Frauen in Uniform – Kampftruppe an der Front – Was stimmt wirklich ?

Frauen in Uniform - Kampftruppe an der Front - Was stimmt wirklich ?

München/Tirol – Die Diskussion um Frauen in Kampftruppen und an der Front ist so alt wie das Militär selbst, doch selten wurde sie so differenziert beleuchtet wie in einer aktuellen historischen Aufarbeitung. Während heute Frauen in vielen Streitkräften zum normalen Bild gehören, war der militärische Dienst über Jahrhunderte fast ausschließlich Männern vorbehalten. Wer als Frau kämpfen wollte, musste eine Grenze überschreiten, die weit über den Wechsel der Kleidung hinausging: Haare wurden abgeschnitten, Namen geändert, Stimmen verstellt und die eigene Identität verborgen.

Einige dieser Frauen dienten nur wenige Wochen, andere Jahre lang. Manche wurden verwundet, ausgezeichnet oder befördert, bevor ihr Geheimnis aufflog.

Die Motive der Frauen, die sich in Männerkleidung begaben, waren so unterschiedlich wie ihre Lebenswege. Patriotismus spielte ebenso eine Rolle wie Abenteuerlust, wirtschaftliche Not, der Wunsch nach gesellschaftlicher Unabhängigkeit oder die Absicht, einem Angehörigen zu folgen. Bei manchen historischen Personen ist laut moderner Forschung außerdem Vorsicht angebracht: Wir können nicht automatisch wissen, wie sie selbst ihre Geschlechtsidentität verstanden.

Ältere Quellen bezeichnen sie schlicht als Frauen in Männerkleidung, obwohl ihre Selbstwahrnehmung komplizierter gewesen sein konnte.

Eine der ungewöhnlichsten Geschichten führt nicht auf ein Schlachtfeld, sondern auf eine Alm in Tirol. Dort lebte während des Zweiten Weltkrieges ausgerechnet eine der bekanntesten deutschen Komikerinnen zeitweise unter Gebirgsjägern: Lisel Karlstadt, die berühmte Partnerin Karl Valentins. Ihre Geschichte ähnelt auf den ersten Blick den Erzählungen verkleideter Soldatinnen und ist doch völlig anders.

Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein waren reguläre Armeen nach Geschlechtern klar getrennte Welten. Frauen begleiteten Heere zwar seit Jahrhunderten als Marketenderinnen, Wäscherinnen, Krankenschwestern oder Angehörige.

Der bewaffnete Soldat dagegen wurde als männliche Rolle verstanden. Genau deshalb konnte eine Männeridentität für Frauen zum Eintrittsticket in einen Bereich werden, der ihnen offiziell verschlossen war.

Das funktionierte eher, als man heute vermuten würde. Vor moderner Personalverwaltung gab es weder digitale Register noch einheitliche Ausweise. In Zeiten schneller Mobilmachung konnten Rekruten teilweise nur oberflächlich untersucht werden.

Uniformen glichen Körperformen an, Privatsphäre war ohnehin knapp und Schamgrenzen im Lager konnten mit etwas Geschick umgangen werden. Dennoch blieb die Tarnung riskant. Verwundung, Krankheiten oder medizinische Untersuchungen führten immer wieder zur Entdeckung.

Dabei sollten diese Geschichten nicht romantisiert werden. Militärdienst bedeutete Hunger, Krankheiten, Gewalt und ein hohes Todesrisiko. Wer zusätzlich die eigene Identität verbergen musste, lebte unter ständigem Druck.

Auch die Quellenlage stellt Historiker vor Probleme. Viele Fälle wurden erst bekannt, nachdem die betreffende Person verwundet, enttarnt oder später selbst öffentlich aufgetreten war. Wer ein ganzes Soldatenleben unerkannt blieb, hinterließ dagegen möglicherweise überhaupt keinen Hinweis.

Deshalb lässt sich die tatsächliche Zahl solcher Fälle kaum bestimmen. Sicher ist nur, dass sie keineswegs auf ein einziges Land oder eine bestimmte Epoche beschränkt waren. Hinzu kommt, dass spätere Erzählungen aus realen Menschen häufig nationale Symbolfiguren machten.

Besonders tapfere Soldatinnen eigneten sich hervorragend für patriotische Legenden. Dadurch wurden einzelne Lebensläufe ausgeschmückt, vereinfacht oder nachträglich moralisch gedeutet.

