Mein Sohn legte mir ein Blatt Papier auf den Küchentisch und sagte: „Das hast du unterschrieben, Mama, im März beim Notar.“ Ich sah meinen eigenen Namen unter dem Text, das Siegel daneben – und…

Mein Sohn legte mir ein Blatt Papier auf den Küchentisch und sagte: „Das hast du unterschrieben, Mama, im März beim Notar.“ Ich sah meinen eigenen Namen unter dem Text, das Siegel daneben – und...

Mein Sohn legte mir ein Blatt Papier auf den Küchentisch und sagte: „Das hast du unterschrieben, Mama, im März beim Notar. “

Ich sah meinen eigenen Namen unter dem Text. Ich sah das Siegel. Und ich hatte keine Erinnerung daran.

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Keine. Vierzehn Wochen lang habe ich geglaubt, mein Verstand sei fort. Dann fand ich einen Mann, der fast neunzig war und sich besser erinnerte als ich. Mein Name ist Ilse Ratke.

Ich bin einundsiebzig Jahre alt und lebe in Rostock, in einer Dreizimmerwohnung in der Kröpeliner Vorstadt. Hier habe ich achtundzwanzig Jahre mit meinem Mann Gerhard gelebt. Gerhard starb vor einem Jahr und zwei Monaten. Schlaganfall im Schlaf.

Er war siebenundsiebzig und hatte am Abend zuvor noch die Blumenkästen auf dem Balkon gegossen. Wir hatten kein Testament. Ich weiß, wie das klingt. Achtundzwanzig Jahre in einer Wohnung, zwei erwachsene Kinder und kein Testament.

Aber Gerhard war ein Mann, der solche Dinge aufschob. Er sagte immer: „Das machen wir, wenn wir Zeit haben. “ Und dann hatten wir keine mehr. Die Wohnung gehörte ihm, nicht uns.

Ihm. Das ist wichtig. Wir hatten sie 1996 gekauft, kurz nach der Wende. Der Kredit lief über ihn, weil er das feste Gehalt hatte.

Im Grundbuch stand nur sein Name. Ich habe mir nie etwas dabei gedacht. Wir waren verheiratet. Was seins war, war meins.

Erst als der Notar mir nach seinem Tod die Erbfolge erklärte, verstand ich, was das bedeutet. Ohne Testament erbe ich als Ehefrau die Hälfte. Die andere Hälfte teilen sich meine Kinder, Uwe und Karin. Ich sagte zu dem Notar: „Aber das ist doch meine Wohnung.

Und er sagte, freundlich, aber ohne Umschweife: „Frau Ratke, das ist jetzt eine Erbengemeinschaft. “

Ein hässliches Wort. Es klingt wie etwas Warmes. Und es ist das Gegenteil.

Uwe ist sechsundvierzig. Er arbeitet in Hamburg bei einer Versicherung und ist mit Petra verheiratet, die etwas mit Immobilien macht. Sie haben zwei Kinder und ein Haus mit einer Finanzierung, die, wie Petra einmal beim Kaffee sagte, ganz schön ambitioniert sei. Karin ist dreiundvierzig, wohnt in Rostock, arbeitet in einer Apotheke und hat mit alledem am wenigsten zu tun.

Merken Sie sich das. Es wird wichtig. Die ersten Monate nach der Beerdigung waren still. Uwe rief sonntags an.

Karin kam am Wochenende. Wir sprachen nicht über die Wohnung. Im Februar begann Uwe damit. Er sagte es sehr sanft.

Man müsse die Erbengemeinschaft irgendwann auflösen. Das sei nur vernünftig, sonst gebe es später Streit. Er wolle mich natürlich nicht aus meiner Wohnung drängen, um Gottes willen, aber man müsse Klarheit schaffen. Und dann sagte er das Wort, das ich nicht kannte.

