Es war ein eiskalter Märzmorgen im Jahr 1945, als eine junge Frau an die Tür eines Wohnhauses im Aachener Stadtteil Eilendorf klopfte. Sie gab vor, verwundet und orientierungslos zu sein, eine hilflose Flüchtlingsfrau in den Wirren des Krieges. Der Mann, der ihr öffnete, war Franz Oppenhoff, 44 Jahre alt, Jurist, Vater von drei Kindern und seit wenigen Monaten der von den Amerikanern eingesetzte Oberbürgermeister der Stadt Aachen. Minuten später lag Oppenhoff tot auf der Schwelle seines eigenen Hauses, erschossen durch einen Kopfschuss aus nächster Nähe. Die Täter verschwanden in der Dunkelheit. Es war der bekannteste Anschlag einer Organisation, deren Name in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges sowohl Angst als auch Verwirrung auslöste: Werwolf.
Dieser Mord war kein spontaner Akt der Gewalt, kein Verbrechen aus persönlichen Motiven. Er war eine geplante Operation des nationalsozialistischen Untergrunds, ausgeführt auf direkten Befehl aus den höchsten Rängen des zusammenbrechenden Dritten Reiches. Und er wirft eine Frage auf, die bis heute nachwirkt: Was trieb Menschen dazu, weiterzukämpfen, als der Krieg längst verloren war? Die Antwort führt tief in die Abgründe eines Regimes, das selbst in seiner finalen Agonie noch den totalen Widerstand beschwor.
Um das Phänomen Werwolf zu verstehen, muss man eine entscheidende Unterscheidung treffen. Hinter dem Namen verbargen sich in Wirklichkeit zwei sehr verschiedene Dinge. Auf der einen Seite stand eine tatsächliche militärische Organisation, gegründet im Herbst 1944 auf Befehl Heinrich Himmlers und unter der Leitung von SS-Obergruppenführer Hans Adolf Prützmann. Ihr Auftrag war es, hinter den feindlichen Linien Sabotage- und Guerillaaktionen durchzuführen. Auf der anderen Seite stand ein Propagandainstrument, geschaffen von Joseph Goebbels, das über einen eigenen Radiosender die gesamte deutsche Bevölkerung zum fanatischen Widerstand aufrufen sollte.
Zwischen diesen beiden Polen bewegte sich eine Realität, die weit weniger dramatisch war, als es die Propaganda versprach, und doch weit beunruhigender, als es die Nachkriegsgeschichtsschreibung lange wahrhaben wollte. Der Werwolf war als militärische Kraft ein vollständiger Fehlschlag, doch als psychologisches Phänomen beeinflusste er die Nachkriegspolitik der Alliierten in einem Ausmaß, das seine tatsächliche Bedrohung bei weitem überstieg.
Im Sommer 1944 befand sich das nationalsozialistische Deutschland in einer militärischen Lage, die kein nüchterner Beobachter mehr als aussichtsreich hätte bezeichnen können. Am 6. Juni 1944 waren alliierte Truppen in der Normandie gelandet, und innerhalb weniger Wochen hatte die Operation Overlord die deutsche Verteidigung in Frankreich zum Zusammenbruch gebracht. Paris wurde am 25. August befreit. Bis September standen amerikanische, britische und kanadische Einheiten an der deutschen Westgrenze. Am 21. Oktober 1944 fiel Aachen als erste deutsche Großstadt in alliierte Hände, nach wochenlangen erbitterten Häuserkämpfen, bei denen große Teile der Innenstadt in Trümmer gelegt wurden.
Im Osten war die Lage noch dramatischer. Die sowjetische Offensive Bagration, die am 23. Juni 1944 begonnen hatte, vernichtete die deutsche Heeresgruppe Mitte praktisch vollständig. Innerhalb von fünf Wochen verlor die Wehrmacht dort über 300.000 Soldaten an Toten, Verwundeten und Gefangenen. 28 Divisionen hörten auf zu existieren. Bis zum Herbst stand die Rote Armee an der Weichsel. In Rumänien und Bulgarien waren die deutschen Verbündeten zusammengebrochen, und Finnland hatte am 19. September 1944 einen Waffenstillstand mit der Sowjetunion geschlossen.
