Tagebuch eines deutschen Soldaten enthüllt die Hölle nach Stalingrad – Die erschütternden Aufzeichnungen des Martin Adler über Hunger, Kälte und den Tod eines jungen Kameraden
Die Nachkriegszeit hat viele Zeugnisse hervorgebracht, doch selten wurde die innere Zerrüttung eines Soldaten so ungeschönt und literarisch dicht festgehalten wie in den Tagebüchern des Martin Adler. Ein neu veröffentlichtes Hörbuchkapitel, das nun der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, zeichnet ein erschütterndes Bild der Zeit nach der deutschen Kapitulation in Stalingrad. Es ist das Kapitel 17, betitelt “Müdigkeit”, und es schildert einen Zustand des seelischen und körperlichen Verfalls, der die übliche Kriegspropaganda der damaligen Zeit Lügen straft. Adler beschreibt eine Erschöpfung, die nicht mehr durch Schlaf zu heilen war, eine tiefe, ausgebrannte Mattigkeit, die Leib, Seele und Geist ergriffen hatte. Es war die Müdigkeit des Krieges selbst, eine Erkenntnis der Sinnlosigkeit, die sich wie ein graues Band über die Erinnerung legte.
Die Aufzeichnungen beginnen mit einer schonungslosen Analyse des eigenen Zustands. Adler schreibt von einem Verlust des inneren Antriebs, der Hoffnung und des Glaubens, der einen Menschen vorwärts treibt. Diese neue Erschöpfung, so hält er fest, war seelischer Natur und ließ sich durch keine Ruhe heilen, denn sie kam aus dem Innersten. Es war die Erkenntnis, für eine verlorene Sache zu kämpfen, dass alles Leiden umsonst war. Der Soldat beobachtete an sich und seinen Kameraden, wie die Müdigkeit das Feuer in ihnen löschte, das sie in den ersten Jahren noch getragen hatte, mochte es auch ein finsteres Feuer gewesen sein. An seine Stelle trat eine dumpfe, gleichgültige Ergebenheit, ein bloßes Funktionieren ohne inneren Anteil, ohne Hoffnung und beinahe ohne Furcht, denn auch die Furcht erlahmt, wenn die Erschöpfung tief genug ist.
Besonders bemerkenswert ist Adlers Schilderung des Feldwebels Weiß, der als Fels der Einheit galt. Adler sah, dass auch dieser erfahrene Unteroffizier müde geworden war, dass auch in ihm das Feuer schwächer brannte. Diese Erkenntnis beunruhigte den Tagebuchschreiber mehr als alles andere, denn wenn der Fels zu bröckeln begann, war es schlimm um die Truppe bestellt. In dieser Zeit der großen Erschöpfung begann Adler, sich an die kleinen Dinge zu klammern, an die kleinen Freuden und Tröstungen des Alltags. Er lernte, dass man, um zu überleben, nicht an die großen Dinge denken durfte, nicht an den Krieg, nicht an die Zukunft, sondern sich auf das Nächste beschränken musste: den nächsten Tag, eine warme Mahlzeit, eine ruhige Nacht, einen Brief von zu Hause.
Diese kleinen Dinge wurden zu Ankern, an denen er sich festhielt, um nicht von der Strömung der Verzweiflung fortgeschwemmt zu werden. Adler klammerte sich an seinen Kameraden Otto, an dessen treue Gegenwart, an den jungen Fritz, um den er wachte, und an Lindner, mit dem er über die tiefen Dinge sprechen konnte. Die Erinnerung an die Heimat, die Briefe seiner Mutter und Karls Gedichtband, den er noch immer bei sich trug, waren die letzten Stützen. In dieser äußersten Erschöpfung begriff Adler, dass es nicht die großen Ideen sind, die einen Menschen am Leben halten, sondern die kleinen menschlichen Bindungen, die Liebe, die Freundschaft, die Erinnerung. Diese, so schreibt er, sind das Letzte und Wahrste, was bleibt, wenn alles andere zusammenbricht.
