KASSEL – Es gibt Männer, die nach Hause zurückgekehrt sind und nie wieder über das gesprochen haben, was ihnen widerfahren ist. Nicht aus Scham, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil die Worte dafür einfach nicht existierten, zumindest nicht in einer Sprache, die jemand zu Hause hätte verstehen können. Ernst Hübner war einer dieser Männer.
Geboren am 13. März 1920 in Kassel, wuchs er als zweites von vier Kindern in einer Drei-Zimmer-Wohnung auf. Sein Vater war Schlosser, seine Mutter nähte Hemden für ein kleines Konfektionsgeschäft in der Innenstadt. Ernst teilte sein Bett mit seinem jüngeren Bruder Friedrich und träumte davon, eines Tages Lehrer zu werden. Deutsch und Geschichte, das waren seine Fächer.
Stattdessen wurde er Soldat. Im Herbst 1941 wurde Ernst Hübner zur Wehrmacht eingezogen. Er hatte keine Wahl. Niemand hatte eine Wahl. Er packte einen kleinen Lederkoffer, küsste seine Mutter auf die Wange, schüttelte seinem Vater die Hand. Der alte Mann weinte, sagte aber nichts. Dann fuhr Ernst mit dem Zug nach Osten.
Was folgte, dauerte fast sieben Jahre. Nicht die Kämpfe waren das Schlimmste, sagte Ernst Hübner später einmal zu seinem Sohn. Das Schlimmste war das Warten danach. Das Warten in der Erde, das Warten im Schnee, das Warten hinter Stacheldraht, das Warten auf einen Brief, der nie ankam, das Warten auf einen Tod, der sich Zeit ließ.
Dieses Dokument erzählt seine Geschichte nicht als Heldenepos, nicht als politische Abrechnung, sondern so, wie es war: kalt, langsam und fast ohne Ausweg. Ernst Hübner kam im Winter 1942 an die Ostfront, genauer gesagt in die Nähe von Stalingrad. Zu diesem Zeitpunkt war die sechste Armee bereits seit Wochen im Kessel eingeschlossen.
Der Begriff Kessel klingt technisch, fast neutral. Er beschreibt eine militärische Lage: eingekesselt, abgeschnitten, ohne Nachschub. Was er nicht beschreibt, ist der Geruch. Der Geruch von gefrorenen Leichen, von verbranntem Gummi, von Männern, die seit Tagen nichts gegessen hatten und trotzdem kämpften oder zumindest so taten, als ob.
Ernst gehörte zur 115. Infanteriedivision. Er war Funker. Sein Job war es, Verbindung zur Außenwelt zu halten, aber die Verbindung zur Außenwelt war längst zusammengebrochen. Die Sender waren veraltet, die Batterien leer, und selbst wenn eine Verbindung zustande kam, hörte man meistens nur Rauschen.
In seinen späteren Aufzeichnungen, einem kleinen Notizbuch mit abgegriffenen Deckeln, schrieb Ernst Hübner über jene Wochen in knappen, nüchternen Sätzen. Er schrieb nicht über Heldenmut, er schrieb über Hunger. 23 Mann in einem Keller, zwei Brote für zwei Tage. Niemand sprach mehr viel. Wir warteten. Worauf, wussten wir nicht mehr genau.
Die Stimmung unter den Soldaten, das ist ein Punkt, über den in vielen Berichten kaum gesprochen wird. Man stellt sich Krieg oft entweder als Chaos oder als Heldentum vor. Die Wirklichkeit war etwas anderes. Die Wirklichkeit war Monotonie, unterbrochen von plötzlichem absolutem Schrecken.
Ernst beschrieb es so: In den ersten Wochen an der Front gab es noch so etwas wie Zusammenhalt. Männer redeten miteinander, tauschten Fotos aus, erzählten Witze. Einer aus seiner Einheit, ein Bäcker aus Würzburg namens Theo, sang jeden Abend ein kurzes Lied. Irgendwann hörte er auf, nicht weil jemand ihn darum gebeten hatte, sondern weil die Kraft dafür fehlte.
Der Hunger zermürbte die Menschen auf eine Art, die schwer zu beschreiben ist. Es war nicht nur körperlich, er fraß sich in die Gedanken, in die Stimmung, in die Beziehungen zwischen den Männern. Kleine Dinge, die vorher niemanden gestört hätten, ein schiefer Blick, ein Stück Brot zu viel genommen, eine Aussage falsch verstanden, führten zu heftigen Auseinandersetzungen.
