Zwei Monate nach dem Tod meines Mannes gehörte seine Firma meinem Schwiegersohn. Angeblich hatte ich unterschrieben. Es gab ein Dokument, meinen Namen darunter, alles ordentlich beim Notar eingereicht. Nur lag ich an dem Tag, an dem ich unterschrieben haben soll, in einer Klinik in Augsburg unter Vollnarkose.

Ich bin nicht zur Polizei gegangen. Ich habe etwas anderes getan – etwas, das mein Schwiegersohn bis heute jeden Monat spürt. Mein Name ist Marianne Ostermann. Ich bin siebzig Jahre alt und lebe in Augsburg im Antonsviertel, in einem Haus, das mein Mann Ludwig und ich 1985 gebaut haben.
Bevor ich erzähle, was ich getan habe, würde ich gern wissen, woher Sie mir heute zuhören. Schreiben Sie mir Ihre Stadt in die Kommentare. Es tut gut zu wissen, dass jemand zuhört. Ludwig war Elektromeister.
1978 gründete er einen Betrieb – Ostermann Elektrotechnik – mit einem Lieferwagen und zwei Gesellen. Als er starb, hatten wir dreißig Mitarbeiter und Aufträge bis ins übernächste Jahr. Ich war nicht die Frau im Hintergrund. Ich habe die Buchhaltung gemacht, die Lohnabrechnung, den ganzen kaufmännischen Teil, jahrelang.
Wenn Sie mich um drei Uhr nachts geweckt hätten und nach unserer Umsatzrendite gefragt hätten, ich hätte es Ihnen genannt. Merken Sie sich das. Es wird wichtig. Wir haben zwei Kinder.
Michael ist fünfundvierzig, Elektroingenieur, arbeitet aber nicht bei uns, sondern bei einem großen Zulieferer in Ingolstadt. Er wollte nie in den Familienbetrieb, und Ludwig hat das akzeptiert. Und Claudia, zweiundvierzig, ist mit Ralf verheiratet. Über Ralf muss ich ausführlicher sprechen.
Ralf kam vor zwölf Jahren als Claudias Freund in unser Leben und vor neun Jahren in unsere Firma. Er ist gelernter Elektrotechniker mit einem betriebswirtschaftlichen Aufbaustudium, redegewandt, gut aussehend, mit diesem festen Händedruck, den man auf Seminaren lernt. Ludwig mochte ihn. Ludwig sah in ihm den Nachfolger, den er in Michael nicht hatte.
Ich mochte ihn nie ganz. Ich kann nicht einmal genau sagen, warum. Es gab nichts Konkretes, nur dieses Gefühl, dass Ralf immer ein bisschen zu genau zuhörte, wenn es um Zahlen ging, und ein bisschen zu ungenau, wenn es um Menschen ging. Ludwig sagte, ich sei ungerecht.
Vielleicht war ich das. Aber ich habe zweiundvierzig Jahre lang Rechnungen geprüft, und irgendwann entwickelt man ein Gefühl für Posten, die nicht stimmen. Bei Ralf hatte ich dieses Gefühl, ohne je etwas gefunden zu haben. Was ich damals nicht wusste und erst viel später erfuhr: Ralf und Claudia steckten tief in Schulden.
Sie hatten ein Haus gebaut in Stadtbergen, größer als sie brauchten, zwei Autos geleast, die sie sich nicht leisten konnten. Und Ralf hatte, ohne dass jemand in der Familie davon wusste, vor sechs Jahren einen Geschäftskredit aufgenommen für eine eigene Idee – irgendetwas mit Photovoltaik – die nicht funktioniert hatte. Zweihundertsechzigtausend Euro, die er verloren hatte und die er abbezahlen musste. Er stand mit dem Rücken zur Wand, und niemand wusste es.
Ludwig starb im März vor zwei Jahren. Ein Aortenriss in der Firma, an einem Dienstagvormittag. Er war siebzig und wollte im Herbst aufhören. Über die ersten Wochen danach möchte ich nichts Ausführliches erzählen.
Sie wissen, wie das ist – oder Sie wissen es nicht, und dann kann ich es Ihnen nicht erklären. Ich funktionierte. Ich saß in einem Haus, das zu still war, und beantwortete Beileidskarten. Und ich war krank.
Das ist der Teil, an dem alles hängt. Ich hatte seit Monaten Beschwerden an der Galle. Ich hatte es aufgeschoben, erst weil Ludwig krank war, dann weil Ludwig starb. Sechs Wochen nach der Beerdigung ging es nicht mehr, und ich kam ins Krankenhaus.
