Der Mann, den ich noch nie gesehen hatte, stand direkt vor meiner Garage in der Kronenberger Straße und hielt ein Bündel Geldscheine in der Hand, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Ich stand noch mit der Kaffeetasse am Küchenfenster, als ich die drei sah: Gido, breitbeinig wie immer, den Kragen seiner Jacke hochgeschlagen, obwohl es gar nicht kalt war. Neben ihm dieser Fremde mit einer Aktentasche unter dem Arm, und ein Stück abseits meine Tochter Yvonne, die auf ihre Schuhe blickte, als könnte der Gehweg ihr eine Antwort geben, die sie mir selbst nicht geben wollte. Ich stellte die Tasse ab und ging hinaus.

„Alfred“, sagte der fremde Mann und streckte mir die Hand entgegen. „Kowalski, freut mich. Ein schöner Wagen. Ihr Schwiegersohn hat mir gesagt, in ein paar Tagen ist alles auf mich umgeschrieben.
“
Ich schüttelte ihm die Hand ruhig, wie man es einem Fremden gegenüber eben tut, der nichts dafür kann, dass er in eine Geschichte hineingestellt wurde, die nicht seine ist. Gido lachte kurz. Dieses Lachen, das er immer benutzte, wenn er wollte, dass ein Gespräch schneller vorbeiging, als es eigentlich sollte. „Papa, sei doch froh, du fährst ihn doch sowieso kaum noch.
Und Herr Kowalski zahlt bar, sofort. “
Ich sah zu Yvonne hinüber. Sie hob kurz den Blick, ließ ihn dann wieder sinken. Ihr Mund war ein schmaler Strich geworden, so wie damals, wenn sie als Kind wusste, dass sie etwas falsch gemacht hatte, aber hoffte, niemand würde nachfragen.
„Vierzehn Jahre“, sagte ich, mehr zu mir selbst als zu den anderen. „Ich habe die Kupplung selbst erneuert, die Bremsleitungen, die Dichtungen am Motor. Ich kenne jede Schraube an diesem Wagen. “
„Eben deswegen“, sagte Gido und legte mir eine Hand auf die Schulter, als würde das etwas erklären.
„Du hast genug getan. Jetzt ist es Zeit, dass sich jemand anderes darum kümmert. “
Herr Kowalski schien zu spüren, dass etwas nicht stimmte, denn er wechselte unruhig das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. „Wenn das gerade ungünstig ist“, begann er, aber Gido winkte ab.
„Alles geklärt, Herr Kowalski. Mein Schwiegervater ist einverstanden. Er macht nur immer ein bisschen Theater. Das kennen wir schon.
“
Ich sagte in diesem Moment nichts mehr. Ich hätte vieles sagen können über die Jahre, in denen ich jedes Wochenende unter diesem Wagen gelegen hatte, während Irmgard mir aus der Küche zurief, das Essen werde kalt. Aber ich sagte nichts. Ich ging zurück in die Küche, holte meine Jacke und die Schlüssel und stieg in den Wagen.
Wortlos, vor den Augen aller drei. Ich fuhr die Kronenberger Straße hinunter, vorbei an der alten Werkzeugfabrik, in der ich vierzig Jahre gearbeitet hatte, hinunter Richtung Kohlfurt, ohne Ziel, nur um zu fahren, weil das Fahren mir schon immer geholfen hatte, klar zu denken. Was ich in diesem Moment nicht wusste, war, wie lange Gido diesen Nachmittag schon geplant hatte. Als ich zwei Stunden später zurückkam, stand der Wagen von Herrn Kowalski noch immer vor dem Haus.
Aber Gido und Yvonne waren gegangen. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel in Yvonnens Handschrift. „Papa, wir müssen reden. Gido meinte es gut.
“
Ich setzte mich, faltete den Zettel zusammen und legte ihn neben die Obstschale. Gido meinte es gut. Diesen Satz hatte ich in den letzten Jahren öfter gehört, als mir lieb war. Immer dann, wenn er etwas entschieden hatte, das eigentlich nicht seine Entscheidung war.