Erbauseinandersetzung. Ich habe es abends nachgeschlagen. In meinem Alter schlägt man nicht mehr im Lexikon nach. Ich habe Karin gefragt, und Karin hat es mir am Telefon erklärt, und ihre Stimme klang dabei sehr vorsichtig.

Es bedeutet, dass man das Erbe aufteilt, und wenn eine Wohnung nicht teilbar ist, verkauft man sie und teilt das Geld. Ich habe in dieser Nacht schlecht geschlafen. Ich lag in dem Bett, in dem Gerhard gestorben war, und stellte mir vor, wie fremde Menschen durch mein Wohnzimmer gehen und sagen, hier müsste man die Tapete rausreißen. Im März fuhr ich für vier Tage nach Waren an der Müritz.

Meine Schwester Hanna wohnt dort. Sie ist zwei Jahre jünger als ich und hatte im Winter eine Hüftoperation. Ich fuhr hin, um ihr zu helfen. Ich fuhr am Montag mit dem Zug und kam am Donnerstagabend zurück.

Es waren unauffällige Tage. Wir haben Kartoffeln geschält und ferngesehen und über unsere Mutter geredet. Ich hätte nie gedacht, dass diese vier Tage mein Leben retten würden. Im April rief Uwe an und sagte, er komme am Samstag vorbei.

Es sei etwas zu regeln. Er kam allein. Er brachte einen dünnen Ordner mit, wie man ihn im Büro benutzt, und legte ihn auf den Küchentisch. Dann machte er sich einen Kaffee in meiner Küche, ohne zu fragen, was er sonst nie tat.

Dann nahm er ein Blatt heraus und schob es zu mir. Es war eine Verzichtserklärung. Ich musste es zweimal lesen, weil solche Texte so geschrieben sind, dass man sie zweimal lesen muss. Aber am Ende stand da, dass ich auf meinen Erbteil an der Immobilie verzichte, zugunsten meiner Kinder, gegen ein lebenslanges Wohnrecht.

Und darunter stand mein Name in meiner Handschrift, mit dem Schwung nach unten beim Ilse, den ich seit sechzig Jahren mache. Daneben ein Siegel und die Unterschrift eines Notars, datiert auf den siebzehnten März. Ich sagte: „Das habe ich nicht unterschrieben. “

Und Uwe sagte ganz ruhig, mit dem Kaffeebecher in der Hand: „Doch, Mama, im März beim Notar.

Karin und ich waren dabei. “

Ich stand in meiner Küche und sah auf meinen eigenen Namen. Und wissen Sie, was das Erste war, das ich dachte? Nicht: Er lügt.

Nicht: Das ist gefälscht. Ich dachte: Dann stimmt es. Das ist das Schwerste an dieser ganzen Geschichte. Ich vergesse Dinge.

Ich stehe manchmal im Flur und weiß nicht mehr, warum ich aufgestanden bin. Ich habe im Januar den Wasserkessel auf dem Herd vergessen, und die Küche stand voller Rauch. Wenn ein Mensch in meinem Alter etwas nicht erinnert, dann gibt es dafür eine Erklärung, die alle sofort akzeptieren, auch ich selbst. Uwe sagte nicht: Du lügst.

Uwe sagte: Du warst dabei. Und mein eigener Kopf lieferte ihm die Munition. Ich sagte: „Ich war im März bei Hanna. “

Er sagte: „Das war später.

Das war Ende März. “

Und ich rechnete und kam durcheinander. Ostern war früh in dem Jahr, und ich wusste plötzlich nicht mehr, ob ich vor oder nach Ostern gefahren war. Er sah mich an.

In seinem Blick war kein Triumph. Da war etwas Schlimmeres. Da war Mitleid. „Mama“, sagte er, „es ist nicht schlimm.

Du hast in der letzten Zeit viel vergessen. Deshalb haben wir es ja gemacht. Damit du dich um nichts kümmern musst. “

Ich fragte: „Wer war noch dabei?

„Karin und Petra haben den Termin gemacht. “

„In welchem Zimmer war das? “

Er stellte den Becher ab. „Mama, ich frage nur, in welchem Zimmer?