Am 17. Mai wurde ich operiert, unter Vollnarkose, vier Tage stationär, danach zwei Wochen zu Hause, in denen ich kaum aufstehen konnte. Ralf hat mich im Krankenhaus besucht. Er brachte Blumen und sagte: „Marianne, mach dir keine Sorgen um die Firma.
Ich kümmere mich um alles. “ Ich habe mich bedankt. Ich war dankbar. Ich lag da mit Schläuchen im Arm und war einer Sorge ledig.
Er hat sich um alles gekümmert, das ist wahr – nur eben nicht so, wie ich dachte. Sechs Wochen nach meiner Operation, Ende Juni, saß ich zum ersten Mal wieder im Büro der Firma. Ich wollte langsam wieder anfangen, ein paar Stunden am Tag. Und im Vorzimmer sagte unsere Buchhalterin, Frau Sedelmeier, die seit achtzehn Jahren bei uns war, etwas Merkwürdiges.
Sie sagte: „Frau Ostermann, schön, dass Sie da sind. Ich wusste nicht, ob Sie noch kommen nach der Übertragung. “ Ich fragte: „Nach welcher Übertragung? “ Sie wurde sofort verlegen.
„Ach, ich dachte, Sie wissen. Herr Kessler hat gesagt, die Anteile sind jetzt bei ihm wegen der Nachfolge. “
Ich habe an diesem Tag nichts gesagt. Ich habe genickt und gelächelt, bin in mein Büro gegangen und habe die Tür zugemacht.
Und dann habe ich angefangen zu suchen. Es dauerte zwei Tage, bis ich es hatte. Ich habe beim Handelsregister eine Auskunft angefordert. Das kann jeder, das ist öffentlich.
Und was ich bekam, ließ mich in meinem Bürostuhl sitzen wie eine Frau aus Stein. Die Gesellschafterliste der Ostermann Elektrotechnik GmbH war geändert worden, eingetragen am 11. Juni. Vorher: Ludwig Ostermann sechzig Prozent, Marianne Ostermann vierzig Prozent.
Nachher: Ralf Kessler sechzig Prozent, Marianne Ostermann vierzig Prozent. Ludwigs Anteile – sein Lebenswerk – waren auf meinen Schwiegersohn übergegangen. Ich bin dann zu dem Notar gefahren, bei dem die Übertragung beurkundet worden war. Nicht unser Notar, ein anderer in Friedberg, den ich nicht kannte.
Ich sagte, ich sei Marianne Ostermann und wolle eine Abschrift der Urkunde, die ich mit unterschrieben habe. Die Mitarbeiterin gab sie mir – man bekommt eine Abschrift der eigenen Urkunde, das ist mein Recht. Ich setzte mich auf dem Parkplatz in mein Auto und las. Es war eine Anteilsübertragung.
Ludwigs Erbanteil, der zunächst auf mich als Alleinerbin übergegangen war, wurde übertragen auf Ralf Kessler gegen eine Zahlung, die in der Urkunde stand und die lächerlich war – ein Bruchteil des Wertes. Und unten stand meine Unterschrift. Sie sah aus wie meine Unterschrift. Sie sah wirklich aus wie meine Unterschrift.
Der Schwung beim M, der lange Strich am Ende. Jemand hatte sich Mühe gegeben. Und dann sah ich auf das Datum der Beurkundung: 17. Mai.
Ich saß in meinem Auto und starrte auf dieses Datum, und ich brauchte einen Moment, bis mein Kopf es einordnete. Der 17. Mai war der Tag meiner Operation. An dem Tag, an dem ich angeblich bei einem Notar in Friedberg gesessen und eine Anteilsübertragung unterschrieben habe, lag ich im Klinikum Augsburg auf einem Operationstisch unter Vollnarkose mit einem Schnitt im Bauch.
Ich habe in diesem Auto angefangen zu zittern – nicht vor Angst, vor etwas anderem. Ich saß vielleicht zwanzig Minuten auf einem Parkplatz in Friedberg, und mein Kopf ging alles durch. Zuerst dachte ich, ich irre mich im Datum. Ich habe im Handy meinen Kalender aufgerufen: 17.
Mai, OP. Ich habe es zweimal gelesen. Dann dachte ich, vielleicht war es ein anderer Notartermin, vielleicht habe ich vorher unterschrieben und die Beurkundung war später. Aber so funktioniert das nicht.