Ich ging in mein Arbeitszimmer, in dem seit Irmgards Tod nicht mehr viel verändert worden war, öffnete den unteren Schrank und nahm die alte Kirschholzkiste heraus, die ich vor Jahrzehnten selbst in der Fabrik angefertigt hatte, in meiner Lehrzeit, aus Resten, die sonst weggeworfen worden wären. Ich öffnete den Deckel. Darin lag sauber gefaltet die Zulassungsbescheinigung Teil zwei, das Dokument, das die meisten Menschen heute noch Fahrzeugbrief nennen. Daneben mein alter Gesellenbrief und ein Foto von Irmgard, die lächelnd neben dem Wagen stand an dem Tag, als wir ihn zum ersten Mal gemeinsam gewaschen hatten.
Ich strich mit dem Daumen über die Ecke des Papiers. Gido wusste vieles über Autos. Er verkaufte sie schließlich beruflich bei einem Autohaus in Remscheid, und er sprach gerne in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Aber es gab eine Sache, die er nicht wusste, jedenfalls noch nicht, und die ihm in den kommenden Tagen mehr Kopfzerbrechen bereiten würde, als er sich in diesem Moment vorstellen konnte.
Ich legte das Dokument zurück in die Kiste, schloss den Deckel und stellte sie an ihren Platz im Schrank zurück. Draußen vor dem Haus hupte Herr Kowalskis Wagen leise, als er endlich wegfuhr, ohne das, wofür er offenbar schon bezahlt hatte. Ich wusste an diesem Abend noch nicht, wie viel Geld tatsächlich schon geflossen war. Das sollte ich erst später erfahren, und es sollte alles noch komplizierter machen, als es ohnehin schon war.
Am Montagmorgen rief mich Yvonne an, noch bevor ich meinen ersten Kaffee ausgetrunken hatte. „Papa, du hättest wenigstens da bleiben können. Herr Kowalski war ganz verwirrt. “
„Ich war auch verwirrt“, sagte ich.
„Ich wusste nämlich nichts von einem Verkauf. “
Am anderen Ende blieb es einen Moment still, dann leiser:
„Gido meint, das wäre doch besser für dich. Er sagt, du kommst mit der Garage sowieso nicht mehr klar, seit der Hüfte. “
Meine Hüfte hatte mit dem Wagen nichts zu tun, aber ich ließ den Satz stehen, wie so vieles in den letzten Jahren.
Es begann nicht erst an diesem Sonntag. Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als Gido und Yvonne heirateten, in der kleinen Kirche in Barmen, und wie Gido mir bei der Feier zuflüsterte, ich solle mich um die Rechnung der Musikkapelle kümmern, weil er selbst gerade ein bisschen knapp bei Kasse sei. Ich zahlte damals ohne Frage, so wie ich später auch die Anzahlung für ihr Reihenhaus in Barmen übernahm, als die Bank ihnen zu wenig Eigenkapital bescheinigte. Ich hatte das Geld aus dem Verkauf eines kleinen Grundstücks, das ich von meinem Vater geerbt hatte, und ich gab es, weil eine Tochter, die ein eigenes Zuhause aufbaut, für einen Vater wichtiger war als jedes Grundstück.
Gido hatte sich nie ausdrücklich bedankt. Er hatte stattdessen begonnen, mich in einem bestimmten Ton anzusprechen, den ich erst nach Jahren richtig zu deuten lernte. Es war der Ton, den man benutzt, wenn man mit jemandem spricht, der einem etwas schuldet, auch wenn es eigentlich umgekehrt war. Bei jedem Sonntagessen kamen kleine Bemerkungen dazu, dass ich die Nachrichten wohl falsch verstanden hätte, dass mein Rücken vom vielen Werkzeugmachen wohl schon ein bisschen gelitten habe, dass es doch sicher entspannter für mich wäre, wenn andere sich um die wichtigen Dinge kümmerten.
