Tuberkulose & 10 in einem Bett: Die eklige Realität der Berliner “Mietskasernen”

Tuberkulose & 10 in einem Bett: Die eklige Realität der Berliner "Mietskasernen"

Stell dir vor, du wachst auf. Du befindest dich in einer Wohnung, die exakt drei Meter breit und vier Meter tief ist. Ein einziger Raum, zwölf Quadratmeter. Das einzige Fenster lässt sich zwar öffnen, doch es führt nicht auf eine belebte Straße, sondern auf einen Hinterhof, der so schmal und düster ist, dass die gegenüberliegende Hauswand fast greifbar nah scheint.

In diesem winzigen Zimmer schläft deine gesamte Familie: du, dein Partner und eure drei Kinder. Doch da die Miete allein euer mageres Einkommen bei Weitem übersteigt, seid ihr gezwungen, Untermieter aufzunehmen. Ihr habt zwei sogenannte Schlafgänger einquartiert – Arbeiter aus der Fabrik nebenan. Sie nutzen eure Betten tagsüber, während ihr an den Maschinen schuftet, und verlassen sie nachts, damit ihr euch hinlegen könnt. Ein Bett in dieser Wohnung wird niemals kalt, es wird niemals leer und es wird niemals gelüftet. Rund um die Uhr liegt ein menschlicher Körper darin.

Draußen auf dem engen Hinterhof steht ein einziges Plumsklosett – die einzige Toilette für 50 Familien. Wasser gibt es nur aus einem einzigen Hahn im Erdgeschoss, für den man Schlange stehen muss. Wenn es im Sommer heiß wird, verwandelt sich der Hof in eine stehende Wand aus Gestank. Und du lebst damit, weil du keine Wahl hast. Weil alle um dich herum so leben.

Das ist Berlin. Nicht das Berlin des glanzvollen Kaiserpalastes, der Prachtboulevards oder des Reichstags. Das ist das Berlin, in dem zu dieser Zeit 80 Prozent der Bevölkerung lebten. Es ist die eklige, erbarmungslose Realität der Berliner Mietskaserne.

Wir schreiben die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Berlin ist die am schnellsten wachsende Großstadt Europas. Im Jahr 1850 hatte die Stadt etwa 450.000 Einwohner – im Jahr 1900 waren es fast zwei Millionen. Innerhalb von nur fünfzig Jahren hatte sich die Bevölkerung mehr als vervierfacht.

Es war eine Völkerwanderung: Hunderttausende strömten aus den armen ländlichen Gebieten Ostpreußens, Schlesiens und Pommerns in die Metropole. Die Industrialisierung hatte diese Menschen aus ihrer traditionellen Lebensweise gerissen. Sie kamen, weil es in den Berliner Fabriken Arbeit gab, doch sie kamen ohne Wohnraum, ohne Netzwerke und ohne jegliche Rücklagen.

Sie trafen auf einen Wohnungsmarkt, der auf ihre Ankunft vorbereitet war – allerdings nicht, um ihnen zu helfen, sondern um maximal an ihrer Not zu verdienen. Der Begriff „Mietskaserne“ entstand in dieser Zeit als spöttische, bittere Ableitung von einer Militärkaserne: ein Ort, an dem Menschen in kollektiver Enge und unter strenger Disziplin zusammengepfercht werden.

Es war eine völlig neue Bauform: mehrstöckige Miethäuser, die die Grundstücke bis auf den letzten Quadratzentimeter ausnutzten. Hinter dem Vorderhaus folgten Seitenflügel und mehrere hintereinander gestaffelte Quergebäude. Die dazwischenliegenden Höfe waren oft so winzig, dass die Baupolizei lediglich vorschrieb, dass ein Feuerwehrwagen darin wenden können musste. Direktes Sonnenlicht erreichte den Boden dieser Schluchten fast nie.

Der berüchtigte Hobrechtplan von 1862 hatte die Straßenraster für die neuen Stadtteile festgelegt. Der Stadtplaner James Hobrecht war eigentlich von einer naiven, fast romantischen Vorstellung ausgegangen: Er glaubte, eine soziale Mischung sei heilsam. Im Vorderhaus sollten die Wohlhabenden wohnen, in den Hinterhäusern die Ärmeren – die räumliche Nähe sollte eine zivilisierende Wirkung entfalten. Doch die Realität überrollte diese Utopie sofort. Wer es sich leisten konnte, zog in die feinen Villenviertel im Westen; die dunklen Hinterhöfe des Nordens und Ostens blieben das Ghetto der Arbeiterklasse.

Das Problem dieser Mietskasernen war paradoxerweise nicht ein baulicher Verfall wie in heutigen Slums. Viele Gebäude waren neu, solide gemauert und besaßen ordentliche Fassaden zur Straße hin. Das eigentliche Problem war die mörderische Dichte.

Die Wohnungen in den hinteren Trakten oder in den feuchten Kellerlöchern bestanden meist aus nur ein bis zwei Räumen. Küche und Schlafzimmer waren derselbe Ort. Kochen, Essen, Schlafen, Waschen, Krankenpflege und Sterben – alles geschah auf demselben staubigen Dielenboden. Die Mieten verschlangen regelmäßig ein Drittel bis die Hälfte des Lohns eines Fabrikarbeiters. Wer nicht verhungern wollte, musste sein Bett verkaufen.

