Mutti, wir haben geredet und wir haben
beschlossen, daß das Haus jetzt an Malas
Mutter gehen soll”, sagte Digma. Ich

stand da die Kaffeekanne noch warm in
der Hand und starrte ihn an. Keine
Frage, kein Vorschlag, einfach
beschlossen, als wäre alles schon
gelaufen. Neben ihm saß Rosvita am
Tisch, den ich letztes Frühjahr selbst
abgeschliffen und neu lackiert hatte.
Sie hielt den Rücken gerade ein leises,
selbstzufriedenes Lächeln auf den
Lippen. Sie sah mich nicht einmal an.
Ihre Augen wanderten durch die
Küchenschränke.
Maßen stellten sich schon vor, wie alles
aussähe, wenn es ihres wäre. Ich blieb
ruhig. Wie bitte Diet schaute auf seine
Hände. Du weißt doch, dass Gertrud seit
der Räumungsklage kaum noch klar kommt.
Die Wohnung zerfällt. Es ist nicht mehr
sicher dort. Sie ist die Mutter deiner
Frau, sagte ich leise. Nicht meine.
Rosvita meldete sich endlich. Sie
braucht ein richtiges Zuhause, Eleonore.
Und dieses Haus? Na ja, es ist ideal
ebenerdig alles Fußläufig die Geschäfte
gleich um die Ecke. Es passt einfach.
Sie griff in ihre Handtasche, zog eine
Mappe heraus und legte sie auf den
Tisch, als wäre es eine Präsentation
beim Notar. Wir haben schon mit den
Papieren angefangen. Ihr Name steht
schon drauf. Die Worte kratzten wie
Sandpapier. Die Papiere. Als könnte man
mit ein paar Formularen auslöschen, was
Walter und ich hier jahrelang aufgebaut
hatten. Die Fliesen in der Küche hatten
wir selbst gelegt ein Jahr, nachdem
Digma geboren war. Die Wände hatten wir
neu gestrichen, nachdem er sein Abi in
der Tasche hatte. Jede Macke, jeder
Fleck in diesem Haus war von uns. Ich
setzte mich schwerfällig. “Ihr habt
schon Formulare ausgefüllt, um mir mein
Haus wegzunehmen, ohne ein Wort zu mir.”
“Wir dachten, es wäre einfacher, wenn
wir schon mal alles in Gang bringen”,
sagte Digma. Und plötzlich klang er
wieder wie der kleine Junge von früher,
unsicher, ein bisschen beschämt, aber
nicht genug, um aufzuhören. Rosvita
steckte die Mappe ordentlich zurück. Es
ist wirklich das Beste, Eleonore. Der
Kaffee in meiner Hand war kalt geworden,
aber ich spürte es kaum. Ich war viel zu
beschäftigt damit, mir auszurechnen, was
sie alles schon geplant hatten, wie sie
sich umschauten. Diese Formulierung: Wir
haben beschlossen, nicht. Wir hätten
gedacht, nicht. Wir wollten mal fragen.
Sie waren nicht zum Reden gekommen. Sie
waren gekommen, um zu übergeben. Sie
hatten es Doxan nur ein schnelles
Mittagessen genannt. Ich hätte
misstrauisch sein müssen. So ein breites
Lächeln und ein dampfender Auflauf unter
Alufolie. Das hat noch nie Gutes
bedeutet. Rosvita stellte ihn auf die
Anrichte, als gehörte die Küche schon
ihr. Spinat und Champignons strahlte
sie. Ich weiß doch, wie gern du was
deftiges magst. Sie hatte noch nie etwas
für mich gekocht. Nicht ein einziges
Mal. Didar kam hinterher mit
Papierservieten und dieser nervösen
Energie, die er immer hatte, wenn er
mich wieder enttäuschen wollte. Wir
setzten uns. Ich gos Eistee ein. Er
räusperte sich. Gertrud hat viel
durchgemacht, fing er an. Die
Mietwohnung schwarzer Schimmel, keine
Heizung. Sie mussten ganz schnell raus.
Ich nickte langsam. Das ist hart. Er
wirkte erleichtert, als hätte ich
angebissen. Ich dachte, vielleicht wird
es Zeit, daß wir langfristiger denken,
fuhr er fort und zog ein Dokument aus
der Jackentasche strich es glatt. Nur
ein Übertragungsvertrag,
noch nichts eingereicht.