Bei einer Anteilsübertragung müssen die Beteiligten anwesend sein oder es muss eine beglaubigte Vollmacht geben. In der Urkunde stand keine Vollmacht. In der Urkunde stand, dass ich persönlich erschienen sei – persönlich erschienen um elf Uhr am 17. Mai.
Und dann kam der Gedanke, den ich nicht mehr los wurde: Er hat gewusst, dass ich an dem Tag in Narkose liege. Er hat den Termin auf genau diesen Tag gelegt, weil das der einzige Tag im Jahr war, an dem mich mit vollständiger Sicherheit niemand erreichen konnte. Kein Anruf, keine Nachfrage, nichts. Das war nicht Not, das war Planung.
Ich fuhr nach Hause und rief nicht Claudia an, nicht Ralf, nicht die Polizei. Ich rief meinen Sohn Michael an. Ich erzählte ihm alles. Er war zuerst still, so still, dass ich fragte, ob er noch dran sei.
Dann sagte er einen Satz, den ich nie vergessen werde: „Mama, sag noch niemandem, dass du es weißt. Kein Wort. Nicht Claudia, nicht Ralf. Erst, wenn wir wissen, was wir tun.
“ Ich fragte: „Warum nicht sofort? “ Und Michael sagte: „Weil er dann alles vernichtet, was er vernichten kann, und weil du in einer Firma sitzt, in der er im Moment mehr Rechte hat als du. Solange er sich sicher fühlt, hast du Zeit. “
Mein Sohn ist Ingenieur.
Er denkt in Systemen. In diesem Moment war ich sehr froh darüber. Michael kam am Wochenende. Er nahm sich drei Tage frei und fuhr aus Ingolstadt herüber.
Wir saßen zwei Tage lang an unserem Küchentisch mit allen Unterlagen, und mein Sohn hat für mich Ordnung in etwas gebracht, wofür ich allein zu aufgewühlt war. Und zuerst besorgten wir die Beweise. Das war einfacher, als ich dachte. Ich forderte beim Klinikum meine Behandlungsunterlagen an.
Ich bekam den vollständigen Bericht: Aufnahme am 16. Mai, Operation am 17. Mai, Beginn 10:15 Uhr, Ende 12:40 Uhr, Vollnarkose, Verlegung auf die Station um 14 Uhr, Entlassung am 20. Der Notartermin in Friedberg war laut Urkunde am 17.
Mai um elf Uhr. Um elf Uhr am 17. Mai lag ich mit einem Beatmungsschlauch im Hals. Michael sagte: „Mama, das ist nicht nur Urkundenfälschung, das ist mit einer Klinikakte bewiesen.
Das ist ein Fall, den jeder Staatsanwalt in zwanzig Minuten versteht. “
Und ich saß da und dachte über meine Tochter nach, denn das war die Frage, um die alles kreiste: Wusste Claudia es? Ich fragte Michael, und Michael sagte: „Mama, ich weiß es nicht. Aber wenn Ralf verurteilt wird, dann sitzt sie mit zwei Kindern in einem Haus, das sie nicht bezahlen kann, mit einem Mann im Gefängnis.
Das musst du wissen, bevor du entscheidest. “
In dieser Nacht habe ich nicht geschlafen. Ich lag wach und habe zwei Bilder gegeneinander gehalten. In dem einen sah ich Ralf, wie er in einen Gerichtssaal geführt wird.
In dem anderen sah ich meine Enkel, acht und zehn. Und irgendwann gegen Morgen kam mir ein dritter Gedanke. Ich stand auf, ging in Ludwigs Arbeitszimmer und holte die Unterlagen zu Ralfs Photovoltaik-Sache heraus. Ich hatte davon erfahren, als ich nach Ludwigs Tod alle Papiere durchging, weil Ludwig ihm damals eine Bürgschaft mit unterschrieben hatte, ohne mir etwas zu sagen.
Zweihundertsechzigtausend Euro Geschäftskredit bei einer regionalen Bank. Die Firma war insolvent gegangen, Ralf haftete persönlich. Ich sah mir die Zahlungen an, die dokumentiert waren. Er zahlte seit vier Jahren Raten.
Und aus dem, was ich sah, zahlte er sie schlecht. Es gab Mahnungen. Es gab eine Stundungsvereinbarung. Und da hatte ich meine Idee.
