Beim Umzug in die kleinere Wohnung nahm meine Tochter die alte Nähmaschine meines Lebens in die Hand und sagte: „Mama, das Ding kommt weg, das ist nur Ballast. Und ehrlich gesagt nähst du sowieso nichts Vernünftiges mehr. “ Sie stellte sie in den Container. Ich habe sie in derselben Nacht wieder herausgeholt, allein, mit zweiundsiebzig Jahren, um halb elf abends.

Und als ich sie am nächsten Tag auseinandernahm, um sie zu reinigen, fand ich unter der Bodenplatte einen Stapel Briefe, den mein Mann dort achtzehn Jahre lang versteckt hatte. Mein Name ist Christa Arens. Ich lebe in Wismar, nicht weit vom Hafen. Detlef, mein Mann, hat vierzig Jahre lang als Rohrschlosser auf der Werft gearbeitet.
Er starb vor zwei Jahren an einem Herzinfarkt. Wir waren neunundvierzig Jahre verheiratet, und die Nähmaschine, um die es in dieser Geschichte geht, ist älter als unsere Ehe. Sie hat meiner Mutter gehört, eine schwarze Singer mit Fußantrieb in einem Holzgestell aus den fünfziger Jahren. An dieser Maschine habe ich mein ganzes Leben genäht.
In der DDR war das keine Marotte, das war Notwendigkeit. Es gab vieles nicht zu kaufen, und was es gab, war teuer. Ich habe jahrelang die Kleidung meiner Kinder genäht, Vorhänge, Bettwäsche, Kostüme für die Schule. Und nach der Wende habe ich weitergemacht, weil ich es konnte und weil es mir Freude machte.
Ich habe für die halbe Nachbarschaft Sachen geändert, Hosen gekürzt, Reißverschlüsse eingesetzt, Brautkleider angepasst. Ich sage das nicht, um mich zu loben. Ich sage es, damit Sie verstehen, was diese Maschine ist. Sie ist kein Möbelstück.
Sie ist mein halbes Leben. Wir haben zwei Kinder. Bettina ist achtundvierzig, sie ist Verwaltungsangestellte hier in Wismar, und Uwe ist vierundvierzig, er ist Techniker und lebt in Rostock. Bettina war schon als Kind praktisch veranlagt.
Sie hat Ordnung geliebt, sie hat immer alles sortiert und weggeräumt. Als Erwachsene ist daraus etwas geworden, das schwerer auszuhalten ist. Sie räumt gern auf. Auch bei anderen.
Auch wenn man sie nicht darum bittet. Nach Detlefs Tod wurde die Wohnung zu groß und zu teuer für mich allein. Drei Zimmer, zweite Etage, ohne Aufzug, und meine Knie werden nicht besser. Es war meine eigene Entscheidung umzuziehen, das möchte ich betonen.
Niemand hat mich gedrängt. Ich habe eine kleine Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss gefunden, nicht weit weg, mit einem kleinen Garten davor. Und Bettina hat angeboten, den Umzug zu organisieren. Der Umzug war an einem Wochenende im Mai.
Bettina hatte alles geplant: einen Transporter, zwei Helfer, einen Container für alles, was weg sollte. Und sie hatte, das habe ich erst später verstanden, schon vorher entschieden, was weg sollte. Ich saß in der Küche und packte Geschirr ein, weil ich es langsam machte und weil sie sagte, ich solle mich nicht überanstrengen. Im Nebenzimmer haben sie und die beiden Helfer die Möbel sortiert.
Irgendwann hörte ich sie sagen: „Das nicht, das nicht, das kommt weg. “
Ich kam ins Zimmer, als zwei Männer die Nähmaschine anhoben. Ich sagte: „Halt, die kommt mit. “ Und Bettina sagte, ohne aufzusehen, mit dieser Selbstverständlichkeit, die sie hat: „Mama, das Ding wiegt vierzig Kilo und hat in der neuen Wohnung keinen Platz.
Das ist nur Ballast, und ehrlich gesagt nähst du sowieso nichts Vernünftiges mehr. “
Nichts Vernünftiges mehr. Im Jahr davor hatte ich der Nachbarstochter das Brautkleid geändert. Ich nähe jeden Monat etwas.
Aber für Bettina ist das kein Nähen. Das ist Beschäftigungstherapie für eine alte Frau. Ich habe noch einmal gesagt, die Maschine kommt mit. Und sie hat gesagt: „Mama, wir haben heute keine Zeit für Diskussionen.
Wir sprechen später darüber. “ Dann haben sie die Maschine hinausgetragen und in den Container gestellt. Ich habe an diesem Nachmittag nichts weiter gesagt. Es waren fremde Leute im Haus, meine Tochter war unter Druck, und ich wollte keine Szene machen.