Er sagte es, als wäre es eine
Kleinigkeit,
als würde man sein Elternhaus an einem
ganz normalen Dienstag verschenken. Ich
rührte das Blatt nicht an. Ich dachte
immer, Familie hilft. Familie, sagte er
noch, dieser Satz, den hatte ich ihm
beigebracht, als ich auf Abende mit
Freundinnen verzichtete auf Urlaub auf
neue Kleider, als ich nach Walters Tod
die Doppelschicht geschoben hatte, damit
DMA auf seine Wunschuni gehen konnte.
Und jetzt benutzte er ihn, um mir
Schuldgefühle einzureden, damit ich mein
Haus hergab. Ich schwieg und sah nur,
wie Rosvita unsichtbare Krümel vom
Tresen wischte. Sie brachte es nicht
fertig, mich anzusehen. Ich blieb ruhig.
Geht’s hier um Geld? Ihr Lächeln
flackerte. Nur einen winzigen Moment zu
schnell für DMA. Natürlich nicht, aber
ihre Augen huschten und ihre Hand
wanderte zur Handtasche. In der Nacht,
nachdem sie weg waren, ging ich zum
Aktenschrank im Flur. Der originale
Grundbucheintrag lag noch da, mein Name
schwarz auf weiß. Ich strich mit dem
Finger darüber und flüsterte Walters
Namen wie ein Gebet. Dann öffnete ich
die Schublade, in der früher der
Notfallschlüssel gelegen hatte. Dietmars
Schlüssel leer. Sie stand an einem
Donnerstagnachmittag mit einer Katzenbox
in der einen und einer Stofftasche in
der anderen Hand vor der Tür. “Ich war
gerade in der Gegend”, sagte Gertrud,
als wäre das Zufall, als wäre ihr
Auftritt nicht einstudiert worden. Ich
öffnete nur einen Spaltbreit. Gert:
“Ach, ich wollte nur mal das Licht im
Arbeitszimmer sehen”, sagte sie und
schob sich einfach an mir vorbei. Dich
meinte, da kommt morgens die Sonne rein.
Das ist gut für meine Gelenke. Sie
stellte die Tasche ab. öffnete die Box
und heraus sprang eine getigerte Katze
mit verfilztem Fell und spitzen Krallen.
Das Tier schoss sofort auf Walters alten
Lesesessel zu, den, indem er abends
immer gesessen hatte, das Leder an den
Armlehnen schon ganz abgewetzt und
streckte sich mit einem wilden Kratzen.
“Warten Sie”, setzte ich an, aber
Gertrud lachte nur. “Die ist ganz
harmlos”, sagte sie und folgte der Katze
ohne jede Eile. “Schauen Sie mal diesen
Flur, die Regale sind perfekt für meine
Nährutensilien.” Sie strich über das
eingebaute Regal, zog eine Schublade auf
späte hinein, als würde sie eine
Mietwohnung besichtigen. Ich lächelte,
aber es erreichte die Augen nicht. Die
Katze sprang aufs Sofa, ließ langsam
eine Haarwolke zurück. Gertrud lief
durch die Räume, als wäre sie schon
öfter hier gewesen, als würde sie
wiederkommen. Als sie ging, entdeckte
ich den Kratzer an der Armlehne von
Walter Sessel. Klein, aber deutlich, ein
heller Strich im dunklen Holz. Ich holte
Politur und Tuch. Ich rieb erst
vorsichtig dann fester. Er ging nicht
weg. Abends rief DMA an. Sie hat das
nicht böse gemeint, sagte er. Sie ist
einfach aufgeregt.
Das würde ihr endlich Stabilität geben,
Mutti. Ein richtiges Zuhause. Ich sagte
nichts, starrte nur auf das Putztuch in
meinem Schoß. Sie hat ja sonst
niemanden, schob er nach. Ich wartete
bis Stille in der Leitung war dann legte
ich auf. Am nächsten Morgen klebte ein
gelber Zettel am Arbeitszimmerfenster.
Südlage perfekt für den Morgen. Nicht
meine Handschrift. Das Haus war zu
leise, als ich nach Hause kam. Nicht die
gute Stille nach einem Spaziergang,
sondern diese, die nach fremdem Parfüm
riecht. Die Haustür war abgeschlossen,
nichts aufgebrochen und doch war etwas
verschoben. Im Wohnzimmer ein
Weinglasrand auf dem
Eichenbeistelltisch.
