Stalins tödlicher Fehler 1941 – Wie ein Mann die größte Armee der Welt zerstörte

Moskau, 22. Juni 1941. Die größte Armee der Welt, die Rote Armee, steht am Rande der Vernichtung, noch bevor der erste Schuss gefallen ist. In den frühen Morgenstunden zerriss das Donnern tausender deutscher Geschütze die Stille über den Grenzflüssen im Osten Europas. Die Wehrmacht überrannte die sowjetischen Verteidigungslinien mit einer Wucht, die selbst die optimistischsten Planer im Oberkommando überraschte. Innerhalb weniger Stunden wurden fast 1200 sowjetische Flugzeuge am Boden zerstört, ordentlich aufgereiht auf ihren Feldflugplätzen, als hätte niemand mit einem Angriff gerechnet. Der Überfall war so verheerend, dass ganze Divisionen der Roten Armee ausgelöscht wurden, bevor sie überhaupt einen Befehl erhielten. Kommandeure konnten ihre Einheiten nicht erreichen, Telefonleitungen waren gekappt, Funkgeräte schwiegen. An der gesamten Westgrenze der Sowjetunion herrschte in diesen ersten Morgenstunden pures Chaos. Die Rote Armee war zu diesem Zeitpunkt die zahlenmäßig größte Armee der Welt, verfügte über mehr Panzer als alle anderen Armeen des Planeten zusammen, über tausende von Flugzeugen und Millionen von Soldaten unter Waffen. Und doch stand sie in diesen Stunden am Rand eines vollständigen Zusammenbruchs. In den kommenden Wochen wurden hunderttausende Rotarmisten in riesigen Kesseln eingeschlossen, ganze Fronten hörten auf zu existieren, und der Weg nach Moskau schien für die Wehrmacht beinahe offen zu stehen. Wie war das möglich? Wie konnte die größte Streitmacht der Welt innerhalb weniger Tage so vollständig überrumpelt werden? Die Antwort liegt nicht nur in der militärischen Brillanz des deutschen Angriffsplans, sondern vor allem in einer Reihe von tödlichen Fehlentscheidungen eines einzigen Mannes, der seit Jahren seine eigene Armee systematisch zerstört hatte, lange bevor der erste Schuss fiel. Dieser Mann ist Josef Stalin. Seine Paranoia, sein blindes Vertrauen in einen Pakt mit Hitler und seine Weigerung, dutzende von Warnungen ernst zu nehmen, haben eine Katastrophe ermöglicht, die Millionen Menschen das Leben kostete und die Sowjetunion an den Rand der Vernichtung brachte. Um zu verstehen, warum die Rote Armee im Sommer 1941 so katastrophal versagte, muss man vier Jahre zurückblicken in eine Zeit, in der die Sowjetunion sich selbst die schlimmste Niederlage zufügte, die je eine Großmacht ihrer eigenen Armee angetan hat. Es geht um die große Säuberung der Jahre 1937 und 1938, Stalins paranoide Vernichtung der militärischen Elite seines Landes. Seit der Oktoberrevolution und dem anschließenden Bürgerkrieg hatte die Rote Armee eine Generation von erfahrenen, teilweise brillanten Offizieren hervorgebracht. Männer, die in den Schlachten des Bürgerkriegs gelernt hatten, moderne Kriegsführung zu denken. Allen voran stand Marschall Michail Tuchatschewski, ein visionärer Militärtheoretiker, der bereits Mitte der 1930er Jahre das Konzept der Tiefenoperation entwickelt hatte. Diese Doktrin sah vor, feindliche Verteidigungslinien nicht nur frontal zu durchbrechen, sondern den Gegner durch gleichzeitige Vorstöße in die Tiefe des Raumes zu lähmen. Im Kern war es genau das, was die Wehrmacht später als Blitzkrieg perfektionieren würde. Tuchatschewski und seine Mitstreiter hatten die theoretischen Grundlagen für eine moderne mechanisierte Kriegsführung gelegt, die der Roten Armee einen enormen Vorteil hätte verschaffen können. Doch für Stalin war Tuchatschewski keine militärische Koryphäe, sondern eine Bedrohung. Ein Mann mit Prestige, internationalen Kontakten und einem eigenen Kopf. In Stalins Welt, in der jeder potentielle Rivale ein potenzieller Verräter war, reichte das aus, um ein Todesurteil zu unterschreiben. Im Mai 1937 wurde Tuchatschewski verhaftet, zusammen mit sieben weiteren hochrangigen