Männer, die vorher gute Kameraden gewesen waren, sprachen plötzlich nicht mehr miteinander. Ernst schrieb: Man merkt, was ein Mensch wirklich ist, wenn er drei Wochen nichts gegessen hat. Am 30. Januar 1943 hörte Ernst Hübner die Nachricht, die alles veränderte. Nicht über den Funk, der funktionierte schon lange nicht mehr.
Er hörte sie von einem Offizier, der in den Keller kam, in dem Ernst Einheit lag. Der Offizier sagte wenig. Er sagte, dass Feldmarschall Paulus kapituliert habe, dass der Widerstand im Nordkessel weitergehe, aber dass für sie, für diese Einheit, der Krieg vorbei sei. Der Raum blieb still.
Ernst schrieb später: Ich wartete darauf, dass jemand etwas sagt, irgendetwas, aber niemand sagte etwas. Wir saßen einfach da. Erleichterung vielleicht bei einigen, bei anderen eher eine Art Taubheit. Das Gehirn, das wochenlang auf Überleben geschaltet war, wusste nicht, wie es auf das Ende reagieren sollte.
Und dann, fast sofort, kam die nächste Frage, die Frage, die alle dachten, aber zuerst niemand laut aussprach. Was passiert jetzt mit uns? Die Antwort kam schnell. Sowjetische Soldaten traten in den Keller. Junge Männer, die genauso erschöpft wirkten wie die Deutschen. Es gab keine Brutalität in diesem ersten Moment, keine Schläge, kein Schreien.
Es gab einen Befehl, auf Russisch, den niemand verstand, und dann eine Geste. Hände hoch, raus, marschieren. Ernst Hübner verließ den Keller. Draußen war es minus 30 Grad. Der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, Stiefel, die längst keinen Halt mehr hatten, in die er Zeitungspapier gestopft hatte, um die Kälte zu dämmen.
Er sah hunderte, vielleicht tausende Männer, die sich in einer langen, schweigenden Kolonne über die Steppe bewegten. Er dachte: Wir dachten, es ist vorbei. Es hatte gerade erst begonnen. Der Marsch begann ohne Ankündigung und ohne Erklärung. Niemand sagte den Männern, wohin sie gingen. Niemand sagte ihnen, wie weit es war.
Niemand sagte ihnen, ob sie ankommen würden. Sie marschierten einfach in Kolonnen, bewacht von sowjetischen Soldaten, die selbst kaum besser gekleidet waren als die Gefangenen. Links und rechts die endlose weiße Steppe. Kein Baum, kein Haus, kein Horizont, der sich je zu verändern schien.
Ernst Hübner lief in der Mitte seiner Gruppe. Er konzentrierte sich auf die Schritte des Mannes vor ihm, nicht auf die Kälte, nicht auf den Hunger, nur auf die Schritte. Links, rechts, links, rechts. Das war alles, was zählte. Theo, der Bäcker aus Würzburg, war nicht mehr da. Ernst wusste nicht, was mit ihm passiert war.
Irgendwo in den letzten Tagen im Keller hatte er aufgehört, sich zu bewegen. Mehr wusste Ernst nicht. Er fragte nicht nach. Die ersten Tage des Marsches kosteten mehr Menschenleben als viele Gefechte. Männer, die bereits durch Wochen im Kessel geschwächt waren, brachen zusammen. Wer stürzte und nicht mehr aufstand, blieb liegen.
Die Kolonne machte keine Pausen dafür. Die Wachmannschaft hatte keine Befehle, auf einzelne zu warten. In einigen Fällen halfen Kameraden einen gestürzten Mann wieder auf die Beine zu bringen, stützten ihn, trugen ihn ein Stück weit. In anderen Fällen schaffte man es einfach nicht. Die eigene Kraft reichte nicht mehr aus.
Ernst schrieb: Ich sah Männer fallen wie Säcke. Man gewöhnte sich daran. Das ist das schrecklichste, was ich über mich selbst sagen kann. Man gewöhnte sich daran. Verpflegung auf dem Marsch war minimal. Gelegentlich gab es eine dünne Suppe, Wasser mit ein paar Kohlstücken, manchmal einem Stück Getreide am Boden.
Brot wurde manchmal verteilt, manchmal nicht. Das Wasser tranken viele direkt aus dem Schnee, den sie im Gehen auflasen. Medizinische Versorgung existierte nicht. Wer krank war, marschierte krank. Wer Erfrierungen hatte, marschierte mit Erfrierungen. Ernst hatte an beiden Füßen Erfrierungen zweiten Grades. Er merkte es erst, als er eines Morgens seine Stiefel auszog.
