Wie ein General im Jahr 1945 eine ganze Nation vernichten wollte | Der letzte Wahnsinn Japans

Wie ein General im Jahr 1945 eine ganze Nation vernichten wollte | Der letzte Wahnsinn Japans

Tokio, 15. August 1945. Die Stimme, die aus den Lautsprechern des staatlichen Rundfunks dröhnt, ist dünn, fast zerbrechlich. Sie spricht von der Annahme der Potsdamer Erklärung, vom Ende des Krieges. Für die meisten Japaner ist es das erste Mal, dass sie die Stimme ihres Kaisers hören. Doch hinter dieser historischen Radiobotschaft verbirgt sich eine Abgrundtiefe des Wahnsinns, die die Welt erst jetzt in ihrem vollen Ausmaß zu begreifen beginnt. Es ist die Geschichte eines Militärapparates, der bereit war, eine ganze Nation in den kollektiven Tod zu führen, nicht aus Verzweiflung, sondern aus fanatischer Überzeugung.

Im Mai 1945, als in Europa die Waffen schwiegen und Deutschland in Trümmern lag, tobte auf der anderen Seite des Planeten ein Krieg, der alles Bisherige in den Schatten zu stellen drohte. Während die Welt den Sieg über Hitler feierte, bereitete die japanische Militärführung ein Szenario vor, das selbst die dunkelsten Kapitel des europäischen Kriegsschauplatzes übertroffen hätte. Die Rede war von “Ichoku Giokusai”, dem Plan, 100 Millionen Japaner wie zerbrochene Edelsteine zu opfern. Keine Metapher, kein rhetorischer Überschwang, sondern ein konkreter strategischer Befehl: Jeder Mann, jede Frau, jedes Kind sollte in der Verteidigung des Vaterlandes sterben, anstatt die Schande einer Kapitulation zu ertragen.

Die Grundlagen dieses Wahnsinns wurden lange vor 1945 gelegt. Seit der Schlacht um Midway im Juni 1942, als Japan vier seiner sechs großen Flottenträger verlor, war die strategische Initiative unwiderruflich auf die Vereinigten Staaten übergegangen. Was folgte, war ein systematischer Inselfeldzug, den die Amerikaner mit industrieller Effizienz betrieben. Im Sommer 1944 fielen die Marianen mit Saipan, Guam und Tinian. Zum ersten Mal seit Kriegsbeginn lag Japan in Reichweite der amerikanischen strategischen Bomber. General Hideki Tojo, der den Krieg maßgeblich vorangetrieben hatte, wurde zum Rücktritt gezwungen. Doch sein Sturz änderte nichts an der grundsätzlichen Haltung der Militärführung. Man würde weiterkämpfen und den Feind durch hohe Verluste zum Einlenken zwingen.

Diese Strategie, das sogenannte “Ketsu”-Konzept, die Entscheidungsschlacht auf eigenem Boden, wurde zum Leitgedanken der gesamten japanischen Kriegsplanung. Im Oktober 1944 folgte die Schlacht im Golf von Leyte auf den Philippinen, das größte Seegefecht der Menschheitsgeschichte. Für Japan endete es mit der Vernichtung des letzten operativen Kerns der kaiserlichen Marine. Vier Flugzeugträger, drei Schlachtschiffe, zehn Kreuzer und elf Zerstörer gingen verloren. Japan war als Seemacht endgültig ausgeschaltet. Doch genau in dieser Schlacht geschah etwas, das die Natur des Krieges grundlegend verändern sollte: Die ersten offiziell organisierten Kamikaze-Piloten flogen ihre Einsätze gegen amerikanische Schiffe. Was als Verzweiflungstat begann, wurde innerhalb weniger Wochen zur Doktrin.