Generälen. Die Anklage lautete auf Hochverrat und Spionage für Deutschland und Japan. Die Beweise waren fabriziert, die Geständnisse unter Folter erpresst. Der Prozess eine Farce, die weniger als einen Tag dauerte. Tuchatschewski und seine Mitangeklagten wurden am 12. Juni erschossen. Doch das war erst der Anfang. Was als gezielte Ausschaltung einer vermeintlichen Verschwörergruppe begann, verwandelte sich innerhalb weniger Monate in eine Lawine der Vernichtung, die das gesamte Offizierskorps der Roten Armee erfasste. Die Zahlen sind erschütternd. Von fünf Marschällen der Sowjetunion wurden drei hingerichtet. Von fünfzehn Armeekommandeuren überlebten nur zwei. 57 Korpskommandeure verschwanden in den Kellern des NKWD. 154 von 186 Divisionskommandeuren wurden verhaftet, die meisten von ihnen erschossen oder in Lagern vernichtet. Insgesamt fielen den Säuberungen etwa 35.000 Offiziere zum Opfer, manche Schätzungen gehen noch deutlich höher. Das bedeutet, die Rote Armee verlor in weniger als zwei Jahren mehr Offiziere durch Stalins Geheimpolizei als durch jeden Feind in ihrer gesamten bisherigen Geschichte. Die Auswirkungen waren verheerend und reichten weit über die reinen Zahlen hinaus. Es war nicht nur die Quantität der Verluste, die die Armee lähmte, sondern deren Qualität. Die ermordeten Offiziere waren größtenteils erfahrene, kampferprobte Kommandeure, die durch Bürgerkrieg und jahrelange Manöver geschult worden waren. Ihre Nachfolger waren häufig junge, unerfahrene Männer, die über Nacht um mehrere Dienstgrade befördert wurden. Nicht weil sie qualifiziert waren, sondern weil über ihnen eine Lücke klaffte. Leutnants wurden zu Regimentskommandeuren, Hauptleute zu Divisionsführern. Viele von ihnen hatten weder die Ausbildung noch das Selbstvertrauen, eigenständige taktische Entscheidungen zu treffen. Schlimmer noch, die Atmosphäre der Angst und des gegenseitigen Misstrauens, die die Säuberungen hinterlassen hatten, lähmte jede Initiative. Wer eigenständig handelte, riskierte, als Verräter denunziert zu werden. Wer Fehler machte, konnte vor ein Tribunal gestellt werden. Also taten die meisten Offiziere das einzige, was ihnen sicher erschien. Sie warteten auf Befehle von oben und führten sie buchstabengetreu aus, selbst wenn die Lage vor Ort eine ganz andere Entscheidung verlangte. Das Ergebnis war ein Kommandosystem, das von starrer Bürokratie und Todesangst geprägt war. Ein System, in dem Flexibilität, Kreativität und Eigeninitiative praktisch ausgelöscht worden waren. Ein besonders eindrückliches Zeugnis dieser Atmosphäre stammt aus einem Brief, den ein sowjetischer Brigadekommandeur wenige Wochen vor seiner Verhaftung im Herbst 1937 an einen Kameraden schrieb. Er beschrieb darin, wie bei jeder Versammlung die Blicke der Anwesenden nervös umherwanderten und sich jeder fragte, wer als nächster abgeholt würde. Er schrieb, dass niemand mehr wagte, eine eigene Meinung zu äußern, dass erfahrene Offiziere verstummten und junge Karrieristen die Gunst der politischen Kommissare suchten, indem sie Kameraden denunzierten. Der Brigadekommandeur endete seinen Brief mit den Worten, dass die Armee, die er kenne und der er sein Leben gewidmet habe, vor seinen Augen zerfalle, nicht durch einen äußeren Feind, sondern durch die eigene Führung. Wenige Tage nach diesem Brief wurde er selbst verhaftet. