„Sie sind nicht die Braut”, sagte der Herzog. Elenor Wayne stand vor dem Kamin seines Arbeitszimmers und hielt seinen Blick aus, obwohl ihr Herz so hart schlug, dass sie dachte, er müsse es hören. Draußen peitschte der Novemberregen gegen die hohen Fenster von Ashcroft Hall, und auf dem Tisch zwischen ihnen lag der ungeöffnete Brief ihrer Mutter, das offizielle Schreiben, die Absage. Sie hatte sechs Stunden durch genau diesen Regen zurückgelegt, um eine einzige Botschaft zu überbringen, und nun stand sie hier, nass bis auf die Haut, und der Mann, der ihre Schwester hätte heiraten sollen, sah sie an, als hätte er alle Zeit der Welt.

„Nein, meine Schwester”, sagte sie. Ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte. „Lydia ist krank. Sie hat mich geschickt, um die Vereinbarung zu beenden.
”
Ein Diener am anderen Ende des Raumes senkte hastig die Augen. Die Stille zwischen ihnen wurde so dicht, dass Elenor glaubte, sie könnte sie mit den Händen greifen. Marcus Ashford, der Herzog von Black, stand aufrecht, groß, in dunkle Kleidung gehüllt, und sah aus wie ein Mann, der nie überrascht wurde. Sein Gesicht zeigte keine Regung.
Dann geschah etwas, womit sie nicht gerechnet hatte. Ein kaum sichtbares Lächeln berührte seinen Mund. Nicht freundlich, nicht spöttisch. Eher wie ein Mann, der einen Fehler in einer Rechnung entdeckt hatte und plötzlich wusste, wo er lag.
„Dann will ich sie”, sagte er. Elenor blinzelte. „Euer Gnaden, ich glaube, Sie haben mich missverstanden. ”
„Das kommt selten vor.
”
„Ich bin gekommen, um Ihnen eine Absage zu überbringen. Und ich habe Ihnen eine Antwort gegeben. ”
„Sie kennen mich nicht”, sagte Elenor, und ihre Stimme wurde fester. „Ich kannte Ihre Schwester ebenfalls nicht.
Das scheint mir kein überzeugendes Argument für eine Ehe. ”
Jetzt war das Lächeln deutlicher. „Nein, aber es ist ein ausgezeichnetes Argument gegen die Vorstellung, dass ich sie unbedingt heiraten müsste. ”
Elenor hätte beleidigt sein sollen.
Stattdessen musste sie beinahe lachen, ein Gefühl, das so fremd war, dass sie es nicht einordnen konnte. Sie hatte ihr Leben lang gelernt, keine Aufmerksamkeit zu erregen, keinen Anstoß zu erregen, keine Wellen zu schlagen. Aber dieser Mann sah sie an, als wäre sie eine Gleichung, die es zu lösen galt, nicht eine Frau, die man übersah. „Meine Mutter wird annehmen, dass Sie scherzen”, sagte sie.
„Ihre Mutter kennt mich schlechter als Sie. Ich kenne Sie seit ungefähr vier Minuten. Ich habe bereits einen bemerkenswerten Vorsprung. ”
Er ging zum Schreibtisch, brach das Siegel des Briefes und las.
Seine Miene veränderte sich nicht, als er die Worte überflog, doch Elenor wusste genau, was darin stand. Lydia entschuldigte sich wegen einer plötzlichen Krankheit, einer angeblichen Schwäche, die in Wahrheit aus gesundem Entsetzen vor einem einsamen Landsitz und einem schweigsamen Herzog bestand. Elenor kannte ihre Schwester zu gut, um sich Illusionen zu machen. Lydia hatte am Morgen im hellblauen Morgenkleid am Frühstückstisch gesessen und gesagt: „Ich werde keinen Mann heiraten, der aussieht, als würde er selbst beim Küssen über Beerdigungen nachdenken.