Und er sagte, sehr sanft, so wie man mit einem Kind spricht, das schon wieder dieselbe Frage stellt: „Sieh mal, genau das meine ich damit. “

Da war es zu Ende. Nicht weil er gewonnen hatte. Weil ich aufgab.

Denn jede weitere Frage von mir wäre der Beweis für das gewesen, was er behauptete. Wenn ich nachhake, bin ich verwirrt. Wenn ich schweige, habe ich unterschrieben. Es gab keinen Satz, den ich hätte sagen können, der nicht gegen mich gearbeitet hätte.

Er blieb noch eine Stunde. Er reparierte das Rollo im Schlafzimmer, das seit Wochen klemmte. Er stand auf der Leiter in dem Zimmer, in dem sein Vater gestorben war, und schraubte, und ich stand darunter und hielt die Schrauben in der offenen Hand. Er war lieb zu mir.

Das ist das, was ich nicht erklären kann. Er war wirklich lieb zu mir. Er hat den Kaffeebecher gespült. Er hat gefragt, ob ich genug Butter im Haus habe.

Und als er ging, umarmte er mich und sagte: „Ruf an, wenn was ist. “

Ich habe an diesem Abend nicht geweint. Ich habe eine Liste gemacht. Auf ein Blatt Papier schrieb ich alles, was ich in den letzten Monaten vergessen hatte.

Den Wasserkessel. Den Zahnarzttermin im November. Den Namen der neuen Nachbarin. Ich schrieb elf Dinge auf.

Als ich fertig war, saß ich da und dachte: Elf Dinge in einem Jahr. Ist das viel? Ich wusste es nicht. Das ist das Perfide.

Ich hatte keinen Maßstab. In den nächsten Wochen wurde ich vorsichtig mit mir selbst. Man zieht sich zusammen. Man wird kleiner in der eigenen Wohnung.

Ich schrieb mir Zettel und klebte sie an den Kühlschrank. Herd aus. Fenster zu. Schlüssel eingesteckt.

Ich las Sätze zweimal, auch in der Zeitung, weil ich fürchtete, den Sinn beim ersten Mal nicht zu fassen. Wenn Karin am Telefon von etwas erzählte, sagte ich nicht mehr „das weiß ich“, sondern „ach ja“, und hoffte, dass es stimmte. Am schlimmsten war es beim Einkaufen. Ich stand bei Edeka an der Kasse, und die junge Frau sagte den Betrag, und ich hörte ihn und vergaß ihn im selben Moment, weil ich dabei dachte: Merkst du, dass du ihn vergisst?

Ist das jetzt so ein Moment? Man kann nicht denken und sich gleichzeitig beim Denken zusehen. Das eine zerstört das andere. Ich hörte auf, meine Freundin Renate zu treffen.

Wir hatten uns seit Jahren donnerstags in einem Café am Doberaner Platz getroffen. Ich sagte dreimal ab und dann gar nichts mehr. Ich hatte Angst, mitten im Gespräch einen Namen zu suchen und ihn nicht zu finden und in ihrem Gesicht zu sehen, wie sie es bemerkt. Ich habe in diesen Wochen kein Kilo an Gewicht verloren und keinen Zusammenbruch gehabt.

Nichts davon war dramatisch. Ich habe einfach aufgehört, mir zu glauben. Und das sieht von außen aus wie eine ruhige alte Frau in einer sauberen Wohnung. Nachts lag ich wach und ging den März durch.

Immer wieder. Montag. Zug. Hanna vom Bahnhof abgeholt.

Nein, sie konnte ja nicht laufen. Ihr Nachbar hatte mich abgeholt. Wie hieß der Nachbar? Ich wusste den Namen des Nachbarn nicht mehr, und in diesem Moment war ich sicher, dass Uwe recht hatte.