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt, doch die Wahrscheinlichkeit, dass er die Lager des NKWD überlebt hat, ist gering. Neben der Zerstörung des Offizierskorps hatten die Säuberungen noch eine weitere fatale Konsequenz, die sich erst Jahre später voll auswirken sollte. Tuchatschewskis Doktrin der Tiefenoperation, die modernste Militärtheorie ihrer Zeit, wurde nach seiner Hinrichtung als Werk eines Verräters diskreditiert und faktisch aus dem Ausbildungsprogramm der Roten Armee gestrichen. Die Panzerverbände, die Tuchatschewski als eigenständige operative Stoßkeile konzipiert hatte, wurden aufgelöst und auf Infanteriedivisionen verteilt. Die Rote Armee kehrte zu einer veralteten linearen Verteidigungsdoktrin zurück, genau in dem Moment, als die Wehrmacht begann, die Prinzipien des kombinierten Waffeneinsatzes in Polen und Frankreich mit verheerender Wirkung zu demonstrieren. Während deutsche Panzerkommandeure wie Guderian und Rommel die bewegliche Kriegsführung perfektionierten, verlernte die Rote Armee genau die Fähigkeiten, die ihr Überleben hätten sichern können. Die Armee, die Stalin selbst geschwächt hatte, von ihren besten Köpfen enthauptet, ihrer modernsten Doktrin beraubt und von Angst durchsetzt, diese Armee sollte nun dem gefährlichsten Gegner entgegentreten, den die Welt je gesehen hatte. Doch bevor es soweit war, beging Stalin noch einen weiteren, kaum weniger folgenschweren Fehler. Er weigerte sich zu glauben, dass der Krieg überhaupt kommen würde. Am 23. August 1939 geschah etwas, das die Welt in ungläubiges Staunen versetzte. In Moskau unterzeichneten der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow und sein deutsches Gegenüber Joachim von Ribbentrop einen Nichtangriffspakt zwischen der Sowjetunion und dem nationalsozialistischen Deutschland. Zwei ideologische Todfeinde, die sich seit Jahren in erbitterter Propaganda bekämpft hatten, reichten sich plötzlich die Hand. Die Welt war fassungslos, doch für Stalin war der Pakt ein Meisterstück der Diplomatie. Er verschaffte der Sowjetunion Zeit, so glaubte er zumindest, Zeit, um die Armee aufzurüsten, die Industrie zu modernisieren und sich auf einen Krieg vorzubereiten, der irgendwann kommen würde, aber eben nicht jetzt. Das geheime Zusatzprotokoll des Paktes teilte Osteuropa in Einflusssphären auf. Ostpolen, die baltischen Staaten, Finnland und Bessarabien fielen an die Sowjetunion, der Rest an Deutschland. Stalin betrachtete den Pakt nicht als Freundschaftsvertrag, sondern als Zeitgewinn. Doch genau darin lag sein Fehler, denn er begann sich in der Sicherheit dieses Paktes einzurichten, als wäre ein Stück Papier mit Hitlers Unterschrift eine verlässliche Garantie. In den folgenden Jahren häuften sich die Zeichen, dass Hitler keineswegs vorhatte, den Pakt dauerhaft zu respektieren. Im Sommer 1940, nach dem Fall Frankreichs, begann die deutsche Führung mit der Planung des Unternehmens Barbarossa, des Angriffs auf die Sowjetunion. Die Truppenbewegungen an der deutsch-sowjetischen Demarkationslinie in Polen nahmen stetig zu. Aufklärungsflüge der Luftwaffe über sowjetischem Territorium wurden häufiger. All dies blieb der sowjetischen Aufklärung nicht verborgen. Im Gegenteil, die Hinweise auf einen bevorstehenden deutschen Angriff strömten regelrecht aus allen Richtungen auf den Kreml ein. Einer der wertvollsten Agenten der sowjetischen Militäraufklärung, Richard Sorge, der in Tokio als deutscher Journalist getarnt arbeitete und Zugang zu höchsten Kreisen der deutschen Botschaft hatte, meldete im Frühjahr 1941 wiederholt, dass Deutschland einen Angriff auf die Sowjetunion vorbereite. Er nannte sogar ein ungefähres Datum, die zweite Junihälfte. Seine Berichte gingen direkt an die Zentrale in Moskau. Doch dort stießen sie auf taube Ohren. Stalins Reaktion war bezeichnend. Er notierte auf einer der Meldungen sinngemäß, man solle diesem Charlatan mitteilen, er möge aufhören, Desinformationen zu verbreiten. Sorge war bei weitem nicht der einzige. Im Laufe des Frühjahrs erreichten Moskau mindestens 80 konkrete Warnungen aus verschiedenen Quellen. Britische Geheimdienstberichte, die Winston Churchill persönlich an Stalin weiterleiten ließ, bestätigten die Konzentration deutscher Truppen an der Ostgrenze. Amerikanische Diplomaten teilten ihre Erkenntnisse mit. Sogar deutsche Deserteure liefen in den letzten