Maren fand die Fotos in einer Schachtel oben im Schrank. Ihr Haus, aufgenommen aus verschiedenen Winkeln, bei Schnee, im Winter, Monate bevor sie Feit kennengelernt hatte. Darunter ein Zettel mit seiner Handschrift: „Werdam Havel, Siedlung am See, Haus zweistöckig, Backstein, Grundstück 2000 qm, Wert ca. 750k–850k, alleinstehend, Eltern verstorben, keine Erben, erfolgversprechende Zielperson.

“
Sie ließ sich aufs Bett sinken. Der Zettel glitt zu Boden. Sie war keine Frau für ihn. Sie war ein Jagdobjekt.
Erst vor drei Monaten hatte sie ihn im Gartencenter kennengelernt. Er war charmant, aufmerksam, wusste nichts über Blumen. Sie gab ihm ihre Nummer. Er rief an, lud sie ein, war perfekt.
Nach drei Wochen zeigte sie ihm ihr Haus – das Haus ihrer Eltern, das sie geerbt und fast hunderttausend Euro in die Renovierung gesteckt hatte. Er bewunderte jedes Detail. Er blieb über Nacht. Bald wohnte er praktisch bei ihr.
Er fragte nach ihren Finanzen, immer beiläufig. „Hast du noch Kredite? Rücklagen? “ Sie erzählte ihm von den 150.
000 Euro Erspartem. Er pfiff anerkennend. Sie dachte, es sei Vertrauen. Die erste Warnung kam, als sie zufällig eine Nachricht auf seinem Handy sah: „Na, hat sie angebissen?
Wann ist die Hochzeit? “ – von „M. “ Sie schob es beiseite. Männer scherzen so.
Die zweite: Eine Nachbarin, Frau Lehmann, hielt sie am Gartentor an. „Dein Verlobter war schon vor vier Monaten hier in der Siedlung, hat nach Häusern und Preisen gefragt, Fotos gemacht. “ Maren fragte Feit. Er lachte: „Ich hab damals nach einer Mietwohnung gesucht.
Zufall. “ Sie glaubte ihm nicht ganz. Die dritte: Ihre beste Freundin Sibille rief an. „Feit hat mich angerufen und nach deinen Finanzen ausgefragt.
Wie viel du verdienst, ob du Schulden hast, wer Erbe ist. “ Maren wurde kalt. „Er sagte, es sei eine Überraschung für die Hochzeit“, flüsterte Sibille. „Aber mir kam das komisch vor.
“ Maren schwieg. Sie beschloss, zur Wahrsagerin zu gehen, die Sibille empfohlen hatte. Frau Wagner, eine alte Frau in Berlin-Friedenau, sah ihr in die Augen. „Er ist nicht wegen der Liebe bei dir.
Er will nur dein Haus und dein Geld. “ Sie erzählte von ihrer Nichte, die einen genau solchen Mann geheiratet hatte, die Wohnung überschreiben ließ und am Ende mit Schulden und ohne alles dastand. Marens Hände zitterten. „Was soll ich tun?
“
„Prüf ihn. Finde heraus, wer er wirklich ist. Und sei vorsichtig. Solche Leute können gefährlich werden, wenn sie merken, dass man ihnen auf die Schliche kommt.
“
Maren begann zu suchen. Im Internet fand sie nichts. Sie rief in dem Planungsbüro an, bei dem Feit angeblich arbeitete. „Einen Herrn Schneider haben wir hier nie gehabt.
“ Sie rief Sibille an, die eine Freundin bei der Polizei hatte. Zwei Tage später kam die Antwort: „Mareike, der Ausweis ist eine Fälschung. Den Mann gibt es nicht. Wir wissen gar nicht, wie er wirklich heißt.
“
Maren erstarrte. Sie lebte mit einem Fremden zusammen, der sie heiraten wollte. Am Abend stellte sie ihn zur Rede. „Warum hast du mein Haus Monate vor unserem Treffen fotografiert?
Warum arbeitest du nicht in dem Büro? Warum ist dein Ausweis gefälscht? “ Feits Gesicht veränderte sich. Die Maske fiel.
Kälte, Berechnung. „Du bist klüger als ich dachte“, sagte er ruhig. „Ja, alles stimmt. Ich habe dich ausgekundschaftet.
Ich wollte dein Haus und dein Geld. Was ist schon Liebe? Du warst glücklich in den Monaten. Win-Win.
“
Marens Magen krampfte sich zusammen. „Verschwinde. Sofort. Oder ich rufe die Polizei.
“ Er zögerte, dann zuckte er mit den Schultern. „Du machst einen Fehler. Du hättest bis ans Ende deiner Tage glücklich sein können. “ Er packte zwei Koffer und ging.
Sie weinte, aber es waren Tränen der Erleichterung. Sie hatte ihn enttarnt, bevor es zu spät war. Doch die Ruhe währte nur kurz. Eines Abends klingelte eine Frau an der Tür, jung, erschöpft.
„Ich bin Ina. Ich war seine Gehilfin. Er hat mich erpresst, nachdem er mich selbst betrogen hatte. Ich soll Sie warnen: Er ist wütend.
Sie sind die Erste, die ihn durchschaut hat. Er wird zurückschlagen. “ Maren ließ sie rein. Ina erzählte von den früheren Opfern, von den gefälschten Identitäten.
„Er hat viele Namen. Passen Sie auf sich auf. “
Maren wechselte die Schlösser, installierte eine Alarmanlage, holte sich einen Schäferhund. Dann kam die polizeiliche Vorladung.
Feit hatte sie wegen Diebstahls angezeigt – 20. 000 Euro und Schmuck. Sie ging mit einem Anwalt hin, legte die Fotos, den Zettel, die Aussagen vor. Der Anwalt erstattete Gegenanzeige wegen Urkundenfälschung.
Eine Woche später wurde das Verfahren gegen sie eingestellt. Die Polizei suchte Feit nun wegen Betrugs und Urkundenfälschung. Ein Monat verging. Dann der Anruf: „Wir haben ihn festgenommen.
Er versuchte gerade, eine ältere Witwe in Thüringen zu ködern. Es gibt mindestens fünf ähnliche Fälle. Er wird lange wegsitzen. “ Maren atmete tief aus.
Ein Jahr später lernte sie Thomas kennen, einen Grundschullehrer. Sie ließ es langsam angehen. Er war ehrlich, einfach. Als sie ihm die ganze Geschichte erzählte, hörte er zu und sagte: „Du bist eine unglaublich starke Frau.
“ Sie heirateten im kleinen Kreis in ihrem Haus. Als die Gäste weg waren, saßen sie auf der Veranda, der Apfelgarten blühte. „Bist du glücklich? “, fragte er.
„Ja“, sagte Maren. „Weil ich weiß, dass das hier echt ist. “