Er zog die Stiefel wieder an, stand auf und marschierte weiter. Nach ungefähr zwei Wochen, Ernst verlor irgendwann das genaue Gefühl für Zeit, erreichte die Kolonne eine Bahnstation. Kleine graue Gebäude, Gleise, bedeckt mit Schnee, und Viehwaggons, geschlossene Holzwaggons, in die Männer hineingepfercht wurden.
Wie viele in einen Waggon kamen, ließ sich kaum zählen. Man stand, presste sich gegenseitig die Körper entgegen und versuchte, Wärme aus dem einzigen zu schöpfen, was noch Wärme spendete: anderen Menschen. Die Türen wurden geschlossen, es wurde dunkel. Ernst beschrieb diesen Moment als einen der seltsamsten seiner gesamten Gefangenschaft.
In der Dunkelheit, eingepresst zwischen dutzenden Männern, war es plötzlich relativ warm, und für einen kurzen, absurden Moment hatte er das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Nicht, weil er es wirklich war, sondern weil die unmittelbare Bedrohung der Kälte verschwunden war. Dann begann der Zug zu fahren. Wohin, wusste niemand.
Die Fahrt dauerte mehrere Tage, vielleicht sieben, vielleicht zehn. Ernst wusste es nicht mehr. Die Waggons hatten kein Licht, keine Toiletten, nur einen Eimer in der Ecke, der bald überlief. Verpflegung wurde einmal täglich durch einen Schlitz in der Tür gereicht. Ein Stück Brot, manchmal etwas Salzfisch, manchmal nichts. Wasser gab es selten.
Mehrere Männer starben während der Fahrt. Ihr Tod wurde erst bemerkt, wenn der Körper kalt wurde, kälter als die anderen. In dem engen Raum war es unmöglich, die Toten von den Lebenden zu trennen. Man stand neben ihnen, lehnte gegen sie, wartete, dass die Türen irgendwann aufgingen. Als sie aufgingen, war das Licht fast schmerzhaft.
Ernst trat hinaus in eine Landschaft, die er nicht kannte. Weite Felder, Kiefernwälder in der Ferne, Kälte, die anders war als in Stalingrad, feuchter, schwerer, und ein Lager, das sich am Horizont abzeichnete. Holzbaracken, umgeben von doppeltem Stacheldraht, Wachtürme an den Ecken. Das war Lager Nummer 7, irgendwo in der russischen Steppe.
Den genauen Ort kannte Ernst nicht. Er erfuhr ihn erst Jahrzehnte später. Das erste, was im Lager geschah, war die Registrierung. Jeder Mann wurde erfasst: Name, Dienstgrad, Einheit, Geburtsjahr. Ein sowjetischer Soldat, der ein wenig Deutsch sprach, stellte die Fragen. Ernst antwortete ruhig und vollständig. Er dachte, Kooperation sei der sicherste Weg.
Später lernte er, dass es keinen sicheren Weg gab. Es gab nur mehr und weniger gefährliche Wege. Nach der Registrierung wurden die Männer auf Baracken verteilt. Ernsts Baracke war ein langer, niedriger Holzbau. Drinnen: Holzpritschen in zwei Etagen, übereinander, dicht an dicht. Kein Stroh, keine Matratzen, nur nacktes Holz.
In der Mitte der Baracke stand ein eiserner Ofen, zu klein, um den Raum wirklich zu wärmen, aber groß genug, um das Einfrieren zu verhindern. Meistens. Ernst fand einen Platz in der oberen Etage nahe dem Ofen. Ein Glücksfall. Die Plätze nahe dem Ofen waren begehrt. Nicht alle konnten sie bekommen.
Das Lagerleben folgte einer strengen Routine. Nicht weil die sowjetische Lagerleitung besonders organisiert gewesen wäre, das war sie nicht, sondern weil Routine das einzige war, was dem Tag noch eine Struktur gab. Ohne Struktur verlor man sich, und wer sich verlor, überlebte meistens nicht lange. Jeden Morgen um 5 Uhr wecken.
Dann Appell draußen bei jedem Wetter, oft eine Stunde lang. Die Männer standen in Reihen, wurden gezählt, manchmal mehrfach, weil die Zahlen nicht stimmten. Wer während des Appells zusammenbrach, wurde beiseite gelegt. Ob er danach medizinische Hilfe bekam, hing davon ab, wer gerade Dienst hatte. Nach dem Appell: Arbeit.