In dieser Situation unternahm die deutsche Führung einen letzten groß angelegten Versuch, die Initiative im Westen zurückzugewinnen. Am 16. Dezember 1944 begann die Ardennenoffensive, Deckname Unternehmen Wacht am Rhein, mit 30 Divisionen und rund 200.000 Soldaten. Das Ziel war so ehrgeizig wie unrealistisch: ein Vorstoß durch die Ardennen bis nach Antwerpen, um die alliierten Nachschublinien zu durchtrennen und die westliche Koalition zu spalten. Die Offensive erzielte anfänglich Überraschungserfolge, kam aber innerhalb weniger Tage ins Stocken. Fehlendes Benzin, alliierte Luftüberlegenheit und die zähe Verteidigung amerikanischer Einheiten, insbesondere bei Bastogne, brachten den Vormarsch zum Erliegen. Bis Ende Januar 1945 waren alle Gebietsgewinne wieder verloren. Die Wehrmacht hatte dabei rund 100.000 Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen eingebüßt, dazu 800 Panzer und etwa 1000 Flugzeuge – Verluste, die nicht mehr ersetzt werden konnten.
Gleichzeitig begann am 12. Januar 1945 die Weichsel-Oder-Operation der Roten Armee, die innerhalb von drei Wochen die sowjetischen Truppen bis an die Oder brachte, rund 70 Kilometer vor Berlin. Es war in genau diesem Kontext des offensichtlichen militärischen Zusammenbruchs, dass die Idee einer nationalsozialistischen Guerilla-Bewegung Gestalt annahm. Die Initiative ging nicht von der Wehrmacht aus, nicht von den Generälen, die den Krieg an der Front führten. Sie kam aus dem Apparat der SS, aus dem engsten Machtbereich Heinrich Himmlers.
Himmler, der seit dem 20. Juli 1944 nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler auch den Befehl über das Ersatzheer der Wehrmacht übernommen hatte, sah sich zunehmend als derjenige, der den totalen Krieg auch jenseits konventioneller Schlachtfelder führen musste. Im September 1944 erteilte Himmler den Befehl zur Aufstellung einer Guerillaorganisation, die hinter den feindlichen Linien operieren sollte. Zum Leiter dieser Organisation ernannte er SS-Obergruppenführer Hans Adolf Prützmann.
Diese Personalwahl war alles andere als zufällig. Hans Adolf Prützmann, geboren am 25. August 1891 in Tolkemit, Ostpreußen, gehörte zur ersten Generation überzeugter Nationalsozialisten. Er trat 1929 der SS bei und stieg bis 1941 zum SS-Obergruppenführer auf. Seine entscheidende Prägung erhielt er als Höherer SS- und Polizeiführer in den besetzten sowjetischen Gebieten, zunächst im Bereich Nord in den baltischen Staaten, später im Bereich Ukraine-Süd. In dieser Funktion war Prützmann direkt verantwortlich für die Planung und Durchführung von sogenannten Partisanenbekämpfungsaktionen, die in der Realität vor allem Massenerschießungen von Juden, Kommunisten und Zivilisten bedeuteten.
Er kannte die Methoden der sowjetischen Partisanen aus der Perspektive desjenigen, der sie jahrelang bekämpft hatte. Er hatte gesehen, wie kleine dezentral organisierte Gruppen eine Besatzungsmacht erheblich stören konnten, und er hatte erlebt, welche Logistik, welche Unterstützung aus der Bevölkerung und welche Entschlossenheit dafür notwendig waren. Nun sollte er selbst genau das aufbauen, was er zuvor zu zerstören versucht hatte. Die Ironie dieser Aufgabe war offensichtlich, auch wenn sie in den Dokumenten der Zeit nirgends als solche benannt wird. Der Jäger sollte zum Gejagten werden, der Vernichter von Partisanenstrukturen zum Schöpfer einer eigenen.
Prützmann richtete sein Hauptquartier zunächst in Berlin ein und begann ab Oktober 1944 mit dem Aufbau einer dezentralen Struktur. Die Grundidee sah vor, in allen Gebieten, die von den Alliierten besetzt werden würden, kleine Zellen von drei bis sechs Personen zu hinterlassen, die unabhängig voneinander operieren konnten. Diese Zellen sollten Waffen-, Munitions- und Sprengstoffdepots anlegen, Nachrichtenverbindungen aufrechterhalten und nach der Besetzung Sabotageakte gegen die feindliche Infrastruktur durchführen: Straßen, Brücken, Eisenbahnlinien, Nachschublager, Kommunikationseinrichtungen.