Ich hörte zu, nickte manchmal, aß meinen Sonntagsbraten und dachte an Irmgard, die solche Sätze früher mit einem einzigen Blick beendet hätte. Nach ihrem Tod vor drei Jahren wurde es schlimmer. Ohne sie schien Gido zu glauben, es gäbe niemanden mehr im Haus, der ihm widersprechen würde. Am Dienstag fuhr ich zur Garage, um nach dem Wagen zu sehen, und fand die Seitentür unverschlossen, was mich stutzig machte, denn ich schließe seit Jahren jedes Mal ab, aus Gewohnheit aus der Fabrikzeit, in der man nichts offen ließ, was man nicht offen lassen musste.
Auf der Werkbank neben meinem Werkzeugkasten lag ein Zettel, den ich nicht selbst dorthin gelegt hatte. Gidos Handschrift: einige Zahlen, ein Name, den ich nicht kannte, und darunter unterstrichen: „Ersatzausstellung klären, Termin, Zulassungsstelle. “
Ich stand eine Weile da, den Zettel in der Hand, und dachte nach. Ersatzausstellung.
Ein Wort, das mir aus meiner Zeit in der Fabrik noch bekannt war, weil wir dort einmal für einen Firmenwagen etwas Ähnliches gebraucht hatten, als ein Dokument tatsächlich verloren gegangen war. Aber mein Fahrzeugbrief war nicht verloren gegangen. Er lag, wie er seit Jahren lag, in der Kirschholzkiste im Arbeitszimmer. Was ich in diesem Moment noch nicht verstand, war, warum Gido überhaupt über eine Ersatzausstellung nachdachte, wenn das Original doch längst existierte, zumindest für ihn unauffindbar.
Ich steckte den Zettel in meine Jackentasche und fuhr nach Hause, wo ich als Erstes in mein Arbeitszimmer ging und die Kiste öffnete. Alles lag an seinem Platz: das Dokument, der Gesellenbrief, das Foto von Irmgard. Nichts fehlte. Am Abend rief mich meine Enkelin Jana an, vierundzwanzig Jahre alt, im letzten Semester ihres Studiums in Wuppertal, die Gido und Yvonne am Sonntagabend besucht hatte.
„Opa, ich wollte nur mal hören, wie es dir geht. Gido war komisch drauf, als ich kam. Er hat am Telefon mit jemandem über deinen Wagen gesprochen, ziemlich laut, und hat gesagt, die Papiere müssten doch irgendwo auffindbar sein, notfalls eben neu. “
Ich dankte ihr für den Anruf und sagte nichts von der Kiste im Schrank.
Noch nicht. In der Nacht lag ich lange wach und dachte an einen Nachmittag vor über zwanzig Jahren, als ich Gido einmal eine kleine, einfache Vollmacht ausgestellt hatte, damit er für mich ein Ersatzteil bei einem Händler in Solingen abholen konnte, während ich mit Grippe im Bett lag. Ein einziges Blatt Papier, einziger Zweck, längst erledigt und vergessen, dachte ich zumindest. Ich fragte mich in dieser Nacht zum ersten Mal, ob dieses alte Blatt irgendwo in Gidos Unterlagen noch existierte und was er damit vorhatte, sollte es ihm wieder in die Hände fallen.
Am Mittwoch erhielt ich einen kurzen Anruf, eine freundliche, sachliche Stimme, eine Mitarbeiterin der Zulassungsstelle Wuppertal, die sich nach meiner Erreichbarkeit erkundigte und mir mitteilte, sie würde sich in den nächsten Tagen noch einmal persönlich melden, wegen eines Vorgangs, den sie im Moment nur prüfen könne. Mehr wollte sie am Telefon nicht sagen. Ich legte auf, ging zum Schrank, öffnete die Kirschholzkiste ein zweites Mal an diesem Tag und sah lange auf das Dokument, das ich seit vierzehn Jahren aufbewahrte, ohne zu ahnen, wie wichtig genau dieses eine Blatt Papier in den kommenden Tagen noch werden sollte. Am Donnerstagmorgen klingelte das Telefon kurz nach neun, während ich gerade das Frühstücksgeschirr wegräumte.