Das ist meine Art, und ich weiß bis heute nicht, ob das gut oder schlecht ist. Aber am Abend, als alle weg waren und ich in der neuen Wohnung zwischen Kartons saß, bin ich noch einmal zurückgefahren. Ich habe vorher zwei Stunden dagesessen und mit mir gerungen. Ich habe mir gesagt: Sei nicht albern, Christa.
Es ist eine Maschine. Du bist zweiundsiebzig, du hast heute genug geschleppt. Und dann habe ich an meine Mutter gedacht. Sie hat mir diese Maschine gegeben, als ich heiratete, 1976.
Sie sagte: „Damit du nie von jemandem abhängig sein musst, wenn was zu machen ist. “ Und ich habe gedacht: Wenn ich sie heute in diesem Container liegen lasse, dann lasse ich noch etwas anderes darin liegen. Es war halb elf. Ich habe ein Taxi genommen.
Der Container stand noch vor dem alten Haus. Die Maschine lag oben auf einem Haufen alter Sachen, mit dem Gestell nach oben. Jemand hatte einen Sack Bauschutt darübergekippt. Ich habe eine halbe Stunde gebraucht, um sie herauszubekommen.
Ich bin auf einen Stapel Bretter gestiegen, habe gezogen und geschoben, und ich hatte am nächsten Tag blaue Flecken an beiden Armen. Einmal bin ich abgerutscht und habe mir das Schienbein aufgeschlagen. Ich sage Ihnen ehrlich, das war keine kluge Aktion für eine Frau in meinem Alter. Wenn ich unglücklich gestürzt wäre, hätte ich um halb elf abends allein in einem Container gelegen.
Aber ich habe in diesem Moment nicht nachgedacht. Ich war wütend, und die Wut hat gehalten, was die Kraft nicht mehr hergab. Ein Nachbar, Herr Wollmann, hat mich vom Fenster aus gesehen und ist heruntergekommen. Er hat nichts gefragt.
Er hat nur gesagt: „Das ist doch Ihre Nähmaschine, Frau Arens. “ Er hat sie mir aus dem Container gehoben, allein, obwohl er selbst schon über siebzig ist. Wir haben beide gestanden und geschnauft. Dann sagte er: „Meine Frau hat immer gesagt, an der Maschine wird bei Ihnen halb Wismar zusammengehalten.
“ Wir haben sie in seinen Kofferraum gelegt, und er hat sie mir in die neue Wohnung gefahren. Ich habe an diesem Abend in meiner neuen Küche gesessen, mit einer verdreckten Nähmaschine mitten im Raum, und habe geweint, vor Erschöpfung und vor Wut. Und ich habe zu ihr gesagt, laut, weil ja niemand da war: „So, jetzt sind wir beide hier. “
Am nächsten Tag habe ich angefangen, sie zu reinigen.
Sie war voller Staub und Bauschutt aus dem Container. Das Holzgestell hatte einen Kratzer. Ich habe alles auseinandergenommen, soweit ich es konnte, um sie richtig sauber zu bekommen. Und dabei habe ich die Bodenplatte in dem kleinen Fach unter der Maschine gelöst.
Diese Fächer kennen Sie vielleicht. In den alten Gestellen ist unter dem Klappdeckel ein flacher Kasten für Garn und Nadeln und Zubehör. Der Boden dieses Kastens war lose. Ich dachte, das ist vom Container, aber er war nicht kaputt.
Er war so gearbeitet, dass man ihn herausnehmen kann, und darunter war ein Zwischenraum von vielleicht zwei Zentimetern. Und in diesem Zwischenraum lag ein Stapel Briefumschläge, mit einem Gummiband zusammengehalten. Ich habe zuerst gedacht, das sind alte Schnittmuster. So flach lagen sie da.
Dann habe ich das Gummiband abgestreift, und es zerfiel mir zwischen den Fingern, so alt war es. Es waren achtzehn Umschläge, für jedes Jahr einer, und in jedem lagen zwei Dinge. Das erste war eine jährliche Standmitteilung einer Versicherung über einen Vertrag, der auf meinen Namen lief. Ich habe die erste gelesen und nicht verstanden.
Ich hatte nie eine Versicherung abgeschlossen. Detlef hat solche Dinge gemacht, und wir hatten, dachte ich, nur das Nötigste. Wir hatten nie Geld übrig. Wir haben nach der Wende zwei magere Jahrzehnte gehabt, mit Kurzarbeit und der Angst, dass die Werft dichtmacht.