Die Rekrutierung verlief über verschiedene Kanäle. Den Kern bildeten Angehörige der SS und des Sicherheitsdienstes, Männer mit militärischer Ausbildung und ideologischer Festigkeit. Dazu kamen Freiwillige aus der Hitlerjugend, darunter Jungen ab zehn und sechzehn Jahren, die in speziellen Lagern eine beschleunigte Ausbildung in Sprengstoffhandhabung, Nahkampf und Überlebenstechniken im Gelände erhielten. Auch weibliche Angehörige des Bundes Deutscher Mädel wurden einbezogen, vor allem als Kurierinnen und Meldegängerinnen.

Eines der wichtigsten Ausbildungszentren befand sich auf Schloss Hülchrath bei Grevenbroich im Rheinland. Dort wurden ab dem Spätherbst 1944 mehrere Dutzend Werwolf-Agenten ausgebildet, die nach der alliierten Besetzung des Rheinlandes aktiv werden sollten. Die Ausbildung umfasste den Umgang mit Sprengladungen und Zeitzündern, das Legen von Minen, Orientierung im Gelände ohne Karten, den Aufbau und die Bedienung von Funkgeräten sowie Techniken der Tarnung und des verdeckten Vorgehens. Die Ausbildung dauerte in der Regel zwischen zwei und vier Wochen, was selbst nach den Maßstäben regulärer Kampfausbildung äußerst knapp war. Für die Vorbereitung auf einen langfristigen Guerillakrieg war es hoffnungslos unzureichend.
Parallel zu Prützmanns Organisation, aber in vieler Hinsicht unabhängig davon, entwickelte Joseph Goebbels den Werwolf zu einem Propagandainstrument. Am 1. April 1945 ging der Sender Werwolf erstmals auf Sendung, ein Radiosender, der die deutsche Bevölkerung zum fanatischen Widerstand gegen die vorrückenden Alliierten aufrief. Goebbels hatte den Namen Werwolf bewusst gewählt, eine Anspielung auf die mythische Figur des Werwolfs, aber auch auf den historischen Roman von Hermann Löns aus dem Jahr 1910, der von Bauernpartisanen handelte, die im Dreißigjährigen Krieg gegen marodierende Soldaten kämpften.
Der Sender verbreitete Aufrufe zur Sabotage, drohte jedem Deutschen mit dem Tod, der mit den Besatzern zusammenarbeitete, und versuchte das Bild einer massenhaften, entschlossenen Untergrundbewegung zu erzeugen. Die Realität sah anders aus. Zwischen Prützmanns operativer Organisation und Goebbels Propagandaapparat gab es kaum Koordination. Goebbels versprach eine Volksbewegung, die es nicht gab. Prützmann versuchte eine militärische Struktur aufzubauen, der es an allem fehlte: an Zeit, an Material, an ausgebildetem Personal und vor allem an der Unterstützung der Bevölkerung.
An dieser Stelle muss man einen Moment innehalten und die Psychologie der Entscheidungsträger betrachten. Heinrich Himmler, der den Werwolf-Befehl gegeben hatte, führte seit Februar 1945 über den schwedischen Diplomaten Folke Bernadotte geheime Verhandlungen mit den Westalliierten über eine mögliche Teilkapitulation. Er sah sich offenbar selbst als möglichen Nachfolger Hitlers in einer Nachkriegsordnung und glaubte, den Westmächten als Verhandlungspartner gegen die Sowjetunion nützlich sein zu können. Gleichzeitig ließ er eine Guerillaorganisation aufbauen, die genau jene Alliierten angreifen sollte, mit denen er zu verhandeln versuchte.
Diese Widersprüchlichkeit war kein Zufall und kein Zeichen von Irrationalität. Sie war Ausdruck eines Systems, das in seinen letzten Monaten jede innere Kohärenz verloren hatte. Befehle wurden gegeben, ohne dass jemand ihre Durchführbarkeit prüfte. Organisationen wurden geschaffen, ohne dass ihre Ziele mit der Gesamtstrategie abgestimmt waren. Jeder Machtträger verfolgte seine eigene Agenda, und der Werwolf war nur eines von vielen Projekten, die in diesem Chaos entstanden und die mehr über den Zustand des Regimes aussagten als über eine tatsächliche militärische Bedrohung.
Prützmann selbst war in dieser Lage ein Mann, der seinen Auftrag ernst nahm, aber dessen Grenzen erkannte. Die Berichte, die aus den Ausbildungslagern kamen, waren ernüchternd. Die Rekruten waren überwiegend sehr jung, schlecht ausgerüstet und in den meisten Fällen nicht in der Lage, auch nur grundlegende Überlebenstechniken im Feld anzuwenden. Die Waffen- und Sprengstoffdepots, die angelegt werden sollten, existierten häufig nur auf dem Papier. Funkgeräte waren Mangelware. Die einzige Ressource, die im Überfluss vorhanden war, war ideologischer Fanatismus. Und wie sich bald zeigen sollte, war dieser allein nicht ausreichend, um eine funktionierende Guerillabewegung aufzubauen.