Das Lager hatte keinen festen Zweck im industriellen Sinne. Die Arbeit wechselte. Manchmal war es Holzfällen im nahegelegenen Wald. Schwere körperliche Arbeit für Männer, die bereits am Rand ihrer körperlichen Belastbarkeit waren. Manchmal war es der Bau neuer Baracken innerhalb des Lagers selbst. Manchmal wurden Gruppen in nahe gelegene Städte oder Dörfer gebracht, um bei Aufräumarbeiten zu helfen.
Ernst arbeitete in der Holzfällkolonne. Er war körperlich geschwächt, aber noch stark genug, um eine Axt zu halten. Das reichte. Das Tagessoll war festgelegt. Jeder Mann musste eine bestimmte Menge Holz einschlagen. Wer das Soll nicht erfüllte, bekam die volle Verpflegungsration nicht. Wer das Soll erfüllte, bekam sie, doch auch dann war sie kaum ausreichend.
Die Verpflegung im Lager bestand hauptsächlich aus Wassersuppe, auf Russisch nannte man sie Balanda, und einem täglichen Brotanteil von 300 bis 400 Gramm, je nach Arbeitsleistung. Gelegentlich gab es etwas Getreide oder eine kleine Menge Fisch. Gemüse war selten. Fleisch kam so gut wie nicht vor. Ernst berechnete später, dass die Tageskalorienmenge, die er im Lager erhielt, bei ungefähr 800 bis 1000 Kalorien lag.
Ein erwachsener Mann, der schwere körperliche Arbeit leistet, benötigt das zwei- bis dreifache davon. Die Krankheiten kamen schnell. Dysenterie war das größte unmittelbare Problem. Sie verbreitete sich durch das Lager wie ein Feuer und ließ geschwächte Männer innerhalb von Tagen sterben. Ernsts Baracke verlor in den ersten drei Monaten sieben Männer allein durch Dysenterie.
Er selbst erkrankte zweimal. Beide Male überlebte er durch eine Mischung aus körperlicher Zähigkeit und reinem Glück. Tuberkulose war das zweite große Problem. Sie arbeitete langsamer, aber genauso gründlich. Männer husteten Blut, nahmen ab, wurden schwächer und verschwanden irgendwann in dem, was das Lager als Lazarett bezeichnete.
Eine separate Baracke, etwas wärmer als die anderen, aber kaum besser ausgestattet. Wer ins Lazarett eingewiesen wurde, kam selten zurück. Ernst mied das Lazarett mit einer fast manischen Entschlossenheit. Er war überzeugt, ob zu Recht oder nicht, lässt sich schwer sagen, dass der Einzug ins Lazarett gleichbedeutend mit dem Ende war.
Also verbarg er Symptome, wenn er konnte, arbeitete weiter, wenn er kaum stehen konnte, trank heißes Wasser aus dem Ofen, wenn seine Lunge schmerzte, und überredete sich selbst, dass es reichte. Die Beziehungen zwischen den Männern im Lager waren komplex. Es gab Solidarität, echte selbstlose Solidarität. Männer, die ihren Brotanteil mit Schwächeren teilten.
Männer, die für kranke Kameraden die Arbeit übernahmen, um zu verhindern, dass deren Verpflegungsration gestrichen wurde. Männer, die nachts die Körperwärme anderer nutzten, um einen Sterbenden noch einige Stunden länger am Leben zu halten. Und es gab das Gegenteil davon. Hunger und Erschöpfung taten mit Menschen, was sie immer tun: Sie legten offen, was vorher verborgen war.
Manche Männer stahlen den Brotanteil eines Kameraden, eine Jacke, Schuhe von einem Toten. Es gab Konflikte, manchmal gewalttätige. Es gab Männer, die zu Denunzianten der Lagerverwaltung wurden, in der Hoffnung, durch Kooperation Vorteile zu erlangen. Ernst schrieb darüber ohne Verurteilung. Er schrieb: Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich noch schwächer gewesen wäre.

Ich möchte denken, dass ich anständig geblieben wäre. Aber ich weiß es nicht. Das psychologische Überleben war eine eigene Aufgabe, getrennt vom Körperlichen. Die Ungewissheit war das Schwerste. Niemand wusste, wie lange die Gefangenschaft dauern würde. Niemand wusste, ob der Krieg noch lief, ob Deutschland noch existierte, ob ihre Familien lebten.
