SS-Wachmann, der sich in eine Jüdin in Auschwitz verliebte: Franz Wunsch

SS-Wachmann, der sich in eine Jüdin in Auschwitz verliebte: Franz Wunsch

Wien – In einem der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte, das sich in den Vernichtungslagern des Nationalsozialismus abspielte, offenbart eine außergewöhnliche und zutiefst verstörende Liebesgeschichte die Abgründe menschlicher Moral. Der SS-Wachmann Franz Wunsch, ein überzeugter Nationalsozialist und Teilnehmer an den Selektionen in Auschwitz-Birkenau, verliebte sich ausgerechnet in eine jüdisch-slowakische Gefangene. Diese Beziehung, die gegen die Nürnberger Rassegesetze von 1935 verstieß, wirft bis heute Fragen nach Schuld, Menschlichkeit und den unberechenbaren Facetten des Bösen auf.

Die Nürnberger Gesetze, verkündet am 15. September 1935, hatten Ehen und sexuelle Beziehungen zwischen Juden und sogenannten „Deutschblütigen“ unter schwere Strafe gestellt. Die nationalsozialistische Ideologie betrachtete solche Verbindungen als Bedrohung der „arischen Rassenreinheit“.

Wer gegen diese Gesetze verstieß, musste mit Verhaftung und Deportation in ein Konzentrationslager rechnen. Genau diese fundamentalen Regeln des NS-Regimes missachtete Franz Wunsch, geboren am 21. März 1922 in Drassenhofen, Österreich, als er sich in Auschwitz in die Gefangene Helena Zitronova verliebte.

Wunsch, der 1940 der SS beigetreten war und einen tief verwurzelten Hass auf Juden hegte, wurde nach einer Verwundung an der Ostfront als Wachmann nach Auschwitz versetzt. Die Ostfront hatte ihn gezeichnet, doch in Auschwitz fand er eine neue Aufgabe, die ihn zum direkten Mörder machte. Er nahm an den berüchtigten Selektionen teil, bei denen SS-Ärzte wie Josef Mengele über Leben und Tod entschieden.

Wunsch trieb die Opfer in die Gaskammern, warf das Zyklon-B-Granulat hinein und schlug die Gefangenen brutal, wenn sie nicht gehorchten. Er war ein Rädchen in der mörderischen Maschinerie des Holocaust.

Am 25. März 1942 erreichte der erste offizielle Transport slowakischer Jüdinnen Auschwitz. Unter den 997 deportierten jungen Frauen und Mädchen befand sich auch Helena Zitronova.

Ihre Eltern wurden in der Gaskammer ermordet, ihr Bruder starb bei einem Fluchtversuch am elektrischen Stacheldrahtzaun. Helena selbst wurde zunächst zu schwerer Arbeit beim Abriss von Gebäuden gezwungen, schlief auf verlaustem Stroh und erlebte das Sterben ihrer Leidensgenossinnen hautnah. Sie hatte alles verloren, was ihr lieb war, und kämpfte jeden Tag um ihr nacktes Überleben.

Der Wendepunkt kam am 30. Oktober 1942, dem Tag, an dem Helena ihre Arbeit im sogenannten „Kanada-Lager“ aufnahm. Dort wurden die Besitztümer der ermordeten Juden sortiert, ein Arbeitsplatz, der wegen der besseren Bedingungen begehrt war.

Während einer musikalischen Darbietung von Häftlingen sang Helena mit einer Leidenschaft, die den SS-Wachmann Franz Wunsch sofort in ihren Bann zog. Er bat sie, das Lied zu wiederholen. Helena blickte auf und sah in den Augen eines Mörders plötzlich die Augen eines Menschen.

Dieser Moment veränderte alles.

Wunsch begann, Helena regelmäßig zu besuchen. Er brachte ihr zusätzliche Lebensmittel und Kleidung, gab ihr sogar seine eigenen Essensrationen. Als sie an Typhus erkrankte, versteckte und pflegte er sie, bis sie wieder gesund war.