Doch bevor wir zu den tatsächlichen Operationen kommen, müssen wir uns die Frage stellen, warum trotz all dieser Mängel einige der brutalsten und aufsehenerregendsten Aktionen des Werwolfs tatsächlich durchgeführt wurden. Und das führt uns zurück nach Aachen in den März 1945. Die Operation, die als bekannteste Aktion des Werwolf in die Geschichte einging, trug den Decknamen Unternehmen Karneval. Ihr Ziel war die Ermordung des Aachener Oberbürgermeisters Franz Oppenhoff, und ihre Planung reichte bis in die höchsten Ebenen des nationalsozialistischen Machtapparats.
Franz Oppenhoff, geboren am 16. Juni 1902 in Aachen, war Jurist und Teilhaber einer angesehenen Anwaltskanzlei. Er war kein Widerstandskämpfer, kein Kommunist, kein erklärter Gegner des Regimes. Er war ein konservativer Katholik, der sich während der NS-Zeit weitgehend aus der Politik herausgehalten hatte. Als die Amerikaner im Oktober 1944 Aachen nahmen, suchten sie nach einem geeigneten Deutschen, der die Stadtverwaltung übernehmen konnte: jemand ohne Parteimitgliedschaft, mit Verwaltungskompetenz und dem Vertrauen der lokalen Bevölkerung. Oppenhoff erfüllte diese Kriterien, und am 31. Oktober 1944 ernannten ihn die amerikanischen Besatzungsbehörden zum Oberbürgermeister von Aachen.
Damit wurde er zum ersten von den Alliierten eingesetzten Bürgermeister einer deutschen Großstadt, und genau das machte ihn zum Ziel. Für die nationalsozialistische Führung war Oppenhoffs Ernennung eine doppelte Provokation. Zum einen stellte sie die Autorität des Regimes über die eigene Bevölkerung in Frage. Zum anderen war Aachen die erste bedeutende deutsche Stadt unter alliierter Kontrolle, die Stadt Karls des Großen, ein Ort mit enormer symbolischer Bedeutung für das deutsche Selbstverständnis. Dass hier ein Deutscher im Auftrag der Feinde regierte, war in den Augen der NS-Führung Hochverrat, und dieser Verrat sollte bestraft werden: öffentlich, brutal und als Warnung an alle, die es wagen könnten, dem Beispiel Oppenhoffs zu folgen.
Der Befehl zur Ermordung kam nach den vorliegenden Dokumenten von Himmler selbst, wurde über die SS weitergeleitet und landete schließlich bei den Planern des Werwolf in den Dienststellen des Reichssicherheitshauptamtes. Die Zusammenstellung des Kommandos erfolgte im März 1945. Die Gruppe bestand aus sechs Personen. An der Spitze stand SS-Untersturmführer Herbert Wenzel, ein erfahrener Fallschirmjäger und Saboteur. Zu seinem Team gehörten der Grenzschutzpolizist Joseph Leitgeb, dessen zehnjähriger Sohn Sepp Leitgeb, die BDM-Führerin Ilse Hirsch, die aus der Aachener Region stammte und deshalb als Ortskundige eingeteilt wurde, sowie der ehemalige Hitlerjugendführer Erich Morgenschweiß und der niederländische SS-Freiwillige Georg Heidorn.
Die Zusammensetzung der Gruppe war bezeichnend: ein erfahrener SS-Mann als Anführer, ein Polizist, ein Jugendlicher, eine junge Frau, ein Hitlerjugendfunktionär und ein ausländischer Freiwilliger. Es war kein Elitekommando, es war ein zusammengewürfelter Trupp aus dem, was noch verfügbar war. Am Abend des 20. März 1945 startete die Gruppe von einem Flugplatz im Raum Hildesheim. Ein umgebauter Junkers-Transporter vom Typ Ju 35 flog das Kommando in niedriger Höhe über die alliierten Linien. Gegen 23 Uhr wurden die sechs Agenten südwestlich von Aachen mit Fallschirmen abgesetzt, zusammen mit Waffen, einem Funkgerät und Proviant für mehrere Tage.