Informationen kamen ins Lager, aber sie kamen verzerrt, bruchstückhaft, durch Gerüchte, durch zufällig aufgeschnappte Worte der Wachsoldaten, durch andere Gefangene, die aus anderen Lagern verlegt worden waren. Im Frühjahr 1945 drang die Nachricht ins Lager: Der Krieg in Europa sei vorbei. Deutschland habe bedingungslos kapituliert.
Ernst erinnerte sich an diesen Moment genau. Er stand auf dem Appellplatz, als ein Mitgefangener die Nachricht flüsterte. Kein Jubel, kein Weinen, nur eine seltsame, schwere Stille. Und dann die Frage, dieselbe wie am Ende von Stalingrad: Was passiert jetzt mit uns? Dieselbe Frage, immer noch keine Antwort, denn die sowjetische Regierung hatte keine Eile, die deutschen Kriegsgefangenen freizulassen.
Im Gegenteil, mit dem Ende des Krieges wurden die Gefangenen zu einem wirtschaftlichen Faktor. Billige Arbeitskraft für den Wiederaufbau eines Landes, das der Krieg zerstört hatte. Die Freilassung wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Ernst würde noch drei weitere Jahre im Lager verbringen. In dieser Zeit, den Jahren nach Kriegsende, veränderte sich etwas im Lager.
Es war kaum zu beschreiben. Es war keine Verbesserung und keine Verschlechterung. Es war eher eine Art Verdichtung der Realität. Die Männer, die überlebt hatten, hatten eine eigentümliche Routine entwickelt. Sie funktionierte. Sie hielt sie am Leben, aber sie kostete etwas, eine Art innere Flexibilität, eine Fähigkeit, sich die Zukunft vorzustellen.
Ernst schrieb: Irgendwann hörte man auf, sich vorzustellen, nach Hause zu kommen. Nicht weil man die Hoffnung aufgegeben hatte, sondern weil die Vorstellung zu schmerzhaft war. Man lebte nur noch im Heute. Das heute war: aufstehen, Appell, Arbeit, Suppe, schlafen, wieder aufstehen. Einen Wendepunkt in Ernsts innerer Geschichte gab es trotzdem.
Im zweiten Jahr nach Kriegsende, er schätzte es auf 1946, wurde er in eine neue Arbeitsgruppe eingeteilt. Diese Gruppe arbeitete in einem Fabrikgebäude in der nächsten Stadt. Sie räumten Schutt, schleppten Materialien, reparierten Böden. Es war harte Arbeit, aber sie führte Ernst aus dem Lager heraus für kurze Stunden täglich in eine Welt, die nicht vollständig aus Stacheldraht und Holzpritschen bestand.
Und dort, in diesem halb zerstörten Fabrikgebäude, traf er Nikolai. Nikolai war ein sowjetischer Zivilarbeiter, etwa 50 Jahre alt, mit einem grauen Schnurrbart und ruhigen Augen. Er sprach kein Deutsch. Ernst sprach kein Russisch. Aber Nikolai brachte manchmal Brot mit, richtiges Brot, schwarz und dicht, und teilte es mit den deutschen Gefangenen, die in seiner Nähe arbeiteten.
Nicht heimlich, ganz offen. Ernst fragte sich damals, warum. Später verstand er: Nikolai hatte selbst im Krieg verloren, seinen Sohn vermutlich, vielleicht auch seine Frau. Die Geste war keine politische Aussage, sie war nur menschlich. Ernst schrieb: Er gab mir Brot, und ich gab ihm nichts zurück, aber er fragte auch nicht danach.
Die Gesundheit der Gefangenen blieb dauerhaft das zentrale Problem. Im Lager gab es inzwischen einen sowjetischen Arzt. Ein junger Mann, der nach Ernsts Einschätzung selbst kaum Erfahrung hatte, aber zumindest versuchte, seine Aufgabe ernst zu nehmen. Er behandelte die schwerwiegendsten Fälle. Medikamente waren knapp. Verbandsmaterial war rationiert. Chirurgische Eingriffe wurden ohne ausreichende Betäubung durchgeführt.
Ernst bekam in jenem Jahr eine Infektion an der rechten Hand, wahrscheinlich durch einen Splitter beim Holzfällen. Die Infektion breitete sich aus. Der Arzt behandelte sie mit heißen Umschlägen und einer kleinen Menge Jod. Ernst behielt die Hand, aber drei seiner Finger blieben dauerhaft beeinträchtigt: steif, schlecht durchblutet, bei Kälte schmerzhaft.