Tagen vor dem Angriff über die Grenze und berichteten sowjetischen Grenzposten von dem unmittelbar bevorstehenden Überfall. Doch Stalin wischte alles beiseite. In seiner Überzeugung, dass Hitler keinen Zweifrontenkrieg riskieren würde, solange England nicht besiegt war, interpretierte er sämtliche Warnungen als Provokation, als Versuch der Briten, die Sowjetunion in einen vorzeitigen Krieg hineinzuziehen, oder schlicht als Panikmache unfähiger Untergebener. Er befahl ausdrücklich, nichts zu unternehmen, was die Deutschen provozieren könnte. Truppen durften nicht in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt werden. Flugzeuge durften nicht getarnt oder verteilt werden. Grenzeinheiten erhielten den Befehl, auf keinen Fall das Feuer zu eröffnen, selbst wenn sie angegriffen würden. Die Konsequenzen dieses Befehls waren in den letzten Tagen und Stunden vor dem deutschen Angriff unmittelbar spürbar. An der gesamten Westgrenze der Sowjetunion herrschte eine Atmosphäre der Unwirklichkeit. Offiziere, die die zunehmende Gefahr erkannten, wagten es nicht, eigenständig Maßnahmen zu ergreifen, aus Angst vor Stalins Zorn. In einem Dokument aus dem Archiv des westlichen Militärbezirks beschrieb ein sowjetischer Aufklärungsoffizier die Situation im Mai 1941 mit eindringlichen Worten. Er berichtete, dass jeder, der die Lage nüchtern betrachte, sehen könne, was sich jenseits der Grenze zusammenbraue. Die Deutschen bauten Brücken, verlegten Truppen nach vorne, ihre Aufklärungsflugzeuge seien fast täglich über sowjetischem Gebiet zu sehen. Doch jeder Versuch, diese Beobachtungen nach oben zu melden, werde mit der immer gleichen Antwort quittiert: nicht provozieren. Der Offizier schrieb, er fühle sich wie ein Mann, der einen herannahenden Zug sehe, aber an die Gleise gefesselt sei und nicht schreien dürfe. Diese Hilflosigkeit, dieses erzwungene Schweigen angesichts einer offensichtlichen Bedrohung, war das direkte Ergebnis von Stalins Befehlskultur. Dieselbe Paranoia, die drei Jahre zuvor tausende von Offizieren in den Tod geschickt hatte, sorgte nun dafür, dass die verbleibenden Offiziere nicht wagten, die Wahrheit auszusprechen. In den allerletzten Stunden vor dem Angriff kam es zu einer gespenstischen Szene in Moskau. Am Abend des 21. Juni erreichte den Generalstab die Meldung eines deutschen Deserteurs, eines Feldwebels, der über den Bug geschwommen war und berichtete, der Angriff werde in wenigen Stunden beginnen. Generalstabschef Schukow rief sofort Stalin an und drängte auf sofortige Alarmierung aller Truppen. Stalin zögerte lange, stimmte schließlich widerwillig einer begrenzten Direktive zu, die aber so vorsichtig formuliert war, dass sie praktisch wirkungslos blieb. Die berühmte Direktive Nummer 1, die in den späten Abendstunden des 21. Juni verschickt wurde, befahl den Truppen, in Bereitschaft zu gehen, aber gleichzeitig keine Handlungen zu unternehmen, die zu einer Provokation führen könnten. Es war ein Befehl voller Widersprüche, der die ohnehin verwirrte Kommandostruktur vollends lähmte. Viele Einheiten erhielten die Direktive erst, als die ersten deutschen Granaten bereits einschlugen. Andere erhielten sie gar nicht, weil die Kommunikationslinien bereits durch Sabotagekommandos und Bombenangriffe zerstört worden waren. Am Morgen des 22. Juni brach die Realität über Stalin und seine Armee herein wie eine Flutwelle. Die Berichte, die in den ersten Stunden im Kreml eintrafen, waren so katastrophal, dass sie zunächst gar nicht geglaubt wurden. An manchen Frontabschnitten existierten ganze Divisionen nur noch auf dem Papier. Stalin selbst soll in den ersten Tagen in einen Zustand der Erstarrung verfallen sein, unfähig, die Dimension dessen zu begreifen, was seine eigene Blindheit angerichtet hatte. Verteidigungskommissar Timoschenko und Generalstabschef Schukow versuchten