Ich stand in der Diele der Kassbergvilla, zwischen Umzugskartons und halb ausgeräumten Vitrinen, als meine Nichte Diana die alte Standuhr meines Bruders in beiden Händen hielt und sagte, ich solle mir doch einfach irgendein altes Möbelstück aussuchen. Dann wäre die Sache für mich ja eigentlich schon erledigt. Draußen fiel ein feiner Septemberregen auf die Straße. Drinnen roch es nach kaltem Kaffee und nach den Zigaretten, die mein Neffe Torben sich trotz des Verbots seiner Frau auf dem Balkon angezündet hatte.

Ich bin Wolfgang Sauer, 67 Jahre alt, seit sieben Jahren im Ruhestand. In dieser Familie war ich schon lange der Onkel, über den man freundlich, aber beiläufig hinwegsah. Der mit dem alten Opel vor der Tür. Der mit den Pullovern, die meine verstorbene Frau mir noch gestrickt hatte und die ich weiterhin trug, weil sie gut saßen und weil es keinen Grund gab, etwas Funktionierendes wegzuwerfen.
Rüdiger, mein älterer Bruder, war da anders gewesen. Er hatte die Häuser gekauft, die Verträge unterschrieben, die Feste ausgerichtet. Ich hatte im Hintergrund gestanden und die Zahlen sortiert. „Es geht doch nur darum, dass wir das jetzt vernünftig regeln, Onkel Wolfgang“, sagte Diana, während sie die Standuhr an die Wand zurückstellte, als hätte sie über deren künftigen Besitzer bereits entschieden.
„Torben und ich kümmern uns um die Firma, um die Häuser, um den ganzen bürokratischen Kram. Das ist wirklich nicht deine Baustelle. “
Ihr Lächeln dabei war höflich und schmal zugleich. Das Lächeln, mit dem man einem alten Verwandten begegnet, den man lieb hat, aber nicht ernst nimmt.
Torben kam vom Balkon zurück, roch nach kaltem Rauch, klopfte mir auf die Schulter, als wäre ich ein Kollege, den man nach Feierabend verabschiedet, und meinte, es sei doch schön, dass wenigstens einer in der Familie sich um nichts kümmern müsse. Ich sagte nichts weiter dazu. Ich nahm meine alte Aktentasche vom Flurschrank, in der noch die Unterlagen lagen, die ich Rüdiger vor drei Wochen zu einem letzten Kaffee vorbeigebracht hatte. Und ich dachte an das, was er an jenem Nachmittag zu mir gesagt hatte, während er mit zitternden Fingern seine Tasse hielt.
„Falls mir mal etwas passiert, weißt du ja, wie die Zahlen laufen. Wolfgang, du bist der einzige, der das immer im Kopf hatte, nicht nur auf dem Papier. “
Damals hatte ich es für eine der vielen kleinen Zärtlichkeiten gehalten, die mein Bruder sich in den letzten Jahren erlaubte, wenn er müde war und sentimental wurde. Heute, drei Wochen später, in seiner leeren Diele, hatte der Satz ein anderes Gewicht, ohne dass ich hätte sagen können, warum.
Seit 34 Jahren hatte ich für Rüdiger die Bücher geführt. Offiziell war ich nie mehr als ein einfacher Verwaltungsangestellter bei einer Chemnitzer Wohnungsgenossenschaft gewesen. Ein Mann mit bescheidenem Gehalt und noch bescheidenerer Rente. Aber die Buchhaltung der Sauerhausverwaltung, jener kleinen Firma, mit der Rüdiger über die Jahre mehrere Miethäuser auf dem Kassberg und dem Sonnenberg zusammengetragen hatte, führte ich.
Abends am eigenen Küchentisch, in einem karierten Kassenbuch, das ich nie einer Seele in der Familie gezeigt hatte. Rüdiger bezahlte mich dafür in unregelmäßigen Abständen. Mal mit Geld, mal mit einem Abendessen, mal gar nicht. Und ich hatte es nie eingefordert.
Es war mein Bruder. Man half sich. Diana und Torben wussten davon nur wage. Für sie war ich der Onkel, der manchmal mit Aktenordnern unterm Arm vorbeikam und den man höflich grüßte, bevor man sich wieder den wichtigen Dingen zuwandte.
„Wann ist eigentlich der Termin beim Notar? “, fragte ich, während ich meinen Mantel zuknöpfte. „Donnerstag“, sagte Diana, ohne aufzublicken. „Aber betrifft ja hauptsächlich Torben und mich.