Meine Untersetzer lagen unberührt
daneben. Eine Teetasse, die ich seit
Jahren nicht benutzt hatte, stand
gespült in der Spüle. Die
Gästehandtücher im Bad waren feucht. Ich
ging zur Schublade im Flur, wo früher
der Ersatzschlüssel gelegen hatte. Immer
noch leer. Ich rief dim an. Es klingelte
zweimal. Ja, Mutti. Ich blieb ruhig.
Hast du Roswita den Ersatzschlüssel
gegeben? Eine Pause? Äh ja, nur ganz
kurz. Sie musste Gertrud reinlassen,
während du weg warst. Ich schloss die
Augen. Warum? Sie wollten sich mal
umsehen mit dem Handwerker. Nur
Kleinigkeiten. Bessere Beleuchtung.
Vielleicht neuer Boden. Damit sie sich
wohler fühlt. Handwerker sagte ich
langsam. Sie will ja nicht viel
verändern, beeilte er sich. Nur dass es
wohnlich wird. Für wen fragte ich? Er
antwortete nicht. Ich legte auf, bevor
meine Hände zitterten. Ich ging durchs
ganze Haus, suchte, was sie angefasßt
hatten. Die Stühle am Esstisch standen
anders. Auf einem Kissenkröel, neben dem
Lichtschalter im Bad ein Kratzer,
wahrscheinlich von einem Ring. Der
Wäscheschrank oben stand einen Spalt
offen. Es war kein Besuch gewesen, es
war eine Besichtigung. Spät abends holte
ich noch einmal die Politur und schrubte
am Weinfleck, bis die Arme weh taten.
Der Kreis blieb. Ein blasser Umrs, wo
ich nicht mehr hingehörte. Ich faltete
das feuchte Tuch, stellte die Tasse in
die Spülmaschine und schloß zum ersten
Mal die Fenster ab. Dann setzte ich mich
ins Arbeitszimmer und starrte auf das
Südfenster und wartete, denn ich wusste,
sie würden wiederkommen. Ich staubte
gerade die Regale im Arbeitszimmer ab.
Da flatterte ein Zettel aus einem
Stapelpost, den Digma vor Wochen
mitgebracht hatte. Nur alte Umschläge,
nichts Wichtiges. Aber einer war nicht
an mich adressiert. Er steckte tiefer
zweimal gefaltet, fast versteckt. Ich
öffnete ihn vorsichtig. Ein
Kreditantrag.
Meine Adresse, mein richtiger Name, aber
nicht meine Handschrift. Ich starrte auf
die Unterschriftszeile. Sie war meine,
aber falsch. Das E zu sehr nach links
geneigter Schwung, am Ende zu hoch. Sie
hatten sie nachgemacht, wahrscheinlich
von alten Geburtstagskarten abgeguckt in
Liebe Mutti, ohne nachzudenken,
unterschrieben. Sie wollten mein Haus
als Sicherheit benutzen. Ich setzte mich
auf die Kante von Walters altem Sessel.
Die Hände zitterten. Ich bekam keine
Luft mehr, nur das Blut in den Ohren.
Sie kamen nicht nur zu Besuch. Sie
wollten nicht nur Gtrut einziehen
lassen, sie bauten sich etwas auf. auf
meinem Rücken mit meinem Namen. Ich
stand auf, ging in die Küche,
fotografierte jede Seite. Dann holte ich
mein altes Adressbuch aus der Schublade
unter dem Telefon hervor und blätterte
Namen, durch die ich seit Jahren nicht
mehr gewählt hatte. Da stand sie, Grete
Manford, Walters alte Kollegin aus der
Kanzlei. Damals noch als
Rechtsanwaltsgehilfin scharf ruhig
verlässlich. Ich hatte sie seit der
Beerdigung nicht mehr gesehen. Ich rief
an. Beim dritten Klingeln hob sie ab.
Eleonora erst als sie fragte, was ist
los, merkte ich, dass ich weinte. Ich
erzählte alles. Den Schlüssel, den
Weinfleck, die gefälschte Unterschrift.
