Der Himmel über Kreta wurde am 20. Mai 1941 zur blutigsten Bühne des Zweiten Weltkriegs, als die einst unbesiegbaren Fallschirmjäger der Wehrmacht in eine tödliche Falle gerieten und ihre Existenz als Luftlandetruppe für immer besiegelt wurde. Was als kühne Vision begann, endete in einer Katastrophe, die die Grenzen des modernen Krieges aufzeigte und eine Eliteeinheit in den Abgrund riss.
Die Idee, Soldaten aus Flugzeugen abzusetzen, um den Feind zu überraschen, war nicht neu, aber niemand hatte sie zuvor so konsequent umgesetzt. Unter der Führung von General Kurt Student entstand eine völlig neuartige Waffengattung, die den konventionellen Kriegsgedanken auf den Kopf stellte. Student sah in den Fallschirmjägern nicht bloß eine Unterstützungstruppe, sondern ein strategisches Instrument, das feindliche Verteidigungslinien obsolet machen konnte. Warum sollte man sich durch befestigte Stellungen kämpfen, wenn man sie überfliegen und im Rücken des Feindes landen konnte?
Die Ausbildung war brutal und kompromisslos. Jeder Freiwillige musste zunächst eine harte Grundausbildung durchlaufen, bevor er überhaupt zum Sprungtraining zugelassen wurde. Lange Märsche mit schwerem Gepäck, Nahkampftraining, Schießübungen unter Stress und ständige Belastungsproben formten die Männer zu Soldaten, die in jeder Situation handlungsfähig bleiben sollten. Die Sprungausbildung fand in Stendal statt, wo die Männer zunächst das Abspringen von Türmen und Übungsgerüsten lernten, bevor sie in die Transportmaschinen stiegen. Sechs Sprünge waren erforderlich, um das begehrte Fallschirmschützenabzeichen zu erhalten. Wer Angst zeigte oder versagte, wurde sofort aussortiert.
Der Korpsgeist war legendär. Die Fallschirmjäger verstanden sich als Bruderschaft, trugen ihre eigenen Abzeichen, sangen ihre eigenen Lieder und pflegten ihre eigenen Traditionen. Diese Kameradschaft sollte sich in den härtesten Kämpfen bewähren. Der RZ-Fallschirm hatte eine Eigenheit, die sich später als problematisch erweisen sollte. Der Springer wurde beim Öffnen des Schirms nach vorne geworfen und landete in einer vorgebeugten Haltung, was eine sofortige Kampfbereitschaft nach der Landung schwierig machte. Zudem trugen die Fallschirmjäger beim Sprung nur eine Pistole und ein Messer. Ihre Hauptwaffen wurden in separaten Behältern abgeworfen, die sie nach der Landung erst finden mussten.
Diese Schwachstelle sollte sich später rächen. Doch in den ersten Einsätzen spielte sie kaum eine Rolle, denn der Überraschungseffekt war überwältigend. Der Feind hatte keine Zeit zu reagieren, bevor die Fallschirmjäger ihre Waffen hatten. Die Ausrüstung war speziell auf die einzigartige Kampfweise zugeschnitten. Der charakteristische Stahlhelm mit den abgeschrägten Seiten verhinderte ein Verfangen in den Fangleinen. Die Sprungstiefel mit hohem Schaft schützten die Knöchel bei harten Landungen. Die Springer verwendeten einen Zwangsauslösungsmechanismus, bei dem eine statische Leine, befestigt am Flugzeug, den Schirm automatisch beim Verlassen der Maschine öffnete. Dies war sicherer als manuelle Systeme, gab dem Springer aber wenig Kontrolle.
Die Ju 52 wurde zum Symbol der Luftlandetruppen. Robust und zuverlässig, aber auch langsam und verwundbar. Gegen entschlossene Flugabwehr hatten die Maschinen wenig Chancen. Ergänzt wurden die Fallschirmjäger durch Lastensegler, die schweres Gerät lautlos ans Ziel bringen konnten. Ohne Motorengeräusch glitten sie durch die Nacht und landeten oft unbemerkt inmitten feindlicher Stellungen. Der Westfeldzug im Frühjahr 1940 bot die erste große Bewährungsprobe. Die Festung Eben Emael an der belgischen Grenze galt als uneinnehmbar. Ihre schweren Geschütze kontrollierten die Brücken über den Albertkanal. Der Angriff kam nicht über den Boden.