„Herr Brand, hier ist Frau Dornbusch, Zulassungsstelle Wuppertal, Standort Elberfeld. Wir hatten ja bereits telefoniert. “
Ich setzte mich an den Küchentisch, den Hörer fest in der Hand. „Ja, ich erinnere mich.
“
„Es geht um Ihren Wagen, den blauen Kombi, Erstzulassung vor vierzehn Jahren. “
Sie machte eine kurze Pause, als würde sie in Unterlagen blättern. „Bei uns liegt ein Antrag vor, gestellt am Montag, auf Ausstellung einer Zweitschrift der Zulassungsbescheinigung Teil zwei. Als Grund wurde angegeben, das Original sei nicht mehr auffindbar.
“
Ich schloss kurz die Augen. Die Kirschholzkiste stand keine zehn Meter von mir entfernt, im Schrank meines Arbeitszimmers, mit dem Original darin, unversehrt. „Das Original ist bei mir“, sagte ich. „Es ist nicht verloren.
“
„Das habe ich mir schon gedacht“, antwortete Frau Dornbusch, und in ihrer Stimme lag etwas, das zwischen Erleichterung und Vorsicht schwankte. „Genau deswegen rufe ich Sie persönlich an, bevor wir weitermachen. Der Antrag wurde nicht von Ihnen gestellt, sondern von einem Herrn Gido Reinarz, unter Vorlage einer Vollmacht. “
„Einer Vollmacht?
“, wiederholte ich langsam. „Ja, datiert auf den 12. März, vor über zwanzig Jahren. Zweck laut Text: Abholung eines Ersatzteils bei einem Kraftfahrzeughändler in Solingen.
“
Sie ließ das einen Moment stehen. „Herr Brand, eine Vollmacht mit einem so eng gefassten, längst erledigten Zweck reicht bei uns grundsätzlich nicht für eine Zweitschriftausstellung. Zudem ist mir aufgefallen, dass Sie im Melderegister eindeutig als lebend und erreichbar geführt werden. Deswegen habe ich den Vorgang zunächst zurückgestellt, statt ihn zu bearbeiten.
“
Ich dachte an die Grippe vor zwanzig Jahren, an das Bett, in dem ich damals lag, während Irmgard mir die Stirn kühlte, und an das eine harmlose Blatt Papier, das ich Gido unterschrieben hatte, damit er ein einziges Ersatzteil abholen konnte. Ich hatte nie wieder daran gedacht. Offenbar hatte Gido das anders gehalten. „Was passiert jetzt mit dem Antrag?
“, fragte ich. „Ich werde ihn ablehnen, mit einem entsprechenden Vermerk. Und ich möchte offen sein, Herr Brand: Sollte sich herausstellen, dass hier bewusst mit einer nicht mehr gültigen oder unpassenden Vollmacht gearbeitet wurde, um an ein amtliches Dokument zu gelangen, wäre das kein Vorgang, den wir intern belassen könnten. Wir müssten das dann an die zuständigen Stellen weitergeben, zur Prüfung.
“
Ich verstand, was sie meinte, ohne dass sie es aussprechen musste. Ein Verdacht auf Urkundenfälschung war keine Sache, mit der man leichtfertig umging, aber es war auch keine Sache, die sich in einem einzigen Telefonat klären ließ. „Ich möchte nichts überstürzen“, sagte ich. „Ich werde selbst mit meinem Schwiegersohn sprechen.
“
„Das können Sie natürlich tun“, sagte Frau Dornbusch. „Aber falls Sie irgendwann Unterstützung brauchen: ein Anwalt oder auch die Polizei kann Ihnen erklären, welche Schritte sinnvoll wären. Ich wollte nur, dass Sie es aus erster Hand von mir hören, bevor jemand anderes Ihnen eine andere Version davon erzählt. “
Ich bedankte mich, legte auf und blieb lange am Tisch sitzen.