Alles. Sie keuchte nicht, sie geriet
nicht in Panik. Sie sagte nur: “Gut,
zuerst atmen wir, dann schützen wir, was
dir gehört.” Sie gab mir eine Liste,
Schritte, Namen, was ich zusammensuchen
sollte. Ich schrieb alles auf. Am
nächsten Morgen holte ich Wald das alten
feuersicheren Kasten aus dem Schrank und
nahm ein Taxi zu Gretes Büro. Ich wusste
noch nicht genau, wie es weitergehen
würde, aber ich würde nicht mehr daitzen
und warten, bis sie mich aus meinem
eigenen Leben strichen. Grete handelte
schnell. Sie sagte, wenn Leute wie
Rosvita schon Unterschriften fälschen,
ist jede Verhandlung ohnehin vorbei.
Zwei Tage später saßen wir bei Jerome
Ses, einem Anwalt für Immobilienrecht,
dem Grete vertraute. Er sprach langsam
bedächtig, als könnte ihn nichts aus der
Ruhe bringen. Sie richteten einen
widerruflichen Treuhandvertrag ein ich
alleinige Treuhänderin.
Das Haus gehörte jetzt rechtlich dem
Trust. Niemand, weder Dietma, noch
Roswita noch Gertrud, konnte mehr etwas
daran ändern, ohne meine Zustimmung.
weder mit Handwerkern, noch mit
Übertragungsurkunden, noch mit falschem
Lächeln. Ich unterschrieb in Jeromes
Büro seiner Assistentin als Zeugin. Dann
brachten wir die neue Urkunde zum
Grundbuchat. Ich sah zu, wie die Beamtin
alles ins System eingab, sah, wie mein
Name mit diesem Trust verknotet wurde,
so fest, dass keiner mehr dran ziehen
konnte. Es war leise, kein Drama, keine
zugeschlagenen Türen, kein Geschrei, nur
eine Mappe, eine Unterschrift, ein
Zeitstempel auf dem Bildschirm. Danach
fuhr ich mit dem Bus nach Hause die
Unterlagen fest in der Tasche
verschlossen. Abends setzte ich mich an
den Esstisch und druckte zwei saubere
Exemplare des Trusts. Eins, kam in den
feuersicheren Safe direkt neben das
schwarz-weiß Foto von unserer Hochzeit.
Ich mit dem kurzen Schleier, den Walter
so liebte und seine alten
Erkennungsmarken glatt und kühl. Das
zweite Exemplar legte ich ins
Nachttischschränkchen.
Vor dem Schlafen gehen rief ich den
Schlüsseldienst an. Er kam gleich
morgens als erstes, tauschte beide
Türschlüsser aus. Ich ließ drei neue
Schlüssel machen, einen an meinen Bund,
einen in den Safe. Den dritten hielt ich
lange in der Hand, bevor ich ihn in die
Küchenschublade legte, wo früher Dietmaß
gelegen hatte. Sollten Sie doch mit dem
alten Schlüssel kommen. Sollten Sie doch
Ihre alten Tricks versuchen. Das Haus
war jetzt meins, schriftlich, gesetzlich
und mit jeder Phaser. Und ich wartete
nicht mehr darauf, dass man mich darum
bat. Ich deckte den Tisch mit drei
Tassen. Kein Zucker, keine Milch, nur
schwarzer Kaffee. Heiß, ehrlich, bitter.
Didma und Roswita kamen pünktlich.
Rosvita hatte sich die Haare gemacht.
Demma trug die Anspannung im Kiefer, als
könnte das Ganze immer noch ein
Missverständnis sein. Gertrud hatte ich
nicht eingeladen. Es ging nicht wirklich
um sie. Es ging um die zwei Menschen,
die mir den Schlüssel weggenommen und
versucht hatten mir alles andere gleich
mitzunehmen. Wir setzten uns. Ich begann
nicht mit Höflichkeitsfloskeln.
Ich legte zwei Dokumente zwischen uns
auf den Tisch. Erstens, der Kreditantrag
mit meiner gefälschten Unterschrift
jetzt rot markiert und mit Jeromes
Notarstempel versehen. Zweitens, die
Treuhandurkunde, sauber und klar mein
Name als alleinige Eigentümerin und
Treuhänderin. Ich weiß, was ihr gemacht
habt, sagte ich. Meine Stimme zitterte
nicht. Ich hatte den Satz gestern Nacht
allein geübt, bis er wie eine Rüstung
saß. Diet starrte auf die Papiere. Sein
Mund zuckte, aber er sagte nichts.