”
Ihre Mutter war weiß geworden. Die geplante Verbindung zwischen den Häusern Wayne und Ashford sollte die Schulden von Elenors Vater ordnen, zwei verpfändete Ländereien retten und Lydia zur Herzogin machen. Alle hatten etwas davon. Außer offenbar Lydia.
Also hatte Lady Wayne Elenor mit dem Brief geschickt. „Du kannst wenigstens einmal nützlich sein, ohne eine Rechnung in der Hand zu halten”, hatte sie gesagt. Elenor hatte nicht geantwortet. Sie war es gewohnt, nützlich zu sein.
In Veinhaus war das ihre Rolle seit ihrer Kindheit: die Tochter, die wusste, welcher Pächter seit drei Monaten mit der Pacht im Rückstand war, welche Tante beleidigt war und warum der Dachdecker im Westflügel zum dritten Mal nicht erschienen war. Sie war die zuverlässige, die vernünftige, die unauffällige. Lydia war die schöne. Elenor war die nützliche.
Marcus faltete den Brief zusammen und legte ihn auf den Tisch. „Ihre Schwester ist nicht krank”, sagte er. Elenor sah ihn an. „Nein.
”
„Gut. ”
„Gut? ”
„Ich hätte es bedauerlich gefunden, wenn Sie sechs Stunden durch den Regen gefahren wären, ohne wenigstens selbst zu wissen, dass Sie eine Lüge überbringen. ”
Elenor spürte, wie ihre Hände sich um den Griff ihrer nassen Handschuhe krampften.
„Sie hätten lieber, dass ich sie offen beleidige? ”
„Sehr viel lieber. ”
Er zog an der Klingelschnur. Der Butler erschien fast sofort, ein Mann mit würdigem Gesicht und ruhigen Bewegungen.
„Mr. Halle, Miss Wayne wird heute Nacht hier bleiben. Die Straße nach Marlow ist bei diesem Wetter nicht sicher. ”
„Selbstverständlich, Euer Gnaden.
”
Elenor hob die Hand. „Ich kann in der Poststation übernachten. ”
Marcus sah an ihr vorbei zum Fenster, wo der Regen jetzt fast wagerecht fiel. „Sie können auch an einer Lungenentzündung sterben.
Beides erscheint mir unnötig. Morgen frühstücken Sie mit mir. ”
„Warum? ”
„Weil ich herausfinden möchte, ob mein erster Eindruck falsch war.
”
„Welcher Eindruck? ”
Sein Blick glitt kurz über ihr schlichtes dunkelgrünes Reisekleid, die regennassen Locken an ihren Schläfen und die Hände, die keine juwelenbesetzten Ringe trugen. „Dass Ihre Familie die falsche Tochter angekündigt hat. ”
In jener Nacht schlief Elenor kaum.
Nicht wegen des Zimmers. Es war warm, ruhig und größer als das Schlafzimmer, das sie seit ihrer Kindheit in Veinhaus bewohnte. Das Bett war weich, die Bettwäsche duftete nach Lavendel, und es gab keinen Grund, wach zu liegen. Aber jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, kehrten seine letzten Worte zurück.
Die falsche Tochter. Es war eine gefährliche Formulierung für eine Frau, die ihr ganzes Leben lang gelernt hatte, nicht darüber nachzudenken, wie es wäre, einmal die Richtige zu sein. Sie hatte sich angewöhnt, den Platz einzunehmen, den man ihr zuwies, ohne zu fragen, ob es ein Platz war, den sie sich selbst gewählt hätte. Und nun stand da ein Mann, den sie seit vier Stunden kannte, und behauptete, sie sei die Richtige, während ihre eigene Schwester sich geweigert hatte, ihn überhaupt kennenzulernen.
Als sie am nächsten Morgen das Frühstückszimmer betrat, saß Marcus bereits über Briefen. Er sah auf, als sie an der Tür stehen blieb, und hob eine Augenbraue, als sie sagte: „Sie arbeiten beim Frühstück. ”
„Sie beurteilen meine Gewohnheiten sehr schnell. ”
„Sie wollten mich gestern nach vier Minuten heiraten.