Bis zum Ende seines Lebens konnte er mit der rechten Hand nicht richtig schreiben. Sein Notizbuch führte er danach mit links. Die letzten Monate der Gefangenschaft, Ernst ahnte nicht, dass sie die letzten waren, verliefen in einer eigenartigen Schwebe. Gerüchte über eine bevorstehende Entlassung kursierten seit Monaten, aber niemand glaubte ihnen noch wirklich.
Man hatte gelernt, Gerüchte zu filtern, ihnen kein Gewicht zu geben, um sich nicht auf einen Boden zu stellen, der sich immer wieder als leer herausstellte. Und dann, ohne Vorwarnung und ohne große Zeremonie, kam der Morgen, an dem es wirklich geschah. Es war ein Dienstagmorgen im Spätsommer 1948. Ernst Hübner stand auf dem Appellplatz wie jeden Morgen.
Die Luft war noch kühl, aber nicht mehr kalt auf diese bestimmte Art, die er gelernt hatte zu fürchten. Der Lagerkommandant, ein Mann mittleren Alters, den Ernst in all den Jahren nie hatte sprechen hören, nur brüllen, trat vor die Reihen und verlas eine Liste mit Namen. Ernst verstand genug Russisch inzwischen, um zu begreifen, was diese Liste bedeutete.
Er hörte seinen eigenen Namen. Er machte keinen Schritt nach vorne. Nicht sofort. Er brauchte einen Moment, um sicherzustellen, dass er ihn wirklich gehört hatte, dass er ihn nicht halluziniert hatte, was er in schlechten Nächten gelegentlich tat, wenn Erschöpfung und Hunger zusammenfielen und die Grenze zwischen Einbildung und Wirklichkeit weich wurde.
Er hatte ihn wirklich gehört. Er trat vor. Was dann folgte, war in seiner Nüchternheit fast unwirklich. Die Männer auf der Liste wurden in eine separate Baracke gebracht. Dort bekamen sie neue, nicht neue im eigentlichen Sinne, sondern weniger zerschlissene Kleidung ausgeteilt. Dann ein Dokument, das auf Russisch und Deutsch bescheinigte, dass der Unterzeichner in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gewesen und nunmehr entlassen sei.
Keine Erklärung, warum jetzt und nicht früher. Keine Entschuldigung, keine Erläuterung, kein Wort darüber, was man ihnen genommen hatte. Ein Wachsoldat führte die Gruppe zum Bahnhof, dieselbe Strecke, die Ernst einst in die entgegengesetzte Richtung gegangen war, aber diesmal ohne Gewehr im Rücken. Er saß im Zug und schaute aus dem Fenster.
Kiefernwälder, flache Felder, kleine Dörfer mit Holzhäusern, Frauen, die Wäsche aufhängten, Kinder, die zwischen Zäunen spielten, das normale Leben, das Leben, das überall stattgefunden hatte, während er dahinter Stacheldraht verschwunden war. Er schrieb nichts an diesem Tag. Das Notizbuch blieb zu. Die Reise zurück nach Deutschland dauerte mehrere Wochen, mit Zwischenhalten, Wartezeiten, Lagern auf deutschem Boden, die von westlichen Behörden betrieben wurden.
Ernst wurde registriert, befragt, medizinisch untersucht. Der Arzt, der ihn untersuchte, sagte wenig, notierte aber ausführlich. Ernst wog damals 57 Kilogramm. Sein Normalgewicht vor dem Krieg hatte bei 75 Kilogramm gelegen. Die Finger der rechten Hand wurden untersucht. Der Arzt schüttelte den Kopf, sagte: Man werde sehen. Man sah. Es blieb, wie es war.
In einem Durchgangslager in Bayern traf Ernst Hübner zum ersten Mal seit Jahren andere Rückkehrer, die denselben Weg gemacht hatten. Männer aus verschiedenen Lagern, verschiedenen Einheiten, verschiedenen Regionen Deutschlands. Man sprach miteinander, aber seltsam zurückhaltend. Nicht weil man einander misstraute, sondern weil jeder spürte, dass das, was man erlebt hatte, nicht einfach in Worte zu fassen war.
Zumindest nicht in einem kurzen Gespräch zwischen Fremden, die beide noch nicht wussten, was sie mit sich selbst anfangen sollten. Ernst schrieb später: Wir erkannten einander sofort, nicht an der Kleidung oder an den Verletzungen, sondern an den Augen. Es gab einen bestimmten Blick. Wer ihn hatte, wusste, wer ihn auch hatte.