So entstand die vergessene soziale Kategorie der Schlafgänger. Meist waren es junge, ledige Männer, die frisch aus der Provinz in die Stadt gekommen waren. Sie besaßen keinen eigenen Wohnraum, sondern nur einen Schlüssel zu einer fremden Wohnung und das Recht auf ein paar Stunden Schlaf in einem bereits durchgeschwitzten Bett. Sie waren gleichzeitig anwesend und unsichtbar, Fremde im intimsten Bereich einer Familie. Für die Vermieter waren sie eine ökonomische Überlebensnotwendigkeit. Für den tödlichsten Erreger der Epoche waren sie die perfekte Brücke.

In dieser permanenten Enge fand eine Krankheit optimale Bedingungen vor, die im 19. Jahrhundert die häufigste Todesursache in den europäischen Industriestädten war: die Tuberkulose, damals treffend Schwindsucht genannt. Während die Cholera oder der Typhus plötzliche Wellen der Massenpanik auslösten, tötete die Tuberkulose leise, konstant und absolut unerbittlich. In den 1870er Jahren starben in Berlin jährlich etwa 40 von 1.000 Einwohnern an dieser Infektion. Es war keine temporäre Epidemie – es war die normale Hintergrundsterblichkeit des Alltags.

Als Robert Koch im Jahr 1882 das Mycobacterium tuberculosis entdeckte, feierte ihn die Wissenschaft. Doch die Entdeckung des Erregers änderte auf den Berliner Hinterhöfen zunächst überhaupt nichts. Denn das Problem war nicht das Unwissen über das Bakterium – das Problem war die Mietskaserne selbst. Sie war, biologisch betrachtet, eine perfekt konstruierte Maschine zur Optimierung von Infektionen:

  • Enge: Bis zu zehn Menschen drängten sich in einem einzigen kleinen Raum.

  • Dunkelheit: In den hinteren Trakten gab es kein direktes Sonnenlicht. UV-Licht jedoch tötet Tuberkulosebakterien; die permanente Finsternis der Höfe konservierte sie über Wochen.

  • Feuchtigkeit: Durch das Kochen und Wäschewaschen im selben Raum ohne Abzug stand die feuchte Luft wie im Treibhaus.

  • Erschöpfung: Mangelernährung und zwölf Stunden harte Fabrikarbeit radierten die körpereigene Immunabwehr radikal aus.

Wenn ein einziges Familienmitglied oder ein Schlafgänger anfing zu husten, war das Todesurteil für den Rest der Bewohner insgeheim unterschrieben. Die Wohnung funktionierte wie eine Petrischale, die Familie war der Nährboden.

Die Reaktion des Staates war träge. Berühmte Sozialhygieniker wie Rudolf Virchow benannten schon früh die bittere Wahrheit: Krankheit ist eine soziale Frage. Virchow prägte den berühmten Satz: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen.“ Man könne die Schwindsucht nicht mit Pillen heilen, solange man die Wohnverhältnisse der Menschen nicht veränderte. Doch die Politik zögerte, der privatwirtschaftlichen Immobilienspekulation Grenzen zu setzen.

Erst in den 1870er Jahren verbesserte sich durch den Bau der Berliner Kanalisation unter Hobrecht zumindest die gröbste sanitäre Katastrophe auf den Höfen. Der Berliner Sozialpolitiker Viktor Böhmert brachte es 1880 auf den Punkt:

„Die Wohnungsfrage ist die soziale Frage. Alles andere, Lohnfragen, Arbeitszeitfragen, ist zweitrangig, solange der Arbeiter nach einem zwölfstündigen Arbeitstag in eine Behausung zurückkehrt, die ihn krank macht, die seine Kinder krank macht.“

Erst nach der Jahrhundertwende begann die Sterblichkeitsrate merklich zu sinken – nicht durch ein medizinisches Wunder, sondern durch langsam greifende Wohnungsbaureformen, steigende Reallöhne und eine bessere Ernährung.

Bis dahin hatte die Mietskaserne jedoch Generationen von Arbeiterfamilien verschlungen. Menschen wurden in diesem einen Zimmer geboren, wuchsen darin auf, heirateten, bekamen selbst Kinder und starben schließlich an derselben Lunge, die schon ihre Eltern ausgehustet hatten.

Die Mietskaserne zerstörte zudem etwas, das moderne Menschen als Grundrecht empfinden: das Konzept der Privatsphäre. Bei zehn Menschen auf zwölf Quadratmetern gab es keine Stille, keine Einsamkeit und keine Erholung. Kinder wuchsen in der permanenten Sichtbarkeit aller menschlichen Körperfunktionen auf. Schmerz war öffentlich, Krankheit war öffentlich, das Sterben war öffentlich. Das Zimmer blieb immer gleich, nur die Gesichter wechselten. Und das Bett wurde niemals kalt.