Ein bekanntes britisches Beispiel ist Hannah Snell. Mitte des 18. Jahrhunderts nahm sie eine männliche Identität an und diente schließlich als Marineinfanteristin.

Das britische National Army Museum führt sie als eine jener Frauen, die in Männerkleidung Militärdienst leisteten. Snell nahm unter anderem an Kämpfen in Indien teil. Nach ihrer Rückkehr wurde ihre Geschichte öffentlich bekannt und machte sie zeitweise zu einer Berühmtheit.

Auch im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gab es vergleichbare Fälle. Deborah Sampson aus Massachusetts trat unter dem Namen Robert Shirtliff in die Kontinentalarmee ein. Sie nahm an Gefechten teil und wurde verwundet.

Besonders bekannt ist die Überlieferung, dass sie eine Musketenkugel selbst aus ihrem Bein entfernte, um bei einer Behandlung nicht enttarnt zu werden.

Beide Geschichten zeigen ein wiederkehrendes Muster: Nicht die körperliche Fähigkeit zum Militärdienst war das entscheidende Hindernis, sondern die gesellschaftliche und institutionelle Regel, dass Soldaten Männer zu sein hatten. Auch in den deutschen Staaten wurden während der Kriege gegen Napoleon Frauen bekannt, die als Männer in den Kampf zogen. Besonders berühmt wurde Eleonore Prochaska.

Sie stammte aus Potsdam und wuchs zeitweise im Großen Militärwaisenhaus auf. 1813 trat sie unter dem Namen August Renz dem Lützowschen Freikorps bei. Ihre Tarnung ermöglichte ihr, als Soldat an den Befreiungskriegen teilzunehmen.

In einem Gefecht wurde sie schwer verwundet und starb kurze Zeit später. Nach ihrem Tod wurde sie zur patriotischen Heldengestalt stilisiert.

Noch bemerkenswerter verlief die Laufbahn Friederike Krügers. Sie trat 1813 unter männlichem Namen in ein preußisches Infanterieregiment ein. Nachdem ihr Geschlecht bekannt geworden war, durfte sie weiterdienen.

Krüger wurde zum Unteroffizier befördert und erhielt militärische Auszeichnungen, darunter das Eiserne Kreuz. Damit verwandelte sich eine zunächst heimliche Grenzüberschreitung in einen offen akzeptierten Ausnahmefall. Gerade an diesen beiden Biografien erkennt man einen Widerspruch ihrer Zeit: Frauen sollten eigentlich nicht kämpfen.

Hatten sie aber einmal Mut und militärische Leistung bewiesen, konnten dieselben Gesellschaften sie anschließend als patriotische Heldinnen feiern.

Das Phänomen war keineswegs auf Deutschland oder Großbritannien beschränkt. Im russischen Reich diente zu Beginn des 19. Jahrhunderts Nadeschda Durowa in der Kavallerie.

Unter männlichem Namen nahm sie an den Napoleonischen Kriegen teil und wurde Offizier. Ihre später veröffentlichten Erinnerungen machen sie zu einer der bekanntesten militärischen Persönlichkeiten dieser Art. Neuere Forschung weist allerdings darauf hin, dass ihre Identität nicht vorschnell nur als zeitweilige Verkleidung einer Frau verstanden werden sollte.

In den Vereinigten Staaten trat Cathay Williams 1866 unter dem Namen William Cathay in die Armee ein. Sie war zuvor Sklavin gewesen und gilt als einzige dokumentierte Frau, die als Mann verkleidet bei den sogenannten Buffalo Soldiers diente.

Erst gesundheitliche Probleme führten dazu, dass ihre Identität festgestellt wurde. Jahrzehnte später beantragte sie eine Invalidenpension, die ihr verweigert wurde. Ein weiteres außergewöhnliches Beispiel ist die Serbin Milunka Savić.

Während der Balkankriege zog sie zunächst in Männerkleidung in den Krieg. Nachdem sie verwundet und enttarnt worden war, durfte sie weiterkämpfen. Im Ersten Weltkrieg wurde sie zu einer hochdekorierten Soldatin.

Ihre Geschichte zeigt, dass die Entdeckung nicht zwangsläufig das Ende der militärischen Laufbahn bedeutete, wenn eine Armee auf die bereits bewiesene Leistung nicht verzichten wollte.