Im September 1948 betrat Ernst Hübner zum ersten Mal seit fast sieben Jahren den Bahnhof in Kassel. Er war 28 Jahre alt, er sah älter aus. Seine Mutter wartete auf dem Bahnsteig. Sein Vater war im Jahr 1946 gestorben. Herzversagen, hatte ihm jemand im Durchgangslager geschrieben, in einem Brief, der ihn erst Monate nach dem Tod seines Vaters erreicht hatte und in dem die Tinte an einer Stelle verwischt war, als ob Wasser darauf gefallen wäre.
Seine Mutter erkannte ihn nicht sofort, das schrieb er selbst auf, ohne Kommentar, ohne Erläuterung, nur als Tatsache. Sie erkannte ihn nicht sofort, dann erkannte sie ihn. Sie sagte nichts. Sie legte die Arme um ihn, und er ließ es zu. Er stand dort auf dem Bahnsteig von Kassel und ließ es zu. Weinen konnte er nicht, nicht damals, nicht an diesem Tag.
Das käme später, schrieb er, und es käme unerwartet, zu falschen Zeiten, in falschen Momenten, und würde ihn jedes Mal überraschen. Die ersten Wochen zu Hause waren in vielerlei Hinsicht schwieriger als erwartet. Die Stadt war nicht mehr dieselbe. Kassel war im Krieg schwer bombardiert worden. Ganze Straßenzüge, die Ernst aus seiner Kindheit kannte, existierten nicht mehr.
Das Konfektionsgeschäft, in dem seine Mutter früher gearbeitet hatte, war eine Ruine. Die Schule, auf die er gegangen war, stand noch, aber sie sah verändert aus, kleiner irgendwie, als ob die Erinnerung sie in den Jahren seiner Abwesenheit vergrößert hätte. Aber nicht nur die Stadt hatte sich verändert. Ernst hatte sich verändert, und die Menschen, die ihn kannten, merkten das.
Sie sagten es nicht, aber sie merkten es. Er schlief schlecht. Er schlief auf der Seite mit dem Gesicht zur Wand, so wie er es im Lager getan hatte, aus dem schlichten Grund, dass man so weniger Wind abbekam. Eine Gewohnheit, die er jahrelang nicht ablegen konnte. Er stand früh auf, oft vor dem Morgengrauen, saß in der Küche seiner Mutter und trank Kaffee, echten deutschen Kaffee, der ihm nach den Jahren des Lagertees fast zu intensiv vorkam, und sagte nichts.
Seine Mutter fragte ihn manchmal, wie es gewesen war. Er antwortete immer dasselbe: Schwer, aber ich bin zurückgekommen. Mehr sagte er ihr nicht. Das Schweigen der Heimkehrer war kein Einzelphänomen. Es war kollektiv, weit verbreitet, und es hatte Gründe. Manche Männer schwiegen, weil sie das Erlebte nicht in Sprache übersetzen konnten.
Nicht weil sie keine Worte fanden, sondern weil sie spürten, dass die Worte, die sie hätten benutzen müssen, beim Zuhörer nichts auslösen würden, was der Wirklichkeit auch nur annähernd entsprochen hätte. Manche schwiegen, um ihre Familien zu schützen. Manche schwiegen, weil sie fürchteten, nicht geglaubt zu werden. Manche schwiegen, weil das Sprechen die Bilder zurückbrachte.
Und die Bilder zurückzubringen bedeutete, sie erneut zu durchleben. Ernst gehörte zu allen vier Gruppen gleichzeitig. Für die deutsche Gesellschaft der frühen Nachkriegsjahre war das Thema Kriegsgefangenschaft präsent und gleichzeitig seltsam randständig. Es gab Millionen Heimkehrer. Über drei Millionen Deutsche waren in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gewesen. Mehr als eine Million von ihnen kehrte nicht zurück.
Aber die Gesellschaft war mit ihrem eigenen Überleben beschäftigt, mit dem Wiederaufbau, mit der Frage, wie man weitermacht, wenn alles in Trümmern liegt. Für die Heimkehrer bedeutete das: Sie kamen zurück in eine Welt, die weitergemacht hatte. Eine Welt, die keine Zeit gehabt hatte zu warten, und in die sie sich nun einfügen mussten, mit ihren Nächten, ihren Schweigemomenten, ihren steifen Fingern und ihren Blicken, die manchmal irgendwo hingen, wo die anderen nichts sahen.
Ernst fand Arbeit. Zunächst als Hilfsarbeiter auf einer Baustelle, der Wiederaufbau brauchte Hände, und er hatte zumindest noch eine brauchbare. Später arbeitete er sich vor: Bürotätigkeiten, Verwaltung, schließlich eine Stelle bei einer kleinen Behörde. Den Traum, Lehrer zu werden, hatte er nicht wiederbelebt. Er sagte, der Moment dafür sei vorbei. Ob er wirklich so dachte oder ob er sich selbst damit schonte, lässt sich nicht sagen.