Im März 1945 erreichte der strategische Bombenkrieg eine neue Dimension. In der Nacht vom 9. auf den 10. März starteten 334 B-29-Bomber von den Marianen zur “Operation Meetinghouse”, dem verheerendsten Luftangriff der Geschichte. Über 1.600 Tonnen Brandbomben verwandelten ein Gebiet von rund 41 Quadratkilometern in Tokio in ein Flammenmeer. Die Temperaturen in den Feuerstürmen erreichten über 1.000 Grad Celsius. In einer einzigen Nacht starben nach konservativen Schätzungen etwa 100.000 Menschen. Über eine Million wurden obdachlos. Dies war nur der Anfang einer systematischen Kampagne, die in den folgenden Monaten 67 japanische Städte in Asche legte.

Während Japans Städte brannten, bereiteten die Vereinigten Staaten den nächsten Schritt ihres Inselspringens vor: die Einnahme von Iwojima. Die Verteidigung dieser winzigen, vulkanischen Insel lag in den Händen von Generalleutnant Tadamichi Kuribayashi, einem ungewöhnlichen Mann innerhalb der japanischen Militärelite. Kuribayashi hatte vor dem Krieg mehrere Jahre in den Vereinigten Staaten verbracht, sprach Englisch und bewunderte die industrielle Leistungsfähigkeit Amerikas. Er wusste, dass die Verteidigung der Insel nicht zu gewinnen war. Doch anstatt auf die traditionelle japanische Taktik der Banzai-Angriffe zu setzen, entwickelte er ein System unterirdischer Verteidigung, das zum Albtraum für die angreifenden Amerikaner wurde. Unter seiner Führung gruben die 21.000 japanischen Verteidiger über 18 Kilometer Tunnel.

Die Schlacht begann am 19. Februar 1945 und dauerte 36 Tage. Was die Amerikaner erwartet hatten, eine schnelle Eroberung nach massivem Marinebeschuss, verwandelte sich in ein Gemetzel. Jeder Meter musste erkämpft werden. Am Ende waren fast alle 21.000 japanischen Verteidiger tot. Auf amerikanischer Seite fielen etwa 6.800 Marines. Iwojima war die erste Schlacht, in der die amerikanischen Verluste die japanischen überstiegen. Die Lektion war unmissverständlich: Je näher die Front an Japan heranrückte, desto höher wurde der Preis in Blut.

Was Iwojima auch offenbarte, war das Ausmaß, in dem die japanische Militärführung den Tod zur Waffe erkoren hatte. Die Kamikaze-Angriffe wurden systematisch ausgebaut. Bis zum Kriegsende würden insgesamt etwa 3.800 Piloten in Selbstmordflügen ihr Leben lassen. Doch die Kamikaze waren nur ein Element eines umfassenden Arsenals der Selbstvernichtung. Die kaiserliche Marine entwickelte die “Kaiten”, bemannte Torpedos. Es gab die “Shinyo”, kleine, mit Sprengstoff beladene Motorboote, und die “Fukuryu”, Taucher, die mit auf Bambusstangen montierten Seeminen am Meeresgrund auf feindliche Landungsboote warten sollten.

Hinter alledem stand eine pervertierte Form des Bushido, des Ehrenkodex der Samurai, die von der militaristischen Führung seit den 1930er Jahren systematisch zur Staatsideologie aufgebaut worden war. Tod im Kampf war Ehre, Gefangennahme die schlimmste denkbare Schande. Diese Ideologie wurde von zwei Männern verkörpert, die in den letzten Kriegsmonaten das Schicksal Japans maßgeblich bestimmten: Kriegsminister General Korechika Anami und der Chef des Generalstabs Yoshijiro Umezu. Beide waren bedingungslose Verfechter der Weiterführung des Krieges. Beide lehnten jede Form der Kapitulation als ehrenrührig ab. In ihren Augen war der Tod einer ganzen Nation einem Frieden vorzuziehen, der von einem Feind diktiert wurde.