Du musst da wirklich nicht extra anreisen, Onkel Wolfgang. Das würden wir dir dann schon erzählen. “
Ich nickte nur. Ich hatte in meinem Leben gelernt, dass man nicht jedes Wort beantworten muss, das einem weh tut, um es trotzdem gehört zu haben.
Was ich an jenem regnerischen Nachmittag noch nicht wusste, war, dass die Einladung zur Testamentseröffnung längst nicht nur an Diana und Torben verschickt worden war. Zwei Tage später, als ich meinen Briefkasten in der Reichenbranderstraße öffnete, lag zwischen der Rentenmitteilung und einem Prospekt vom Supermarkt ein Einschreiben des Notariats Dr. Lindner. Adressiert allein an mich.
Nicht an die Familie. Nicht zur Kenntnisnahme. An mich, Wolfgang Sauer, mit der Bitte, zu einem gesonderten Vorgespräch am kommenden Montag zu erscheinen und mitzubringen, wie es hieß, sämtliche in meinem Besitz befindlichen Buchhaltungsunterlagen der Sauerhausverwaltung GmbH, soweit vorhanden. Ich stand eine ganze Weile im Hausflur, den Brief in der Hand, und spürte, wie sich in meiner Brust etwas zusammenzog, das ich nicht sofort benennen konnte.
Kein Triumph, eher eine Art vorsichtige Unruhe. So als würde jemand eine Tür einen Spaltbreit öffnen, hinter der ich noch nicht wusste, was mich erwartete. Ich faltete das Schreiben zusammen, steckte es in die Innentasche meiner Jacke, genau dort, wo ich sonst mein altes Kassenbuch trug, und ging langsam die Treppe zu meiner Wohnung hinauf. Damals ahnte ich noch nicht, wie viel Rüdiger tatsächlich vorbereitet hatte, bevor er mir jenen Satz über den Kaffeetassen sagte.
Ich wusste nur, dass Donnerstag noch vier Tage entfernt war und dass ich bis dahin würde herausfinden müssen, warum ausgerechnet ich, der Onkel, den man in dieser Familie kaum noch mitzählte, allein in dieses Notariat gerufen wurde. Um zu verstehen, warum mich dieses Schreiben so sehr aus der Fassung brachte, muss man wissen, wie die letzten vierzig Jahre in dieser Familie tatsächlich verlaufen waren. Nicht wie sie an Feiertagen erzählt wurden. Rüdiger war der Ältere von uns beiden.
Der Tüchtige, dem man schon als jungem Mann zutraute, etwas aus sich zu machen. Ich war der Jüngere, der Zurückhaltende, der lieber Zahlen sortierte, als Reden zu halten. Als unsere Eltern starben, übernahm Rüdiger das kleine Elternhaus in Kappel, verkaufte es geschickt und legte damit den Grundstein für das, was später einmal die Sauerhausverwaltung werden sollte. Ich bekam damals ein bescheidenes Sparbuch und die Standuhr, die heute, Jahrzehnte später, in Dianas Händen lag, als wäre sie ein Trostpreis, den man mir zum zweiten Mal anbot.
Ich hielt mich all die Jahre über nicht deshalb im Hintergrund, weil ich nichts zu bieten hatte, sondern weil ich es so gewohnt war. Als Rüdiger anfing, Miethäuser zu kaufen, fragte er mich, ob ich ihm helfen könne, die Bücher zu führen. Nur vorübergehend, bis er jemand Richtiges dafür finde. Aus diesem Vorübergehend wurden 34 Jahre.
Ich saß an Wochenenden über Mietabrechnungen, glich Kontoauszüge ab, erinnerte ihn an fällige Zahlungen an den Steuerberater, während er auf Familienfeiern gefeert wurde, weil er es zu etwas gebracht hatte. Niemand fragte, wer eigentlich dafür sorgte, dass die Zahlen stimmten. Ich erinnere mich noch gut an Rüdigers sechzigsten Geburtstag, vor sieben Jahren im Gasthaus am Küchwald. Ich saß am äußeren Ende der langen Tafel neben der Garderobe, während Diana in ihrer Rede aufzählte, wie hart ihr Vater für alles gearbeitet hatte, wie er ganz allein die Häuser zusammengehalten habe, trotz aller Widrigkeiten.
Ich applaudierte wie alle anderen. Es fiel mir nicht einmal schwer. Ich hatte gelernt, solche Sätze zu schlucken, ohne dass es mir im Gesicht anzusehen war. Was in der Familie als Bescheidenheit meinerseits galt, war in Wahrheit etwas anderes.