Ich habe alle achtzehn nebeneinandergelegt, nach Jahren sortiert, auf meinem Küchentisch. Der Tisch war zu klein, ich musste sie auf zwei Reihen legen. Und dann sah ich es. Es war eine private Rentenversicherung, abgeschlossen 2006 auf den Namen Christa Arens.
Versicherungsnehmer und Beitragszahler: Detlef Arens. Achtzehn Jahre lang, jeden Monat, hatte mein Mann einen Beitrag eingezahlt. Nicht viel, fünfundachtzig Euro im Monat, aber achtzehn Jahre lang, ohne eine einzige Unterbrechung. Fünfundachtzig Euro im Monat sind bei uns damals kein Taschengeld gewesen.
Das war ein Wocheneinkauf. Ich habe in diesen Jahren Hosen geflickt statt neue gekauft, und Detlef hat kein Wort gesagt. Die Auszahlung war fällig geworden zu meinem zweiundsiebzigsten Geburtstag, der im März gewesen war, zwei Monate vor dem Umzug. Das zweite in jedem Umschlag war ein Zettel.
Detlefs Handschrift, ein oder zwei Sätze, jedes Jahr einer. Ich lese Ihnen ein paar vor. 2006: „Heute abgeschlossen. Christa würde sagen, das können wir uns nicht leisten.
Deshalb sage ich nichts. 85 Euro gehen irgendwie. “
2009: „Kurzarbeit auf der Werft. Es wird eng.
Beitrag trotzdem bezahlt. Beim Rauchen spare ich es ein. Hab sowieso aufgehört. “
Ich habe bei diesem Zettel aufhören müssen zu lesen.
Detlef hat 2009 mit dem Rauchen aufgehört, nach vierzig Jahren. Ich habe mich damals so gefreut. Ich habe gedacht, er tut es für seine Gesundheit, weil ich ihn jahrelang darum gebeten hatte. Er hat es getan, um die Versicherungsbeiträge bezahlen zu können.
2013: „Christa hat heute wieder für die Nachbarn genäht und kein Geld genommen. Sie sagt, dafür nimmt man nichts. So ist sie. Deshalb liegt das hier.
“
2017: „Beim Arzt gewesen. Das Herz macht Sorgen. Wenn was ist, soll sie das haben und niemand sonst. “
2020: „14 Jahre geschafft, noch vier.
Sie hat keine Ahnung. Das ist das Beste daran. “
Und der letzte, aus dem Jahr, in dem er starb: „18 Jahre durchgezogen. Wird ausgezahlt zu ihrem 72.
Ich hoffe, ich erlebe es und kann ihr Gesicht sehen. Wenn nicht, findet sie es hier. Sie ist die einzige, die in dieses Fach guckt. “
Mein Mann hat die wichtigsten Papiere unseres Lebens in meiner Nähmaschine versteckt, weil er sicher war, dass niemand außer mir jemals dort hineinsehen würde.
Und unsere Tochter hat diese Nähmaschine in einen Container geworfen. Ich habe am nächsten Tag bei der Versicherung angerufen. Die Sachbearbeiterin war sehr freundlich. Sie sagte, der Vertrag sei fällig, die Auszahlung sei bereits im März angewiesen worden, auf das im Vertrag hinterlegte Konto.
Ich fragte: „Auf welches Konto? “ Und sie nannte mir eine Kontonummer, die ich nicht kannte. Detlef hatte, als er den Vertrag abschloss, ein separates Konto angegeben, das er extra dafür eröffnet hatte, damit ich die Beiträge auf unseren gemeinsamen Auszügen nicht sehe. Dieses Konto lief auf seinen Namen.
Nach seinem Tod war ich alleinige Erbin, also gehörte es mir, aber ich wusste nichts davon. Die Auszahlung war im März dorthin geflossen. Ich bin zur Bank gegangen, mit dem Erbschein und den Unterlagen, und habe das Konto auf mich umschreiben lassen. Das Geld war noch da, vollständig.
Und jetzt kommt der Teil, in dem ich Ihnen erzählen muss, was ich beim Prüfen der Unterlagen sonst noch herausgefunden habe. Denn als ich einmal angefangen hatte, in die Papiere zu sehen, habe ich weitergemacht. Zum ersten Mal seit Detlefs Tod habe ich alles durchgesehen, systematisch, so wie er es getan hätte. Und ich stieß auf etwas, das mit dem Umzug zusammenhing.