Was mich in diesem Moment am meisten beunruhigte, war nicht die Vollmacht selbst, so alt und unpassend sie auch war. Es war die Frage, warum Gido überhaupt geglaubt hatte, damit durchzukommen, als hätte er angenommen, ich würde es nie erfahren oder es würde mir egal sein, wenn ich es erführe. Am Nachmittag fuhr ich zur Garage, öffnete die Kiste ein weiteres Mal, prüfte, ob die Vollmacht von damals überhaupt noch existierte, in irgendeiner Kopie bei mir zu Hause. Ich fand nichts.
Gido musste ein eigenes Exemplar aufbewahrt haben, all die Jahre, in einer Schublade, in einem Ordner irgendwo, auf einen Tag vorbereitet, an dem es ihm nützlich erscheinen würde. Ich dachte an Herrn Kowalski, der bereits Geld gezählt hatte, vor meiner eigenen Garage. Wenn ein Fremder schon mit Bargeld da war, musste zwischen ihm und Gido längst mehr besprochen worden sein als ein bloßes Angebot. Am Abend rief ich Jana an, vorsichtig, ohne sie zu beunruhigen.
„Hat Gido in letzter Zeit mal von einem alten Papier gesprochen? Von irgendeiner Vollmacht? “
Sie überlegte einen Moment. „Nicht direkt zu mir, aber ich habe ihn am Sonntag am Telefon gehört, bevor du kamst.
Er hat gesagt, irgendetwas sei zum Glück noch gültig, auch nach zwanzig Jahren. Ich dachte, es ginge um eine Versicherung. “
Ich dankte ihr, legte auf und saß noch lange im dunklen Wohnzimmer, den Blick auf den leeren Sessel gerichtet, in dem Irmgard immer gesessen hatte, wenn wir abends über den Tag sprachen. Ich beschloss in dieser Nacht, nichts zu überstürzen.
Kein Wort zu Gido, kein Wort zu Yvonne, jedenfalls noch nicht. Ich wollte beobachten, abwarten, sehen, wie weit er zu gehen bereit war, bevor ich selbst etwas unternahm. Denn am Sonntag darauf, beim Geburtstag meiner Schwester in Barmen, sollte Gido etwas tun, das mir bis heute schwerfällt, ohne Bitterkeit zu erzählen. Der siebzigste Geburtstag meiner Schwester Helga wurde im Gemeindesaal in Barmen gefeiert, mit langen Tischen, Kaffee, selbstgebackenem Kuchen und beinahe der gesamten Familie.
Ich saß zwischen Jana und einer Cousine, als Gido sich erhob, das Glas in der Hand, angeblich um auf Helga anzustoßen. „Bevor ich das tue“, sagte er und lächelte in die Runde, „möchte ich noch schnell etwas Schönes erzählen. Papa Alfred“, er nannte mich nur so, wenn er vor anderen besonders freundlich wirken wollte, „hat sich endlich entschieden, seinen alten Wagen abzugeben. Wird auch Zeit, oder, Papa, mit der Hüfte und in deinem Alter.
“
Ein paar am Tisch lachten höflich mit, ohne zu wissen, wovon eigentlich die Rede war. Yvonne blickte auf ihren Teller. Jana neben mir wurde still. „Das ist gar nicht so entschieden, wie du sagst“, antwortete ich ruhig.
Gido winkte ab, immer noch lächelnd, aber mit einem Unterton, den nur ich in der Familie richtig zu deuten gelernt hatte. „Ach komm, Papa, wir müssen doch nicht jedes Mal dasselbe Theater machen. Herr Kowalski hat sogar schon eine Anzahlung geleistet. Das ist doch längst gelaufen.
“
Eine Anzahlung. Zum ersten Mal, dass jemand das laut aussprach, vor der ganzen Familie, als wäre es eine erledigte Tatsache und keine Sache, über die man mit mir hätte reden sollen. „Eine Anzahlung“, wiederholte ich. „Wofür genau, wenn der Wagen noch immer mir gehört und die Papiere noch immer in meinem Schrank liegen.
