Das GRAUSAMSTE Lager, das heute NIEMAND mehr sieht! – Stalag 310 Wietzendorf

Das GRAUSAMSTE Lager, das heute NIEMAND mehr sieht! - Stalag 310 Wietzendorf

Die Wiese liegt still unter dem grauen Himmel Niedersachsens. Der Wind streicht über die Gräser, und die Heide wirkt so friedlich, dass man meinen könnte, hier sei immer nur Frieden gewesen. Doch genau an dieser Stelle, zwischen Fallingbostel und Wietzendorf, hat sich eine der größten Tragödien des Zweiten Weltkriegs ereignet.

Was heute wie eine unberührte Landschaft wirkt, war einst das Stammlager 310, eines der grausamsten Kriegsgefangenenlager für sowjetische Soldaten in Norddeutschland. Nach Angaben von Historikern wurden hier etwa 50. 000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen gefangen gehalten, und rund 16.

000 von ihnen starben einen qualvollen Tod. Und dennoch, so zeigt es eine aktuelle Recherche vor Ort, erinnert heute fast nichts mehr an das Leid, das hier geschehen ist.

Zwischen Juli 1941 und dem Frühjahr 1942 starben die Gefangenen in Scharen. Sie mussten unter freiem Himmel kampieren, bei Wind und Wetter, ohne jeglichen Schutz. Offiziellen Aufzeichnungen zufolge war es den sowjetischen Kriegsgefangenen anfangs sogar verboten, sich einfache Unterkünfte zu bauen.

Viele von ihnen gruben sich mit bloßen Händen oder abgebrochenen Löffeln Erdlöcher in den sandigen Heideboden, um sich vor der Kälte zu schützen. Ein Überlebender berichtete später von provisorischen Erdhöhlen, die mit Ästen und Laub bedeckt wurden. Doch die sandigen Wände rutschten nachts nach, und viele Männer erstickten in diesen primitiven Gräbern, während sie schliefen.

In den Sterberegistern des Lagers finden sich dafür grausame Einträge wie „im Erdloch erstickt”.

Die Zustände waren derart unmenschlich, dass die Lagerleitung die Gefangenen anfangs als „überflüssige Esser” einstufte. Sie erhielten lediglich einen Teller Steckrübensuppe pro Tag, die eigentlich als Viehfutter galt. Dazu kam das sogenannte „Russenbrot”, das zur Hälfte aus Roggenschrot bestand, aber auch Sägespäne, Laub und Steckrübenschnitzel enthielt.

Dieses Brot wurde später wieder abgeschafft, weil es bei den Gefangenen tödliche Magenkrankheiten auslöste. Die Männer, die dem Hungertod nahe waren, pulten die Rinde von den wenigen Bäumen auf dem Gelände und aßen sie, um den quälenden Hunger zu lindern. Selbst dies wurde vom Wachpersonal bestraft, wenn es bemerkt wurde.

Die Lage spitzte sich im Winter 1941/42 dramatisch zu. In der Zeit von Juli 1941 bis einschließlich März 1942 starben nach Kriegsakten allein über 14. 300 Gefangene.

Die Leichen wurden in Massengräbern verscharrt, die noch heute ein stilles Zeugnis des Grauens ablegen. Als der Frühling kam, war das Lager übersät mit den Spuren des Sterbens. Diese Zahlen, die heute auf dem Kriegsgefangenenfriedhof dokumentiert sind, machen die Dimension des Verbrechens deutlich.

Bis zur Auflösung des Lagers 1943 stieg die Zahl der Todesopfer auf rund 16. 000. Die meisten der Opfer waren junge Männer, die in der Sowjetunion Familien zurückließen, die nie erfuhren, wo ihre Väter und Söhne begraben liegen.

Eine besonders makabre Episode aus der Zeit des Lagers zeigt, wie sehr die damalige Zivilbevölkerung in das Geschehen involviert war. Ein Schriftstück aus den Archiven belegt, dass der damalige Bürgermeister von Wietzendorf die Einwohner des Dorfes aufforderte, sich sonntags am Lagerzaun einzufinden. Die Bürger wurden ermutigt, sich die sterbenden Gefangenen wie in einem Freigehege anzuschauen.

Diese Aufforderung verstieß eklatant gegen die Genfer Konvention, insbesondere gegen Artikel 2, der die menschenwürdige Behandlung von Kriegsgefangenen vorschreibt. Die „Schaulustigen” konnten das Elend der Menschen beobachten, ohne dass sie eingreifen durften oder wollten. Dieser Akt der Entmenschlichung zeigt, wie tief die nationalsozialistische Ideologie auch in der ländlichen Bevölkerung verwurzelt war.

