Die Hauptverhandlung gegen den SS-Mann Josef Riegler, von seinen Kameraden im Vernichtungslager Mauthausen als „Henker” gefürchtet, endete am 13. Mai 1946 mit einem Urteil, das die Menschlichkeit über die Barbarei stellte. Das Internationale Militärtribunal in Dachau verurteilte den Österreicher wegen seiner Beteiligung an systematischen Massenexekutionen und unzähligen Einzelmorden zum Tode durch den Strang.
Es war ein Urteil, das die Erinnerung an über 95. 000 ermordete Häftlinge des Lagerkomplexes Mauthausen wachhielt, deren Schreie in den Gaskammern und Steinbrüchen noch immer nachzuhallen schienen, als der Vorsitzende Richter das Urteil verlas.
Der Weg des 24-jährigen Josef Riegler in den Abgrund der Geschichte begann nicht in den Wirren eines Krieges, sondern in der geordneten Welt einer österreichischen Kleinstadt. Am 5. Juli 1922 in Linz als Sohn eines Fabrikarbeiters geboren, hatte er zunächst davon geträumt, Lehrer zu werden und sein Leben der Bildung zu widmen.
Doch die politischen Umwälzungen der 1930er Jahre zerfetzten diese bürgerliche Zukunft. Bereits mit zehn Jahren erlebte der junge Josef die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler in Berlin, und die nationalsozialistische Propaganda, die von Deutschland aus über die Grenze nach Österreich strömte, fiel bei ihm auf fruchtbaren Boden. Im April 1938, nur einen Monat nach dem von Jubel und Blumen begleiteten Einmarsch deutscher Truppen in seine Heimat, trat der erst Fünfzehnjährige der SS bei.
Rieglers Werdegang als Lageraufseher begann mit einer militärischen Ausbildung in Oranienburg, wo er zum Totenkopfverband stieß, jener berüchtigten Organisation, die für die Bewachung der Konzentrationslager zuständig war. Mit gerade einmal 17 Jahren nahm er am Überfall auf Polen teil, später an der Besetzung Norwegens, bevor er an der Ostfront Erfrierungen erlitt, die seine Rückkehr in den Rücken der Front erzwangen. Im Februar 1942 wurde er nach Mauthausen versetzt, das nur wenige Monate nach dem „Anschluss” Österreichs am 8.
August 1938 in Betrieb genommen worden war. Dieser Ort war kein gewöhnliches Gefangenenlager, sondern eine Todesfabrik, die wegen des nahegelegenen Granitsteinbruchs und der Nähe zu Linz ausgewählt worden war.
In Mauthausen entfaltete Riegler eine Brutalität, die selbst erfahrene SS-Männer aufhorchen ließ. Der ehrgeizige Aufseher wurde zum Blockwart ernannt und erwarb sich schnell den Ruf eines Sadisten, der Schläge und Folter ohne jeden erkennbaren Grund verhängte. In einem dokumentierten Fall prügelte er die Überlebenden eines Transports von 300 Gefangenen zu Tode, die gezwungen worden waren, die gesamte Nacht nackt auf dem Appellplatz zu verbringen.
Ein anderes Mal griff er zu einem Knüppel und erschlug einen an die Wand gefesselten spanischen Häftling, der vor dem Fall Frankreichs gegen das Franco-Regime gekämpft hatte und dann von den kollaborierenden Vichy-Behörden an die Nazis ausgeliefert worden war.
Seine Taten erreichten einen neuen Höhepunkt der Grausamkeit, als er im November 1942 an der Hinrichtung von 26 jugendlichen und erwachsenen jugoslawischen Gefangenen teilnahm. Als Rapportführer, ein Rang, der etwa einem Unteroffizier entsprach, beaufsichtigte er zwischen 1943 und 1945 etwa 10 bis 15 Hinrichtungen durch Erhängen. Die Zeugenaussagen im Prozess malen das Bild eines Mannes, der keinerlei emotionale Regung zeigte, wenn seine Opfer am Galgen zuckten.
Er war nicht nur Vollstrecker, sondern auch Organisator dieser Morde, der die Hinrichtungen vorbereitete und die Abläufe koordinierte, als wäre es eine banale Verwaltungsaufgabe.
Die vielleicht grausamste Episode seiner Karriere als Aufseher ereignete sich in der Nacht vom 2. Februar 1945, als etwa 500 Häftlinge, fast ausschließlich sowjetische Offiziere, einen verzweifelten Ausbruchsversuch unternahmen. Sie griffen einen Wachturm an und konnten trotz des elektrischen Stacheldrahtzauns, den sie mit nassen Decken kurzschlossen, einen Teil des Lagers verlassen.