Und dann, gegen vier Uhr morgens, wenn es hell wurde, kam immer derselbe Gedanke: Wenn ich beim Notar war, warum weiß ich nicht, wie das Zimmer aussah? Ich habe in meinem Leben viermal bei einem Notar gesessen. Beim Wohnungskauf. Bei der Umschreibung des Kredits nach Gerhards Tod.

Ich weiß, wie diese Zimmer aussehen. Man sitzt dort, und jemand liest einem einen langen Text vor, den man nicht versteht, und es dauert lange und ist langweilig. So etwas vergisst man nicht. Man vergisst den Namen eines Nachbarn.

Aber ich traute dem Gedanken nicht. Er kam nachts, und nachts denkt man, was man hoffen will. Ich ging zum Hausarzt. Herr Dr.

Meinhard kennt mich seit neunzehn Jahren. Er machte einen Test mit mir, so einen, bei dem man sich drei Wörter merken und eine Uhr zeichnen muss und rückwärts von hundert in Siebenerschritten zählt. Ich zeichnete eine ordentliche Uhr. Beim Rückwärtszählen kam ich ins Stocken, und mein Herz schlug bis in den Hals.

Aber er sagte, das mache fast jeder. Das sei völlig unauffällig. Ich saß da und war nicht erleichtert. Ich sagte: „Herr Doktor, aber ich habe etwas vergessen, was ich unterschrieben habe.

Er legte den Stift hin und fragte: „Frau Ratke, was genau haben Sie unterschrieben? “

Und da erzählte ich es zum ersten Mal jemandem. Er hörte zu, ohne zu unterbrechen, und sah dabei aus dem Fenster. Als ich fertig war, drehte er sich um.

Dann sagte er einen Satz, den ich nie vergessen werde. Ich denke, es war der Satz, der alles änderte. Er sagte: „Ein Mensch, der dement wird, vergisst nicht einzelne Ereignisse. Er vergisst Wörter.

Er vergisst Wege. Er vergisst, was er heute Morgen gegessen hat. Er vergisst nicht einen einzigen Termin beim Notar und behält den Rest. “

Ich saß in seinem Sprechzimmer und spürte, wie sich etwas in mir aufrichtete, das seit vier Wochen am Boden lag.

Er sagte noch etwas leiser, und ich glaube, er hätte es nicht sagen dürfen: „Ich sehe das öfter, als Sie glauben. “

Ich rief Karin an. Es war ein Mittwoch. Sie hatte Spätdienst und war noch nicht in der Apotheke.

Ich fragte sie geradeheraus: „Karin, warst du im März mit mir beim Notar? “

Sie schwieg. Es war ein sehr langes Schweigen, in dem ich meinen eigenen Puls hörte. Dann sagte sie: „Mama, ich kann darüber nicht reden.

“ Und legte auf. Diese fünf Wörter waren mehr wert als jedes Gutachten. Denn wenn ich verwirrt gewesen wäre, hätte meine Tochter gesagt: „Ja, Mama, du warst dabei. Erinnerst du dich nicht?

“ Sie hätte es geduldig erklärt. Sie hätte mich beruhigt. Sie hat aufgelegt. Jetzt kommt der Teil, in dem ich etwas tat, wofür ich mich lange nicht traute.

Ich holte die Verzichtserklärung heraus. Uwe hatte mir eine Kopie dagelassen, in dem dünnen Ordner. Ich glaube, er hatte nicht damit gerechnet, dass ich sie jemals wieder ansehen würde. Unten stand der Name des Notars, Dr.

Helwig, und eine Anschrift in der Langen Straße. Ich fuhr hin. Es war ein Bürohaus, und im Erdgeschoss war jetzt ein Handygeschäft. Die Notarkanzlei gab es nicht mehr.