Rosvita blickte vom Trust zur
Unterschrift zu mir, suchte nach einem
Faden, den sie ziehen konnte, einem
Schlupfloch, einem Lächeln, einem Trick,
aber da war nichts, nur Schweigen und
schwarze Tinte. “Ihr habt meinen dann
Namen benutzt”, sagte ich.
Mein Haus, mein Vertrauen, immer noch
nichts. Ich sage es jetzt ein für alle
mal, fuhr ich fort. Wenn noch ein
Schlüssel verschwindet, noch ein Kratzer
an diesen Wänden auftaucht, noch ein
einziger Zettel auf meinem Tresen liegt,
der nicht von mir ist, dann hört ihr von
meinem Anwalt. Rosvitas Lippen öffneten
sich. Ich hob die Hand. Ich bin fertig
damit, die höfliche zu sein. Das hier
ist nicht euer Haus, nicht ihres, nicht
euer Erbe. Es ist meins und es ist
geschützt. Diet sah kleiner aus als je
zuvor. nicht beschämt, nur in die Engel
getrieben. Sie gingen ohne den Kaffee
angerührt zu haben. Ich schloß die Tür
hinter ihnen ab und lehnte mich einen
Moment dagegen. Kein Geschrei, kein
Theater, aber die Stille, die ich ihnen
da ließ, war lauter als jedes Zuknallen.
Eine Woche nach dem Gespräch lehnte die
Bank den Kredit ab. Die Unterschrift war
eindeutig gefälscht. Grete schickte mir
die Mitteilung weiter. Der Schwungste
nicht zu den offiziellen Unterlagen. Die
Geburtstagskartenunterschrift hatte
niemanden getäuscht. Am gleichen Tag
verlor Dietma einen wichtigen Auftrag in
seiner Firma. Sein Name war irgendwie
mit dem Vorantrag verknüpft gewesen.
Nicht offiziell, aber genug, um Fragen
aufzuwerfen. Sein Chef mochte keine
Fragen. Der Absturz war leise. Keine
Szenen, keine Auftritte vor meiner Tür.
Gertruds Vermieter kündigte fristlos.
Sie hatten seit Monaten keine Miete
gezahlt. Sie hatten auf ein Haus
gewartet, das niemals ihres werden
würde. Gertrud rief an dem Wochenende
dreimal an. Einmal morgens, zweimal,
nach Einbruch der Dunkelheit. Jedes Mal
summte das Telefon über den Tisch. Ich
ging nicht ran. Ich lief barfuß durchs
Haus, ließ die Stille mir wie ein treuer
Hund folgen. Keine neuen Kratzer, kein
Katzenhaar auf den Polstern, kein
fremder Geruch. Selbst der Kühlschrank
brummte, als wüßte er, daß die
Eindringlinge weg waren. Ich strich den
Flur neu. Nichts Wildes, nur eine
frische Schicht, dort, wo Gertrud ihre
Nähregale eingeplant hatte. Ich nahm mir
Zeit, strich jeden Pinselstrich glatt,
ein kleines Stück zurückerobern. Zwei
Tage später kam eine Nachricht von
Dimma. Wir haben Mist gebaut. Es tut mir
leid. Kein Bettteln, keine Erklärungen,
nur diese Worte. Ich schaute lange aufs
Display. Der Daumen schwebte, aber ich
antwortete nicht. Nicht aus Wut, obwohl
die da war, sondern weil ich müde war.
Müde immer diejenige zu sein, die
hinterher aufräumt. Sie hatten eine
Entscheidung getroffen, geplant,
gefälscht, so getan als ob. Und jetzt
lebten sie mit den Folgen. Ich hatte sie
nicht gestoßen. Ich war nur zur Seite
getreten. Das Haus war ruhig, die
Papiere wasserdicht. Mein Kaffee kochte
ohne Unterbrechung und in dieser Ruhe
fand ich etwas wieder, das ich seit
Jahren nicht gespürt hatte. Platz zum
Atmen. Ich habe mir einen neuen Sessel
gekauft. Nicht um Walters zu ersetzen.