Die Landung verlief nicht wie geplant. Die Gruppe wurde bei der Landung getrennt. Einige Ausrüstungsstücke gingen verloren, und Morgenschweiß verletzte sich am Fuß. In den folgenden Tagen arbeiteten sich die Mitglieder des Kommandos einzeln und in kleinen Gruppen durch die feindlich besetzte Zone in Richtung Aachen vor. Ilse Hirsch, die die Gegend kannte, spielte dabei eine Schlüsselrolle als Führerin. Das Kommando nutzte Bauernhöfe und Waldstücke als Unterschlupf und vermied den Kontakt mit der Zivilbevölkerung so weit wie möglich.
Am 25. März 1945, fünf Tage nach dem Absprung, erreichte die Kerngruppe den Stadtteil Eilendorf, wo Oppenhoff mit seiner Familie lebte. Es war Ilse Hirsch, die an der Haustür klingelte und mit der Geschichte einer verletzten Flüchtlingsfrau Oppenhoffs Frau und dann ihn selbst an die Tür lockte. Als Oppenhoff vor die Tür trat, eröffnete Joseph Leitgeb das Feuer. Eine Kugel traf Oppenhoff in die linke Schläfe. Er war sofort tot. Das Kommando floh in die Dunkelheit.
In den folgenden Tagen versuchten die Mitglieder zu den deutschen Linien zurückzugelangen. Wenzel und Morgenschweiß liefen auf eine Minensperre und wurden beide getötet. Heidorn wurde von einer amerikanischen Patrouille erschossen. Joseph Leitgeb, der eigentliche Schütze, verschwand und wurde erst Jahre später identifiziert. Sein Sohn Sepp Leitgeb und Ilse Hirsch schafften es durch die Linien zu gelangen und überlebten den Krieg. Ilse Hirsch wurde von einem britischen Militärgericht angeklagt, aber aus Mangel an Beweisen für eine direkte Beteiligung am Mord freigesprochen. Sie starb im Jahr 2010 in Euskirchen im Alter von 86 Jahren, ohne jemals öffentlich Reue gezeigt zu haben.
Die Ermordung Oppenhoffs war die einzige Operation des Werwolf, die von der Planung über die Durchführung bis zum Ergebnis als vollständig abgeschlossene Aktion gelten kann. Doch sie blieb kein Einzelfall. In den letzten Wochen des Krieges und in den ersten Wochen nach der Kapitulation gab es eine Reihe weiterer Vorfälle, die dem Werwolf zugeschrieben wurden oder zumindest in seinem Umfeld stattfanden. Im Rheinland wurden in den Wochen nach der alliierten Rheinüberquerung am 7. März 1945 bei Remagen mehrere Fälle von Sabotage gemeldet. Telefonleitungen wurden durchtrennt, Straßensperren errichtet. In einzelnen Fällen wurde auf alliierte Patrouillen geschossen.
In Württemberg und Bayern kam es im April 1945 zu vereinzelten Anschlägen auf Nachschubkonvois. In Penzberg in Oberbayern wurden am 28. April 1945, nur zwei Tage vor Hitlers Selbstmord, 16 Bürger von einem Werwolf-Kommando und Angehörigen der lokalen NSDAP ermordet, weil sie versucht hatten, die Stadt kampflos an die vorrückenden Amerikaner zu übergeben. Die sogenannte Penzberger Mordnacht wurde eines der brutalsten Einzelereignisse der letzten Kriegstage und zeigte, dass die größte Gefahr des Werwolf nicht den Alliierten galt, sondern den eigenen Landsleuten, die den Krieg beenden wollten.
Ähnliche Vorfälle ereigneten sich in anderen Orten. In Brettheim in Franken wurden am 10. April 1945 drei Männer von einem improvisierten Standgericht unter Leitung eines fanatischen NSDAP-Kreisleiters gehängt, weil sie Hitlerjungen entwaffnet hatten, die sinnlosen Widerstand gegen die Amerikaner leisten sollten. Ob diese Tat direkt dem organisierten Werwolf zuzurechnen ist, bleibt umstritten. Die Grenzen zwischen dem offiziellen Werwolf, den Aktionen fanatischer Parteifunktionäre, den letzten Zuckungen des Volkssturms und individuellen Gewalttaten waren in den letzten Kriegswochen fließend.
Genau darin lag die eigentliche Wirkung des Werwolf: nicht als koordinierte Guerillaarmee, sondern als Atmosphäre der Angst und des Terrors, die alle erfasste, Alliierte und Deutsche gleichermaßen. Der Radiosender Werwolf, der seit dem 1. April 1945 sendete, verstärkte diese Atmosphäre gezielt. Die Sendungen riefen zur Ermordung von Kollaborateuren auf, drohten Familien, die weiße Fahnen hissten, mit Vergeltung und verkündeten, dass der Kampf niemals enden werde. Einer der bekanntesten Slogans lautete sinngemäß, dass jeder Feind, der deutschen Boden betrete, auf dem Weg des Todes wandle. Die Sprache war apokalyptisch, die Botschaft eindeutig: Es gab kein Aufgeben, nur Sieg oder Untergang.