Bettina hatte bei diesem Umzug nicht nur die Nähmaschine entsorgt. Sie hatte auch verkauft, über eine Verkaufsplattform im Internet, in den Wochen um den Umzug herum: Detlefs Werkzeugschrank mit dem gesamten Werkzeug, zwei alte Truhen, die aus meinem Elternhaus stammten, eine Standuhr und einen Schrank, den mein Vater gebaut hatte. Ich hatte das alles nicht bewusst weggegeben. Sie hatte mir beim Umzug gesagt, für diese Dinge sei in der neuen Wohnung kein Platz, und ich hatte genickt, weil ich zwischen Kartons saß und erschöpft war und dachte, sie kommen erst mal in den Keller.
Sie waren nicht im Keller. Und ich habe von diesem Verkauf keinen Cent gesehen. Ich habe sie darauf angesprochen, am Telefon. Ganz ruhig.
Ich hatte mir vorher aufgeschrieben, was ich sagen will, weil ich wusste, dass ich sonst nachgebe. Das mache ich immer. Meine Tochter redet schneller als ich, und am Ende habe ich mich schon oft für etwas entschuldigt, das sie getan hat. Ich las vor, was auf meinem Zettel stand: der Werkzeugschrank, die zwei Truhen, die Standuhr, der Schrank meines Vaters, und die Frage, wo diese Dinge sind.
Sie hat es zuerst nicht bestritten, sondern kleingeredet. Sie sagte, das sei doch alles altes Zeug gewesen, sie habe mir Arbeit abgenommen, und was sie bekommen habe, sei kaum der Rede wert gewesen. Ein paar hundert Euro. Und die seien für den Transporter und die Helfer draufgegangen.
Ich habe gefragt, ob sie mir die Anzeigen zeigen kann. Da wurde sie unangenehm. Sie sagte, ich solle ihr nicht unterstellen, dass sie ihre Mutter bestiehlt. Sie habe drei Wochenenden für diesen Umzug geopfert, sie habe sich Urlaub genommen, und das sei jetzt also der Dank.
Ich sagte, ich unterstelle gar nichts, ich frage nur nach den Anzeigen. Sie sagte, die habe sie längst gelöscht. Ich sagte: „Bettina, der Schrank war von meinem Vater. Den hat er mit der Hand gebaut, als er aus der Gefangenschaft zurückkam.
Weißt du das? “ Und sie sagte: „Mama, es war ein Schrank. Er hat gewackelt und war voller Holzwurm. “
Und dann sagte sie den Satz, an dem für mich etwas zerbrochen ist.
Sie sagte: „Mama, du hättest das doch sowieso alles verrotten lassen. Ich habe wenigstens was draus gemacht. “
Ich habe aufgelegt. Ich saß danach lange in der Küche, und das Merkwürdige war: Ich war nicht wütend.
Ich war ruhig. Denn ich hatte in diesem Gespräch endlich verstanden, wie meine Tochter die Welt sieht. Für Bettina sind Dinge nur das, was sie kosten. Ein Schrank, der wackelt, ist ein kaputter Schrank.
Eine Nähmaschine, an der eine alte Frau sitzt, ist vierzig Kilo Ballast. Und eine Mutter, die an solchen Sachen hängt, ist eine sentimentale Last, der man das Denken abnimmt. Sie hat mich nicht bestohlen, weil sie böse ist. Sie hat mich bestohlen, weil sie überhaupt nicht auf die Idee kam, dass mir jemand etwas wegnimmt.
Ich möchte jetzt erzählen, was ich getan habe, und ich möchte, dass Sie es nicht als Rache verstehen. Ich habe lange darüber nachgedacht, und ich glaube, es war etwas anderes. Ich bin zu einer Anwältin gegangen, Frau Dr. Krause, hier in Wismar.
Ich habe alles gezeigt: die Versicherung, die Zettel und die Sache mit den verkauften Möbeln. Sie hat gesagt: „Frau Arens, bei der Versicherung ist die Sache klar. Das Geld gehört Ihnen. Das haben Sie ja geregelt.
Bei den Möbeln ist es rechtlich einfach. Ihre Tochter hat fremdes Eigentum verkauft, ohne dazu befugt zu sein. Sie hat den Erlös herauszugeben, und wenn sie den Erlös nicht belegen kann, schuldet sie den Wert. “
Ich fragte, ob ich sie deshalb verklagen müsse.
Sie sagte: „In den meisten Fällen reicht ein anwaltliches Schreiben. Die wenigsten lassen es auf ein Verfahren ankommen, wenn die Sache so eindeutig ist. “
Wir haben ein Schreiben geschickt, höflich, sachlich, mit einer Frist. Bettina hat innerhalb von zehn Tagen gezahlt, 2800 Euro.