Ich fragte in dem Handygeschäft, und der junge Mann wusste nichts, aber die Frau vom Kiosk nebenan sagte: „Der alte Helwig, der hat vor sechs, sieben Jahren aufgehört. Der muss weit über achtzig sein. “

Ich stand auf dem Bürgersteig in der Langen Straße, und die Straßenbahn fuhr vorbei, und ich rechnete zum zweiten Mal in meinem Leben etwas aus, das mir den Boden unter den Füßen wegzog, nur diesmal in die andere Richtung. Ein Notar, der seit sieben Jahren nicht mehr praktiziert, kann im März keine Verzichtserklärung beurkundet haben.

Ich habe eine Woche gebraucht, um ihn zu finden. Ich habe es nicht heimlich gemacht. Ich habe im Telefonbuch nachgesehen und dann bei der Notarkammer angerufen. Die Frau am Telefon war sehr höflich und durfte mir nichts sagen, aber sie sagte, das Amt sei ordnungsgemäß niedergelegt worden, aus Altersgründen.

Ich fand ihn über seine Nichte. Er lebte in einer Seniorenresidenz in Warnemünde, mit Blick auf den alten Strom. Ich fuhr an einem Dienstag hin, mit dem Zug, und kaufte unterwegs eine Schachtel Pralinen, weil man nicht mit leeren Händen zu einem alten Herrn geht. Dr.

Helwig war vierundachtzig. Er saß in einem Sessel am Fenster, in Hemd und Weste, obwohl es warm war. Er hatte ein Hörgerät und Hände, die zitterten, aber seine Augen waren wach. Er entschuldigte sich dafür, dass er nicht aufstehen könne.

Er bat mich, das Fenster zu schließen wegen des Windes. Auf seinem Tisch lagen eine Zeitung und eine Lupe. Ich stellte mich vor. Ich sagte, ich sei Ilse Ratke, und er habe im März eine Verzichtserklärung von mir beurkundet.

Er sah mich lange an. Dann sagte er: „Gnädige Frau, ich habe mein Amt vor sieben Jahren niedergelegt. Ich beurkunde gar nichts mehr. “

Ich sagte: „Ich weiß.

Deshalb bin ich hier. “

Da lächelte er zum ersten Mal, ein kleines schiefes Lächeln, und sagte: „Dann sind Sie klüger als die meisten, die hierherkommen. “

Ich holte die Kopie aus der Tasche und gab sie ihm. Er nahm eine Brille aus der Brusttasche, setzte sie auf, griff nach der Lupe und las.

Er las sehr lange, länger als man für eine Seite braucht. Zwischendurch fuhr er mit dem Finger über das Siegel hin und her wie ein Blinder. Ich hörte die Uhr an der Wand. Irgendwo im Haus rollte jemand einen Wagen über Linoleum.

Dann legte er das Blatt auf seine Knie und sagte, sehr ruhig: „Das ist nicht mein Siegel. “

Ich sagte: „Bitte? “

„Das Siegel ist falsch. Es ist nachgemacht und nicht besonders gut.

“ Er hob das Blatt und hielt es gegen das Licht. „Der Bundesadler ist zu klein, und der Ring darum ist geschlossen. Bei mir war er nie geschlossen. “

Er legte es wieder hin.

„Und die Unterschrift ist eine Fälschung. Ich unterschreibe seit vier Jahren mit dem Doktor davor. Hier steht er dahinter. Außerdem ist meine Amtsbezeichnung falsch geschrieben.

Da fehlt ein Buchstabe. “

Er sah auf. Ich saß auf einem Besucherstuhl in einer Seniorenresidenz in Warnemünde, und draußen fuhr ein Ausflugsschiff vorbei, und ich merkte, dass ich weinte, ohne dass ich es beschlossen hatte. Ich weinte nicht, weil man mich betrogen hatte.

Ich weinte, weil ich wochenlang geglaubt hatte, dass ich verrückt werde. Er wartete, bis ich fertig war. Alte Männer können warten. Er reichte mir ein Taschentuch aus einer Schachtel neben der Lupe.