In den frühen Morgenstunden landeten Lastensegler lautlos auf dem Dach der Festung. Die belgischen Verteidiger wurden vollkommen überrascht. Mit Hohlladungen sprengten die Angreifer die Geschütztürme und Beobachtungsstände. Innerhalb weniger Stunden war die stärkste Festung Belgiens neutralisiert. Gleichzeitig sicherten Fallschirmjäger die strategisch wichtigen Brücken. Der Vormarsch der Bodentruppen konnte ungehindert fortgesetzt werden. Der Feldzug im Westen war zu einem großen Teil entschieden, noch bevor die eigentlichen Schlachten begonnen hatten. Die Welt war schockiert. Eine Festung, die konventionellen Angriffen jahrelang hätte widerstehen können, war in Stunden gefallen.
General Student sah sich bestätigt. Seine Vision einer mobilen Luftlandetruppe hatte sich bewahrheitet. In den folgenden Monaten wurden die Fallschirmjäger bei weiteren Operationen eingesetzt. In Norwegen sprangen sie über Flughäfen ab. In den Niederlanden eroberten sie Brücken und Verkehrsknotenpunkte. Jeder Einsatz schien ihre Überlegenheit zu bestätigen, doch die Siege hatten einen Preis. Die Verluste waren höher, als die Propaganda zugab, und die Feinde lernten schnell. Die Überraschung, das wichtigste Element der Luftlandekampfführung, würde nicht ewig anhalten.
Im Frühjahr 1941 richteten sich alle Blicke auf das östliche Mittelmeer. Kreta lag strategisch günstig und bedrohte die Flanken im geplanten Russlandfeldzug. Die britische Präsenz dort musste beseitigt werden. General Student erhielt den Auftrag, die Insel im Handstreich zu nehmen. Es sollte die größte Luftlandeoperation der Geschichte werden. Über 17.000 Mann sollten Kreta erobern, ohne dass ein einziger Soldat vorher einen Fuß auf kretischen Boden gesetzt hätte. Die Operation trug den Codenamen Merkur. Sie begann am 20. Mai und sollte zur Katastrophe werden.
Die Briten wussten, dass ein Angriff bevorstand. Ihre Geheimdienste hatten Funksprüche entschlüsselt und kannten den ungefähren Zeitplan. Die Verteidiger, eine Mischung aus britischen, australischen, neuseeländischen und griechischen Truppen, waren vorbereitet. Sie hatten ihre Stellungen gut getarnt und Flugabwehrwaffen in Position gebracht. Als die ersten Transportmaschinen am Horizont erschienen, war die Überraschung dahin. Die Flugabwehr eröffnete das Feuer. Einige Ju 52 wurden getroffen und stürzten brennend ab. Als die ersten Fallschirmjäger aus dem Himmel kamen, erwartete sie ein Inferno.
Die Verteidiger eröffneten das Feuer, sobald die Männer in Reichweite waren. Hilflos an ihren Schirmen hängend, wurden sie zu leichten Zielen. Viele starben, bevor sie den Boden berührten. Die Überlebenden landeten oft weit verstreut und wussten nicht, wo ihre Waffenbehälter abgeworfen worden waren. Mit Pistolen und Messern mussten sie sich gegen einen gut bewaffneten Feind behaupten. Ganze Einheiten wurden ausgelöscht, noch bevor sie sich formieren konnten. Bei Maleme war die Situation besonders kritisch. Der Flughafen war von neuseeländischen Truppen verteidigt, die sich erbittert wehrten. Die Fallschirmjäger erlitten furchtbare Verluste.
Kompanien, die mit über 100 Mann abgesprungen waren, hatten nach wenigen Stunden nur noch eine Handvoll Überlebender. Das Sturmregiment unter Generalmajor Meindl wurde beim Absprung zerschlagen. Meindl selbst wurde schwer verwundet, sein Stellvertreter fiel. Die Offiziere starben einer nach dem anderen. Unteroffiziere übernahmen das Kommando über das, was von ihren Einheiten übrig war. Im Westen der Insel landeten Fallschirmjäger im Tal von Tavronitis. Hier war die Verteidigung schwächer, doch auch hier war der Preis hoch. Die Männer sammelten sich in kleinen Gruppen, suchten verzweifelt nach ihren Waffenbehältern, improvisierten.
Doch sie gaben nicht auf. In verzweifelten Nahkämpfen, Mann gegen Mann, eroberten sie Meter für Meter. Einige Einheiten zeigten einen Kampfgeist, der an Fanatismus grenzte. Sie griffen an, obwohl sie hoffnungslos unterlegen waren, und starben in Wellen. Der Wendepunkt kam, als die Neuseeländer den Flughafen von Maleme räumten. Die Gründe für diesen Rückzug sind bis heute umstritten. Erschöpfung, Kommunikationsprobleme und falsche Lageeinschätzungen spielten eine Rolle. Sobald der Flughafen unter Kontrolle war, begannen Transportflugzeuge mit Nachschub und Verstärkungen zu landen. Einige Maschinen wurden bei der Landung unter Feuer zerstört, doch genug kamen durch.