Im Frühjahr 1945 richtete sich der Fokus beider Seiten auf ein Ziel, das für den weiteren Verlauf des Krieges entscheidend sein würde: Okinawa. Die Insel, Teil der Ryukyu-Kette, lag nur rund 550 Kilometer südlich der japanischen Hauptinsel Kyushu. Für die Amerikaner war Okinawa das letzte Sprungbrett vor der geplanten Invasion des japanischen Mutterlandes. Für die Japaner war Okinawa die letzte Verteidigungslinie vor der Heimat, ein Ort, an dem der Feind so viel Blut lassen sollte, dass er eine Invasion des Mutterlandes nicht mehr wagen würde.

Die Planung der amerikanischen Invasion trug den Codenamen “Operation Iceberg” und war die größte amphibische Operation des gesamten Pazifikkrieges. Über 1.300 Schiffe und rund 180.000 Soldaten sollten eingesetzt werden. Auf der Gegenseite hatte Generalleutnant Mitsuru Ushijima, der Befehlshaber der 32. japanischen Armee auf Okinawa, eine Verteidigungsstrategie entwickelt, die die Lehren aus Iwojima weiterentwickelte und perfektionierte. Ushijima war ein besonnener, methodischer Offizier. Er wusste, dass er die Landung nicht verhindern konnte und dass er die Schlacht letztlich nicht gewinnen würde. Sein Ziel war es, den Amerikanern den höchstmöglichen Preis abzuverlangen und Zeit zu gewinnen.

Ushijimas Masterplan beruhte auf einem einfachen, aber genialen Prinzip: Er würde die Strände nicht verteidigen. Stattdessen konzentrierte er seine rund 130.000 Mann im gebirgigen Süden der Insel entlang einer tief gestaffelten Verteidigungslinie, die als “Shuri-Linie” bekannt werden sollte. Rund um die mittelalterliche Burg Shuri hatte seine Armee ein Netzwerk aus Höhlen, Tunneln, Bunkern und Geschützstellungen errichtet, das sich über mehrere Kilometer erstreckte. Jeder Hügel war eine Festung, jedes Tal eine Todesfalle.

Was am 1. April 1945 begann, sollte 89 Tage dauern und als eine der blutigsten Schlachten des gesamten Zweiten Weltkrieges in die Geschichte eingehen. Am Morgen des 1. April, es war Ostersonntag, begann die größte amphibische Landungsoperation im Pazifikkrieg. Über 1.300 alliierte Schiffe eröffneten das Bombardement auf die Westküste Okinawas. Dann geschah etwas, das niemand erwartet hatte: Nichts. Als die ersten Wellen an Land gingen, fanden sie leere Strände vor. Kein Maschinengewehrfeuer, keine Mörsereinschläge. Bis Mittag waren über 60.000 Soldaten an Land.

Was wie Schwäche aussah, war Kalkül. Ushijima hatte seine Truppen bewusst von den Stränden abgezogen. Seine Strategie war es, die Amerikaner tief ins Landesinnere zu locken, ihre Versorgungslinien zu strecken und sie dann in einem vorbereiteten Verteidigungssystem aufzureiben. Diese Entscheidung sollte den Amerikanern dreimonatige Qualen bescheren. Der Kampf um den Hügelkomplex von Kakazu, der am 8. April begann, illustrierte die Brutalität dieses Kampfes in erschreckender Klarheit. Die 96. Infanteriedivision griff mit zwei Bataillonen an und wurde in ein verheerendes Kreuzfeuer gelockt.

Noch schlimmer wurde es am Maeda Kamn, der in die amerikanische Militärgeschichte als “Hacksaw Ridge” eingehen sollte. Dieser fast senkrechte Korallenrücken war von den Japanern in eine nahezu uneinnehmbare Festung verwandelt worden. Die Kämpfe um Hacksaw Ridge dauerten vom 26. April bis zum 6. Mai und kosteten die 77. Infanteriedivision über 1.000 Gefallene und Verwundete. Es war hier, wo der Sanitäter Desmond Doss, ein überzeugter Pazifist, in einer einzigen Nacht 75 verwundete Kameraden den Steilhang hinabließ und ihnen damit das Leben rettete.