Eine stille Übereinkunft, die keiner ausgesprochen hatte: dass ich der war, der half, aber niemals der, der entschied. Wenn Diana oder Torben mich um Rat fragten, dann höchstens, wie man ein Formular ausfüllt oder eine Überweisung tätigt. Niemals, was mit dem Vermögen der Familie geschehen sollte. Das war in ihren Augen keine Frage, die einen Mann mit meinem Lebenslauf betraf.
Nach dem Tod meiner Frau vor Jahren wurde diese Distanz noch spürbarer. Man lud mich zu den großen Festen ein aus Pflichtgefühl und war offenkundig erleichtert, wenn ich früh genug wiederging, damit die eigentlichen Gespräche über Geld, über Zukunft, über die Firma unter denen stattfinden konnten, die man dafür für zuständig hielt. An jenem Montag, an dem ich mit dem Einschreiben in der Tasche zum Notariat Dr. Lindner in der Innenstadt fuhr, wusste ich das alles noch nicht in Worte zu fassen.
Ich wusste nur, dass mein Herz schneller schlug, als ich in der Straße der Nationen den Wagen parkte, und dass ich, bevor ich ausstieg, noch einmal in meiner Aktentasche nach dem alten Kassenbuch griff, das ich sicherheitshalber mitgenommen hatte. Die Notarin, Frau Dr. Lindner, eine sachliche Frau mit ruhiger Stimme, führte mich in ein kleines Besprechungszimmer, bot mir Kaffee an, den ich ablehnte, und begann ohne Umschweife Fragen zu stellen. Wie lange ich die Buchhaltung der Sauerhausverwaltung geführt habe, ob ich Zugriff auf sämtliche Belege der letzten Jahre habe, ob mein Bruder mir jemals schriftlich mitgeteilt habe, wie er sich die Zukunft der Firma vorstelle.
Ich antwortete so gut ich konnte, ohne zu verstehen, worauf sie hinaus wollte. Sie machte sich Notizen, nickte gelegentlich und sagte am Ende nur, dass am Donnerstag bei der eigentlichen Testamentseröffnung alles weitere besprochen würde. Mehr wollte sie mir nicht sagen, und ich spürte, dass es nicht an fehlendem Vertrauen lag, sondern an einer Form von Sorgfalt, die mir zu diesem Zeitpunkt noch fremd war. Auf dem Rückweg fuhr ich nicht direkt nach Hause.
Ich hielt kurz an einem der Häuser in der Kassbergstraße, das zur Hausverwaltung gehörte, weil ich dort ohnehin regelmäßig nach dem Rechten sah, seit Rüdigers Gesundheit in den letzten Monaten nachgelassen hatte. Der Hausmeister, ein älterer Mann namens Krause, den ich seit Jahren kannte, sprach mich auf dem Hof an und erwähnte halb beiläufig, dass die junge Frau Sauer gestern mit einem Herrn von der Sparkasse dort gewesen sei, um sich, wie er es verstanden habe, einen Überblick über die Mietkonten zu verschaffen. Ich bedankte mich, stieg wieder ein und blieb noch eine ganze Weile im Wagen sitzen, ohne den Motor zu starten. Diana hatte mir gesagt, sie kümmere sich um den bürokratischen Kram.
Dass sie das offenbar bereits tat, noch bevor überhaupt jemand wusste, was im Testament stand, ließ mir keine Ruhe. Zu Hause holte ich mein Kassenbuch aus der Aktentasche und blätterte wie so oft in den letzten Jahren durch die alten Seiten, auf denen Rüdigers Handschrift und meine sich über Jahrzehnte abwechselten. Auf der vorletzten Seite, zwischen zwei ganz gewöhnlichen Monatsabrechnungen, fand ich einen Satz, den ich nie zuvor bemerkt hatte. Mit blauer Tinte in Rüdigers eiliger Schrift, offenbar Monate alt.
„Testamentsvollstreckung. Falls nötig, weiß nur du, wie es weitergehen soll. “
Ich las den Satz dreimal, bevor ich begriff, dass ich ihn wirklich richtig verstanden hatte. Ich wusste noch nicht, was er bedeutete, nicht in seiner vollen Tragweite.
Aber ich wusste, dass Donnerstag in drei Tagen im Notariat Dr. Lindner etwas auf mich zukommen würde, das größer war als eine alte Standuhr. Und dass ich diesmal nicht länger nur der Onkel im Hintergrund bleiben würde, den man freundlich zur Seite winkt. Am Mittwochmorgen, dem Tag vor der Testamentseröffnung, klingelte bei mir zu Hause das Telefon, noch bevor ich meinen ersten Kaffee ausgetrunken hatte.