”
„Ein gerechter Einwand. ” Er schob die Papiere fort. „Setzen Sie sich. ”
Elenor gehorchte, weil sie keine gute Ausrede hatte, es nicht zu tun.
Das Frühstück war reichhaltig, aber sie aß kaum. Sie war zu beschäftigt damit, ihn zu beobachten: die Art, wie er den Tee einschenkte, ohne zu fragen, ob sie welchen wollte, die Art, wie er die Serviette neben seinem Teller glättete, die Art, wie er sie ansah, als wäre sie keine Pflicht, sondern eine Neugier. „Warum hat Lydia wirklich abgelehnt? “, fragte er schließlich.
Elenor sah ihn offen an. Es war zu früh für Höflichkeiten, und sie war müde genug für die Wahrheit. „Man sagt Ihnen nach, Sie seien schweigsam, schlecht gelaunt und würden lieber mit Pferden speisen als mit Menschen. ”
„Nur eines davon ist falsch.
”
„Welches? ”
„Die Pferde dürfen nicht ins Speisezimmer. ”
Elenor lachte, bevor sie es verhindern konnte, ein Klang, der so ungewohnt aus ihrer Kehle kam, dass sie selbst erschrak. Marcus sah sie an, nicht mit Belustigung, sondern mit einer Art vorsichtigem Staunen, als hätte ihn weniger das Lachen überrascht als die Tatsache, dass sie sich nicht vor ihm fürchtete.
Die meisten Frauen taten das. Die meisten Menschen taten das. Seine Stille, seine dunkle Kleidung, sein Ruf als kalter, verschlossener Mann, all das hielt Menschen auf Abstand. Elenor hatte nie verstanden, warum man Angst vor einem Mann haben sollte, der beim Frühstück Briefe las.
„Und warum wollten Sie Lydia heiraten? “, fragte sie. „Weil unsere Ländereien aneinander grenzen und beide Familien die Verbindung für vernünftig hielten. Eine Rechnung.
”
„Ja. Und jetzt tauschen Sie nur die Zahl aus. ”
Sein Blick wurde ruhiger. „Vielleicht prüfe ich zum ersten Mal, ob die Rechnung überhaupt richtig gestellt wurde.
”
Bevor Elenor abreisen konnte, brach am Fluss ein Teil der alten Steinbrücke ein. Die Straße war gesperrt. Ein Bote brachte zugleich die Nachricht, dass der junge Bruder eines Hausmädchens beim Einsturz verletzt worden war und der Arzt auf der anderen Seite des Flusses festsaß. Marcus griff nach seinem Mantel.
Elenor tat dasselbe. „Sie bleiben hier”, sagte er. „Ich habe meinen Vater drei Jahre gepflegt. Ich kann eine Wunde reinigen und eine Schiene anlegen.
”
„Der Weg ist schlecht. ”
„Das Bein des Jungen vermutlich auch. ”
Marcus sah sie einen Moment an, und dann tat er etwas, das sie nicht erwartet hatte. Er nickte.
„Sie widersprechen nur, wenn es Zeit spart. ”
Sie gingen gemeinsam. Der Weg war rutschig, der Regen hatte den Boden aufgeweicht, und Elenor stolperte zweimal, bevor sie das Dorf erreichten. Samuel, der Junge, hatte sich nichts gebrochen, aber das Knie war schwer verstaucht und das Schienbein aufgerissen.
Elenor kniete nieder, reinigte die Wunde mit Wasser, das sie über dem Feuer erwärmte, und legte eine Schiene aus einem gespaltenen Brett an, während Marcus daneben kniete und die Lampe hielt. Kein Diener, kein Herzog, nur ein Mann, der still genug war, damit sie arbeiten konnte. Er sagte kein Wort, aber er hielt das Licht ruhig, und als sie fertig war, reichte er ihr ein sauberes Tuch zum Händetrocknen. Auf dem Rückweg fragte er nach ihrem Vater.