Das Blatt wendete sich. In den folgenden Tagen wurde die Insel Stück für Stück erobert. Die Briten evakuierten schließlich ihre Truppen und überließen Kreta dem Angreifer. Auf dem Papier war es ein Sieg, doch der Preis war verheerend. Über 4.000 Tote und Vermisste. Viele der erfahrensten Offiziere und Unteroffiziere waren gefallen. Ganze Bataillone existierten faktisch nicht mehr. Hitler war entsetzt über die Verluste. Er erklärte, dass die Zeit der Fallschirmjäger vorbei sei. Der Überraschungseffekt war verloren. Der Feind hatte gelernt, sich zu verteidigen. Große Luftlandeoperationen seien nicht mehr durchführbar.
Von diesem Moment an wurden die Fallschirmjäger nie wieder in ihrer eigentlichen Rolle eingesetzt. Die Elite, die den Himmel erobert hatte, wurde zur Infanterie degradiert. Obwohl ihre Tage als Luftlandetruppe gezählt waren, blieben die Fallschirmjäger eine der kampfstärksten Einheiten der Wehrmacht. Ihr Korpsgeist, ihre harte Ausbildung und ihr Zusammenhalt machten sie zu gefürchteten Gegnern. An der Ostfront kämpften sie in den Weiten Russlands bei Leningrad, bei Smolensk, bei Rschew. Im Winter froren sie in ihren Stellungen, im Sommer versanken sie im Schlamm. Die Bedingungen waren mörderisch, doch sie hielten stand.
In Nordafrika maßen sie sich mit britischen und amerikanischen Truppen. Bei El Alamein und in Tunesien kämpften Fallschirmjägereinheiten Seite an Seite mit dem Afrikakorps. Auch hier bewährten sie sich als zähe Verteidiger. Doch nirgendwo wurde ihr Ruf so zementiert wie in Italien. Monte Cassino wurde zum Symbol für ihre Zähigkeit. Die alliierte Offensive gegen die Gustav-Linie war ins Stocken geraten. Das Kloster auf dem Hügel beherrschte das gesamte Tal und blockierte den Vormarsch auf Rom. Die Alliierten entschieden sich für einen umstrittenen Schritt.
Im Februar 1944 bombardierten sie das historische Benediktinerkloster in Schutt und Asche. Sie glaubten, es werde als Festung genutzt. In Wahrheit hatten die Fallschirmjäger das Kloster gemieden, um das kulturelle Erbe zu schonen. Doch nach der Zerstörung änderte sich dies. Die Ruinen boten perfekte Verteidigungsstellungen. Die erste Fallschirmjägerdivision grub sich in die Trümmer ein und verwandelte Monte Cassino in eine Festung. Generalleutnant Richard Heidrich führte die Verteidigung. Seine Männer nutzten jeden Keller, jeden Mauerrest, jede Ruine. Sie legten Minenfelder an, bauten Stacheldrahthindernisse, richteten Maschinengewehrnester ein.
Das Gelände war so zerklüftet, dass Panzer nicht vorrücken konnten. Jeder Angriff musste zu Fuß erfolgen, bergauf, über offenes Gelände. Vier Monate lang hielten sie Stand. Angriff um Angriff brach in den Ruinen zusammen. Polnische, britische, amerikanische, französische und neuseeländische Truppen versuchten vergeblich, die Stellungen zu stürmen. Die Bedingungen waren kaum zu ertragen. Unter ständigem Artilleriebeschuss, ohne ausreichende Versorgung, in bitterer Kälte und später sengender Hitze, hielten die Männer aus. Verwundete konnten oft nicht abtransportiert werden. Die Männer lebten in Erdlöchern und Kellern, umgeben von Leichen.
Die Versorgung war ein Albtraum. Träger mussten nachts die steilen Hänge hinaufklettern, um Munition und Verpflegung zu bringen. Viele wurden dabei von Scharfschützen erschossen oder von Artillerie getroffen. Was oben ankam, war nie genug. Die Kämpfe waren von einer Brutalität, die selbst kriegsgewohnte Soldaten erschütterte. Oft lagen die Stellungen nur wenige Meter voneinander entfernt. Handgranaten flogen hin und her. Nahkämpfe mit Bajonett und Spaten waren keine Seltenheit. Die alliierten Soldaten nannten ihre Gegner die grünen Teufel. Es war ein Titel, der mit Stolz getragen wurde.