So viel hatte sie also für das alte Zeug bekommen. Sie hat einen Brief dazu gelegt, handschriftlich, drei Seiten, in dem sie mir vorwarf, dass ich sie wie eine Kriminelle behandle, nachdem sie sich um alles gekümmert habe. Ich habe darauf nicht geantwortet. Und ich habe mein Testament geändert.
Nicht so, wie Sie vielleicht denken. Ich habe Bettina nicht enterbt. Sie bekommt, was ihr zusteht. Aber ich habe etwas hineingeschrieben, das mir wichtiger war.
Ich habe verfügt, dass bestimmte Gegenstände namentlich zugeteilt werden. Die Nähmaschine geht an Uwes Tochter, meine Enkelin Lena, die neunzehn ist und im letzten Jahr angefangen hat, bei mir Nähen zu lernen. Und daneben steht in meinem Testament ein Satz, den mir Frau Dr. Krause so aufgesetzt hat, wie ich ihn wollte: „Diese Maschine ist kein Ballast.
Sie enthielt jahrelang die Vorsorge meines Mannes für mich. “ Ich will, dass das dort steht, für später, damit es irgendwann jemand liest. Das ist jetzt vierzehn Monate her. Die Nähmaschine steht in meiner neuen Wohnung am Fenster, wo das beste Licht ist.
Sie ist gereinigt, und sie läuft besser als vorher. Denn das war das zweite, was ich in den Papieren gefunden habe. Detlef hat sie jedes Jahr warten lassen, bei einem Mechaniker in Grevesmühlen. Es lagen achtzehn Quittungen dabei.
Er hat sie immer dann hingebracht, wenn ich zu meiner Schwester gefahren bin. Ich habe achtundvierzig Jahre lang geglaubt, ich hätte einfach eine gute Maschine. Ich hatte einen Mann, der sie heimlich warten ließ. Von dem Geld habe ich die neue Wohnung eingerichtet, richtig, mit allem, was ich brauche.
Ich habe eine gute Matratze gekauft, zum ersten Mal in meinem Leben. Und ich habe Uwe und Lena zu einer Reise nach Kopenhagen eingeladen, wohin ich immer wollte und nie war. Der Rest liegt und wartet für den Fall, dass ich einmal Pflege brauche, so wie Detlef es gedacht hat. Bettina und ich reden wieder, seit vier Monaten, vorsichtig, oberflächlich, über das Wetter und die Enkel.
Sie hat sich nie entschuldigt, und ich glaube inzwischen, sie versteht bis heute nicht, wofür sie sich entschuldigen sollte. In ihrer Welt hat sie einer alten Frau geholfen, ballastlos zu werden. Ich möchte Ihnen etwas mitgeben. Wenn jemand Ihnen beim Aufräumen hilft, dann ist das etwas Gutes.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen Helfen und Entscheiden. Lassen Sie sich nicht abnehmen, was weggeworfen wird. Auch nicht von den eigenen Kindern. Auch nicht, wenn Sie müde sind und zwischen Kartons sitzen und alles zu viel ist.
Sagen Sie: Ich entscheide, was bleibt. Und wenn ich mich dabei irre, dann ist das mein Irrtum. Und noch etwas ganz Praktisches. Es gibt in fast jedem Haushalt einen Gegenstand, in dem jemand etwas versteckt hat: eine Nähmaschine, eine Werkzeugkiste, ein Nähkorb, ein Buch, das immer im Regal stand.
Bevor Sie etwas weggeben, das ein Mensch fünfzig Jahre lang benutzt hat, machen Sie es auf, klopfen Sie den Boden ab, sehen Sie unter die Platte. Es ist kein Zufall, dass mein Mann seine Papiere in meiner Nähmaschine versteckt hat und nicht in seinem Schrank. Er wusste, welchen Gegenstand in diesem Haushalt niemand anfassen wird außer mir. Er hat nur nicht damit gerechnet, dass es jemanden gibt, der ihn nicht anfasst, sondern gleich wegwirft.
Am Mittwochnachmittag kommt Lena. Sie ist neunzehn und will Modedesign studieren, und sie sagt, an einer alten Singer lernt man das Nähen richtig. Wir sitzen dann zu zweit am Fenster mit dem guten Licht, und ich zeige ihr, wie man einen Reißverschluss einsetzt, so wie meine Mutter es mir gezeigt hat. Neulich hat sie gefragt, warum die Bodenplatte in dem kleinen Fach lose ist.
Ich habe gesagt: „Das erzähle ich dir, wenn du älter bist. Und dann zeige ich dir auch, wo du bei deinen eigenen Sachen mal nachsehen solltest. “ Sie hat gelacht und weitergenäht.