Elenor erzählte von den Schlaganfällen, von zwei Jahren Pflege, von Nächten, in denen sie nicht wusste, ob er den Morgen erleben würde, und von der Zeit danach, als sie die Rechnungen, Schlüssel und Verträge des Hauses übernommen hatte, weil jemand es tun musste. „Ihre Mutter führt Weinhaus nicht”, sagte er. Elenor sah ihn von der Seite an. „Meine Mutter führt Gespräche.
Ich führe das Haus. ”
Marcus lachte leise, ein Geräusch, das so unerwartet war, dass sie stehen blieb. „Was ist daran so lustig? “, fragte sie.
„Nichts. Es ist nur selten, dass jemand so genau weiß, wer er ist und wer nicht. ”
Am Abend stellte er sie seiner Großmutter vor. Lady Margaret war eine hochgewachsene Frau mit scharfem Blick und einer Aura, die keinen Widerspruch duldete.
Sie hörte die Geschichte von Lydias Absage an, musterte Elenor von Kopf bis Fuß und sagte nur: „Dann hat das Mädchen möglicherweise zum ersten Mal in seinem Leben eine ausgezeichnete Entscheidung getroffen. ”
Marcus schloss kurz die Augen. Elenor musste lachen. In den nächsten Tagen bemerkte Elenor, weshalb die Gerüchte über Marcus so falsch und zugleich so leicht zu glauben waren.
Er sprach wenig, vergaß Mahlzeiten und sah ernst aus, selbst wenn er freundlich war. Aber er kannte die Namen der Stallknechte, stundete Pächtern nach schlechten Wintern die Miete und ließ Kohle zum Witwenhaus bringen, ohne seinen Namen nennen zu lassen. „Warum heimlich? “, fragte Elenor eines Abends beim Tee.
Marcus sah von einem Brief auf. „Weil Hilfe, die Beifall braucht, meistens Handel ist. ”
„Das ist eine gefährlich gute Antwort. ”
„Für wen?
”
„Für meinen Vorsatz, Sie nicht sympathisch zu finden. ”
Diesmal lächelte er sofort. Am dritten Abend wurde die Brücke provisorisch geöffnet. Elenor stand in ihrem Zimmer und betrachtete den kleinen Koffer auf dem Bett, den sie gepackt hatte, als sie angekommen war.
Sie sollte erleichtert sein. Die Straße war wieder frei, ihre Aufgabe war erledigt, ihre Schwester hatte bekommen, was sie wollte, und sie konnte nach Hause fahren, in ihr geordnetes Leben, in ihre Bücher, ihre Rechnungen, ihre Verantwortlichkeiten. Stattdessen fühlte sie etwas, das verdächtig nach Verlust aussah. Beim Abschied wartete Marcus in der Halle.
Ihre Kutsche war bereit, Pferde standen davor, der Himmel zeigte erste Anzeichen von Aufhellung. Elenor blieb vor ihm stehen und versuchte, sich von diesem Ort zu verabschieden, an dem sie sich seltsamerweise weniger fehl am Platz gefühlt hatte als je zuvor. „Ich habe Ihrer Mutter geschrieben”, sagte er. Elenor hielt inne.
„Was haben Sie geschrieben? ”
„Dass die ursprüngliche Vereinbarung beendet ist. ”
Etwas in ihr sank. Natürlich.
Sie hatte gewusst, dass „dann will ich sie” nicht dasselbe war wie ein Antrag. Es war ein Augenblick gewesen, ein amüsierter Satz, vielleicht ein Test. Sie hatte sich nicht erlaubt, zu hoffen, und doch hatte sie irgendwo tief in sich einen winzigen Raum offen gelassen, in dem die Möglichkeit existierte, dass es mehr war. „Natürlich”, sagte sie und zwang ihre Stimme in einen gleichmäßigen Ton.