Es war ein Herrentaschentuch, weiß, gebügelt, und ich dachte an Gerhard. Dann sagte er: „Frau Ratke, wer hat Ihnen gesagt, dass Sie das unterschrieben haben? “

„Mein Sohn. “

Er nickte, als hätte er das erwartet.

Er nickte, ohne überrascht zu sein, und das war für mich das Schrecklichste an dem ganzen Nachmittag. „War jemand dabei? “

„Meine Tochter, sagt er. “

„Und was sagt Ihre Tochter?

„Sie hat aufgelegt. “

Er lehnte sich zurück und sah aus dem Fenster auf den alten Strom, wo die Kutter lagen. Und dann sagte er den Satz, für den ich diesen ganzen Weg gemacht hatte, ohne es zu wissen. Er sagte: „Ich habe vierzig Jahre lang beurkundet.

Wissen Sie, was ich am häufigsten gesehen habe? Nicht Betrug. Kinder, die ihren Eltern erklären, dass sie sich irren. Und Eltern, die es glauben, weil das Zweifeln an sich selbst leichter ist als das Zweifeln an den eigenen Kindern.

Ich fragte ihn, ob er das aufschreiben würde, was er über das Siegel gesagt hatte. Er sagte: „Junge Frau“ – er sagte tatsächlich „junge Frau“, zu mir mit einundsiebzig – „ich schreibe es auf, und ich lasse es beglaubigen, und ich zahle es selbst. Ich habe vierzig Jahre lang diese Siegel geführt. Niemand nimmt es mir weg.

Nicht einmal jetzt. “

Er starb neun Monate später. Ich habe ihn dreimal besucht. Beim letzten Mal hat er mich nicht mehr erkannt.

Aber die Erklärung war da. Zwei Seiten, in einer zittrigen, sehr genauen Handschrift, beglaubigt von einem Notar aus Rostock, der noch praktiziert. Ich fuhr nach Hause. Ich schlief in dieser Nacht neun Stunden, zum ersten Mal seit vierzehn Wochen.

Am nächsten Morgen rief ich einen Anwalt an. Ich erzähle Ihnen nicht jeden Schritt. Es war weniger dramatisch, als Sie vielleicht denken, und es dauerte länger. Der Anwalt hieß Herr Svada.

Er war jung und sehr genau. Und das Erste, was er sagte, war: „Frau Ratke, eine gefälschte notarielle Urkunde ist kein Familienstreit. Das ist eine Straftat. “

Ich habe dann etwas getan, wofür mich manche verurteilen werden.

Ich habe keine Anzeige erstattet. Herr Svada hat mir erklärt, was das bedeutet hätte. Urkundenfälschung, ein Verfahren. Uwe hat zwei Kinder und ein Haus mit einer ambitionierten Finanzierung.

Petra arbeitet in der Immobilienbranche, wo ein Strafverfahren das Ende ist. Ich habe eine Nacht darüber nachgedacht. Ich habe an den Jungen gedacht, der mit sechs Jahren vom Klettergerüst fiel, mit blutigem Knie zu mir kam und nicht weinte, weil er stark sein wollte. Am nächsten Tag sagte ich Herrn Svada, was ich wollte.

Wir schrieben einen Brief. Einen einzigen. In dem Brief stand, dass die Verzichtserklärung vom siebzehnten März nichtig ist, dass Dr. Helwig sein Amt sieben Jahre zuvor niedergelegt hat, dass das Siegel gefälscht ist, dass eine schriftliche Bestätigung von Dr.

Helwig vorliegt, notariell beglaubigt, bei Herrn Svada hinterlegt, und dass ich keine Anzeige erstatten werde, solange die Erbengemeinschaft nicht angetastet wird und ich in meiner Wohnung bleibe. Kein Wort über Gefühle. Kein Vorwurf. Vier Absätze.

Uwe rief zwei Tage später an. Er weinte am Telefon. Es war das erste Mal seit seiner Kindheit, dass ich meinen Sohn weinen hörte, und ich hielt den Hörer und spürte gar nichts. Das hat mich hinterher mehr erschreckt als alles andere.