verzweifelt, einen koordinierten Widerstand zu organisieren. Doch die Strukturen, die dafür nötig gewesen wären, waren längst zerstört. Manche durch den deutschen Angriff, die meisten aber durch Stalins eigene Hand, Jahre zuvor. Alles hatte sich verändert an diesem Morgen, doch es war bereits viel zu spät. Was in den ersten Stunden des 22. Juni 1941 begann, entwickelte sich in den folgenden Tagen und Wochen zu einer militärischen Katastrophe von einem Ausmaß, das in der modernen Kriegsgeschichte ohne Beispiel ist. Die Wehrmacht griff auf einer Front von über 3000 Kilometern an, aufgeteilt in drei gewaltige Heeresgruppen. Die Heeresgruppe Nord stieß durch die baltischen Staaten in Richtung Leningrad vor. Die Heeresgruppe Mitte, die stärkste der drei, trieb unter den Generälen Guderian und Hoth einen gewaltigen Keil durch Weißrussland in Richtung Smolensk und Moskau. Die Heeresgruppe Süd kämpfte sich durch die Ukraine auf Kiew zu. Die Geschwindigkeit des deutschen Vormarsches übertraf alles, was selbst die optimistischsten Planer im Oberkommando erwartet hatten. Guderians Panzergruppe durchbrach die sowjetischen Linien wie ein heißes Messer durch Butter und legte in den ersten Tagen Strecken von bis zu 80 Kilometern pro Tag zurück. Für die Rote Armee war dieser Vormarsch nicht nur ein militärischer Rückschlag, sondern ein vollständiger Zusammenbruch der Ordnung. Die Divisionen, die am Morgen noch an der Grenze standen, fanden sich am Abend bereits weit hinter den feindlichen Linien wieder, abgeschnitten von jeder Verbindung zu ihren Nachbarn und Vorgesetzten. Die Luftwaffe spielte in diesen ersten Tagen eine entscheidende Rolle. Bereits in den ersten 48 Stunden des Feldzugs zerstörte sie nach eigenen Angaben über 2500 sowjetische Flugzeuge, die allermeisten davon am Boden. Die Zahlen schwanken je nach Quelle, doch selbst die konservativsten Schätzungen sprechen von mindestens 1800 vernichteten Maschinen allein am ersten Tag. Ganze Fliegerregimenter hörten auf zu existieren, ohne einen einzigen Kampfeinsatz geflogen zu haben. Die Piloten, die es schafften, in die Luft zu kommen, kämpften häufig in veralteten Maschinen gegen die überlegenen Messerschmittjäger der Luftwaffe und wurden in kurzen, ungleichen Gefechten abgeschossen. Die Folge war, dass die Wehrmacht in den ersten Wochen des Feldzugs die nahezu uneingeschränkte Luftherrschaft über dem gesamten Frontgebiet besaß. Deutsche Panzerkolonnen konnten sich auf den Straßen frei bewegen, ohne Angriffe aus der Luft fürchten zu müssen, während jede sowjetische Truppenbewegung bei Tageslicht sofort von Sturzkampfbombern angegriffen wurde. Für die ohnehin desorientierten und führungslosen sowjetischen Einheiten bedeutete dies, dass selbst der Versuch eines geordneten Rückzugs oft in einem Blutbad endete. Die erste große Umfassungsschlacht des Feldzugs ereignete sich bereits in der letzten Juniwoche bei Minsk, der Hauptstadt der weißrussischen Sowjetrepublik. Guderians und Hoths Panzergruppen stießen in einem gewaltigen Zangenmanöver östlich der Stadt aufeinander und schlossen damit den gesamten sowjetischen Westfrontverband in einem riesigen Kessel ein. Innerhalb weniger Tage saßen hunderttausende sowjetischer Soldaten in der Falle, ohne Nachschub, ohne Führung, ohne Hoffnung auf Entsatz. Die Kämpfe im Kessel dauerten bis Anfang Juli. Doch das Ergebnis stand früh fest. Als sich der Ring endgültig schloss, gerieten nach deutschen Angaben rund 320.000 Rotarmisten in Gefangenschaft. Dreitausend Panzer und fast 2000 Geschütze fielen als Beute an die Wehrmacht. Es war eine Vernichtung von einem Ausmaß, die selbst die deutschen Generäle in Erstaunen versetzte. General Franz Halder, der Chef des Generalstabs des Heeres, notierte am 3. Juli in seinem Kriegstagebuch, es sei wohl nicht übertrieben zu sagen, dass der Feldzug gegen Russland innerhalb von 14 