Eine Frauenstimme meldete sich ruhig und geschult und stellte sich als Frau Opitz vor, Filialleiterin der Sparkasse Chemnitz am Neumarkt. Sie fragte, ob ich einen Moment Zeit hätte, und ich setzte mich auf den Küchenstuhl, an dem ich sonst über den Büchern der Hausverwaltung saß. „Herr Sauer, ich rufe an, weil in unserem System ein Vorgang aufgetaucht ist, bei dem Ihr Name als langjährig hinterlegte Unterschrift auf einem der Geschäftskonten der Sauerhausverwaltung GmbH erscheint“, sagte sie. „Gestern versuchte eine Kundin, Frau Sauer, unter Vorlage einer Vollmacht Einsicht in die Mietkonten zu erhalten und eine Verfügung vorzubereiten.
Wir konnten den Vorgang aus formalen Gründen nicht abschließen. “
Ich hielt den Telefonhörer fester, als es die Situation eigentlich verlangte. „Was für eine Vollmacht war das? “, fragte ich so ruhig ich konnte.
„Das kann ich Ihnen am Telefon nicht im Detail erläutern. Das verstehen Sie sicher“, antwortete sie. „Aber es handelte sich offenbar um ein Dokument aus dem Jahr 2016, das seinerzeit für einen begrenzten Zweck ausgestellt wurde. Für einen umfassenden Zugriff auf die Geschäftskonten reicht dieses Papier nicht aus, zumal seit dem Ableben von Herrn Sauer Senior für sämtliche Kontovorgänge zunächst die Klärung der Erbfolge bzw.
der Verwaltung des Nachlasses erforderlich ist. “
Ich erinnerte mich in diesem Moment an eine Vollmacht, von der ich seit Jahren wusste. Ein einfaches Formular, das Rüdiger einmal unterschrieben hatte, damit Diana in seinem Namen kleinere Barinzahlungen für die Mieterhöhungen vornehmen konnte, während er selbst wegen einer Operation zwei Wochen im Klinikum lag. Ein begrenztes Papier für einen begrenzten Sommer.
Dass man dieses Dokument nun heranzog, um sich einen Überblick über das gesamte Vermögen der Firma zu verschaffen, ließ mich innerlich frösteln, auch wenn ich mir nach außen nichts anmerken ließ. „Und was geschieht jetzt mit dem Konto? “, fragte ich. „Es ist vorerst gesperrt für weitergehende Verfügungen, bis die erbrechtliche Situation eindeutig geklärt ist“, sagte Frau Opitz.
„Üblicherweise wenden wir uns in solchen Fällen an den zuständigen Notar oder an das Nachlassgericht, um sicherzustellen, dass keine unrechtmäßigen Verfügungen getroffen werden. Da Ihr Name in unseren Unterlagen als langjährig Zeichnungsberechtigter für die laufende Buchhaltung geführt wird, wollte ich Sie informieren, bevor Fragen an Sie herangetragen werden, mit denen Sie womöglich nicht rechnen. “
Ich bedankte mich, legte auf und blieb eine ganze Weile still am Küchentisch sitzen. Zeichnungsberechtigt.
Das Wort hatte ich in all den Jahren nie in Bezug auf mich selbst gehört, obwohl ich die Bücher geführt hatte, seit Torben noch zur Schule ging. Ich hatte nie gefragt, unter welchem formalen Titel meine Arbeit für die Firma eigentlich lief. Es hatte mich nie interessiert. Jetzt, mit einem Mal, bekam diese Frage ein Gewicht, das ich nicht hatte kommen sehen.
Ich fuhr am selben Vormittag zur Filiale am Neumarkt. Nicht weil ich mehr erfahren wollte, als man mir am Telefon gesagt hatte, sondern weil ich das Gefühl hatte, ich müsse mit eigenen Augen sehen, wem ich hier eigentlich gegenüberstand. Frau Opitz empfing mich freundlich, aber mit spürbarer Zurückhaltung, wie es sich für jemanden gehört, der um das Bankgeheimnis weiß. Sie zeigte mir keine Kontoauszüge, keine Zahlen.
Sie sagte mir nur ruhig und bestimmt, dass in den Unterlagen der Bank für das Geschäftskonto neben Rüdiger Sauer noch eine zweite ältere Verfügungsberechtigung hinterlegt sei, die seit vielen Jahren nicht aktualisiert worden sei, und dass man diese im Zuge der aktuellen Vorgänge ohnehin würde überprüfen müssen. „Wessen Name steht dort? “, fragte ich, und meine Stimme klang in meinen eigenen Ohren fremder, als ich erwartet hatte. Frau Opitz sah mich einen Moment an, fast prüfend, bevor sie antwortete.