Er heiratete im Jahr 1952. Seine Frau hieß Margret, war Schneiderin und war eine Frau, die nach allem, was man über sie weiß, eine sehr bestimmte Art hatte: ruhig, geduldig und mit einer Fähigkeit ausgestattet, Dinge zu akzeptieren, ohne sie zu erzwingen. Sie fragte Ernst nicht aus. Sie wartete. Sie warteten beide.
Das Notizbuch, das Ernst Hübner durch die Gefangenschaft getragen hatte, lag jahrelang in einer Schublade, nicht versteckt, einfach weggelegt, wie man einen Gegenstand weglegt, den man noch nicht entsorgen will, aber auch nicht sehen möchte. Seine Tochter Elke, geboren 1955, fand das Notizbuch als Teenager zufällig. Sie las die ersten paar Seiten und legte es wieder zurück.
Nicht weil es sie nicht interessierte, sondern weil sie spürte, dass da etwas war, das ihr Vater nicht laut ausgesprochen hatte, und dass sie diese Entscheidung respektieren sollte. Erst als Ernst Hübner Ende sechzig war, begann er selbst über das Notizbuch zu sprechen, zunächst mit Margret, dann mit seinen Kindern, und irgendwann in einem langen Gespräch an einem Winternachmittag mit seinem Sohn Peter, der den Mut aufgebracht hatte, konkrete Fragen zu stellen.
Was war das Schwerste, Vater? Ernst schwieg lange. Dann sagte er: Das Schwerste war nicht der Hunger und nicht die Kälte. Das Schwerste war nicht zu wissen. Nicht zu wissen, ob es aufhört. Nicht zu wissen, ob ihr lebt. Nicht zu wissen, wer ich noch bin, wenn es vorbei ist. Peter fragte: Und wer warst du danach? Ernst antwortete: Jemand anderes. Aber ich habe mich daran gewöhnt.
Was Ernst Hübner nie vollständig überwand, war die Körperlichkeit der Erinnerung. Nicht die Gedanken. Die konnte man mit den Jahren in gewisse Schubladen legen, ihnen bestimmte Zeiten zuweisen, sie regulieren. Aber der Körper vergisst nicht. Bei starker Kälte zogen sich seine Hände zusammen, und er wurde unruhig auf eine Weise, die er nicht erklären konnte.
Wenn er zu wenig aß, an Tagen, an denen die Arbeit ihn absorbiert hatte, geriet er in einen Zustand, den Margret als das Fernwerden bezeichnete. Ernst war körperlich anwesend, aber irgendwo nicht mehr ganz da. Er aß bis ins hohe Alter nie Essen weg, nicht einmal einen Rest Brot, nicht einmal die letzte Scheibe auf dem Teller, die der Höflichkeit halber oft stehen bleibt.
Er aß sie immer. Immer. Und er hortete Brot. Nicht exzessiv, aber in seiner Schreibtischschublade lag immer ein Stück Brot, eingewickelt in ein Stück Papier. Margret wusste davon. Sie sagte nichts. Sie ersetzte es diskret, wenn es altbacken wurde. In seinen letzten Lebensjahren sprach Ernst Hübner mehrmals mit einer lokalen Gedenkstätte, die Zeitzeugenberichte sammelte.
Er gab drei längere Interviews. Ruhig, präzise, ohne Dramatisierung. Am Ende des letzten Interviews stellte ihm die Interviewerin eine Frage, die sie sonst nicht gestellt hätte, die ihr aber wichtig erschien: Haben Sie den sowjetischen Soldaten und dem System, das sie eingesperrt hat, vergeben? Ernst Hübner dachte lange nach. Dann sagte er: Vergeben ist ein großes Wort.
Ich habe aufgehört, Hass zu tragen. Das ist nicht dasselbe. Hass ist schwer. Ich war zu müde für Hass, und ich wollte nicht, dass er mehr von meinem Leben nimmt, als er schon genommen hatte. Er pausierte kurz, dann fügte er hinzu: Nikolai hat mir Brot gegeben. Das habe ich nicht vergessen. Beides gleichzeitig zu halten. Das ist das, was vom Leben übrig bleibt.
Ernst Hübner starb im Februar 2003 in Kassel in seinem eigenen Bett, mit 82 Jahren. In seiner Schreibtischschubl