Tagen gewonnen worden sei. Diese Einschätzung sollte sich als verhängnisvoll falsch erweisen. Doch in jenem Moment schien sie durchaus berechtigt. Für die deutschen Soldaten an der Front waren diese ersten Wochen eine Erfahrung, die zwischen Euphorie und erstem Unbehagen schwankte. Ein Gefreiter der dritten Panzerdivision, der an der Einnahme von Minsk beteiligt war, beschrieb seine Eindrücke in einem Feldpostbrief an seine Familie in Schwaben. Er schrieb, dass der Vormarsch sich anfühle wie ein Manöver, nur dass die Straßen von verlassener Ausrüstung gesäumt seien und die Kolonnen der Gefangenen kein Ende nehmen. Er berichtete von endlosen Reihen erschöpfter, verstaubter Rotarmisten, die mit leeren Gesichtern an ihnen vorbeimarschierten, manche barfuß, die meisten ohne Waffen. Er schrieb, dass er sich manchmal frage, ob das wirklich die gefürchtete Rote Armee sei, von der man immer gesprochen habe. Doch dann fügte er hinzu, dass es auch andere Erlebnisse gäbe, Stellen, an denen die Russen sich mit einer Verbissenheit gewährt hätten, die ihm unheimlich sei. Er erwähnte eine einzelne Stellung an einer Brücke, die von einer Handvoll sowjetischer Soldaten gehalten wurde, die sich bis zum letzten Mann verteidigten, obwohl sie längst von der Hauptfront abgeschnitten waren. Solche Begegnungen, schrieb er, ließen ihn an dem Gedanken zweifeln, dass dieser Krieg wirklich so schnell vorbei sein werde, wie alle sagten. Auf der anderen Seite, auf der sowjetischen Seite, waren die Erfahrungen dieser ersten Tage ein Albtraum jenseits aller Vorstellungskraft. Ein junger Leutnant einer Schützendivision des westlichen Frontabschnitts hinterließ Aufzeichnungen, die nach dem Krieg in einem Archiv entdeckt wurden. Er beschrieb den Morgen des 22. Juni mit einer Nüchternheit, die den Schrecken nur noch deutlicher machte. Um vier Uhr morgens seien die Explosionen gekommen, schrieb er, und innerhalb weniger Minuten habe das Chaos begonnen. Er habe versucht, seinen Kompanieschef zu erreichen, doch das Telefon war tot. Dann habe er einen Melder geschickt, der nie zurückkam. Er beschrieb, wie er mit den Überresten seiner Kompanie, vielleicht vierzig Mann, versuchte, eine Verteidigungslinie an einer Straßenkreuzung aufzubauen, ohne zu wissen, wo der Feind war, wo die eigenen Nachbareinheiten standen oder ob es überhaupt noch einen Stab gab, der Befehle ausgeben konnte. Am Nachmittag hätten sie deutsche Panzer auf der Straße gesehen und er habe begriffen, dass sie bereits tief im Hinterland des Feindes lagen, obwohl sie sich keinen Meter bewegt hatten. Der Leutnant schrieb über das Gefühl der vollständigen Verlassenheit, das Gefühl, dass niemand wusste, was geschah, dass es keinen Plan gab und dass jeder für sich selbst kämpfte. Er beendete seinen Eintrag mit den Worten, er habe in dieser Nacht zum ersten Mal in seinem erwachsenen Leben geweint. Nicht aus Angst vor dem Tod, sondern aus Wut darüber, dass seine Armee so unvorbereitet war. Die Gründe für dieses Versagen lagen genau dort, wo man sie vermuten konnte. Die Säuberungen der Jahre 1937 hatten die Kommandostruktur der Roten Armee ausgehöhlt wie einen faulen Zahn. Auf allen Ebenen fehlten erfahrene Offiziere, die in der Lage gewesen wären, die Lage schnell einzuschätzen und eigenständige Entscheidungen zu treffen. Die Offiziere, die an ihre Stelle getreten waren, hatten in vielen Fällen weder die Ausbildung noch das Selbstvertrauen, um im Chaos des Gefechts zu bestehen. Die Angst vor Bestrafung war so tief verwurzelt, dass viele Kommandeure sich selbst dann nicht zu handeln wagten, wenn die Situation offensichtlich sofortiges Eingreifen erforderte. Hinzu kam das Fehlen der Tiefenoperationsdoktrin, die Tuchatschewski entwickelt hatte und die nun als Werk eines Verräters galt. Die Rote Armee hatte keine klare moderne Einsatzdoktrin mehr. Ihre Verteidigungspläne