Während auf Okinawa selbst der Kampf Mann gegen Mann tobte, entfaltete sich auf See und in der Luft eine zweite, ebenso vernichtende Dimension der Schlacht. Ab dem 6. April startete die japanische Luftwaffe eine Serie massiver Kamikaze-Offensiven unter dem poetischen Namen “Kikusui” – schwebende Chrysanthemen. In insgesamt zehn Wellen flogen etwa 1.900 Kamikaze-Piloten ihre Todesflüge gegen die alliierte Flotte. Die Wirkung war verheerend. Insgesamt wurden im Verlauf der Schlacht 36 alliierte Schiffe versenkt und 368 weitere beschädigt. Knapp 5.000 amerikanische Seeleute kamen ums Leben.

Den symbolischen Höhepunkt dieser Verzweiflungsstrategie bildete die Operation “Ten-Go” am 7. April, der letzte Einsatz des Schlachtschiffs Yamato, des größten Kriegsschiffs, das jemals gebaut worden war. Die Yamato sollte Okinawa erreichen, sich dort absichtlich auf Grund setzen und als unsinkbare Artilleriebatterie die amerikanischen Landungstruppen beschießen. Treibstoff für eine Rückkehr war nicht vorgesehen. Die Yamato kam nie auch nur in die Nähe von Okinawa. Sie wurde von fast 300 amerikanischen Trägerflugzeugen angegriffen und versenkt. Von der 3.332-köpfigen Besatzung überlebten nur 276.

Was die Schlacht um Okinawa von nahezu allen anderen Schlachten des Pazifikkrieges unterschied, war die Anwesenheit einer großen Zivilbevölkerung mitten im Kampfgebiet. Auf Okinawa lebten rund 300.000 Menschen, die weder Japaner im eigentlichen Sinne noch Ausländer waren. Vom japanischen Militär wurden sie als Bürger zweiter Klasse betrachtet. Bereits vor der amerikanischen Landung hatte die japanische Armee systematisch Vorbereitungen getroffen, die Zivilbevölkerung in die Verteidigung einzubinden. Ganze Schulklassen, Jungen und Mädchen von 15 bis 18 Jahren, wurden als sogenannte “Blut-und-Eisen”-Einheiten eingezogen.

Das Thema Selbstmord durchzog die Zivilbevölkerung Okinawas wie ein dunkler Faden. Die japanische Militärpropaganda hatte den Okinawanern über Monate eingehämmert, dass die Amerikaner bestialische Barbaren seien. Japanische Soldaten verteilten Handgranaten an Familienverbände mit der Anweisung, diese gegen sich selbst einzusetzen, wenn der Feind nahte. Das Ergebnis war eine Welle von Massensuiziden, die als “Shudan Jiketsu”, kollektive Selbsttötung, in die Geschichte eingingen. Am Kap Kian stürzten sich in den letzten Kriegstagen Hunderte von Zivilisten von den Klippen in den Tod.

Ende Mai begann die Shuri-Linie unter dem unablässigen Druck der Amerikaner zu bröckeln. Wochenlange Regenfälle hatten das Schlachtfeld in einen Morast verwandelt. Am 29. Mai fiel Schloss Shuri. Ushijima hatte seine verbliebenen Truppen in den äußersten Süden der Insel zurückgezogen. Am 22. Juni endete die organisierte japanische Verteidigung auf Okinawa. An diesem Morgen begingen Generalleutnant Ushijima und sein Stabschef Cho auf einem Felsvorsprung über dem Meer rituellen Selbstmord durch Seppuku.

Die Bilanz der 89 Tage auf Okinawa war eine Rechnung des Grauens. Auf amerikanischer Seite fielen etwa 12.500 Soldaten und Marinesoldaten. Über 38.000 wurden verwundet. Auf japanischer Seite starben schätzungsweise 110.000 Militärangehörige. Dazwischen die Zivilisten: 40.000 bis 150.000 Männer, Frauen und Kinder. Es war die verlustreichste Schlacht des gesamten Pazifikkrieges und eine Vorschau auf das, was bei einer Invasion des japanischen Mutterlandes zu erwarten gewesen wäre.