Zur Erschöpfung gesellte sich der Hunger, ein ständiger nagender Hunger, der die Männer nicht mehr verließ. Der Nachschub, ohnehin nie reichlich, wurde immer spärlicher, je weiter der Krieg fortschritt. Die langen, gefährdeten Nachschubwege durch das von Partisanen durchsetzte Land brachten oft nicht heran, was die Truppe brauchte. Adler beschreibt einen zähen Hunger, der an den Kräften zehrte und das Denken und Fühlen beherrschte. Das Essen wurde zum beherrschenden Thema der Tage und Gespräche. Die Männer träumten von den Mahlzeiten der Heimat, vom Braten am Sonntag, vom frischen Brot, nach dem sie sich mit einer qualvollen Sehnsucht verzehrten.
Der Tagebuchschreiber begriff, dass der Hunger den Menschen auf eine elementare, beschämende Weise zum Tier macht, dass er alle höheren Regungen verdrängt und den Geist auf die nackte Nahrungssuche reduziert. Die Soldaten behalfen sich, wie sie konnten, plünderten Dörfer, gruben nach vergrabenen Vorräten und schlachteten gefallene Pferde. In besonders schlimmen Zeiten aßen sie, was sonst kein Mensch isst, gruben nach Wurzeln und kochten Suppen aus dem, was die Steppe hergab. Adler schämte sich oft des Hungers und dessen, wozu er ihn trieb, denn er erinnerte sich an die Bäuerin, deren Vorräte sie geplündert hatten, und an das Elend, das sie über die russischen Bauern gebracht hatten.
Der junge Fritz litt unter dem Hunger besonders, da sein junger Körper im Wachstum mehr Nahrung brauchte. Adler sah, wie der Junge abmagerte, wie seine Wangen einfielen und die kindliche Rundung aus seinem Gesicht wich. Er teilte mit ihm, was er hatte, gab ihm oft von seiner eigenen kärglichen Ration ab, denn er konnte den Anblick seines Hungers nicht ertragen. Auch Otto tat dasselbe, und so versuchten sie, den Jungen durchzubringen, ihn auf Kosten ihrer eigenen Kraft zu nähren. Der Hunger und die Erschöpfung machten die Männer anfällig für Krankheiten, für all die Seuchen, die in solchen Zeiten gedeihen.
Die Ruhr und das Fleckfieber, das die Läuse übertrugen, wüteten unter den Soldaten. Männer starben an diesen Krankheiten, dahingerafft von ihren geschwächten Leibern. Josef Lindner kämpfte einen aussichtslosen Kampf gegen diese Seuchen ohne die Mittel, ohne die Medikamente, die er gebraucht hätte. Er konnte oft nur zusehen, wie die Männer starben, und das zehrte an ihm. Adler erinnert sich an diese Zeit als an eine der dunkelsten, in der sich das Leben auf den nackten Kampf ums Dasein reduziert hatte, auf Hunger, Krankheit, Kälte und Erschöpfung. Eine Zeit, in der das Menschliche zu erlöschen drohte.

Doch gerade in dieser tiefsten Not zeigte sich für Adler auch die Größe des Menschen. Er sah, wie Männer, die selbst am Verhungern waren, mit anderen teilten, wie der Stärkere den Schwächeren stützte. Er begriff, dass dies das Höchste war, was der Mensch vermag: in der äußersten Not noch Mensch zu bleiben, noch zu lieben, noch zu teilen, noch dem anderen beizustehen. Diese Erkenntnis war ein Licht in der Finsternis jener hungernden, sterbenden Zeit. Der zweite Kriegswinter im Osten, der auf Stalingrad folgte, war für Adler womöglich noch bitterer als der erste, nicht wegen der Kälte, sondern weil die Männer ihr nun mit gebrochenem Geist begegneten.
Die Kälte machte den Krieg zu einer doppelten Qual, denn zu der Gefahr durch den Feind kam die Gefahr durch den Frost. Die Soldaten mussten kämpfen und zugleich nicht erfrieren. Adler beschreibt die endlosen Nächte, die kurzen fahlen Tage, die ewige Dämmerung und das ständige Frieren, das die Männer nie verließ. Die Sehnsucht nach Wärme, nach Licht, nach Sonne quälte sie wie eine Krankheit. In Erdbunkern, die sie tief in den gefrorenen Boden gegraben hatten, drängten sie sich um kleine Öfen, und die Wärme wurde zum kostbarsten Gut, um das gestritten wurde.