basierten auf der Annahme, dass ein Krieg mit einem begrenzten Grenzgefecht beginnen würde, das Zeit für eine vollständige Mobilisierung lassen würde. Diese Annahme wurde am 22. Juni in Stücke gerissen. Und über allem stand Stalins verhängnisvoller Befehl, die Truppen nicht in volle Gefechtsbereitschaft zu versetzen. Ein Befehl, der bedeutete, dass Munition in verschlossenen Lagern ruhte, Panzer ohne Treibstoff in Garagen standen und Flugzeuge in ordentlichen Reihen auf Flugplätzen parkten, als gäbe es nicht den geringsten Grund zur Sorge. Nach dem Fall von Minsk setzte die Wehrmacht ihren Vormarsch mit unverminderter Geschwindigkeit fort. Das nächste große Ziel der Heeresgruppe Mitte war Smolensk, eine historische Stadt am Dnjepr, die seit Jahrhunderten als Tor nach Moskau galt. Anfang Juli begannen die Kämpfe um Smolensk, und erneut gelang es den deutschen Panzerverbänden, große sowjetische Kräfte einzuschließen. Doch hier, zum ersten Mal seit Beginn des Feldzugs, stieß die Wehrmacht auf einen Widerstand, der sich von dem bisherigen grundlegend unterschied. Die Schlacht um Smolensk dauerte nicht Tage, sondern Wochen, vom 10. Juli bis zum 10. September, fast zwei volle Monate. Sowjetische Einheiten, die eingeschlossen waren, ergaben sich nicht einfach, sondern kämpften mit einer Verzweiflung und Zähigkeit, die die deutschen Kommandeure zunehmend beunruhigte. Mehrfach gelang es sowjetischen Verbänden, aus dem Kessel auszubrechen, sich neu zu formieren und erneut anzugreifen. Es waren keine koordinierten professionellen Gegenangriffe. Oft waren es verzweifelte, schlecht geplante Vorstöße, die unter hohen Verlusten scheiterten. Aber sie zeigten, dass die Rote Armee, trotz aller Katastrophen der ersten Wochen, nicht bereit war aufzugeben. Die Schlacht um Smolensk hatte noch eine weitere Konsequenz, die sich erst Monate später als entscheidend herausstellen sollte. Sie zwang die Wehrmacht, ihre Vormarschgeschwindigkeit zu verlangsamen und kostbare Wochen zu verlieren. Wochen, die am Ende den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage vor Moskau ausmachen sollten. Doch davon ahnte im Juli und August noch niemand etwas. Die Stimmung im deutschen Oberkommando war trotz der zähen Kämpfe bei Smolensk weiterhin von Optimismus geprägt. Die Verluste waren hoch, aber die Zahlen der sowjetischen Gefangenen und der erbeuteten Ausrüstung schienen jeden Zweifel an einem baldigen Sieg zu zerstreuen. Und dann kam die Entscheidung, die den gesamten Verlauf des Ostfeldzugs verändern sollte. Eine Entscheidung, die nicht in Moskau fiel, sondern in Hitlers Hauptquartier. Mitte August ordnete Hitler gegen den ausdrücklichen Rat seiner wichtigsten Generäle eine folgenschwere Umleitung an. Statt den Vormarsch der Heeresgruppe Mitte direkt auf Moskau fortzusetzen, befahl er Guderians Panzergruppe, nach Süden abzudrehen, um gemeinsam mit der Heeresgruppe Süd die riesigen sowjetischen Kräfte um Kiew einzuschließen. Guderian selbst, Halder und andere hochrangige Offiziere protestierten vehement. Sie argumentierten, dass Moskau das strategische Herz der Sowjetunion sei, der Knotenpunkt des gesamten Eisenbahnnetzes und das politische Zentrum des Landes. Sein Fall, so ihre Überzeugung, hätte den Krieg im Osten entscheiden können. Doch Hitler bestand auf seinem Plan. Für ihn waren die wirtschaftlichen Ressourcen der Ukraine, die Getreidefelder, die Industrie des Donezbeckens und vor allem die Vernichtung möglichst großer sowjetischer Truppenverbände wichtiger als die Eroberung der Hauptstadt. Es war eine Entscheidung, über die Militärhistoriker bis heute streiten. Eine Entscheidung, die möglicherweise Stalins größtem Fehler ein deutsches Gegenstück an die Seite stellte. Doch zunächst schien Hitlers Plan ein triumphaler Erfolg zu werden. Ende August schwenkte Guderians Panzergruppe nach Süden, während