Doch zurück zu Lisel Karlstadt. Mit diesen kämpfenden Soldatinnen im Hintergrund wirkte ihr Fall zunächst fast wie eine Fortsetzung derselben Tradition. Tatsächlich muss man ihn genauer betrachten.

Lisel Karlstadt wurde 1892 in München als Elisabeth Wellano geboren. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen, war musikalisch begabt und kam früh zu den Münchner Volkssängern. 1911 begegnete sie Karl Valentin.

Aus der Zusammenarbeit entstand eines der berühmtesten Komikerduos des deutschen Sprachraumes. Karlstadt war weit mehr als Valentins Stichwortgeberin. Sie wirkte an Texten und Szenen mit, organisierte und spielte eine enorme Bandbreite von Rollen.

Gerade männliche Figuren gehörten selbstverständlich zu ihrem Bühnenrepertoire.

Sie trat etwa als Kapellmeister, Firmling oder Trommlerbub auf. Das Spiel mit Geschlechterrollen war für sie also lange vor ihrem Aufenthalt bei den Gebirgsjägern Teil ihrer künstlerischen Arbeit. Doch die Zusammenarbeit mit Valentin hatte eine dunkle Seite.

Karlstadt war beruflich und emotional stark an ihn gebunden. Als Valentins Panoptikum-Projekt Mitte der 1930er Jahre finanziell scheiterte und auch Karlstadts Geld verloren ging, verschärfte sich ihre Krise. 1935 unternahm sie einen Suizidversuch und musste längere Zeit behandelt werden.

Weitere schwere gesundheitliche Rückschläge folgten. 1941 suchte Karlstadt Abstand von München, vom Theaterleben und von Karl Valentin.

In Ehrwald am Fuß der Zugspitze begegnete sie Gebirgsjägern, die auf der Ehrwalder Alm mit Maultieren arbeiteten. Für Gebirgstruppen waren diese Tiere von großer Bedeutung. Sie konnten Lasten, Verpflegung und Material über Wege transportieren, auf denen Fahrzeuge nicht weiterkamen.

Karlstadt freundete sich mit den Soldaten und besonders mit den Mulis an. Aus einem Aufenthalt in den Bergen entwickelte sich eine außergewöhnliche Lebensphase. Das Valentin-Karlstadt-Museum datiert zahlreiche Fotografien von ihr auf der Ehrwalder Alm in die Jahre 1941 bis 1943.

Auf den Bildern erscheint sie in Uniform, teilweise gemeinsam mit Maultieren. Eines ihrer Lieblingstiere hieß Panther.

Der Bayerische Rundfunk beschreibt, dass Karlstadt als einzige Frau unter den Soldaten lebte und die Gebirgsjäger ihr den Namen Gustav gaben, um der eigentlich verbotenen Situation einen offiziellen Anstrich zu verleihen. In anderen Überlieferungen erscheint sie als Gefreiter Gustel, Obergefreiter Gustav oder sogar als Stabsgefreiter. Schon diese unterschiedlichen Bezeichnungen zeigen, dass man mit dem Begriff eines regulären militärischen Dienstgrades vorsichtig umgehen sollte.

Genau hier liegt der spannendste Punkt ihrer Geschichte. Lisel Karlstadt war keine Frontsoldatin, die heimlich in die Wehrmacht eingetreten war. Ihre männliche Identität wurde nicht benutzt, um Kameraden dauerhaft über ihr Geschlecht zu täuschen.

Die Soldaten, mit denen sie zusammenlebte, wussten offenbar, wer sie war. Vielmehr schufen Uniform und Männername eine Art Schutzrolle, durch die sie in die Gemeinschaft einer militärischen Einheit integriert werden konnte. Karlstadt arbeitete als Maultiertreiberin und beteiligte sich am Alltag auf der Alm.

Das Valentin-Karlstadt-Museum bezeichnet sie ausdrücklich als einzigen weiblichen Maultiertreiber in Uniform. Die Tätigkeit war militärisch nützlich, aber sie unterschied sich grundlegend vom bewaffneten Fronteinsatz einer Prochaska oder Krüger. Der Unterschied wird noch deutlicher, wenn man den allgemeinen Einsatz von Frauen in der Wehrmacht betrachtet.

