Als am 22. Mai 1946 vor dem Pankrác-Gefängnis in Prag Tausende Menschen zusammenkamen, warteten sie auf den Mann, dessen Name für viele Tschechen zum Symbol von Terror, Unterdrückung und Vergeltung geworden war. Karl Hermann Frank, einer der mächtigsten Vertreter des nationalsozialistischen Besatzungsregimes im Protektorat Böhmen und Mähren, sollte für seine Rolle bei einigen der schwersten Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung zur Rechenschaft gezogen werden. Seine öffentliche Hinrichtung markierte den Schlusspunkt einer Karriere, die von fanatischem Nationalsozialismus und systematischer Gewalt geprägt war.
Karl Hermann Frank wurde 1898 in Karlsbad, damals Teil Österreich-Ungarns, geboren. Bereits in jungen Jahren entwickelte er einen ausgeprägten deutschen Nationalismus und schloss sich nach dem Ersten Weltkrieg verschiedenen völkischen und nationalistischen Organisationen an. Mit dem politischen Aufstieg Adolf Hitlers radikalisierte sich auch Frank zunehmend. Er trat der SS bei und entwickelte sich zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei.
Nach der Besetzung der Tschechoslowakei im Jahr 1939 erhielt Frank eine Schlüsselrolle innerhalb des neu geschaffenen Protektorats Böhmen und Mähren. Als Höherer SS- und Polizeiführer kontrollierte er gemeinsam mit anderen NS-Funktionären Polizei, Gestapo und Sicherheitsdienste. Unter seiner Verantwortung wurden politische Gegner verfolgt, Widerstandsgruppen zerschlagen und jüdisches Eigentum systematisch enteignet. Tausende Menschen wurden verhaftet, deportiert oder hingerichtet.
Besonders eng arbeitete Frank mit Reinhard Heydrich zusammen, der 1941 zum Stellvertretenden Reichsprotektor ernannt wurde. Gemeinsam verschärften sie den Terror gegen die tschechische Bevölkerung erheblich. Ausgangssperren, Massenverhaftungen und Todesurteile sollten jeden Widerstand im Keim ersticken. Die Besatzungspolitik beruhte auf Einschüchterung und der gezielten Anwendung von Gewalt gegen Zivilisten.
Den grausamsten Höhepunkt erreichte diese Politik nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich im Mai 1942. Obwohl die Täter schließlich ermittelt wurden, ordnete die NS-Führung umfassende Vergeltungsmaßnahmen an. Karl Hermann Frank spielte bei deren Umsetzung eine zentrale Rolle.
Am 10. Juni 1942 wurde das Dorf Lidice vollständig zerstört. Alle erwachsenen Männer wurden erschossen. Die Frauen wurden in Konzentrationslager deportiert, während die meisten Kinder von ihren Familien getrennt wurden. Ein Teil der Kinder wurde später in speziellen Tötungsaktionen ermordet, andere zur sogenannten „Germanisierung“ ausgewählt. Anschließend wurden die Gebäude des Dorfes niedergerissen und der Ort nahezu vollständig von der Landkarte getilgt.
Nur wenige Wochen später traf ein ähnliches Schicksal das Dorf Ležáky. Auch dort wurden die Bewohner verhaftet, zahlreiche Erwachsene erschossen und Kinder von ihren Familien getrennt. Die Häuser wurden zerstört, um den Ort vollständig auszulöschen. Beide Verbrechen gelten heute als Beispiele für die nationalsozialistische Politik kollektiver Vergeltung gegen die Zivilbevölkerung und gehören zu den bekanntesten Kriegsverbrechen der deutschen Besatzung in der Tschechoslowakei.
Mit dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches im Frühjahr 1945 versuchte Karl Hermann Frank, sich den amerikanischen Streitkräften zu ergeben. Er hoffte offenbar, einer Auslieferung an die Tschechoslowakei zu entgehen. Die amerikanischen Behörden übergaben ihn jedoch den tschechoslowakischen Behörden, die ihn wegen seiner Verantwortung für zahlreiche Verbrechen vor Gericht stellten.
1946 begann in Prag sein Prozess vor einem außerordentlichen Volksgericht. Zahlreiche Dokumente sowie Aussagen von Zeugen und Überlebenden belegten seine führende Rolle bei der Besatzungspolitik und den Repressionsmaßnahmen gegen die Bevölkerung. Das Gericht befand ihn wegen Kriegsverbrechen und seiner Mitverantwortung für Massenmorde für schuldig.
Das Urteil lautete auf Tod durch den Strang.
Am 22. Mai 1946 wurde Karl Hermann Frank im Hof des Pankrác-Gefängnisses in Prag öffentlich hingerichtet. Die Vollstreckung fand vor einer großen Menschenmenge statt, zu der auch Überlebende und Angehörige von Opfern der deutschen Besatzung gehörten. Die tschechoslowakischen Behörden entschieden sich bewusst für eine öffentliche Hinrichtung, um die strafrechtliche Ahndung der Besatzungsverbrechen sichtbar zu machen.
Mit seinem Tod endete die Karriere eines Mannes, der maßgeblich an der nationalsozialistischen Unterdrückungspolitik in Böhmen und Mähren beteiligt gewesen war. Historiker betrachten Karl Hermann Frank heute als einen der wichtigsten Verantwortlichen für den Terror im besetzten Tschechien. Insbesondere die Zerstörung von Lidice und Ležáky steht bis heute als Symbol für die Brutalität der nationalsozialistischen Vergeltungspolitik.
Die Geschichte Karl Hermann Franks erinnert daran, welche Folgen fanatische Ideologie, staatliche Macht und systematische Gewalt für eine Gesellschaft haben können. Gleichzeitig verdeutlicht sie den Versuch der Nachkriegsjustiz, führende Verantwortliche für ihre Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Auch wenn kein Gerichtsverfahren das Leid der Opfer ungeschehen machen konnte, bleibt die juristische Aufarbeitung ein wichtiger Bestandteil der historischen Erinnerung.
Mehr als acht Jahrzehnte später gelten Lidice und Ležáky als internationale Mahnmale gegen Krieg, Terror und politische Gewalt. Die Erinnerung an ihre Bewohner und an die Verbrechen, für die Karl Hermann Frank mitverantwortlich war, soll dazu beitragen, dass sich solche Verbrechen niemals wiederholen.