Marcus fuhr fort: „Und dass ich in zwei Wochen nach Weinhaus komme, um ihre Hand anzuhalten. Falls Sie mich bis dahin nicht ausdrücklich davon abhalten. ”
Elenor sah ihn an. Ihr Herz schlug so laut, dass sie sicher war, er müsse es hören, doch ihre Stimme blieb ruhig.
„Sie können doch nicht einfach… ”
„Ich fürchte, ich kann, Euer Gnaden. ”
„Marcus. Das macht es nicht besser.
”
„Für mich schon. ”
Sie hätte hundert vernünftige Einwände vorbringen können. Sie hätte sagen können, dass ihre Mutter niemals zustimmen würde, dass ihre Schwester das Gesicht verlieren würde, dass die Gesellschaft es als Skandal betrachten würde, dass er sie kaum kannte. Stattdessen sagte sie: „Zwei Wochen sind sehr kurz.
Sie hatten zwei Tage, um herauszufinden, dass ich beim Frühstück arbeite, in Dörfer laufe, wenn jemand verletzt ist, und zu wenig esse, wenn niemand mich daran erinnert. Das ist keine vollständige Charakterprüfung. ”
„Dann setzen wir sie fort. ” Sein Ton war leicht, aber seine Augen nicht.
„Elenor, ich will Sie nicht, weil Ihre Schwester nicht kam. Zum ersten Mal sagte er ihren Namen, langsam, als würde er ihn schmecken. „Ich will Sie, weil Sie kamen. ”
Sie nahm diesen Satz mit nach Hause.
Veinhaus empfing Elenor mit einer Stille, die gefährlicher war als Streit. Ihre Mutter saß im Salon, als Elenor eintrat, das Gesicht in einer Maske aus Eis, und Lydia saß am Fenster in blasser Seide, gesund genug, um jede angebliche Krankheit zu beleidigen. Elenor legte Mantel und Handschuhe ab und sah beide an. „Er wird in zwei Wochen kommen”, sagte sie.
Lady Wayne stellte ihre Teetasse ab. „Um die Vereinbarung neu zu verhandeln? ”
„Um mich zu heiraten. ”
Lydia wurde blass.
„Dich? ”
In diesem einen Wort hörte Elenor Jahre der alten Rangordnung. Lydia war die schöne Tochter, Elenor die nützliche. Es gab nichts daran zu ändern, und sie hatte es nie versucht.
Aber jetzt, in der Stille, die auf Lydias Frage folgte, spürte Elenor zum ersten Mal, wie viel von diesem Schweigen aus Verzicht bestand, aus dem stillen Einverständnis, dass sie nie die sein würde, die man wählte. „Mich”, sagte Elenor ruhig. In den folgenden Tagen fragte Lydia plötzlich nach Ashcroft, nach Marcus, nach seinem Vermögen und danach, ob er wirklich so kalt sei, wie man erzählte. Sie stellte die Fragen beiläufig, beim Tee, beim Spaziergang, als würde sie nur neugierig sein, aber Elenor kannte ihre Schwester gut genug, um die Richtung zu erkennen.
Schließlich, eines Nachmittags, sagte Lydia: „Vielleicht war ich voreilig. ”
„Du hast ihn nie getroffen”, sagte Elenor. „Du offenbar schon. Wenn du ihn jetzt willst, dann sei wenigstens ehrlich darüber, warum.
”
Lydia hob das Kinn. „Und du, willst du mir erzählen, dass du ihn nach drei Tagen liebst? ”
Elenor antwortete nicht. Noch liebte sie ihn nicht.
Aber in seiner Nähe hatte sie zum ersten Mal nicht das Gefühl gehabt, nützlich sein zu müssen, um einen Platz im Raum zu verdienen. Er hatte sie nicht als Funktion gesehen, sondern als Person, und das war gefährlich nah an etwas, das sie ihr ganzes Leben vermisst hatte. Zwei Wochen später rollte die schwarze Kutsche von Ashcroft vor Weinhaus. Marcus kam mit Lady Margaret und Mr.