In jenem Winter wäre Adler beinahe selbst dem Frost erlegen. Nach einer Nachtwache in einem Schneesturm war er so durchgefroren, dass er kaum noch gehen konnte, und in ihm regte sich das trügerische Verlangen, sich niederzulegen und zu schlafen. Nur sein Kamerad Otto, der sich um ihn sorgte und nach ihm suchte, rettete ihm das Leben. Er rüttelte ihn, schlug ihm ins Gesicht, zwang ihn aufzustehen und zerrte ihn zum Ofen, wo er seine starren Glieder rieb, bis das Leben schmerzhaft in sie zurückkehrte. Adler begriff aufs Neue, dass die Bindung zwischen ihnen sie am Leben hielt.
Der Winter nach Stalingrad forderte seinen Tribut und nahm den Männern einen nach dem anderen durch Frost, Krankheit und Gefechte. In dieser Zeit erlitt Adler einen Verlust, der ihn tiefer traf als die meisten. Der junge Fritz, den er beschützt, gelehrt und lieb gewonnen hatte wie einen jüngeren Bruder, wurde ihm genommen. Bei einem Rückzugsgefecht wurde Fritz von einer Granate getroffen. Adler war bei ihm, als es geschah, und stürzte zu ihm. Lindner kam, doch ein Blick genügte ihm, um zu erkennen, dass keine Hilfe mehr war.
Adler kniete bei Fritz im Schnee und hielt ihn in den Armen. Der Junge sah ihn an mit seinen von Schmerz und Furcht geweiteten Augen, rief seinen Namen und bat ihn, ihn nicht allein zu lassen. Adler versprach es ihm, blieb bei ihm und sprach ihm zu, log ihm vor, dass alles gut werde, all die tröstlichen Lügen, die man einem Sterbenden sagt. Fritz klammerte sich an ihn und weinte, und er rief nach seiner Mutter, wie sie alle nach ihrer Mutter rufen am Ende. Adler brach das Herz, denn er konnte nichts tun, nichts als ihn zu halten und bei ihm zu sein in seiner letzten Stunde.
Fritz starb gegen Abend, als die Sonne unterging und die Steppe sich im letzten Licht rötete. Seine letzten Worte galten seiner Mutter, und dann erlosch das Leben in seinen Augen. Adler hielt ihn noch lange, nachdem er tot war, und konnte ihn nicht loslassen. Otto musste ihn schließlich sanft von ihm lösen. Adler war wie betäubt, wie versteinert, und er weinte nicht einmal, denn der Schmerz war zu groß für Tränen. Sie begruben Fritz am nächsten Morgen in der gefrorenen Erde, und Adler bestand darauf, ein ordentliches Grab auszuheben.
Nach Fritzens Tod versank Adler in eine tiefe Schwermut, eine dunkle Verzweiflung. Er machte sich Vorwürfe, quälte sich mit der Frage, ob er den Jungen nicht hätte retten können. Otto und Lindner versuchten ihn zu trösten, sagten ihm, dass es nicht seine Schuld sei, dass niemand im Krieg den anderen wahrhaft beschützen könne. Adler wusste, dass sie recht hatten, doch es half ihm nicht. Der Verlust dieses Jungen, an den er sein Herz gehängt hatte, riss eine Wunde, die nicht heilen wollte. Er begriff aufs Neue, dass dies das Grausamste am Krieg war: dass er einem die nahm, die man liebte, einen nach dem anderen.
Die Aufzeichnungen enden mit einem Tagebucheintrag vom März 1943. Adlers Hand versagte ihm, als er schrieb: “Fritz ist tot.” Er notierte die letzten Augenblicke, die Granate, den hilflosen Lindner, das Versprechen, den Jungen nicht allein zu lassen. Er schrieb von der untergehenden Sonne und den letzten Worten, die der Mutter galten. “Ich wollte ihn beschützen”, schrieb er, “vom ersten Tag an. Und doch konnte ich ihn nicht retten. Ich habe versagt.” Er sprach von den Gräbern, die er hinterlassen würde, von Karl, von Fritz, und von der Angst, wer als nächstes kommen würde. “Wenn ich überlebe”, schrieb er, “bleibe ich allein zurück unter lauter Gräbern.”