Er riskierte damit sein eigenes Leben, denn eine Entdeckung hätte für beide den Tod bedeutet. In kleinen Zetteln gestand er ihr seine Liebe. Helena, die ihre gesamte Familie durch die Nazis verloren hatte, empfand zunächst Abscheu, doch mit der Zeit entwickelte sie widerwillig Zuneigung zu ihrem Peiniger.

Sie sagte später: „Es gab Momente, in denen ich vergaß, dass ich Jüdin war und er kein Jude. Am Ende liebte ich ihn, aber es konnte nicht wahrhaftig sein. “

Ein dramatischer Höhepunkt ereignete sich, als Helenas Schwester Rosika mit ihren beiden kleinen Kindern nach Auschwitz deportiert wurde. Helena rannte hysterisch zum Krematorium, bereit, mit ihrer Familie zu sterben. Wunsch eilte herbei, schlug sie brutal, flüsterte ihr aber dabei zu, den Namen ihrer Schwester zu nennen.

Er konnte Rosika retten, indem er behauptete, sie arbeite für ihn im Kanada-Lager. Für die Kinder jedoch kam jede Hilfe zu spät – sie wurden in der Gaskammer ermordet. Diese Rettung einer einzelnen Person stand in krassem Gegensatz zu Wunschs Rolle als Massenmörder.

Die Beziehung zwischen der Jüdin und dem SS-Mann blieb bis zur Evakuierung von Auschwitz im Januar 1945 geheim. Zeugen berichteten, dass sie nie sexuell war, da die räumlichen Bedingungen im Lager dies unmöglich machten. Wunschs Verhalten änderte sich jedoch nachweislich.

Mitgefangene sagten aus, dass er nach dem Kennenlernen Helenas aufhörte, Frauen zu schlagen, und seine Brutalität nur noch auf Männer konzentrierte. Er schlug sie häufig mit einem Stock, den er stets bei sich trug. Diese selektive Grausamkeit zeigt die zerrissene Psyche eines Mannes, der zwischen ideologischem Hass und menschlicher Zuneigung hin- und hergerissen war.

Als sich die Rote Armee im Januar 1945 Auschwitz näherte, verabschiedete sich Wunsch von Helena mit den Worten: „Pass auf dich auf, Helena, du wirst es schaffen. Ich habe dich so sehr geliebt. “ Dann küssten sie sich lange und innig.

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Überlebenden des Lagers, darunter auch Helena Zitronova. Die beiden sahen sich für 27 Jahre nicht wieder.

Helena emigrierte nach Israel, heiratete einen zionistischen Aktivisten und gründete eine Familie. Wunsch ließ sich in Österreich nieder, heiratete und versuchte, ein normales Leben zu führen, während er jahrelang Briefe an Helena schrieb, die diese jedoch ignorierte.

Im Jahr 1972 wurde der inzwischen 50-jährige Wunsch wegen Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt. In einem bemerkenswerten Akt der Menschlichkeit reiste Helena Zitronova nach Wien, um als Zeugin für ihn auszusagen. Sie tat dies trotz Drohungen jüdischer Aktivisten, weil sie es als ihre Pflicht ansah, die guten Taten zu bezeugen, die er in Auschwitz begangen hatte.

Sie berichtete jedoch auch von den Verbrechen, die sie miterlebt hatte. Als sie von den Kindern ihrer Schwester sprach, versagte ihre Stimme, und Wunsch begann zu weinen. Trotz erdrückender Beweise für seine Teilnahme am Massenmord wurde er in allen Anklagepunkten freigesprochen.

Helena Zitronova starb am 4. Juni 2007 im Alter von 84 Jahren in Tel Aviv. Franz Wunsch starb am 23.

Juni 2009 eines natürlichen Todes im Alter von 86 Jahren. Ihre Geschichte bleibt eine der bizarrsten und tragischsten Episoden des Holocaust. Sie zeigt, dass selbst in den unmenschlichsten Umgebungen menschliche Gefühle entstehen konnten, ohne jedoch die monströsen Verbrechen zu relativieren.

Wunsch blieb bis zuletzt ein widersprüchlicher Charakter: ein Mörder, der liebte, und ein Liebender, der mordete. Die Erinnerung an diese Beziehung mahnt uns, die Komplexität menschlicher Entscheidungen im Angesicht des absoluten Bösen niemals zu unterschätzen.