„Das kann ich Ihnen im Moment noch nicht mitteilen, Herr Sauer. Aber ich würde Ihnen raten, morgen zur Testamentseröffnung auch sämtliche Unterlagen mitzubringen, die Sie im Laufe der Jahre für die Firma geführt haben. Es könnte hilfreich sein. “
Sie sagte es freundlich, fast vorsichtig, so als wolle sie mir etwas mitteilen, ohne die Grenzen ihrer Schweigepflicht zu überschreiten.
Ich verstand in diesem Moment noch nicht, worauf sie eigentlich anspielte. Ich nickte nur, bedankte mich und verließ die Filiale mit einem Gefühl, das zwischen Beklemmung und einer seltsamen, fast verbotenen Hoffnung schwankte. Auf dem Nachhauseweg rief mich Torben an. Seine Stimme klang locker, beinahe beschwichtigend, als hätte er von dem Anruf der Sparkasse Wind bekommen und wolle die Sache herunterspielen, bevor sie größer wurde.
„Onkel Wolfgang, das mit dem Konto ist ein Missverständnis. Diana wollte nur schnell was für die Firma klären, damit morgen alles glatt läuft. Du musst dir da keine Gedanken machen. “
„Welche Vollmacht habt ihr denn benutzt?
“, fragte ich so beiläufig, wie ich es hinbekam. Er zögerte kurz genug, dass ich es hörte, auch am Telefon. „Ach, irgendein altes Papier, das Papa mal unterschrieben hat. Ganz normale Sache.
Bis morgen dann. “
„Ja. “
„Und bring bloß nicht wieder diesen einen Ordner mit, das macht doch alles nur komplizierter. “
Ich sagte ihm, ich würde sehen, was ich mitbringe.
Und legte auf. Ich stand in meiner Küche, das Kassenbuch vor mir auf dem Tisch, und dachte an den Satz, den ich darin gefunden hatte. „Weiß nur du, wie es weitergehen soll. “
Ich beschloss an diesem Abend nichts mehr zu unternehmen.
Kein Anruf bei Diana, kein Streit, keine Erklärung. Ich würde beobachten, zuhören und mir mein eigenes Bild machen, bevor ich auch nur ein Wort zu viel sagte. Denn am nächsten Tag sollte etwas geschehen, das mir zeigte, wie weit meine Familie tatsächlich bereit war zu gehen, um mich klein zu halten. Der Donnerstag begann anders, als ich es erwartet hatte.
Kein Termin im Notariat gleich am Morgen, sondern zunächst eine Einladung, die Diana mir am Vorabend noch geschickt hatte. Zu einem kurzen Beisammensein bei ihr zu Hause, damit wir vor dem Notartermin alle auf demselben Stand sind, wie sie es formulierte. Ich ahnte, dass es weniger um Abstimmung ging als um etwas anderes. Aber ich fuhr trotzdem hin, mit meiner alten Aktentasche auf dem Beifahrersitz.
Dianas Reihenhaus in Ebersdorf war herausgeputzt für den Anlass. Kaffeetassen standen bereits auf dem Tisch, dazu ein Teller mit Streuselkuchen, den niemand anrührte. Außer Diana und Torben war noch ein Mann in dunklem Anzug anwesend, den mir Diana als unseren Rechtsanwalt Herrn Dr. Brückner vorstellte.
Ein Detail, das ich mir sofort einprägte, ohne dass mir jemand erklärte, seit wann die beiden einen eigenen Anwalt beauftragt hatten. Man bat mich, Platz zu nehmen, bot mir Kaffee an, den ich diesmal annahm, allein um meine Hände zu beschäftigen. Dr. Brückner öffnete eine Mappe, die vor ihm auf dem Tisch lag, und begann ohne lange Vorrede von einer einvernehmlichen Regelung zu sprechen, die man mir vorschlagen wolle, um die Dinge für alle Beteiligten so unkompliziert wie möglich zu halten.
„Es geht im Grunde nur um eine kleine Formalität, Onkel Wolfgang“, sagte Diana, während sie mir ein Blatt Papier zuschob. „Eine Erklärung, dass du auf etwaige weitergehende Ansprüche verzichtest, damit die Firma und die Häuser ganz normal auf uns übergehen können, ohne dass sich das alles unnötig in die Länge zieht. “
Ich sah auf das Blatt, ohne es sofort zu lesen. Ich sah stattdessen Torben an, der mit verschränkten Armen dasaß, den Blick auf seine Kaffeetasse gerichtet, als könnte er mir nicht direkt in die Augen schauen.