Kleists Panzergruppe von Süden her auf Kiew vorstieß. Zwischen diesen beiden Zangen befanden sich vier komplette sowjetische Armeen, mehrere hunderttausend Mann unter dem Kommando von Generaloberst Kirponos, dem Befehlshaber der Südwestfront. Kirponos erkannte die tödliche Gefahr der doppelten Umfassung und bat Stalin wiederholt und dringend um die Erlaubnis, seine Truppen aus dem sich schließenden Kessel zurückzuziehen. Ein rechtzeitiger Rückzug hätte Hunderttausende von Soldaten gerettet und eine neue Verteidigungslinie weiter östlich ermöglicht. Doch Stalin weigerte sich. In seinem unnachgiebigen Beharren darauf, keinen Meter Boden freiwillig aufzugeben, verbot er den Rückzug und befahl, Kiew um jeden Preis zu halten. Es war derselbe tödliche Starrsinn, der bereits in den ersten Kriegswochen ganze Armeen in die Vernichtung getrieben hatte. Am 15. September schloss sich der Ring um Kiew. In den folgenden Tagen brach die Verteidigung zusammen. Generaloberst Kirponos fiel am 20. September bei einem Ausbruchsversuch. Die Verluste der Roten Armee im Kiewer Kessel waren von unfassbarem Ausmaß. Nach deutschen Angaben gerieten über 660.000 sowjetische Soldaten in Gefangenschaft. Einige Historiker halten diese Zahl für übertrieben, doch selbst konservative Schätzungen sprechen von mindestens 500.000 Gefangenen. Es war die größte Umfassungsschlacht der Kriegsgeschichte, ein Rekord, der bis heute besteht. Für Stalin war die Katastrophe von Kiew die direkte Konsequenz seiner eigenen Fehlentscheidung. Doch wie so oft gab er anderen die Schuld. Gleichzeitig formalisierte Stalin seine Politik des unbedingten Ausharrens in einem Dokument, das zum Symbol der rücksichtslosen sowjetischen Kriegsführung werden sollte. Bereits am 16. August hatte er den Befehl Nummer 270 erlassen. Dieser Befehl erklärte jeden Rotarmisten, der in Gefangenschaft geriet, zum Verräter und drohte seinen Familienangehörigen mit Repressalien. Kommandeure, die sich ergaben, sollten standrechtlich erschossen werden. Die Botschaft war unmissverständlich. Kapitulation war keine Option, weder für den Einzelnen noch für ganze Einheiten. In der Praxis bedeutete dies, dass sowjetische Soldaten, die in aussichtslosen Situationen gefangen genommen wurden, nicht als Kriegsgefangene betrachtet wurden, sondern als Verräter, deren Familien bestraft werden konnten. Es war ein Befehl von zynischer Grausamkeit, der die Soldaten der Roten Armee zwischen zwei Todeszonen einklemmte. Vor ihnen die Wehrmacht, hinter ihnen die eigene Staatsgewalt. Und doch trug dieser Befehl paradoxerweise auch dazu bei, den Widerstand zu verstärken. Denn wenn Kapitulation schlimmer war als der Tod, dann blieb den Soldaten nur der Kampf. Ein deutscher Oberleutnant der 17. Panzerdivision, der am Vormarsch auf Kiew teilnahm, hielt in seinem Tagebuch eine Szene fest, die ihn offensichtlich tief beeindruckt hatte. Er beschrieb, wie seine Kompanie in einem Waldstück südöstlich von Kiew auf eine Gruppe eingekesselter sowjetischer Soldaten stieß, vielleicht 50 oder 60 Mann, ohne schwere Waffen, ohne Munition für mehr als wenige Minuten Gefecht. Jede vernünftige militärische Logik hätte ihnen geraten, sich zu ergeben. Stattdessen griffen sie an, mit aufgepflanztem Bajonett, über offenes Feld gegen Maschinengewehre und Panzer. Es dauerte keine drei Minuten. Danach lagen sie alle auf dem Feld. Der Oberleutnant schrieb, dass seine Männer danach lange geschwiegen hätten und dass ihn dieser Anblick mehr verstört habe als alles, was er zuvor im Krieg gesehen hatte. Er schrieb, dass er in diesem Moment begonnen habe zu verstehen, dass dieser Krieg anders sein würde als alles, worauf sie vorbereitet worden waren. Nach dem Fall von Kiew wandte sich die Wehrmacht endlich wieder ihrem eigentlichen Ziel zu, Moskau. Anfang Oktober startete die Heeresgruppe Mitte die Operation Taifun