Halle, und Lady Wayne hatte gegen jede Vernunft sechs Nachbarn zum Dinner eingeladen. Als Elenor ihn an der Tür begrüßte, beugte sie sich vor und murmelte: „Warum sind Leute hier? ”
Marcus antwortete ebenso leise: „Meine Mutter glaubt, ein wichtiger Augenblick werde wichtiger, wenn genügend Menschen ihn später falsch weitererzählen. ”
Sein Mund zuckte.
Dann sagte er so leise, dass nur sie es hörte: „Ich habe Sie vermisst. ”
Bevor sie antworten konnte, trat Lydia zu ihnen. In silberblauer Seide war sie genau die Braut, die jeder vernünftige Heiratsplaner für einen Herzog ausgesucht hätte. Ihr Lächeln war perfekt, ihre Haltung vollkommen, und sie streckte Marcus ihre Hand entgegen, als wäre nichts geschehen.
„Euer Gnaden”, sagte sie. „Ich fürchte, meine Absage war voreilig. ”
Marcus verbeugte sich. „Sie war eindeutig.
”
„Vielleicht hätte ich Sie zuerst kennenlernen sollen. Wenn die ursprüngliche Vereinbarung noch irgendeine Bedeutung hat, wäre ich bereit, sie wieder aufzunehmen. ”
„Nein. ”
Der Salon wurde still.
Lydia blinzelte. „Wenn ich meine Meinung geändert habe, dann haben Sie jedes Recht dazu”, sagte Marcus ruhig und ohne jede Schärfe. „Nur nicht das Recht, meine ebenfalls zu ändern. ”
Lady Wayne trat näher.
„Euer Gnaden. Lydia war nur nervös. Eine junge Dame kann sich irren. ”
„Natürlich.
Und ich werde sie dafür weder bestrafen noch beschämen. ” Er sah Lydia direkt an. „Sie mussten mich nicht heiraten wollen. Aber eine Ehe ist keine Bestellung, die wieder gültig wird, sobald jemand den Artikel doch ansprechend findet.
”
Lydia senkte den Blick. Elenor spürte unerwartet Erleichterung. Marcus demütigte ihre Schwester nicht. Er rächte sich nicht, er entschied nur.
Er war ruhig, als er fortfuhr: „Ich bin gekommen, um Elenor zu fragen, ob sie mich heiratet. Nicht, um ihre Bücher zu kaufen. ”
Lady Wayne wurde rot. „Unsere Vereinbarung, die Ländereien, die Schulden…
”
„Ich bin nicht hier, um Ländereien zu handeln. ” Marcus’ Stimme blieb ruhig, aber fest. „Die Schulden Ihrer Familie werden geregelt, ob sie nun meine Frau wird oder nicht. Aber ich werde sie nicht als Teil einer Rechnung heiraten.
”
Die Nachbarn hörten nun mit jener vollkommen Aufmerksamkeit zu, die Menschen nur aufbringen, wenn sie später behaupten wollen, nichts gehört zu haben. Lady Wayne setzte ihren letzten Trumpf. „Elenor besitzt nicht einmal eine Aussteuer, die einer Herzogin angemessen wäre. ”
Marcus wandte den Kopf.
„Das wusste ich nicht. ”
Elenor erstarrte. Ihre Mutter lächelte schon, ein kleines, giftiges Lächeln. Dann sagte Marcus, und seine Stimme trug bis in den hintersten Winkel des Salons: „Wie erleichternd!
Dann kann niemand behaupten, ich hätte sie wegen ihres Geldes gewählt. ”
Lady Margaret hustete verdächtig in ihr Weinglas. Elenor floh zehn Minuten später in die kleine Bibliothek. Sie stand am Fenster und hielt die Hände vor dem Gesicht, als die Tür aufging.
Marcus trat ein und schloss sie hinter sich. „Sie sind geflohen”, sagte er. „Ich habe mich zurückgezogen. ”
„Das ist ein aristokratisches Wort für Flucht.