Erst im Laufe des Jahres 1942 änderte sich die Situation der Gefangenen langsam. Als die Wehrmacht immer mehr Verluste an der Front erlitt, erkannte man den Wert der sowjetischen Kriegsgefangenen als Arbeitskräfte. Viele von ihnen wurden in kleinere Arbeitskommandos verteilt, um in der Landwirtschaft oder in der Rüstungsproduktion zu arbeiten.

Dennoch blieb das Stammlager 310 Wietzendorf ein Ort des Todes. Die Überlebenden wurden später zum Teil in andere Lager verlegt. Ab Ende 1943 wurden die verbliebenen sowjetischen Gefangenen abtransportiert und das Gelände für italienische Offiziere umgenutzt, die hier als Kriegsgefangene interniert wurden.

Nach dem Krieg diente das Areal dann für eine kurze Zeit als Auffanglager für sogenannte Displaced Persons, also für befreite Zwangsarbeiter und Heimatvertriebene.

Doch was heute von diesem Ort des Grauens übrig ist, ist erschreckend wenig. Eine Begehung vor Ort zeigt: Auf dem weitläufigen Gelände, das heute landwirtschaftlich genutzt wird, ist kaum noch ein Relikt zu finden. Ein paar Backsteinreste, einige Scherben von Porzellan, das war es schon.

Es gibt keine Gedenktafel entlang des ehemaligen Lagerzauns, keinen Hinweis auf die 50. 000 Gefangenen, keinen deutet auf die Toten hin. Das Gelände ist zu weiten Teilen ein Maisfeld, dahinter erstreckt sich eine Wiese, auf der ein Bewässerungsschlauch gelagert ist.

Die Stille dieses Ortes ist geradezu erdrückend, wenn man um die historische Dimension weiß.

Einzig der etwa vier Kilometer entfernt gelegene Kriegsgefangenenfriedhof, der sich auf dem Gelände des heutigen Truppenübungsplatzes Bergen befindet, zeugt noch von der Tragödie. Dort stehen schlichte Holzkreuze und viele Tontafeln, auf denen die Namen und Sterbedaten der Toten eingraviert sind. Auffällig ist, dass sich zahlreiche Todesdaten auf den Winter 1941/42 konzentrieren, was die hohe Sterblichkeit in dieser Zeit bestätigt.

Ein großer Gedenkstein wurde auf dem Friedhof errichtet, um an die Opfer zu erinnern. Diese Gedenkstätte ist allerdings schwer zugänglich, da das Gelände noch immer militärisch genutzt wird. Für Besucher ist es daher oft nur eingeschränkt möglich, diesen Ort zu besuchen, was die Erinnerungskultur zusätzlich erschwert.

Die Frage, warum dieser Ort nicht angemessen gedacht wird, bleibt unbeantwortet. Bei einer Umrundung des ehemaligen Lagergeländes, die die gesamten etwa vier Kilometer langen Grenzen abging, wurde kein einziges Schild gefunden. Kein Hinweis, keine Informationstafel, keine Markierung.

Es scheint, als habe man das größte Lager für sowjetische Kriegsgefangene in Norddeutschland vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt. Dies stößt bei Historikern auf Unverständnis. Eine angemessene Gedenkkultur, so die Kritik, sei nur möglich, wenn die Orte des Geschehens auch benannt und zugänglich gemacht werden.

Das Fehlen jeglicher Informationen führt dazu, dass die Erinnerung an das Leid der Opfer langsam verblasst.

Die Landesregierung in Hannover wurde in der Vergangenheit mehrfach aufgefordert, sich für eine stärkere Kennzeichnung solcher Stätten einzusetzen. Bislang geschah jedoch wenig. Die historische Forschung hat die Zahl der Toten genau dokumentiert, die Lebensbedingungen detailliert beschrieben, aber die öffentliche Sichtbarkeit bleibt marginal.

Viele Anwohner der Region wissen zwar, dass es ein Lager gab, doch die genauen Umstände und die Dimension des Grauens sind nur wenigen bekannt. Es bleibt zu hoffen, dass die verstärkte Aufarbeitung der NS-Verbrechen auch dazu führt, dass dieser Ort der Vernichtung endlich aus der Anonymität heraustritt. Denn die Opfer des Stalag 310 verdienen mehr als eine Wiese im Nirgendwo.