe macht und an dem manch einer verzweifelt. In diesen Tagen lernt er eine neue Form des Krieges kennen: einen Krieg nicht gegen den Feind, sondern gegen das Land selbst.
Der Regen, so Adler, wird zum ständigen Begleiter, einem Begleiter, den niemand sich gewünscht hat. Er beschreibt einen Regen, der nicht fällt, sondern strömt, der nicht aus einzelnen Tropfen besteht, sondern aus einem einzigen grauen, undurchdringlichen Vorhang von Wasser. Tagelang fällt er ohne Unterlass, und die Soldaten marschieren in ihm, schlafen in ihm und essen in ihm. Die Zeltbahnen sind längst durchnässt, die Mäntel saugen sich voll und werden schwer wie Blei. Adler vergisst bald, wie es sich anfühlt, trocken zu sein. Die Nässe kriecht in alles hinein, in die Stiefel, in die Socken, in die Haut, die weiß und aufgequollen wird und an den Füßen zu faulen beginnt.
Das Schlimmste am Regen, so Adler, ist jedoch nicht die körperliche Pein, sondern das, was er mit der Seele anstellt. Der unaufhörliche graue Regen, das fahle Licht und die Trostlosigkeit der durchweichten Landschaft senken sich auf das Gemüt wie ein schwerer dunkler Mantel und ersticken langsam jede Freude, jede Hoffnung und jeden Lebensmut. Die Männer werden still, mürrisch und in sich gekehrt. Das Lachen erstirbt, und an seine Stelle tritt ein dumpfes, stumpfes Dahinleben, ein bloßes Ausharren. Adler spürt, wie auch in ihm die Schwermut sich ausbreitet und die Bilder der Heimat zu verblassen beginnen.
Die Erschöpfung, die über die Truppe kommt, ist tiefer als alle Müdigkeit der vergangenen Märsche. Sie ist nicht mehr nur eine Müdigkeit der Glieder, die der Schlaf vertreibt, sondern eine Erschöpfung des ganzen Menschen, des Leibes und der Seele zugleich. Die Soldaten können kaum noch ruhen in der nassen Kälte, auf dem durchweichten Boden unter dem trommelnden Regen, mit dem nagenden Hunger im Leib und der Furcht im Herzen. Adler erinnert sich an einen Zustand jenseits der Müdigkeit, einen Zustand völliger Stumpfheit, in dem er kaum noch denkt und kaum noch fühlt.
In diesem Zustand verliert die Zeit jeden Sinn. Adler kann oft nicht sagen, ob ein Tag vergangen ist oder zwei oder drei, ob es Morgen oder Abend ist. Der Himmel bleibt gleich grau zu allen Stunden, und nur das Dunkelwerden zeigt das Ende eines Tages an und das fahle Hellwerden seinen Beginn. Die Erschöpfung macht die Soldaten gefährlich nachlässig. Feldwebel Weiß, den Adler als einen harten, aber fürsorglichen Vater beschreibt, kämpft einen ständigen Kampf gegen diese Nachlässigkeit. Er treibt die Männer an, die Posten zu halten, die Waffen zu pflegen und die Stiefel zu trocknen, soweit es möglich ist.

Der Tod, so Adler, kommt auf diesem Marsch nicht mehr nur aus den Gewehren und Geschützen des Feindes, sondern auf vielen stillen, heimtückischen Wegen. Die Ruhr, die schon im Sommer geplagt hat, wütet nun von neuem und schlimmer, begünstigt durch das verdorbene Wasser, die Nässe und die geschwächten Leiber. Sie rafft die Männer dahin, macht sie binnen weniger Tage zu wandelnden Schatten, die kaum noch gehen können und doch gehen müssen. Ein Liegenbleiben bedeutet den sicheren Tod. Adler sieht Kameraden, die noch vor einer Woche kräftig und gesund waren, zu Skeletten abmagern.
In diesen Tagen verlieren die Soldaten einen aus ihrem engeren Kreis, einen Mann namens Albrecht, einen stillen, freundlichen Burschen aus Schwaben. Eine Lungenentzündung rafft ihn dahin, die er sich in der ewigen Nässe geholt hat. Zwei Tage lang fiebert er, und Josef Lindner, der Sanitäter, tut, was in seiner Macht steht, doch es ist wenig. Die Kameraden sitzen abwechselnd bei Albrecht, kühlen seine Stirn mit nassen Tüchern und sprechen ihm zu. In der zweiten Nacht gegen Morgen, als der Regen für eine Weile aussetzt, hört sein Atem auf, ganz leise, ohne Kampf.
Die Soldaten begraben Albrecht am Rande des Weges in der nassen, schweren Erde. Es ist ein karges Begräbnis, denn sie haben keine Zeit und keine Kraft für mehr. Sie heben eine flache Grube aus, betten ihn hinein in seiner Zeltbahn, und Karl Hoffmann spricht ein kurzes Gebet. Leutnant Bäcker sagt ein paar schlichte, ehrliche Worte über einen guten Kameraden, der seine Pflicht getan habe. Dann schaufeln sie die Erde über ihn und setzen ein rohes Holzkreuz auf den Hügel, an das sie seinen Helm hängen. Adler blickt noch einmal zurück auf das einsame Grab in der grauen Weite.
Adler schreibt in sein Tagebuch: „Es regnet seit Tagen. Ich weiß nicht mehr genau wie viele. Die Tage fließen ineinander, alle gleich grau, alle gleich nass. Ich habe vergessen, wie es ist, trocken zu sein. Meine Füße faulen in den Stiefeln. Lindner sagt, ich soll sie trocknen. Aber wie soll man etwas trocknen, wenn alles trieft? Der Schlamm ist überall. Er saugt uns die Stiefel von den Füßen, die Kraft aus den Beinen, die Hoffnung aus dem Herzen.“ Er fragt sich, wer von ihnen wohl übrig bleiben wird, wenn dieser Weg einmal sein Ende fände, und ob er selbst zu den Übrigbleibenden gehören wird.
Die einzige Rettung in dieser Hölle ist die Kameradschaft. Adler und sein Freund Otto gehen Seite an Seite durch den Morast, einer dem anderen helfend, wenn er zu versinken droht. Sie tragen einander über die Schwelle der Verzweiflung hinweg. Adler begreift, dass es im Krieg nicht der Hass auf den Feind ist, der die Männer trägt, sondern die Liebe zu den Kameraden. Diese Liebe, so schreibt er, ist das Letzte, was ihnen bleibt, als alles andere ihnen genommen ist. Er hält sich an der Sorge um Otto aufrecht, und Otto hält sich an der Sorge um ihn.
Die Aufzeichnungen von Martin Adler, die nun als Hörbuch unter dem Titel „Der Weg nach Osten – Das Tagebuch des Martin Adler“ veröffentlicht werden, zeichnen ein schonungsloses Bild des Krieges im Osten. Sie zeigen, dass der lange Marsch nach Moskau ein einziger langgezogener Sterbeprozess ist, in dem die Kompanie, die im Juni über die Grenze gegangen ist, langsam dahinschmilzt wie der Schnee in der Frühlingssonne. Der Schlamm und der Regen sind zu einem gefährlicheren Feind geworden als der Mensch, gegen den man kämpfen und den man schlagen kann. Gegen die Erde und den Himmel, so Adler, ist kein Kampf möglich. Man kann nur leiden und aushalten und hoffen, dass es ein Ende nehme.