”
Sie drehte sich zu ihm. „Warum haben Sie das getan? ”
„Was? ”
„Vor meiner Mutter.
Vor allen. ” Die Worte kamen schneller, als sie sie denken konnte. „Sie hätten die Vereinbarung retten können. Sie hätten die Schulden, die Ländereien, den guten Ruf.
Aber Sie haben stattdessen sie vorgeführt, und das wird morgen in ganz drei Grafschaften bekannt sein. ”
Marcus sah sie einen Moment lang an. „Ich wollte nicht, dass du in diesem Haus weiter die Rolle spielst, die man dir zugewiesen hat. Nicht wenn ich weiß, wie du siehst, wenn du nicht die nützliche Tochter bist.
”
„Das war ein Risiko. ”
„Mich zu heiraten, ist auch ein Risiko. Aber ich möchte wissen, ob ich für Sie eine Entscheidung bin oder nur eine Reaktion. ” Ihre Stimme wurde leiser.
„Lydia sagt nein, also wählen Sie die Frau, die zufällig mit dem Brief vor Ihnen stand. ”
Marcus trat näher. „Sie standen nicht zufällig vor mir. Meine Mutter hat Sie geschickt, und Sie hätten lügen können.
Sie hätten mir Lydias Krankheit vorspielen können. Stattdessen sagten Sie nach wenigen Minuten die Wahrheit. Am nächsten Morgen haben Sie mich ausgelacht. Danach sind Sie durch Schlamm gelaufen, um einem verletzten Jungen zu helfen.
Sie haben meiner Großmutter widersprochen und meinem Butler erklärt, dass sein Vorratsschrank falsch beschriftet ist. ”
„Er war falsch beschriftet. ”
Marcus schloss kurz die Augen. Als er sie wieder öffnete, lächelte er.
„Sehen Sie, genau das meine ich. Ich will Sie nicht, weil Lydia mich nicht wollte. Ich bin ihr sogar dankbar. Hätte sie zugestimmt, hätte ich eine vernünftige Ehe geschlossen und nie erfahren, wie unvernünftig glücklich mich eine Frau machen kann, die jeden zweiten Satz von mir korrigiert.
”
„Das ist eine schreckliche Liebeserklärung. ”
„Ich hatte wenig Übung. ”
„Das merkt man. ”
Die Ironie verschwand aus seinem Gesicht.
„Kommen Sie mit mir nach Ashcroft, Elenor. Nicht als Ersatz. Nicht als Lösung für die Schulden Ihrer Familie. Nicht, weil ich eine Herzogin brauche.
Kommen Sie, weil ich seit zwei Wochen jeden Morgen auf den leeren Platz gegenüber sehe und mich darüber ärgere, dass Sie nicht dort sitzen. ”
Sie schluckte. „Das war besser. ”
„Noch nicht perfekt?
”
„Nein. ”
„Dann brauche ich offenbar Jahrzehnte zum Üben. ”
Er streckte ihr die Hand hin. Nicht fordernd, einfach offen, eine Einladung.
Elenor legte ihre Hand hinein. „Ja. ”
Als sie gemeinsam in den Salon zurückkehrten, sah Lady Wayne ihre verbundenen Hände. Marcus sagte, und seine Stimme war ruhig und klar: „Miss Wayne hat sich bereit erklärt, meine Frau zu werden.
”
Die Nachbarn hielten den Atem an. Lady Wayne öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Doch dann geschah etwas, das Elenor nie erwartet hätte. Lydia sah ihre Schwester lange an, ein langes, prüfendes Schweigen, und dann kam ein kleines schiefes Lächeln.
„Dann war ich offenbar wirklich unpässlich. ”
Elenor lachte nach einem Augenblick, und Lydia lachte ebenfalls. Es war der erste ehrliche Augenblick zwischen ihnen seit Jahren. Die Verlobung dauerte drei Monate.