Der steht immer noch an seinem Platz
abgewetzt und vertraut. Meinen stellte
ich gegenüber ans Fenster leicht zum
Garten gedreht. Der Stoff ist fest in
einem warmen Ton, der mir gefällt. Nicht
modisch, nicht zurückhaltend.
einfach meiner. Am ersten Morgen nach
der Lieferung kochte ich mir Tee, setzte
mich mit einer Decke über den Knien
hinein und schaute zu, wie ein
Eichhörnchen unter den Rosmarinbusch
flitzte und hinter dem Vogelbad
verschwand. Das Telefon blieb stumm.
Keine Gertrut, kein Dietma, keine
Entschuldigungen, mit Hintergedanken.
Grete kam mit noch warmen Skones vorbei
in einem mit stoffservierten ausgelegten
Körbchen. Wir aßen sie mit
Zitronenbutter und redeten über das
hintere Zimmer. Sie schaute sich um und
sagte: “Weißt du, das könnte ein
wunderschönes Nähzimmer werden.” “Das
Licht ist perfekt.” Ich nickte. “Genau
das habe ich auch gedacht. Wir planten
eine ganze Stunde. Schubladenregale,
Lochwände. So ein Projekt, das man
macht, weil man Lust dazu hat, nicht
weil jemand etwas erwartet.” Abends
öffnete ich die Haustür einfach nur, um
durchzulüften. Es roch nach Mehl und
Bohnerwachs und Kamille. Ich stand im
Türrahmen und atmete. Kein Auflauf auf
der Treppe, kein Auto am Bordstein, kein
Kinderschuh, der den Weg zerkratzt. Die
Stille war nicht einsam, sie war
verdient. Ich hatte das Haus
zurückerobert, ja, aber mehr noch meinen
Rhythmus, meine Privatsphäre, das Recht,
meinen Tee zu trinken, ohne daß jemand
meine Möbel verrückt oder meine
Entscheidungen in Frage stellt. Ich
musste keine Warnungen mehr aussprechen.
Die Dokumente sprachen lauter als jede
Aussprache und als ich an dem Abend die
Tür schloss, drehte ich den Riegel mit
ruhiger Hand zu. nicht aus Angst, aus
Frieden. Dann faltete ich die Serviette
von den Scones, legte sie auf die
Anrichte und schaute mich in meiner
Küche um. Morgen würde ich das hintere
Zimmer ausräumen, vielleicht sogar
Stoffmuster bestellen. Die Feiertage
kamen leise, niemand klopfte. Kein Auto
in der Auffahrt, kein Lachen mehr vom
Vorgarten wie in früheren Jahren. Ich
kochte mir einen Eintopf. Zwiebeln,
Möhren, Kartoffeln, etwas Tymian. Genug
für einen vielleicht zwei. Ich schaute
einen alten Schwarz-Weiß Film bis zum
Ende, ohne dass jemand anrief oder mich
bat, den Ton leiser zu machen. Ich holte
eine alte Decke heraus, kuschelte mich
mit einem Buch ein, dass ich schon ewig
fertig lesen wollte. Die Stille war
gleichmäßig, nicht schwer. Zwei Tage
nach Weihnachten kam ein
handgeschriebener Brief von Dietma.
Vorsichtig. Die Absenderadresse war
nicht mehr die alte, ein gemietetes
Reihenhaus am anderen Ende der Stadt. Er
fragte, ob sie mal vorbeikommen dürften.
Nur auf einen Kaffee. Vielleicht reden.
Ich las ihn zweimal. Dann faltete ich
ihn sorgfältig und legte ihn in die
Schublade zu den Messlöffeln. Nicht aus
Verbitterung, sondern weil ich aufgehört
hatte, Zugang mit Liebe zu verwechseln.
Manchmal baut man einen Zaun nicht, um
andere auszusperren, sondern um sich
selbst daran zu erinnern, wo der eigene
Garten aufhört. Ich verbrachte Silvester
damit, durch die Räume zu gehen. Meine
Hand strich über die Flurwand dieselbe,
die Gertrud einmal perfekt für Nähregale
genannt hatte. Das Arbeitszimmer gehörte
wieder mir. Walters Sessel stand in
seiner Ecke meiner gegenüber. Ich hatte
eine zweite Lampe dazu gestellt und die
Stille zwischen den beiden Sesseln
fühlte sich verdient an. Ich ging durch
die Küche, das Geschirrtuch gerade die
Arbeitsplatte blank, dann durch das
Nähzimmer, Gretes Notizen an ein Brett
geheftet, Stoffproben sorgfältig
gesteckt, kein Ger

