Der legendäre Jagdflieger Oberst Günter Lützow, einer der höchstdekorierten Piloten der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg, ist am 24. April 1945 bei einem Einsatz mit dem revolutionären Düsenjäger Messerschmitt Me 262 im Raum zwischen Ingolstadt und Donauwörth ums Leben gekommen. Sein Schicksal galt jahrzehntelang als ungeklärt, doch neue Erkenntnisse lokalisieren die wahrscheinliche Absturzstelle im östlichen Landkreis Kelheim.

Lützow, geboren in Kiel als Sohn eines Seeoffiziers, der bis zum Vizeadmiral aufstieg, durchlief eine außergewöhnliche militärische Laufbahn. Nach seiner Ausbildung an der Verkehrsfliegerschule Schleißheim und geheimer fliegerischer Schulung in der Sowjetunion trat er 1934 als Leutnant zur Luftwaffe über und kam zum Jagdgeschwader Richthofen nach Döberitz.
Seine erste Feuerprobe bestand er bei der Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg. Dort erhielt er einen Streifschuss am Schienbein, während ein anderes Geschoss, das ihn vermutlich getötet hätte, im Steuerknüppel seiner Maschine stecken blieb. Für seine Leistungen wurde ihm das goldene Spanienkreuz mit Brillanten verliehen.
Bei Kriegsausbruch 1939 übernahm Hauptmann Lützow als Gruppenkommandeur das Jagdgeschwader 3 in Bernburg. Mit diesem Verband verband sich sein großer fliegerischer Ruhm an West- und Ostfront. Bereits im Mai 1940 meldete er aus Frankreich, dass seine Gruppe 50 feindliche Flugzeuge abgeschossen habe, wobei er selbst an fünf Luftsiegen beteiligt war.
Am 19. September 1940 wurde ihm das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen, nachdem seine Gruppe insgesamt 128 Abschüsse erzielt hatte. In der Luftschlacht um England zeichnete er sich durch besondere Kühnheit aus.
Über London schoss er an einem einzigen Einsatz zwei englische Jäger des damals neuesten Baumusters Defiant ab.
Als das Jagdgeschwader 3 einen neuen Kommodore benötigte, fiel die Wahl auf Major Lützow. Sein Name erschien in Zeitungen und Wehrmachtsberichten. Doch trotz seines Ruhmes blieb er ein bescheidener Mann, der das Wohl seiner Untergebenen stets in den Vordergrund stellte und Gemeinschaftserfolge über persönliche Triumphe stellte.

Im Russlandfeldzug feierte das Jagdgeschwader 3 unter seiner Führung große Triumphe. Am 28. Juli 1941 schoss es innerhalb von 15 Minuten 28 russische Bomber ab.
Major Lützow errang südlich von Kiew seinen 40. Luftsieg und erhielt das Eichenlaub zum Ritterkreuz. Nach vierwöchigem Osteinsatz hatte sein Geschwader allein 683 russische Flugzeuge vernichtet.
Am 12. Oktober 1941 wurde ihm als viertem Jagdflieger nach Galland, Mölders und Oesau die Schwerter zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub verliehen. Der Wehrmachtsbericht vom 25.
Oktober 1941 meldete seinen 101. Luftsieg. Er war der erste, der nach Mölders diese Abschussziffer erreichte.
Doch der Kelch der Freude enthielt einen Wermutstropfen: Startverbot für Feindflüge wurde ihm auferlegt. Die Beförderung zum Oberstleutnant sollte ein Pflaster auf die Wunde sein. Im September 1942 holte ihn General Adolf Galland in seinen Stab und machte ihn zum Inspekteur der Tagjäger.
Anfang 1944 übernahm Lützow als Oberst das Kommando der 4. Flieger-Schuldivision in Gatow. Als kluger und nüchtern urteilender Mensch erkannte er die katastrophale Lage der deutschen Luftwaffe.
Eine tiefe Missstimmung gegen Hermann Göring als Oberbefehlshaber griff immer mehr um sich.

Als Galland ohne Ernennung eines Nachfolgers beurlaubt wurde, war das Maß des Erträglichen voll. Lützow traf sich mit einer Anzahl von Geschwaderkommodoren zu einer ernsten Beratung. Sie gelangten zu der Ansicht, dass es so nicht weitergehen könne.
General Koller und Generaloberst Ritter von Greim erreichten, dass Göring eine Abordnung der Jagdwaffe empfing.
Ihr Sprecher war Oberst Lützow. Mit schonungsloser Offenheit unterrichtete er Göring über den kaum noch zu übertreffenden Ernst der Lage. Göring reagierte mit der Einberufung einer Versammlung aller erreichbaren Jagdgeschwaderkommodore im Haus der Flieger in Berlin.
Lützow hatte in Form einer Denkschrift Vorschläge und Forderungen der Jagdwaffe formuliert. Sie bezogen sich auf den überwiegenden Einfluss der Bomberführer, die Ausrüstung der Jagdwaffe mit der Me 262, unerfüllbare Forderungen für den Schlechtwettereinsatz und die Beschimpfung der Jagdwaffe durch den Oberbefehlshaber.
Lützows Vorschläge und Kritik schlugen wie eine Bombe ein. Göring beendete die Sitzung, bezeichnete das Vorgehen der Jäger als Meuterei und verließ den Raum mit den an Lützow gerichteten Worten: “Ich lasse Sie füsilieren.” Mit steinernem Gesicht nahm Lützow den Ausspruch seines Oberbefehlshabers hin.
Er wurde nicht füsiliert, aber zum Jagdfliegerführer Italien ernannt und musste innerhalb von 24 Stunden das Reichsgebiet verlassen. Man beobachtete ihn scharf und überwachte sein Telefon. Ende März 1945 holte ihn Generalleutnant Adolf Galland in den Jagdverband JV44, eine Einheit aus Turbojägern.

Am Nachmittag des 24. April 1945 verschwand Günter Lützow bei einem Einsatz mit der Me 262 in der Gegend um Ingolstadt und Donauwörth. Am Morgen hatte er noch einen Luftsieg über einen Bomber vom Typ B-26 Marauder gemeldet.
Nachmittags griff er mit anderen Me 262 einen weiteren Bomberverband an.
In dem sich entwickelnden Luftkampf ging Lützow in einen Sturzflug, den er nicht mehr abfangen konnte. Die Maschine schlug in den Boden und explodierte. Sowohl die Suche seiner Kameraden als auch die der US-amerikanischen Streitkräfte nach der Absturzstelle blieben erfolglos.
Erst Jahrzehnte später konnte die wahrscheinliche Absturzstelle im östlichen Landkreis Kelheim lokalisiert werden. Neben verschiedenen Teilen einer Me 262 wurde auch ein silbernes Zigarettenetui mit Widmung gefunden. Dies untermauert die Identität des Fundortes.
Adolf Galland sagte voller Trauer: “Wir hoffen noch lange über das Kriegsende hinaus, dass dieser hervorragende Mensch und Offizier nicht für immer von uns gegangen wäre.” Erfüllt hatte sich, was Lützow selbst oft sagte: “So viel Glück, das kann ich gehen. Eines Tages wird es auch bei mir einschlagen.”
Trauer empfanden alle, die einmal mit ihm zusammengekommen waren, die seine große Güte und Menschlichkeit empfunden hatten. In allen Dingen und bei allen Menschen sah er zuerst das Gute. Er hatte nur Freunde.
Sein Andenken wird in der Geschichte der deutschen Jagdfliegerei fortleben.