„Du hast doch eh nie großen Wert auf das Geschäftliche gelegt“, sagte er schließlich, ohne aufzublicken. „Du warst immer der, der im Hintergrund die Zahlen sortiert hat. Das ist doch auch etwas Ehrenwertes. Aber die Firma braucht jetzt jemanden, der wirklich vorne steht, nicht jemanden, der abends am Küchentisch mit einem alten Kassenbuch hantiert.
“
Für einen Moment presste ich die Lippen zusammen, mehr aus Überraschung als aus Verletzung. Ich wusste nicht, woher er wusste, dass ich abends an einem Kassenbuch saß. Es sei denn, jemand hatte in den letzten Tagen genauer hingesehen, als ich vermutet hatte. „Papa hat dich immer sehr geschätzt.
Das weißt du“, fügte Diana hinzu, mit einem Lächeln, das schmaler wurde, je länger ich schwieg. „Aber geschätzt werden und geschäftsführend sein, das sind zwei verschiedene Dinge. Wir wollen dir doch nur die ganze Last ersparen. Unterschreib einfach.
Dann kannst du dich in Zukunft ganz entspannt zurücklehnen und musst dich um gar nichts mehr kümmern. “
Ich nahm das Blatt endlich in die Hand und las es, Zeile für Zeile. Es war ein einfach gehaltener Verzicht, formuliert von Dr. Brückner, in dem ich auf sämtliche etwaigen Ansprüche aus der Erbfolge sowie auf eine etwaige Übernahme von Funktionen im Rahmen der Testamentsvollstreckung verzichten sollte.
Ich las den letzten Satz zweimal. Testamentsvollstreckung. Ein Wort, das in dieser Familie bis zu diesem Moment offiziell niemand ausgesprochen hatte, das ich selbst nur einmal in Rüdigers eigener Handschrift in meinem Kassenbuch gefunden hatte. Dass es nun in einem von einem Rechtsanwalt vorbereiteten Dokument auftauchte, noch bevor überhaupt jemand von uns wusste, was im Testament tatsächlich stand, ließ mich für einen Augenblick innehalten.
Dr. Brückner bemerkte mein Zögern und beugte sich leicht vor. „Das ist reine Vorsichtsmaßnahme, Herr Sauer. Eine Standardformulierung, die wir in solchen Fällen immer mitnehmen, für den Fall, dass so etwas überhaupt zur Debatte stünde.
Reine Formsache. “
Ich sah ihn an, lange, ohne ihm sofort zu antworten. Reine Formsache, dachte ich, formuliert man normalerweise nicht so genau. Man erwähnt ein Amt nicht in aller Ausführlichkeit, von dem angeblich niemand wusste, dass es überhaupt zur Sprache kommen könnte.
„Ich werde mir das in Ruhe ansehen“, sagte ich schließlich, faltete das Blatt zusammen und legte es zurück auf den Tisch, ohne es zu unterschreiben. Torbens Miene wurde härter. „Onkel Wolfgang, wir haben nicht ewig Zeit. Der Notartermin ist in zwei Stunden.
Es wäre doch für alle einfacher, wenn das vorher geklärt ist. “
„Dann werden wir es eben beim Notar klären“, antwortete ich ruhig und stand auf, um meine Jacke vom Haken zu nehmen. Diana lief mir zur Tür nach. Ihre Stimme war leiser jetzt, fast beschwörend.
„Onkel Wolfgang, sei doch vernünftig. Du bist im Grunde der Buchhalter der Familie gewesen. Mehr nicht. Niemand von uns will dir das absprechen.
Aber du musst doch verstehen, dass es jetzt um etwas Größeres geht als um Kassenbücher. “
Ich blieb an der Tür stehen, sah sie einen Moment an und spürte, wie ruhig meine eigene Stimme klang, als ich antwortete. „Ich verstehe mittlerweile mehr, als du glaubst, Diana. “
Ich verließ das Haus, ohne mich umzudrehen, stieg in meinen Wagen und fuhr los in Richtung Innenstadt zum Notariat Dr.
Lindner, mit der Aktentasche auf dem Beifahrersitz und einem Satz im Kopf, den ich nicht mehr losließ. Reine Formsache erwähnt man nicht mit einem Wort, das noch niemand hätte kennen dürfen. Im Sitzungszimmer des Notariats Dr. Lindner, hoch über der Straße der Nationen, saßen wir zu fünft an einem ovalen Tisch.