Er sagte, Petra habe das Dokument besorgt. Er habe gewusst, wie. Er habe gedacht, es sei alles korrekt. Er habe doch nur Ordnung schaffen wollen.

Ich hörte zu, bis er fertig war. Dann sagte ich: „Uwe, du hast mich vierzehn Wochen lang glauben lassen, dass ich meinen Verstand verliere. “

Und er sagte nichts mehr. Karin kam am Samstag.

Sie saß in meiner Küche und weinte auch, aber anders. Sie sagte, sie habe es geahnt und nichts gesagt, weil Uwe ihr Bruder ist. Sie sagte, sie schäme sich seit vier Monaten jeden Tag. Ich habe ihr nicht verziehen an diesem Samstag.

Ich habe ihr gesagt, sie solle jeden Mittwoch kommen und mir helfen, die Papiere zu ordnen, die Gerhard hinterlassen hat. Das war kein Verzeihen. Das war eine Aufgabe. Sie kommen seit anderthalb Jahren jeden Mittwoch.

Uwe habe ich seit dem Telefonat dreimal gesehen. Bei der Beerdigung eines Onkels. An Karins Geburtstag. Und einmal ohne Anlass im vergangenen Herbst, als er vor meiner Tür stand, mit einer Tüte Äpfel aus seinem Garten, und nicht wusste, was er sagen sollte.

Ich habe ihn hereingelassen. Wir haben über das Wetter gesprochen. Nach vierzig Minuten ist er gegangen. Ich weiß nicht, ob wir jemals wieder etwas anderes haben werden als vierzig Minuten über das Wetter.

Vielleicht ist das, was von einer Mutter und einem Sohn übrig bleibt, wenn er ihr die Erinnerung genommen hat und sie ihm die Anzeige geschenkt hat. Ich habe im vergangenen Jahr ein Testament gemacht. Bei einem Notar, der noch praktiziert, mit meinem Ausweis, an einem Tag, den ich mir aufgeschrieben habe. Die Wohnung geht zu gleichen Teilen an Uwe und Karin.

Ich habe es nicht geändert. Manche Menschen werden das nicht verstehen. Aber daneben liegt ein zweiter Umschlag. Darin ist die beglaubigte Erklärung von Dr.

Helwig, der inzwischen gestorben ist, und der Brief von Herrn Svada. Er wird geöffnet, wenn ich tot bin. Nicht als Rache. Als Wahrheit.

Denn ich habe gelernt, dass man die Wahrheit nicht in seinem Kopf aufbewahren darf. Der Kopf ist ein schlechter Safe. Andere Menschen können hinein und Dinge umstellen, und man merkt es nicht einmal. Und wenn jemand zu Ihnen sagt: „Sie erinnern sich falsch“, dann prüfen Sie es.

Gehen Sie zum Arzt. Suchen Sie den Zeugen. Rufen Sie die Kammer an. Es ist keine Beleidigung Ihrer Familie.

Es ist Achtung vor sich selbst. Und wenn dann jemand sagt, Sie seien schwierig geworden im Alter, dann wissen Sie, dass Sie auf dem richtigen Weg sind. Ich bin Ilse Ratke. Ich bin einundsiebzig Jahre alt.

Ich wohne noch immer in der Kröpeliner Vorstadt im dritten Stock, in meinen zweiundzwanzig Jahren Leben und zwei Blumenkästen, die ich selbst gieße. Auf dem Küchentisch liegt ein Kalender. Ich schreibe hinein, wo ich war und mit wem ich gesprochen habe. Jeden Tag.

Es dauert eine Minute. Manche halten das für die Marotte einer alten Frau. Sollen sie. Ich weiß jetzt, was am siebzehnten März geschehen ist.

Ich war in Waren an der Müritz und habe für meine Schwester Kartoffeln geschält. Und niemand auf dieser Welt wird mir das noch einmal ausreden.