Noch während auf Okinawa die letzten Schüsse fielen, saßen in Washington die Stabschefs der amerikanischen Streitkräfte über Karten und Verlustprognosen. Die Schlacht um Okinawa hatte eine Wahrheit offenbart, die niemand mehr ignorieren konnte: Je näher man dem japanischen Mutterland kam, desto fanatischer wurde der Widerstand. Was würde eine Invasion des japanischen Mutterlandes bedeuten? Die Antwort lag in einem Operationsplan, der unter dem Codenamen “Operation Downfall” erarbeitet wurde. Die erste Phase, “Operation Olympic”, war für den 1. November 1945 geplant. Die zweite Phase, “Operation Coronet”, sollte am 1. März 1946 folgen.

Die geschätzten Verluste schwankten, doch keine der Prognosen war auch nur ansatzweise beruhigend. Eine Studie rechnete mit rund 240.000 Toten, Verwundeten und Vermissten allein für Operation Olympic. Andere Schätzungen kamen auf bis zu einer Million amerikanische Verluste. Das War Department ließ in Vorbereitung auf die erwarteten Verwundeten 500.000 Purple-Heart-Orden herstellen – eine Zahl so groß, dass dieser Vorrat bis heute nicht aufgebraucht ist.

Was die amerikanischen Planer jedoch nicht in vollem Umfang wussten, war, wie weit die japanische Militärführung in ihrer Vorbereitung auf die Verteidigung des Mutterlandes bereits gegangen war. Unter dem Codenamen “Ketsu-Go” hatte das kaiserliche Hauptquartier einen Verteidigungsplan entwickelt, der in seiner radikalen Konsequenz alles übertraf, was in der modernen Kriegsführung je konzipiert worden war. Es war kein militärischer Plan im herkömmlichen Sinne. Es war ein Programm zur Mobilisierung einer gesamten Nation für den Kampf bis zur Auslöschung.

Im Juni 1945 verabschiedete die japanische Regierung das Gesetz zur allgemeinen Mobilmachung für den Volkssturm, das jeden männlichen Japaner zwischen 15 und 60 Jahren und jede Frau zwischen 17 und 40 Jahren zur Wehrpflicht heranzog. Millionen Zivilisten wurden in sogenannte “Volksfreiwilligen-Kampfkorps” eingeteilt. Die Bewaffnung bestand aus dem, was verfügbar war: veraltete Gewehre, Schwerter, Speere aus Bambus, Vorschlaghämmer, geschärfte Sicheln und Molotow-Cocktails. In einigen Präfekturen wurden Frauen darin unterwiesen, sich mit Sprengladungen unter amerikanische Panzer zu werfen.

Die militärische Strategie hinter Ketsu-Go war dabei keineswegs irrational, wenn man die Prämissen der japanischen Führung akzeptierte. Der Plan sah vor, den Amerikanern bei der Landung auf Kyushu einen so hohen Blutzoll abzuverlangen, dass die kriegsmüde amerikanische Öffentlichkeit einen Verhandlungsfrieden erzwingen würde. Kamikaze-Angriffe in einem zuvor unvorstellbaren Ausmaß, über 5.000 Flugzeuge, sollten die Invasionsflotte dezimieren. Über 3.000 Shinyo-Schnellboote und fast 500 Koryu-Kleinst-U-Boote warteten in versteckten Buchten. Die japanische Führung rechnete intern mit Verlusten von 20 Millionen eigenen Staatsbürgern.

Während Japan sich auf seinen letzten Kampf vorbereitete, näherten sich die Ereignisse einem Kulminationspunkt. Am 6. August 1945 um 8:15 Uhr Ortszeit detonierte die Uranbombe “Little Boy” über Hiroshima. Zwischen 70.000 und 80.000 Menschen starben sofort. Man sollte annehmen, dass ein Ereignis dieser Dimension die japanische Führung zur sofortigen Kapitulation bewogen hätte. Das Gegenteil war der Fall. Die Hardliner argumentierten allen Ernstes, dass es sich bei der Bombe um eine einmalige Waffe handeln könnte. Kriegsminister Anami erklärte, selbst wenn die Bombe echt sei, ändere dies nichts an der grundsätzlichen Strategie.