Doch die Wirkung auf die deutsche Bevölkerung war gering. Nach sechs Jahren Krieg, nach den Bombardierungen, nach den Millionen Toten, nach dem Zusammenbruch aller Versorgungsstrukturen wollte die überwältigende Mehrheit der Deutschen nur eines: dass der Krieg aufhörte. Die Werwolf-Propaganda fand kaum Resonanz, und die wenigen, die ihr folgten, waren in der Regel ideologisch verhärtete Jugendliche oder SS-Angehörige, die entweder an den Endsieg glaubten oder wussten, dass sie von den Alliierten ohnehin zur Rechenschaft gezogen werden würden.
Nach der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 hörte die organisierte Aktivität des Werwolf praktisch auf. Prützmanns Kommandostruktur war bereits in den letzten Kriegswochen vollständig zusammengebrochen. Die Waffen- und Sprengstoffdepots wurden entweder von den Alliierten entdeckt oder von der lokalen Bevölkerung den Besatzungstruppen gemeldet. Dennoch gab es in den Wochen und Monaten nach der Kapitulation vereinzelte Vorfälle, die von den Alliierten als Werwolf-Aktionen eingestuft wurden. In der amerikanischen Besatzungszone wurden zwischen Mai und August 1945 etwa 42 Fälle von Schusswaffenangriffen auf alliierte Soldaten registriert, von denen allerdings viele eher krimineller als politischer Natur waren. In der sowjetischen Besatzungszone war die Lage komplexer; dort kam es häufiger zu Anschlägen, die aber oft von versprengten Wehrmachts- und SS-Einheiten verübt wurden, die sich nicht ergeben wollten, und nicht von organisierten Werwolf-Zellen.
An dieser Stelle lohnt sich ein Vergleich, der die Dimension des Scheiterns verdeutlicht. Die sowjetischen Partisanen operierten im Zweiten Weltkrieg mit einer geschätzten Stärke von bis zu 250.000 aktiven Kämpfern, unterstützt von einem Netzwerk aus Millionen Zivilisten. Die französische Résistance zählte zum Zeitpunkt der Invasion 1944 rund 100.000 aktive Mitglieder. Die jugoslawischen Partisanen unter Tito brachten es auf über 800.000 Kämpfer. Der Werwolf hatte nach den seriösesten Schätzungen zu keinem Zeitpunkt mehr als 5000 tatsächlich ausgebildete und einsatzbereite Agenten, die meisten davon schlecht ausgerüstet und ohne jede Unterstützungsinfrastruktur.
Der entscheidende Unterschied lag jedoch nicht in den Zahlen, sondern in der Bevölkerung. Partisanenbewegungen können nur dort bestehen, wo die Zivilbevölkerung sie unterstützt, versorgt, versteckt und deckt. Die sowjetischen Partisanen kämpften gegen eine Besatzung, die ihr Land verwüstete und ihre Menschen ermordete. Die französische Résistance kämpfte für die Befreiung ihres Landes. Die Bevölkerung hatte in beiden Fällen ein existentielles Interesse am Erfolg der Partisanen. Im Deutschland des Frühjahrs 1945 war die Situation grundlegend anders. Die Alliierten kamen nicht als Unterdrücker, sondern als Befreier von einem Regime, das das eigene Land in die Katastrophe geführt hatte. Die meisten Deutschen empfanden die Besatzung bei allen Härten und Demütigungen als das Ende eines Albtraums und nicht als seinen Beginn.

In dieser Lage gab es schlicht keine Basis für eine Volksguerilla. Der Werwolf war ein Partisan ohne Volk, ein Fisch ohne Wasser, um Mao Zedongs berühmtes Bild zu verwenden, und er war deshalb zum Scheitern verurteilt, noch bevor er begonnen hatte. Die militärische Wirkung des Werwolf war, wie wir gesehen haben, äußerst begrenzt. Doch seine politische und psychologische Wirkung war eine vollkommen andere Geschichte. Und um das zu verstehen, müssen wir den Blick wechseln und die Ereignisse aus der Perspektive der alliierten Befehlshaber betrachten.