Am Montag rief ich einen Anwalt an – nicht unseren Firmenanwalt, einen eigenen, Herrn Dr. Brenner, Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht. Ich legte ihm alles vor: die Urkunde, die Klinikakte, die Handelsregisterauskunft und die Unterlagen zu Ralfs Kredit. Er sah sich das an, dann sah er mich an und sagte: „Frau Ostermann, Sie können diesen Mann heute noch anzeigen und morgen die Anteile zurückhaben.
Warum sitzen Sie hier so ruhig? “ Und ich sagte: „Weil ich meine Enkel habe und weil ich etwas anderes will als ein Gerichtsverfahren. “ Ich sagte ihm, was ich wollte. Er hat mich zwei Sekunden angesehen, dann hat er gelacht – ein kurzes, überraschtes Lachen – und gesagt: „Frau Ostermann, das ist die kälteste Idee, die mir in diesem Jahr jemand vorgetragen hat, und sie ist vollkommen legal.
“
Was ich wollte, war Folgendes: Wenn ein Schuldner seine Raten schlecht zahlt, dann ist diese Forderung für die Bank ein Problem. Sie bindet Kapital, sie muss überwacht werden, und am Ende steht vielleicht eine Zwangsvollstreckung, die teuer ist und wenig bringt. Banken verkaufen solche Forderungen nicht zum vollen Wert, sondern mit einem Abschlag. Das ist ein ganz normales Geschäft, es passiert jeden Tag, normalerweise mit Inkassofirmen.
Es kann aber auch eine Privatperson tun. Ich habe über Dr. Brenner Kontakt zu dieser Bank aufnehmen lassen. Es gab Gespräche.
Es dauerte fast vier Monate. Ich will Ihnen von diesen vier Monaten erzählen, denn sie waren das Schwerste an der ganzen Sache. Vier Monate lang habe ich meinem Schwiegersohn ins Gesicht gesehen und nichts gesagt. Er kam jeden Tag in die Firma.
Er saß in Ludwigs altem Büro, in Ludwigs Stuhl. Er hat Entscheidungen getroffen, die mir nicht gefielen, und ich habe genickt. Er hat einmal in einer Besprechung gesagt: „Marianne muss sich um solche Dinge nicht mehr kümmern. Sie soll sich erholen.
“ Und ich habe gelächelt und gedankt. Er hat mich im Juli zum Geburtstag eingeladen, zu sich nach Hause. Ich saß an seinem Tisch in seinem Garten mit meinen Enkeln und aß Kuchen, den meine Tochter gebacken hatte, und ich wusste, dass dieser Mann meine Unterschrift gefälscht hatte, während ich unter Narkose lag. Ich habe an diesem Nachmittag zweimal in seinem Badezimmer gesessen und tief geatmet, damit man mir nichts anmerkt.
Michael hat mich einmal gefragt, wie ich das aushalte. Ich habe ihm gesagt: „Michael, ich habe jahrelang mit Handwerkern verhandelt, mit Banken, mit Lieferanten, die mich betrügen wollten. Ich weiß, wie man wartet, bis man die bessere Karte hat. “ Aber es war eine Lüge, jedenfalls halb.
In Wahrheit habe ich in diesen vier Monaten sieben Kilo abgenommen und kaum geschlafen. Die Verhandlungen mit der Bank waren zäh. Eine Bank verkauft eine Forderung nicht einfach an eine Privatperson, die anruft. Dr.
Brenner musste erklären, dass ich als Angehörige des Schuldners ein legitimes Interesse habe, dass ich zahlungsfähig bin, dass es keine Umgehung von irgendetwas ist. Dreimal sah es so aus, als würde es scheitern. Beim dritten Mal saß ich in Dr. Brenners Büro und sagte: „Dann gehe ich eben doch zur Staatsanwaltschaft.
“ Und er sagte: „Frau Ostermann, das können Sie tun. Aber Sie haben mir vor vier Monaten erklärt, warum Sie es nicht wollen. Diese Gründe haben sich nicht geändert. Ihre Enkel sind immer noch acht und zehn.
“ Er hatte recht. Ich habe weitergemacht. Am Ende habe ich die Forderung gegen Ralf Kessler erworben. Ich habe dafür einen Teil meiner Ersparnisse eingesetzt, und ich sage Ihnen ehrlich: Es war viel Geld, und ich habe eine Nacht davor gezögert.