Diana, Torben, Dr. Brückner mit seiner Aktenmappe, ich mit meinem alten Kassenbuch und Frau Dr. Lindner selbst, die das Testament gebunden in dunkelblauem Einband mit dem Siegel des Notariats vor sich liegen hatte. Diana hatte die Verzichtserklärung, die sie mir am Vormittag vorgelegt hatte, ungenutzt wieder in ihre Handtasche gesteckt.
Ich sah es an der Art, wie sie die Tasche unter dem Tisch hielt, beinahe beiläufig, als könne man das Papier später noch einmal ins Gespräch bringen, falls nötig. Frau Dr. Lindner räusperte sich kurz und begann mit der Verlesung. Die ersten Passagen betrafen Formalitäten, die üblichen Feststellungen zur Person des Erblassers, zum Datum der letztwilligen Verfügung, zur Testierfähigkeit.
Diana nickte gelegentlich. Torben rutschte auf seinem Stuhl hin und her, als könne er es kaum erwarten, dass man zu dem eigentlichen Teil kam, der Verteilung von Häusern, Firma, Konten. Dann las die Notarin einen Absatz vor, bei dem ich merkte, wie sich die Luft im Raum veränderte. „Zum Testamentsvollstrecker bestimme ich meinen Bruder, Herrn Wolfgang Sauer, geboren am 12.
Mai 1959 in Chemnitz. Er ist berechtigt und verpflichtet, den Nachlass, insbesondere die Sauerhausverwaltung GmbH sowie sämtliche zugehörigen Konten und Immobilien, gemäß den gesetzlichen Bestimmungen zu verwalten und auseinanderzusetzen, bis die Erbengemeinschaft ordnungsgemäß abgewickelt ist. “
Ich sah, wie Dianas Lächeln, das sie den ganzen Vormittag über wie eine Maske getragen hatte, für einen Moment ganz verschwand. Torben hörte auf, mit seinem Stift zu spielen, und starrte auf die Tischplatte, als läge dort eine Antwort verborgen, die er zu spät gesucht hatte.
„Das kann nicht stimmen“, sagte Diana schließlich. Ihre Stimme war dünner als sonst. „Onkel Wolfgang hat nie etwas mit der Firma zu tun gehabt, nur mit den Zahlen. Das war immer nur eine kleine Hilfe.
“
Frau Dr. Lindner blickte sie über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Ihr Vater hat diese Verfügung vor zweieinhalb Jahren bei mir beurkunden lassen, in vollem Bewusstsein und mit ausführlicher Begründung, die er mir gegenüber persönlich dargelegt hat. Er sagte damals sinngemäß, dass sein Bruder derjenige sei, der seit über drei Jahrzehnten wisse, wie die Firma tatsächlich funktioniere.
Nicht auf dem Papier, sondern in Wirklichkeit. “
Ich legte in diesem Moment mein Kassenbuch auf den Tisch, ruhig, ohne es zu betonen. Frau Dr. Lindner nickte mir zu, als hätte sie genau darauf gewartet, und fuhr fort, dass sie im Rahmen der Testamentsvollstreckung sämtliche Konten der Firma prüfen werde, gemeinsam mit mir, und dass jede Verfügung über Immobilien oder größere Geldbeträge in den kommenden Monaten meiner Zustimmung bedürfe.
Dann erklärte sie noch etwas, das selbst mir bis zu diesem Moment nicht bekannt gewesen war. Rüdiger hatte kurz nach seiner Operation vor sieben Jahren bei der Sparkasse eine zusätzliche Kontovollmacht auf meinen Namen eintragen lassen, für den Fall, dass ihm etwas zustoße, ohne es mir jemals zu sagen. Offenbar aus der stillen Sorge heraus, dass eine plötzliche Lücke die Firma in Schwierigkeiten bringen könnte. Genau diese alte, nie aktualisierte Verfügungsberechtigung war es gewesen, auf die Frau Opitz am Telefon angespielt hatte, ohne sie beim Namen nennen zu dürfen.
„Das bedeutet“, sagte Dr. Brückner vorsichtig, „dass die Vollmacht, mit der Frau Sauer versucht hat, Einsicht in die Konten zu erhalten, für diesen Zweck ohnehin nicht ausgereicht hätte. Und die Erklärung, die ich vorbereitet hatte“ – er stockte, blätterte kurz in seiner Mappe – „ein Verzicht auf ein Amt, von dem die Erklärende zum Zeitpunkt der Unterschrift noch gar keine Kenntnis hatte, wäre rechtlich ohnehin nicht wirksam gewesen. “
Diana presste die Lippen zusammen.