Für die Militärplaner in London, Washington und Moskau war die Frage, ob der Werwolf eine reale Bedrohung darstellte, im Frühjahr 1945 keineswegs so leicht zu beantworten, wie es aus heutiger Sicht erscheinen mag. Die Alliierten hatten im Verlauf des Krieges erlebt, wozu fanatisierte Kämpfer in der Lage waren. Die japanischen Kamikaze-Angriffe im Pazifik, der verbissene Widerstand der Wehrmacht in Italien und der Normandie, die Bereitschaft deutscher Soldaten, selbst in aussichtslosen Lagen bis zur letzten Patrone zu kämpfen – all das hatte einen tiefen Eindruck hinterlassen. Die Vorstellung, dass nach der Kapitulation hunderttausende fanatischer Nationalsozialisten in den Untergrund gehen und einen jahrelangen Guerillakrieg führen könnten, war in den Planungsstäben der Alliierten ein ernsthaft diskutiertes Szenario.
General Dwight D. Eisenhower, der Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Europa, nahm die Werwolf-Drohung ernst genug, um sie in seine operativen Planungen einzubeziehen. Bereits im März 1945 gab sein Hauptquartier, das Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force, Richtlinien heraus, die den Umgang mit möglichem Guerillawiderstand regelten. Diese Richtlinien sahen drastische Maßnahmen vor: strenge Ausgangssperren, das Verbot jeglichen Waffenbesitzes durch die Zivilbevölkerung, die kollektive Bestrafung ganzer Gemeinden im Fall von Anschlägen auf alliierte Soldaten und die sofortige Verhaftung aller Personen, die unter die sogenannten Automatic Arrest-Kategorien fielen.
Diese Kategorien umfassten sämtliche Angehörige der SS, des Sicherheitsdienstes, der Gestapo, alle NSDAP-Funktionäre ab dem Rang eines Ortsgruppenleiters sowie alle Offiziere der Wehrmacht ab dem Rang eines Obersten. Insgesamt wurden in den ersten Monaten nach der Kapitulation in den westlichen Besatzungszonen über 300.000 Personen auf Grundlage dieser Kategorien festgenommen und in Internierungslager gebracht. Die Frage, in welchem Maß diese Maßnahmen eine direkte Reaktion auf den Werwolf darstellten, ist unter Historikern Gegenstand anhaltender Diskussion. Sicher ist, dass die Werwolf-Propaganda die Alliierten dazu veranlasste, die Besetzung Deutschlands von Anfang an als feindliche Machtübernahme in potentiell feindseligem Territorium zu behandeln und nicht als Befreiung einer unterdrückten Bevölkerung.
Die berühmte Direktive JCS 1067, die von den amerikanischen Joint Chiefs of Staff im April 1945 als Leitlinie für die Besatzungspolitik herausgegeben wurde, trug deutlich die Handschrift dieser Bedrohungswahrnehmung. Sie legte fest, dass Deutschland nicht als befreites Land behandelt werden sollte, sondern als besiegte feindliche Nation. Fraternisierung mit der deutschen Bevölkerung war ausdrücklich verboten. Die wirtschaftliche Erholung sollte auf das absolute Minimum beschränkt werden, das zur Verhinderung von Seuchen und Hungersnöten notwendig war. Diese Härte hatte viele Ursachen, darunter die Schockwirkung der Konzentrationslager, die die Alliierten beim Vormarsch entdeckt hatten. Doch die Angst vor einem organisierten nationalsozialistischen Untergrund spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Besonders deutlich wird diese Dynamik im Kontext der sogenannten Alpenfestung, eines weiteren Phantoms der letzten Kriegsmonate. Die alliierte Aufklärung hatte im Frühjahr 1945 Berichte erhalten, wonach die nationalsozialistische Führung plante, sich in eine befestigte Stellung in den bayerischen und österreichischen Alpen zurückzuziehen und von dort aus einen langfristigen Guerillakrieg zu führen. Die Alpenfestung, im Englischen als National Redoubt bezeichnet, war in Wirklichkeit kaum mehr als eine Idee, die nie über erste Planungsansätze hinauskam. Es gab weder die Infrastruktur noch die Truppen noch die Vorräte für eine solche Operation. Doch die Kombination aus den Werwolf-Drohungen und den Berichten über die Alpenfestung beeinflusste Eisenhowers strategische Entscheidungen in den letzten Kriegswochen erheblich.