“
Gido lachte kurz, unangenehm. „Papier hin, Papier her, Papa. So kompliziert muss das doch nicht sein. Ehrlich gesagt, du verlierst mittlerweile öfter mal den Überblick.
Das merken wir doch alle. “
Er sah kurz zu Yvonne, die nichts sagte, dann zurück zu mir. „Es geht doch nicht darum, dir etwas wegzunehmen. Es geht darum, dass endlich mal jemand die Dinge in die Hand nimmt, die du selbst nicht mehr regeln kannst.
“
Am Tisch wurde es still. Selbst Helga, die eigentlich im Mittelpunkt hätte stehen sollen, sah betreten zur Seite. Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg, nicht aus Scham, sondern aus etwas Kälterem, das ich seit Irmgards Tod nur selten gefühlt hatte. Ich sagte nichts.
Ich nahm meine Serviette, faltete sie sorgfältig zusammen und legte sie neben den Teller. Gido, der vielleicht mein Schweigen als Zustimmung deutete, redete weiter, jetzt lauter, als wollte er sicherstellen, dass es wirklich jeder hörte. „Herr Kowalski wartet nur noch auf das Ersatzpapier von der Zulassungsstelle. Das ist reine Formsache.
Die Vollmacht ist ja da. Die habe ich schließlich all die Jahre gut aufgehoben. Manchmal zahlt es sich eben aus, Dinge nicht wegzuwerfen. “
Er hob sein Glas erneut, offenbar zufrieden mit sich, ohne zu bemerken, dass er soeben vor mindestens zwölf Zeugen genau das ausgesprochen hatte, was Frau Dornbusch mir am Telefon in vorsichtigeren Worten beschrieben hatte: dass er die alte Vollmacht bewusst aufgehoben hatte, dass er wusste, wofür sie ursprünglich gedacht war, und dass er sie trotzdem, oder gerade deswegen, für etwas völlig anderes benutzen wollte.
Jana neben mir presste kurz die Lippen zusammen. Ihr Blick wanderte zwischen Gido und mir hin und her, als würde ihr in diesem Moment etwas klar werden, das sie noch nicht ganz einordnen konnte. „Auf Helga“, sagte Gido und stieß mit den Umsitzenden an, als wäre nichts geschehen. Ich trank nicht mit.
Ich saß da, die Hände ruhig im Schoß, und sah zu, wie mein Schwiegersohn sich in seiner eigenen Überzeugung sonnte, vor der ganzen Familie, ohne zu ahnen, dass er soeben den Satz gesagt hatte, der ihm später am meisten schaden würde. Nach dem Essen kam Yvonne kurz zu mir, während Gido mit anderen Gästen sprach. „Papa, bitte mach keine Szene deswegen. Er meint es doch nur gut.
“
Ich sah sie an, lange, ohne die Stimme zu heben. „Das hast du schon einmal gesagt. “
Sie hielt meinem Blick nicht stand. Auf der Heimfahrt, allein im Wagen, den offenbar schon jemand für verkauft hielt, dachte ich an Frau Dornbuschs Worte, an die Kirschholzkiste im Schrank, an Gidos selbstzufriedenes Lächeln am Tisch.
Ich fasste an diesem Abend einen Entschluss, ruhig und ohne Eile. Ich würde am nächsten Morgen selbst zur Zulassungsstelle fahren, mit dem Original in der Tasche, und dann würde ich sehen, wie viel von dem, was Gido vor der Familie behauptet hatte, tatsächlich hielt, was er glaubte. Am Freitagmorgen fuhr ich zur Zulassungsstelle nach Elberfeld, die Kirschholzkiste auf dem Beifahrersitz, als hätte ich Angst, sie könnte mir unterwegs entgleiten. Ich hatte am Vorabend mit Frau Dornbusch telefoniert und einen Termin vereinbart, um das Original persönlich vorzulegen und den Vorgang endgültig zu klären.