Nach Angaben des Bundesarchivs wurden während des Zweiten Weltkrieges etwa 450. 000 Frauen als Wehrmachthelferinnen eingesetzt, etwa im Nachrichtenwesen, in Stäben, bei der Flugmeldung oder in anderen Unterstützungsfunktionen.

Frauen im militärischen Umfeld waren also keineswegs unbekannt. Karlstadts Sonderfall bestand darin, dass sie innerhalb einer männlichen Gebirgsjägermannschaft lebte, Uniform trug und eine männliche soldatische Rolle annahm. Für Karlstadt hatte diese Rolle offenbar weniger mit Kriegslust als mit Rückzug zu tun.

Die Berge, die Tiere, körperliche Arbeit und die Gemeinschaft gaben ihrem Alltag eine neue Struktur. Das Museum beschreibt die Jahre auf der Alm ausdrücklich als Phase der Erholung nach schweren psychischen und körperlichen Krisen. Vielleicht war gerade Lisel Karlstadts Bühnenerfahrung entscheidend dafür, wie selbstverständlich sie in diese Rolle schlüpfen konnte.

Jahrzehntelang hatte sie auf der Bühne Männer gespielt. Nun wurde aus dem Spiel für eine Zeitlang Alltag.

Trotzdem wäre es falsch, daraus einfach eine weitere Heldengeschichte über eine heimliche Soldatin zu machen. Ihre Geschichte erzählt vielmehr davon, wie flexibel Identität in einer extrem starren Gesellschaft sein konnte. Das NS-Regime propagierte klare Vorstellungen von Männlichkeit, Weiblichkeit und militärischer Ordnung.

Gleichzeitig entstanden im Kriegsalltag pragmatische Ausnahmen. Eine bekannte Komikerin konnte offenbar mit Wissen und Unterstützung von Soldaten eine männlich codierte Rolle in ihrem Verband übernehmen, obwohl genau das eigentlich nicht vorgesehen war. Dadurch unterschied sich Karlstadt von vielen Frauen früherer Jahrhunderte.

Deborah Sampson oder Eleonore Prochaska mussten ihre Identität verbergen, weil ihre Entdeckung den Militärdienst gefährdete. Bei Karlstadt war das Geheimnis innerhalb der Gruppe kaum eines. Die Verkleidung diente weniger der Täuschung als der Einpassung in eine Männerwelt.

Die Geschichte verkleideter Soldatinnen ist keine Randnotiz. Sie macht sichtbar, wie Militärdienst über Jahrhunderte mit Vorstellungen von Geschlecht verbunden war. Frauen wie Hannah Snell, Deborah Sampson, Eleonore Prochaska, Friederike Krüger, Cathay Williams oder Milunka Savić bewiesen, dass die angeblich natürliche Grenze zwischen männlichem Soldaten und weiblicher Zivilistin in Wirklichkeit gesellschaftlich gezogen wurde.

Ihre Motive waren verschieden, ebenso ihre Lebenswege. Manche suchten Abenteuer oder Unabhängigkeit. Andere handelten aus Patriotismus, familiärer Loyalität oder wirtschaftlicher Not.

Manche bezahlten ihren Entschluss mit dem Leben. Andere wurden nach ihrer Enttarnung ausgezeichnet.

Lisel Karlstadt nimmt in dieser Geschichte eine Sonderstellung ein. Sie zog nicht verkleidet an die Front und wurde nicht zur heimlichen Kämpferin. Doch zwischen 1941 und 1943 lebte sie zeitweise bei den Gebirgsjägern auf der Alm, arbeitete mit deren Maultieren, trug die Uniform und nahm als Gustav oder Gustel die männliche Soldatenrolle ein.

Für eine Frau, die ihr Leben lang zwischen Bühnenfiguren wechseln konnte, wurde diese Rolle zu etwas sehr Persönlichem – zu einer Möglichkeit, Abstand von ihrer bisherigen Existenz zu gewinnen und wieder Heilung zu finden. Gerade deshalb ist ihre Geschichte so bemerkenswert. Bei den verkleideten Soldatinnen früherer Jahrhunderte öffnete die Männeruniform den Weg in den Krieg.

Bei Lisel Karlstadt öffnete sie ausgerechnet einen Weg zurück ins Leben.