Die Tatsache, dass die Amerikaner im April 1945 ihren Vormarsch nach Süden in Richtung Bayern und Österreich verstärkten, anstatt direkt auf Berlin vorzurücken, wird von mehreren Historikern zumindest teilweise auf die Angst vor der Alpenfestung und dem Werwolf zurückgeführt, mit weitreichenden geopolitischen Konsequenzen, denn die Einnahme Berlins blieb damit der Roten Armee überlassen. Die Sowjetunion reagierte auf die Werwolf-Bedrohung mit noch größerer Härte als die Westalliierten. In der sowjetischen Besatzungszone wurden nicht nur ehemalige NS-Funktionäre, sondern breite Teile der Bevölkerung unter Generalverdacht gestellt. Die NKWD-Speziallager, von denen zwischen 1945 und 1949 zwölf auf deutschem Boden betrieben wurden, internierten nach verschiedenen Schätzungen zwischen 140.000 und 170.000 Menschen, darunter tatsächliche NS-Täter, aber auch Jugendliche, die aufgrund vager Werwolf-Verdächtigungen inhaftiert wurden.
In Sachsenhausen und Buchenwald, den ehemaligen Konzentrationslagern der Nationalsozialisten, wurden nun von der sowjetischen Besatzungsmacht erneut Häftlinge eingesperrt. Schätzungsweise 42.000 Menschen starben in diesen Lagern an Hunger, Krankheit und Misshandlung. Die Werwolf-Bedrohung diente dabei als eine von mehreren Rechtfertigungen für ein System der Masseninternierung, das in seiner Praxis oft wenig mit gezielter Terrorismusbekämpfung zu tun hatte. Was geschah mit den Menschen, die den Werwolf geführt, geplant und aufgebaut hatten? Hans Adolf Prützmann, der von Himmler eingesetzte Generalinspekteur für Spezialabwehr, wie sein offizieller Titel lautete, wurde am 21. Mai 1945 von britischen Truppen in der Nähe von Flensburg festgenommen.
Er wurde in das Internierungslager in Lüneburg gebracht, wo auch Heinrich Himmler inhaftiert war, der sich am 23. Mai mit einer Zyankali-Kapsel das Leben nahm. Prützmann folgte ihm vier Tage später, am 31. Mai 1945, und nahm sich ebenfalls mit Gift das Leben, ohne jemals von den Alliierten verhört worden zu sein. Damit ging das Wissen über die tatsächliche Struktur, den Umfang und die konkreten Planungen des Werwolf zu einem erheblichen Teil verloren. Andere führende Figuren des Projekts überlebten und wurden in den Nürnberger Folgeprozessen oder in Entnazifizierungsverfahren verurteilt, häufig jedoch wegen anderer Verbrechen als ihrer Beteiligung am Werwolf.
Die langfristigen politischen Auswirkungen des Werwolf-Phänomens reichten weit über die unmittelbare Nachkriegszeit hinaus. In der internen Debatte der amerikanischen Regierung über die künftige Deutschlandpolitik standen sich im Wesentlichen zwei Positionen gegenüber. Auf der einen Seite stand der Plan des Finanzministers Henry Morgenthau, der eine weitgehende Deindustrialisierung Deutschlands und seine Umwandlung in einen Agrarstaat vorsah, ein Konzept, das unter dem Eindruck der nationalsozialistischen Verbrechen und der Furcht vor einem erneuten deutschen Militarismus entstanden war. Auf der anderen Seite standen Stimmen im Außenministerium und im Militär, die argumentierten, dass ein wirtschaftlich am Boden liegendes Deutschland zur Brutstätte für genau jenen extremistischen Untergrund werden würde, den man verhindern wollte.
Die Erfahrung, dass der Werwolf letztlich gescheitert war, weil die Bevölkerung ihn nicht unterstützte, lieferte ein Argument für diejenigen, die eine konstruktivere Besatzungspolitik befürworteten. Wenn man der deutschen Bevölkerung eine wirtschaftliche Perspektive bot, so das Argument, würde sie keinen Anlass haben, sich radikalen Untergrundorganisationen anzuschließen. Dieser Gedanke floss in den Kurswechsel ein, der schließlich vom Morgenthau-Plan weg und hin zum Marshallplan führte, dem umfassenden wirtschaftlichen Wiederaufbauprogramm, das ab 1948 Europa und insbesondere Westdeutschland stabilisierte.
Was bleibt vom Werwolf? Die Bilanz ist eindeutig und paradox zugleich. Als militärische Organisation war der Werwolf ein vollständiges Scheitern. Er verfügte nie über die Ressourcen, die Ausbildung, die Führungsstruktur oder die Unterstützung in der Bevölkerung, die notwendig gewesen