Was ich nicht geplant hatte, war, wen ich im Wartebereich antreffen würde. Gido saß dort, im Anzug und mit dieser aufgeräumten Zufriedenheit im Gesicht, die er immer trug, wenn er glaubte, eine Sache sei bereits erledigt. Neben ihm Herr Kowalski, die Aktentasche auf dem Schoß, unruhig auf seinem Stuhl hin und her rutschend. „Papa“, sagte Gido, als er mich sah.
„Was machst du denn hier? Das ist wirklich nicht nötig. Das regeln wir schon. “
„Ich habe auch einen Termin“, sagte ich nur und setzte mich, die Kiste auf den Knien.
Wir wurden gemeinsam aufgerufen, was mir im Nachhinein wie eine Fügung erschien, auch wenn ich vermute, dass Frau Dornbusch das ganz bewusst so eingerichtet hatte. In ihrem Büro, hinter dem Schreibtisch, wirkte sie ruhig und sachlich, so wie am Telefon. „Herr Reinarz, Herr Kowalski, Herr Brand, gut, dass wir das jetzt gemeinsam klären können. “
Gido lehnte sich zurück, die Arme locker verschränkt.
„Ich denke, das ist eine reine Formsache. Die Vollmacht liegt Ihnen ja vor. “
„Genau darüber möchte ich mit Ihnen sprechen. “ Frau Dornbusch zog eine Mappe heran.
„Sie haben am Montag beantragt, eine Zweitschrift der Zulassungsbescheinigung Teil zwei auszustellen, mit der Begründung, das Original sei nicht mehr auffindbar. “
Sie sah zu mir:
„Herr Brand, würden Sie bitte zeigen, was Sie mitgebracht haben? “
Ich öffnete die Kiste langsam und legte das Dokument auf den Tisch. Gidos Blick fiel darauf, und für einen Moment verlor sein Gesicht die Farbe, die es bis dahin gehabt hatte.
„Das“, sagte Frau Dornbusch, „ist das Original. Es war zu keinem Zeitpunkt verloren. Es lag, wie Herr Brand mir bereits am Telefon mitgeteilt hat, die ganze Zeit bei ihm zu Hause. “
„Das kann nicht sein“, sagte Gido, aber seine Stimme klang nicht mehr so sicher wie noch am Geburtstagstisch vor einer Woche.
„Es ist so“, sagte ich ruhig. „Ich habe es nie verlegt. “
Frau Dornbusch blätterte weiter. „Zudem beruhte Ihr Antrag auf einer Vollmacht aus dem Jahr 2002, mit einem eng begrenzten Zweck: der Abholung eines Ersatzteils bei einem Kraftfahrzeughändler in Solingen.
Dieser Zweck wurde, nach allem, was mir vorliegt, damals erfüllt und ist seither erledigt. Eine solche Vollmacht deckt keinen Antrag auf Zweitschrift, schon gar nicht Jahrzehnte später, und schon gar nicht, während das Original nachweislich existiert. “
Herr Kowalski richtete sich auf. „Moment, Sie meinen, das war die ganze Zeit gar nicht rechtens?
“
„Ich meine“, sagte Frau Dornbusch, „dass hier gegenüber einer Behörde eine unrichtige Angabe gemacht wurde, nämlich dass das Original verloren sei, obwohl es das nachweislich nicht war. Das ist kein Kavaliersdelikt. Ich bin verpflichtet, diesen Vorgang zur Prüfung weiterzugeben. Ob sich daraus ein Verdacht auf Urkundenfälschung oder zumindest auf falsche Angaben gegenüber einer Behörde ergibt, wird die zuständige Stelle entscheiden, nicht ich.
“
Gido presste die Lippen zusammen. Ein schmaler Strich, den ich zuvor nur bei Yvonne gesehen hatte, wenn sie wusste, dass sie etwas nicht mehr geradebiegen konnte. „Papa, das war doch nicht böse gemeint“, sagte er schließlich, leiser als alles, was er in den letzten Wochen gesagt hatte. „Ich wollte dir doch nur Arbeit ersparen.
“
Ich sah ihn an, lange, ohne die Stimme zu heben. „Du wolltest mir mein Auto ersparen, Gido. Das ist ein Unterschied. “
Herr Kowalski stand auf, die Aktentasche fest in der Hand.