Es war Geld, das Ludwig und ich für unser Alter zurückgelegt hatten. Ich habe es ausgegeben, um die Schulden des Mannes zu kaufen, der uns bestohlen hat. Das klingt verrückt. Es war die beste Investition meines Lebens.
Denn als der Vertrag unterschrieben war, war ich Ralfs Gläubigerin. Der Mann, der meine Unterschrift gefälscht hatte, während ich in Narkose lag, schuldete jetzt mir zweihundertdreißigtausend Euro. Und ich hielt eine Klinikakte in der Hand, mit der ich ihn jederzeit ins Gefängnis bringen konnte. Ich möchte kurz innehalten, bevor ich Ihnen erzähle, wie das Gespräch mit ihm lief.
Wenn Sie bis hierher zugehört haben, dann wissen Sie, wie es sich anfühlt, wenn man aus der Schwäche wieder in die Stärke kommt. Drücken Sie auf Abonnieren. Hier erzählen Frauen, die man für hilflos hielt und die genau nachgerechnet haben. Ich bat Ralf und Claudia im Oktober zu mir nach Hause.
Michael war da und Dr. Brenner. Das allein hat Ralf schon nervös gemacht, als er hereinkam. Wir setzten uns an den Esstisch.
Ich hatte zwei Mappen vor mir liegen. Ich sagte: „Ralf, ich möchte über die Anteilsübertragung sprechen. “ Er lächelte sofort und sagte: „Marianne, ich weiß, das ging schnell. Aber du warst krank, und der Betrieb brauchte eine handlungsfähige Führung.
Ludwig hätte es so gewollt. “ Ich schob ihm die erste Mappe hin. „Das ist die Abschrift der Urkunde. Beurkundet am 17.
Mai um elf Uhr in Friedberg mit meiner Unterschrift. “ Er nickte. „Genau. “ Dann schob ich ihm die zweite Mappe hin.
„Und das ist mein Operationsbericht vom Klinikum Augsburg vom 17. Mai. Narkosebeginn 10:15 Uhr, Ende 12:40 Uhr. “
Ich habe gesehen, wie ein Mensch grau wird.
Ich hatte das nie zuvor gesehen. Es geht sehr schnell. Claudia nahm die Mappe und las, und dann sagte sie: „Ralf, was ist das? “ Und an ihrer Stimme, an ihrem Gesicht, an der Art, wie sie ihn ansah, wusste ich mit vollkommener Sicherheit: Meine Tochter hatte nichts gewusst.
Das war der Moment, in dem ich innerlich aufatmete. Bis dahin hatte ich es nicht gewusst. Bis dahin hatte ich meine eigene Tochter verdächtigt. Ralf fing an zu reden, sehr schnell.
Es sei ein Verfahrensfehler. Er habe im besten Interesse gehandelt. Der Notar habe einen Fehler gemacht. Das lasse sich alles aufklären.
Dr. Brenner sagte ruhig: „Herr Kessler, eine gefälschte Unterschrift auf einer notariellen Urkunde ist Urkundenfälschung. In Verbindung mit dem Vermögensvorteil kommt Betrug hinzu. Der Beweis liegt vor Ihnen.
Es gibt hier nichts aufzuklären. “ Ralf sah mich an und sagte: „Marianne, bitte denk an die Kinder. “ Und ich habe geantwortet: „Das tue ich. Seit vier Monaten denke ich an nichts anderes.
“
Dann habe ich ihm die dritte Sache auf den Tisch gelegt: den Forderungskaufvertrag. Er las ihn. Ich sah, wie er versuchte zu verstehen, was er da sieht. Dann hob er den Kopf.
„Du hast meinen Kredit gekauft. “ – „Ja. Von der Bank. “ – „Ja, vor drei Wochen.
“ Er saß da, und in seinem Gesicht arbeitete es. Ich glaube, in diesem Moment hat er zum ersten Mal begriffen, mit wem er es zu tun hatte. Ich sagte: „Ralf, ich mache dir jetzt ein Angebot, und du wirst es annehmen, weil du keine Wahl hast. Erstens: Die Anteilsübertragung wird rückabgewickelt.
Dr. Brenner hat alles vorbereitet. Du unterschreibst heute. Zweitens: Du bleibst in der Firma als Angestellter, nicht als Gesellschafter, nicht als Geschäftsführer.