Am 8. August erklärte die Sowjetunion Japan den Krieg. Am 9. August um 11:02 Uhr detonierte die Plutoniumbombe “Fat Man” über Nagasaki. Schätzungsweise 70.000 Menschen starben. Und selbst jetzt, nach zwei Atombomben und dem Kriegseintritt der Sowjetunion, war der oberste Kriegsrat gespalten. Drei Stimmen für die sofortige Annahme der Potsdamer Erklärung, drei Stimmen für die Fortführung des Krieges. Die Hardliner wussten, dass ihre zusätzlichen Bedingungen für die Alliierten inakzeptabel sein mussten. Es war ihr Weg, die Kapitulation zu verhindern und die Entscheidungsschlacht zu erzwingen.

In der Nacht vom 14. auf den 15. August 1945 ereigneten sich Stunden, die über Leben und Tod von Millionen Menschen entschieden. Kaiser Hirohito hatte in einer beispiellosen Intervention persönlich die Kapitulation befohlen. Eine Gruppe junger Offiziere des Kriegsministeriums war jedoch entschlossen, dies zu verhindern. Unter der Führung von Major Kenji Hatanaka planten sie einen Staatsstreich. Sie würden den Kaiserpalast besetzen, die Aufnahme der Rede zerstören und die Fortführung des Krieges erzwingen. Gegen 1 Uhr nachts drangen Hatanaka und seine Verschwörer in den Kaiserpalast ein.

Stundenlang durchsuchten die Verschwörer den weitläufigen Palastkomplex nach der Schallplatte mit der kaiserlichen Rede. Doch die Platte war von einem Kammerherrn des Kaisers in einem Stapel von Wäschebeuteln versteckt worden und blieb unentdeckt. In den frühen Morgenstunden begann der Putsch zusammenzubrechen. Hatanaka, der erkannte, dass sein Unternehmen gescheitert war, schoss sich vor dem Kaiserpalast eine Kugel in die Stirn. Wenige Stunden zuvor hatte General Korechika Anami in seinem Arbeitszimmer im Kriegsministerium den letzten Akt seines Lebens vollzogen. Er führte den rituellen Schnitt in den Unterleib aus.

Um 12 Uhr mittags am 15. August erklang im japanischen Radio die Stimme des Kaisers. In gestelztem, altertümlichem Japanisch erklärte er, dass Japan die Bedingungen der Potsdamer Erklärung annehme. Er sprach davon, dass der Krieg sich nicht notwendig zu Japans Gunsten entwickelt habe. Er sprach von einer neuen und grausamsten Bombe. Und er sprach die Worte, die eine Nation in den Knien brechen ließen: “Wir müssen das Unerträgliche ertragen und das Unzumutbare erdulden.” Der Krieg war vorbei, doch seine Schatten reichten weit in die Zukunft.

Für die Männer, die Japans letzten Wahnsinn geplant hatten, kam die Abrechnung in Form des Internationalen Militärtribunals für den Fernen Osten. Sieben Angeklagte wurden zum Tode verurteilt. Yoshijiro Umezu wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Korechika Anami hatte sich durch seinen Selbstmord dem Tribunal entzogen. Die tiefere Frage, wie ein ganzes System solche Männer hervorbringen und an der Macht halten konnte, blieb für Jahrzehnte unbeantwortet. Kaiser Hirohito blieb auf dem Thron. Die letzte und wichtigste Lehre aus dieser Geschichte richtet sich an uns alle: Japan stand im Sommer 1945 vor dem selbstgewählten Untergang, weil eine kleine Gruppe von Männern in Uniform die Macht hatte und den Willen besaß, eine ganze Nation auf dem Altar ihres Ehrbegriffs zu opfern.