„Ich habe eine Anzahlung geleistet, in bar, an Sie, Herr Reinarz, auf Grundlage dessen, was Sie mir zugesichert haben. Wenn das hier alles nicht seine Richtigkeit hatte, will ich mein Geld zurück, noch heute. “
Gido öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, fand er nicht sofort einen Satz, der die Lage zu seinen Gunsten drehte.
Frau Dornbusch schloss die Mappe. „Der Antrag wird abgelehnt. Herr Brand bleibt eingetragener Halter. Das Original verbleibt bei ihm.
Alles weitere, die Frage der Anzahlung, die Frage der Vollmacht, das müssen Sie unter sich und gegebenenfalls mit einem Anwalt klären. Von unserer Seite aus geht der Vorgang zur Prüfung weiter. “
Ich nahm die Kiste, stand auf und verließ das Büro, ohne ein weiteres Wort an Gido zu richten. Er blieb sitzen, mit Herrn Kowalski, der ihm bereits mit erhobener Stimme etwas über sein Geld erklärte, während ich den Flur hinunterging, in den Vormittag hinaus, in dem plötzlich wieder alles meins war, was mir die ganze Zeit gehört hatte.
In den Tagen danach erfuhr ich, größtenteils über Jana, wie es weiterging. Herr Kowalski verlangte seine Anzahlung zurück und drohte, selbst zur Polizei zu gehen, wenn Gido nicht zahle. Gido zahlte in zwei Raten aus eigener Tasche und wirkte seither, wie Jana es formulierte, als wäre die Luft aus ihm raus. Die Zulassungsstelle leitete den Vorgang wie angekündigt weiter, und ein paar Wochen später erhielt Gido ein Schreiben der Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf falsche Angaben gegenüber einer Behörde.
Ich weiß bis heute nicht genau, wie das Verfahren endete, nur dass es gegen eine Auflage eingestellt wurde. Ich hatte keine Anzeige erstattet, aber die Entscheidung, ob überhaupt weiter ermittelt wird, lag ohnehin nicht bei mir. Yvonne kam eine Woche später allein zu mir, ohne Gido, mit rot geränderten Augen. Sie setzte sich an meinen Küchentisch, an dem Gido eine Woche zuvor noch so überzeugt gewirkt hatte.
„Papa, ich wusste nicht, wie es weitergehen würde. Ich hätte früher etwas sagen müssen. “
„Ja“, sagte ich, nicht unfreundlich, aber ohne es ihr zu ersparen. „Das hättest du.
“
Sie nickte, die Hände um die Kaffeetasse gelegt, ohne zu trinken. Ich erzählte ihr nicht viel mehr an diesem Nachmittag. Manche Dinge muss man nicht in Worte fassen, damit sie trotzdem verstanden werden. Ich fuhr meinen Wagen seither selbst, jeden Tag, zum Discounter, zum Friedhof, an dem Irmgards Grab liegt, manchmal einfach durch Kohlfurt ohne Ziel.
Ich hatte die alte Kirschholzkiste zurück in den Schrank gestellt, aber ich öffnete sie inzwischen öfter als früher, weil das Foto von Irmgard darin mir half, mich daran zu erinnern, wofür ich all die Jahre gearbeitet hatte und für wen. Zu Gido habe ich seither wenig Kontakt. Kein Streit, keine große Aussprache, nur eine Distanz, die sich von selbst eingestellt hat und die ich nicht künstlich überbrücken will. Jana dagegen kommt öfter vorbei als zuvor.
Manchmal einfach, um mit mir Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Manchmal, um mit mir eine Runde durchs Bergische Land zu fahren, weil sie, wie sie sagt, das Fahren mit mir mag. Ich bin siebenundsiebzig Jahre alt, und ich habe in meinem Leben gelernt, dass Würde nicht darin besteht, laut zu sein, sondern darin, die richtigen Papiere an der richtigen Stelle aufzubewahren und den Mut zu haben, sie am Ende auch zu zeigen.