Du bekommst ein anständiges Gehalt, mit dem du dein Haus halten kannst und deine Familie ernährst. Drittens: Du zahlst mir deine Schulden zurück – ratenweise, zu genau den Konditionen, die du mit der Bank hattest. Keinen Cent mehr, keinen Cent weniger. Ich verdiene daran nichts.
Und viertens: Der Operationsbericht und die Urkunde bleiben bei Dr. Brenner. Sie werden zur Staatsanwaltschaft gehen, wenn du eine dieser Bedingungen brichst. Sonst nicht, solange ich lebe – und darüber hinaus, denn ich habe es so hinterlegt.
“
Es war sehr still im Zimmer. Claudia weinte. Michael sah auf den Tisch. Ralf sagte schließlich mit einer Stimme, die ich nicht kannte: „Das ist Erpressung.
“ Und Dr. Brenner sagte sehr höflich: „Nein, Herr Kessler. Erpressung wäre, wenn Frau Ostermann einen Vorteil verlangen würde, der ihr nicht zusteht. Sie verlangt ihre Schulden, die ihr zustehen, und ihre Firmenanteile, die ihr zustehen, und sie behält sich vor, eine Straftat anzuzeigen, was jedem Bürger freisteht.
Das ist alles legal. Ich habe es dreimal geprüft. “ Ralf hat unterschrieben. Alles.
Das ist jetzt sechzehn Monate her. Die Firma gehört wieder mir. Als Geschäftsführerin habe ich unsere langjährige Betriebsleiterin eingesetzt, Frau Hofstädter, und ich sitze wieder in der Buchhaltung – drei Tage die Woche, mit siebzig Jahren. Ralf arbeitet weiter bei uns im Vertrieb, wo er tatsächlich gut ist.
Er kommt jeden Morgen, er macht seine Arbeit, und wir grüßen uns höflich. Es ist die merkwürdigste Arbeitsbeziehung, die man sich vorstellen kann. Jeden Monat kommt eine Überweisung auf mein Konto. Verwendungszweck: Ratenzahlung Darlehen.
Sie kommt pünktlich. Sie kommt sehr pünktlich. Claudia und ich haben ein halbes Jahr gebraucht. Sie hat mir immer wieder gesagt, sie habe von nichts gewusst, und ich habe ihr immer wieder gesagt, dass ich ihr glaube.
Es hat trotzdem gedauert – ein Kind zu haben, dessen Mann die eigene Mutter bestohlen hat. Das ist eine Wunde, die langsam heilt, für uns beide. Sie kommt jetzt wieder mit den Kindern. Sonntags.
Ihre Ehe, das weiß ich von Michael, ist nicht mehr das, was sie war. Aber sie hat sich entschieden zu bleiben wegen der Kinder, und das ist ihre Entscheidung und nicht meine. Ich möchte Ihnen etwas mitgeben. Ich hätte Ralf anzeigen können.
Ich hatte alles in der Hand. Ich hätte ihn vernichten können, und viele hätten mir das geraten, und niemand hätte mir einen Vorwurf gemacht. Aber eine Anzeige hätte etwas kaputt gemacht, das mir mehr wert war als seine Bestrafung. Sie hätte meine Enkel ohne Vater und ohne Haus dastehen lassen.
Also habe ich mir überlegt, was ich wirklich will. Und ich wollte nicht, dass er leidet. Ich wollte, dass er nicht mehr gefährlich ist. Ein Mann mit Schulden bei einer Bank ist gefährlich.
Er sucht nach Auswegen und greift nach dem, was in Reichweite liegt. Ein Mann mit Schulden bei seiner Schwiegermutter, die einen Operationsbericht im Safe hat, ist der zuverlässigste Mitarbeiter, den ein Betrieb haben kann. Ich habe ihn nicht bestraft. Ich habe ihn eingeordnet.
Und wenn Sie eines mitnehmen, dann das: Wenn Ihnen jemand Unrecht tut, fragen Sie sich nicht zuerst, wie Sie ihn treffen können. Fragen Sie sich, was Sie eigentlich wollen. Manchmal ist Gerechtigkeit lauter, als sie nützlich ist. Ich bin Marianne Ostermann.
Ich bin siebzig Jahre alt. In meinem Büro hängt noch immer Ludwigs Meisterbrief von 1977, in einem Rahmen, den er selbst ausgesucht hat. Und in dem Safe darunter liegt eine Mappe mit einem Operationsbericht vom 17. Mai.
Ich mache diesen Safe fast nie auf. Ich muss ihn auch nicht aufmachen.