„Wir wollten doch nur, dass alles schnell und unkompliziert geregelt wird“, sagte sie leise, fast an sich selbst gerichtet. „Wir dachten, du willst das gar nicht, Onkel Wolfgang. Du hast dich doch nie in den Vordergrund gedrängt. “
„Ich habe mich nie in den Vordergrund gedrängt“, antwortete ich ruhig, „weil mich nie jemand danach gefragt hat, ob ich das möchte.
Das ist ein Unterschied, Diana. “
Torben blinzelte, als hätte er den Satz nicht erwartet, und sah zum ersten Mal an diesem Vormittag direkt zu mir herüber, ohne sofort wegzusehen. Frau Dr. Lindner beendete die Sitzung mit der Feststellung, dass sie in den kommenden Wochen gemeinsam mit mir die Übersicht über sämtliche Vermögenswerte erstellen werde und dass Diana und Torben als Erben selbstverständlich informiert und beteiligt würden, jedoch ohne eigenständige Verfügungsgewalt, solange die Testamentsvollstreckung andauere.
Es klang nicht wie eine Strafe. Es klang wie das, was es war. Eine ruhige, notariell verbriefte Ordnung, die mein Bruder lange vor seinem Tod für uns alle festgelegt hatte, ohne dass ich es geahnt hätte. Ich packte mein Kassenbuch wieder ein, langsam, und spürte, wie sich etwas in mir setzte, das keinen Namen brauchte.
Es war kein Triumph. Es war eher das stille Gefühl, endlich an der richtigen Stelle im eigenen Leben angekommen zu sein. Die Wochen nach der Testamentseröffnung waren keine Wochen des Feierns. Ich saß nun regelmäßig im Büro der Sauerhausverwaltung am Kassberg, dort, wo früher Rüdiger am Schreibtisch gesessen hatte, und ging gemeinsam mit einer Sachbearbeiterin der Sparkasse und mit Frau Dr.
Lindner die Konten durch, Position für Position, mit demselben karierten Kassenbuch, das ich all die Jahre geführt hatte. Niemand applaudierte mir dafür. Das brauchte ich auch nicht mehr. Diana rief mich in der zweiten Woche an.
Ihre Stimme war brüchiger, als ich sie je gehört hatte. Sie entschuldigte sich nicht mit großen Worten, sondern mit einem einfachen Satz. „Ich glaube, wir haben dich all die Jahre falsch gesehen, Onkel Wolfgang. “
Ich sagte ihr, dass ich das zu schätzen wisse, aber dass sich Vertrauen nicht durch einen Satz am Telefon zurückgewinnen lasse.
Sie verstand es, glaube ich, ohne dass ich es hart formulieren musste. Torben kam später als seine Schwester zu mir, an einem gewöhnlichen Dienstagabend, unangekündigt, mit einer Flasche Wein, die er unschlüssig in der Hand hielt, als wüsste er selbst nicht, ob der Besuch angemessen sei. Wir setzten uns in meine Küche, dorthin, wo ich all die Jahre über den Büchern der Firma gesessen hatte, und redeten zum ersten Mal seit langem, ohne dass einer von uns über Zahlen oder Verträge sprach. Die alte Standuhr aus Rüdigers Villa steht heute bei mir im Flur.
Diana hat sie mir vor ein paar Wochen tatsächlich vorbeigebracht. Diesmal nicht als Abfindung, sondern mit den Worten, dass Papa sie sich damals selbst ausgesucht habe, gemeinsam mit mir in einem Auktionshaus in der Innenstadt, lange bevor irgendetwas von alledem begann. Ich hatte das ganz vergessen. Jetzt, wenn sie schlägt, denke ich nicht mehr an den Nachmittag, an dem Diana sie mir wie ein Trostpflaster zuschob, sondern an all die Jahre, in denen mein Bruder still darauf vertraute, dass ich die Dinge im Griff behielt, auch wenn er es mir nie laut genug sagte.
Ich bin nach wie vor derselbe Wolfgang Sauer, der mit dem alten Opel durch Chemnitz fährt und seine Pullover nicht wegwirft, nur weil sie schon älter sind. Aber ich weiß jetzt, dass Bescheidenheit und Bedeutungslosigkeit zwei verschiedene Dinge sind. Und dass mein Bruder das die ganze Zeit über gewusst hat, auch wenn er es mir nie ins Gesicht sagte.