Marcus bestand darauf, obwohl Elenor ihn daran erinnerte, dass er sie am ersten Abend am liebsten sofort gewählt hätte. „Ich lerne”, sagte er. Sie besuchten einander, stritten über die Dorfschule, über zu teure Dachbalken und darüber, ob ein Herzog das Recht hatte, das Mittagessen zu vergessen. Elenor lernte, dass seine Stille fast nie Kälte bedeutete.
Marcus lernte, dass ihr Satz „es ist nicht wichtig” gewöhnlich das Gegenteil hieß. Sie küssten sich zum ersten Mal im leeren Schulzimmer von Ashcroft, während draußen ein Zimmermann auf dem Dach fluchte. Marcus küsste sie nicht wie ein Mann, der endlich eine versprochene Braut bekam, sondern wie einer, der noch immer ein wenig erstaunt war, dass die Frau vor ihm freiwillig blieb. Sie heirateten an einem hellen Februarmorgen in der kleinen Kirche von Ashcroft.
Lydia stand neben Elenor in blassem Blau. Kurz bevor die Türen geöffnet wurden, beugte sie sich zu ihr. „Ich habe damals wirklich gedacht, er sei schrecklich. ”
„Das ist er manchmal.
”
„Und du willst ihn trotzdem? ”
Elenor sah den Gang hinunter. Marcus stand am Altar, ernst und aufrecht. Dann sah er sie, und sein Gesicht veränderte sich gerade genug, dass nur sie es bemerkte.
„Ja”, sagte Elenor. „Gerade deshalb weiß ich, dass ich ihn wirklich kenne. ”
Nach der Trauung fiel leichter Schnee. Marcus nahm ihre Hand, als sie aus der Kirche traten, und blieb stehen.
„Es gibt etwas, das ich seit November richtigstellen möchte. ”
„Schon wieder? ”
„Sie sind tatsächlich nicht die Braut, die mir versprochen wurde. ”
Elenor hob eine Braue.
„Das klingt gefährlich vertraut. ”
Er beugte sich näher. „Sie sind die Frau, die ich mir selbst ausgesucht habe. ”
Diesmal küsste sie ihn, bevor er noch etwas ruinieren konnte.
Jahre später erzählten die Leute die Geschichte natürlich falsch. Manche behaupteten, Marcus habe Elenor auf den ersten Blick geliebt. Lady Margaret bestand darauf, er habe am ersten Frühstück erkannt, dass ohne Elenor das ganze Haus dem Untergang geweiht sei. Die Wahrheit war einfacher.
Lydia hatte nein gesagt. Elenor war gekommen, um ihm die unangenehme Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Marcus hatte gelächelt, und zwei Menschen, die ihr Leben lang vernünftig funktioniert hatten, hatten zum ersten Mal eine völlig unvernünftige Möglichkeit gewählt. Es hatte angefangen mit einem Brief, einer Lüge und einem Mann, der sich weigerte, die falsche Tochter zu heiraten.
An ihrem zehnten Hochzeitstag saßen sie beim Frühstück in Ashcroft Hall. Marcus las einen Brief. Elenor prüfte die Ausgaben der Dorfschule. „Sie arbeiten beim Frühstück”, sagte er.
Elenor sah auf. „Sie beurteilen meine Gewohnheiten sehr schnell. ”
„Ich kenne Sie seit zehn Jahren. ”
„Dann haben Sie einen bemerkenswerten Vorsprung.
”
Marcus lachte und griff über die Tassen nach ihrer Hand. „Ich bin Ihrer Schwester noch immer dankbar. ”
„Sagen Sie ihr das niemals. ”
„Warum?
”
„Weil sie sonst behauptet, sie habe unsere Ehe arrangiert. ”
Marcus dachte kurz darüber nach. „Ein vernünftiger Einwand.
”
Elenor lächelte, und in einem Haus, in das einst die falsche Braut geschickt worden war, saß der Herzog viele Jahre später noch immer der einzigen Frau gegenüber, die für ihn je die richtige gewesen war.