Die SS organisierte daraufhin eine beispiellose Jagd auf die Fliehenden, die zynisch als „Mühlviertler Hasenjagd” bezeichnet wurde. An dieser Hatz, die drei Wochen dauerte und die Zivilbevölkerung der Region mit einbezog, beteiligte sich Riegler aktiv und kehrte nach seinen Streifzügen durch die Wälder häufig betrunken zurück, um mit seinen mörderischen Erlebnissen zu prahlen. Von den rund 500 Geflüchteten überlebten nur elf; der Rest wurde bei der Jagd erschossen oder unmittelbar nach der Gefangennahme hingerichtet.
Als sich der Krieg seinem Ende zuneigte und die Front näher rückte, wurde Mauthausen zum Auffangbecken für Evakuierungstransporte aus aufgelösten Lagern im Osten. Zehntausende völlig entkräftete Häftlinge wurden in das Lager gepfercht, was zu einer katastrophalen Überfüllung und Seuchenausbrüchen führte. Als am 5.
Mai 1945 Soldaten der US-Armee das Lager erreichten, fanden sie einen Ort des Grauens vor, in dem die meisten Wachen geflohen waren. Die wenigen verbliebenen SS-Leute, etwa 30 im Hauptlager, wurden von den befreiten Häftlingen in einem oftmals brutalen Akt der Selbstjustiz getötet. Zwischen August 1938 und Mai 1945 durchliefen schätzungsweise 197.
000 Gefangene das Konzentrationslager Mauthausen und seine Nebenlager; mindestens 95. 000 von ihnen, darunter über 14. 000 Juden, fanden hier den Tod.
Für Josef Riegler endete die Flucht vor der Verantwortung am 13. Mai 1945, als Soldaten der US-Armee ihn in der österreichischen Stadt Wöcklerbruck verhafteten. Er wurde nach Dachau gebracht, wo die amerikanische Militärregierung ein Tribunal einrichtete, um das Personal der Lager Mauthausen und Gusen zur Rechenschaft zu ziehen.
Der Prozess, der am 29. März 1946 begann, legte in erschütternden Details die Struktur des Terrors offen. Riegler selbst legte in seiner Aussage ein erschreckendes Geständnis ab: Er habe bei 80 bis 100 Gelegenheiten die Hinrichtungen von Gefangenen unterschiedlicher Herkunft vorbereitet, bei 26 Exekutionen von Jugoslawen als Wache fungiert und den Befehl ausgeführt, gefangene Russen nach dem Massenausbruch zu erschießen.
Diese nüchterne Aufzählung von Verbrechen, ohne jede Spur von Reue oder Einsicht, ließ die Richter keine Gnade walten.
Die Verteidigung und Rieglers Eltern versuchten verzweifelt, das Urteil zu kippen. Seine Mutter Katharina und sein Vater Josef reichten ein Gnadengesuch beim Tribunal ein, in dem sie argumentierten, dass ihr Sohn, trotz seiner abscheulichen Taten, das Recht habe, weiterzuleben. Dieses Ansinnen wurde jedoch ohne Umschweife abgelehnt.
Die Richter sahen in Riegler einen aktiven und überzeugten Vollstrecker des NS-Vernichtungsapparates, keinen passiven Befehlsempfänger. Er war ein Täter im wahrsten Sinne des Wortes, der seine Aufgaben engagiert und oft aus eigenem Antrieb ausführte. Das Urteil war eindeutig und die Ablehnung des Gnadengesuchs eine endgültige Bestätigung der juristischen und moralischen Bewertung seiner Taten.
Am 27. Mai 1947, dem Tag seiner Hinrichtung im Kriegsverbrechergefängnis von Landsberg, war Josef Riegler gerade 24 Jahre alt. Die Glocke der Gerechtigkeit hatte für ihn geschlagen, doch es gab niemanden, der für ihn Tränen vergoss.
Der junge Mann, der Pädagoge hätte werden können und stattdessen zum sadistischen Schlächter wurde, starb am Galgen, ein spätes, aber notwendiges Signal in einer Welt, die sich vom Trauma des Zweiten Weltkriegs zu erholen begann. Seine Geschichte, die in den Archiven des World History Channels dokumentiert wurde, ist eine Mahnung, wie ideologische Verblendung und Karrierismus selbst einen jungen Menschen in ein Monster verwandeln können. Der Ort Mauthausen, heute eine Gedenkstätte, trägt die stumme Erinnerung an die über 95.
000 Toten, deren Leben durch die Hände von Männern wie Josef Riegler ausgelöscht wurden. Die internationalen Tribunale von Dachau und Nürnberg haben mit ihren Urteilen ein Fundament für die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen gelegt, dessen Grundsätze bis heute in der internationalen Justiz nachwirken, auch wenn die Narben der Geschichte niemals vollständig verheilen werden.