Ein britischer General sagte später, er habe nie hartnäckigere Verteidiger erlebt. Erst im Mai 1944, als die Alliierten die Gustav-Linie an anderer Stelle durchbrachen, zogen sich die Verteidiger geordnet zurück. Monte Cassino war gefallen, doch der Ruf als eine der härtesten Kampftruppen des Krieges war bestätigt. Die letzten Kriegsmonate brachten nur noch Rückzugsgefechte. Die Fallschirmjäger kämpften an allen Fronten, doch die Übermacht der Alliierten war erdrückend. In der Normandie versuchten sie, den Vormarsch aufzuhalten. Bei Carentan und in der Bocage-Landschaft lieferten sie sich erbitterte Kämpfe mit amerikanischen Luftlandetruppen.
Eine grausame Ironie: Fallschirmjäger gegen Fallschirmjäger, doch nur die Alliierten sprangen noch aus Flugzeugen. Das sechste Fallschirmjägerregiment verteidigte Carentan gegen die 101. US-Luftlandedivision. Tagelang hielten sie die Stadt, bis sie schließlich von Panzern überrollt wurden. Die Überlebenden zogen sich zurück und kämpften weiter in den Heckenlandschaften der Normandie. Die Ardennenoffensive im Dezember 1944 war der letzte große Versuch, das Blatt zu wenden. Fallschirmjäger wurden bei einem Kommandounternehmen eingesetzt. Unter Skorzeny sollten Soldaten in amerikanischen Uniformen Verwirrung stiften.
Gleichzeitig sprangen Fallschirmjäger in einem Nachtsprung ab, um Straßenkreuzungen zu sichern. Oberst von der Heydte führte diese Operation. Seine Männer sprangen bei eisigem Wind und schlechter Sicht ab. Sie landeten weit verstreut, viele in den falschen Gebieten. Der Nachschub blieb aus, die Ardennenoffensive brach zusammen. In den letzten Monaten lösten sich die Strukturen auf. Einheiten wurden mit Ersatzmannschaften aufgefüllt, die nie einen Fallschirm gesehen hatten. Der Elitestatus war nur noch eine Erinnerung. Die letzten Fallschirmjäger kämpften bis zur Kapitulation, manche bis in die letzten Tage hinein.
Die Fallschirmjäger hinterließen ein widersprüchliches Erbe. Sie hatten die Luftkriegsführung revolutioniert und gezeigt, was mit Ausbildung und Überraschungseffekt möglich war. Armeen weltweit begannen, eigene Luftlandeverbände aufzustellen. Doch Kreta hatte die Grenzen aufgezeigt. Gegen einen vorbereiteten Feind waren Luftlandeoperationen ein Himmelfahrtskommando. Die Verletzlichkeit der Transportflugzeuge, die Hilflosigkeit während des Abstiegs und die Schwierigkeit, nach der Landung schwere Waffen zu beschaffen – diese Probleme wurden nie gelöst. Die Alliierten lernten aus den Fehlern.
Bei der Invasion Siziliens und der Normandie setzten sie Fallschirmjäger ein, doch immer in Verbindung mit massiver Unterstützung. Sie verstanden, dass Luftlandetruppen allein keine Schlachten gewinnen konnten. Operation Market Garden zeigte, dass auch sie nicht immun gegen die Gefahren waren, die Kreta offenbart hatte. Von den Zehntausenden, die in den Krieg zogen, überlebten nur wenige. Die Besten fielen auf Kreta, in Russland, in Italien oder in den letzten Kämpfen. Mit ihnen starb ein einzigartiges Wissen. General Student überlebte den Krieg. Er sah, wie seine Vision in den Trümmern von Kreta zerbrach und wie die Männer, die er ausgebildet hatte, als Infanterie verheizt wurden.
Nach dem Krieg gab er zu, dass die Verluste auf Kreta untragbar gewesen waren. Die grünen Teufel blieben ein Mythos. Ihr Aufstieg war meteoritenhaft. Ihr Fall kam, als der Himmel selbst zum Schlachtfeld wurde, auf dem sie nicht mehr bestehen konnten. Die Fallschirmjägertruppe, geboren aus einer kühnen Vision, starb in den Trümmern von Kreta und kämpfte danach nur noch als Schatten ihrer selbst. Von den Wolken in die Hölle, vom Triumph zur Tragödie. Was bleibt, ist die Erinnerung an Männer, die zu hoch flogen und zu tief fielen.


