Warum eine einfache Kutschfahrt im 18. Jahrhundert ein absoluter Albtraum war

Warum eine einfache Kutschfahrt im 18. Jahrhundert ein absoluter Albtraum war

Warum eine einfache Kutschfahrt im 18. Jahrhundert ein absoluter Albtraum war

Du musst von London nach Edinburgh. Es ist das Jahr 1763 und du hast genau drei Optionen:

  1. Zu Fuß gehen: Das dauert ungefähr drei Wochen – vorausgesetzt, nichts geht schief (und es wird etwas schiefgehen).

  2. Zu Pferd reiten: Das ist schneller, setzt aber voraus, dass du ein Pferd besitzt, reiten kannst und bereit bist, 12 Stunden am Tag im Sattel zu sitzen – über Straßen, die stellenweise eher eine vage Idee als eine befestigte Oberfläche sind.

  3. Die Postkutsche nehmen: Das ist die moderne, zivilisierte Option. Sie fährt nach Fahrplan, nimmt Passagiere mit und kostet deutlich weniger als eine private Kutsche.

Die Reise von London nach Edinburgh dauert mit der Postkutsche im Jahr 1763 etwa 12 bis 14 Tage. Du buchst deinen Platz außen, denn die Plätze im Inneren sind teurer und du triffst vernünftige finanzielle Entscheidungen.

Du wirst diese Entscheidung bereuen – noch bevor die erste Stunde vorbei ist.

Der anhaltende körperliche Angriff: Die Straße und die Kutsche

Du wirst diese Reise nicht unverletzt überstehen. Nicht etwa, weil etwas Dramatisches passiert – obwohl Raubüberfälle und umkippende Kutschen statistisch reale Risiken sind. Du wirst sie nicht unverletzt überstehen, weil die grundlegende Mechanik des Reiseverkehrs im 18. Jahrhundert ein anhaltender körperlicher Angriff auf jeden Passagier war.

  • Die Straßen: Es waren meist keine ingenieurmäßig angelegten Fahrbahnen, sondern uralte Trampelpfade, die durch Karren aufgewühlt und bei Regen zu tiefen Schlammkanälen wurden. Trotz erster Mautstraßen (Turnpikes) bedeutete eine „verbesserte Straße“ lediglich, dass sie weniger katastrophal schlecht war als die Alternative.

  • Die Federung: Eine voll beladene Postkutsche wog zwischen ein und zwei Tonnen. Sie hing an Lederriemen – nicht an Metallfedern. Diese Konstruktion bot eine Stoßdämpfung, die ungefähr so effektiv war wie gar keine.

  • Die Übertragung: Die Holzräder besaßen Eisenreifen. Jeder Stein, jede Rille und jedes Schlagloch wanderte ungestört durch die Holzachsen und Sitzbänke direkt in deinen Körper.

Auf der Holzbank im Außenbereich fährst du mit durchschnittlich 8 bis 12 km/h dahin. An steilen Steigungen musst du sogar aussteigen und zu Fuß gehen, weil das Gewicht für die Pferde zu schwer ist – du hast also für einen Platz bezahlt, den du zeitweise nicht einmal benutzen darfst. Nach wenigen Stunden protestiert dein unterer Rücken massiv. Am Ende des ersten Tages hast du blaue Flecken an Stellen, die sich nur schwer erklären lassen.

Die Hölle im Innenraum: Gestank und Reisekrankheit

Wer drinnen sitzt, hat es nicht unbedingt besser. Das Innere einer Postkutsche befördert vier Passagiere auf zwei sich gegenüberliegenden Bänken – mit praktisch aneinanderstoßenden Knien, 12 Stunden am Tag.

Das olfaktorische Erlebnis:

Die öffentliche Badekultur war längst Geschichte. Eine Ganzkörperwäsche war im Großbritannien der 1760er Jahre ein gelegentliches Ereignis. In einer geschlossenen Kutsche im Sommer mit drei fremden Menschen auf engstem Raum zu sitzen, bedeutete ein intensives sinnliches Erlebnis, das zeitgenössische Reiseberichte detailliert beschreiben.

Dazu kam die omnipräsente Reisekrankheit. Das vertikale Ruckeln gepaart mit dem seitlichen Schaukeln der Lederaufhängung war klinisch übelkeitserregend. Eine geschlossene Kutsche bei 8 km/h, in der ein Passagier aktiv erbrach und kaum Belüftung existierte, war eine Falle ohne Entkommen.

Dauerregen und Ungeziefer: Die Nächte im Postgasthof

Als Außenpassagier hast du zwar frische Luft, bist aber dem britischen Wetter schutzlos ausgeliefert. Die Wahrscheinlichkeit von Dauerregen auf einer zweiwöchigen Reise liegt bei nahezu 100 %. Da Ölhaut-Mäntel damals teuer und unzulänglich waren, sitzt du stundenlang durchnässt auf deinem Holzsitz.

Nachts erreichst du schließlich einen Postgasthof:

  1. Gemeinschaftsbetten: Ein Zimmer bedeutete selten Privatsphäre. Oft musstest du dir ein Bett auf Stroh- oder Federmatratzen mit einem völlig Fremden teilen.

  2. Bettwanzen: Sie waren kein Skandal, sondern ein akzeptierter Bestandteil des Reisens. Wer in einem Gasthof keine Bettwanzen vorfand, hatte außergewöhnliches Glück. Man schrieb darüber so beiläufig wie über Schlamm und Regen.

Die Bedrohung auf der Straße: Keine Romantik, sondern Gewalt

Auf abgelegenen Strecken wie der Great North Road drohte zudem die Gefahr von Wegelagerern. Die romantische Vorstellung vom eleganten, höflichen Reiter hat nichts mit der historischen Realität zu tun. Straßenraub war gewalttätig und oft tödlich.

Reisende schlossen sich in Gruppen zusammen und trugen ganz selbstverständlich Schusswaffen. Der bewaffnete Wächter am Heck der Postkutsche war keine Dekoration, sondern bitter nötig, um Angriffe abzuwehren.

Was Entfernung wirklich bedeutete

Nach 12 bis 14 Tagen voller Schüttelfrost, Hämatomen, Dauerregen und Bettwanzen erreichst du schließlich Edinburgh.

Heute braucht der Zug für diese Strecke viereinhalb Stunden, das Auto etwa sieben Stunden und ein Flugzeug gut 80 Minuten. Im Jahr 1763 bedeutete diese Distanz 14 Tage körperliche Qualen.

Das Wort „Reise“ leitet sich vom französischen Journée ab – dem Tagwerk. Im 18. Jahrhundert war Entfernung keine Frage von Kilometern, sondern eine Maßeinheit der Zeit und des körperlichen Leidens. Wer schließlich in Edinburgh vom Wagen stieg, war nicht mehr dieselbe Person, die in London eingestiegen war.