Ich stand in einem Café, dessen Mietvertrag auf meinen Namen läuft, und meine Schwiegertochter hob ihr Glas und sagte vor 60 Gästen: „Und das ist Elisabeth, meine Schwiegermutter. Sie hilft bei…

Ich stand in einem Café, dessen Mietvertrag auf meinen Namen läuft, und meine Schwiegertochter hob ihr Glas und sagte vor 60 Gästen: „Und das ist Elisabeth, meine Schwiegermutter. Sie hilft bei...

Ich stehe in einem Café, dessen Mietvertrag auf meinen Namen läuft, und ich lache mit. Vor mir steht meine Schwiegertochter mit einem Sektglas, 60 Gäste um uns herum, und sie sagt gerade: „Und das ist Elisabeth, meine Schwiegermutter. Sie hilft bei uns ein bisschen aus. Für ihr Alter macht sie das ganz ordentlich.

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Mein Name ist Elisabeth Trautmann. Ich bin 72 Jahre alt und lebe in Schwerin. Und ich habe an diesem Abend mitgelacht. Ich habe sogar genickt und mit der Hand abgewinkt, als wollte ich sagen: Ach was, nicht der Rede wert.

Das ist es, was ich mir bis heute vorwerfe. Ich habe mitgelacht in einem dunkelblauen Kleid, das ich mir extra für diesen Abend gekauft hatte – dem ersten neuen Kleid seit vier Jahren –, in einem Laden, dessen Mietvertrag auf meinen Namen läuft. Und als die Rede vorbei war, habe ich noch drei Stunden lang Gläser eingesammelt, weil die Aushilfe früher gehen musste. Es hat 2015 angefangen.

Mein Sohn Dennis, gelernter Koch, hatte jahrelang von einem eigenen Laden geträumt. Und dann wurde in der Schweriner Altstadt ein Lokal frei. 80 Quadratmeter, gute Lage, Gastronomie genehmigung schon vorhanden. Er kam zu mir, aufgeregt wie ein Kind, und legte den Grundriss auf meinen Küchentisch.

Und dann kam das Problem: Er bekam den Mietvertrag nicht. Der Vermieter wollte Sicherheiten, und Dennis hatte keine. Kein Eigenkapital, kein Einkommen als Selbstständiger, nur ein Autokredit. Mein Mann war 2012 gestorben, ich hatte meine Wohnung abbezahlt und eine kleine Lebensversicherung.

Der Vermieter sagte: Wenn ich als Mieterin unterschreibe, bekommt der Laden den Vertrag. Ich habe unterschrieben. Das ist der wichtigste Satz dieser ganzen Geschichte: Ich habe den Mietvertrag unterschrieben, nicht Dennis. Ich.

Ich habe das damals nicht als Macht gesehen. Ich habe es als Hilfe gesehen. Eine Mutter unterschreibt für ihren Sohn. So ist das.

Und ab der ersten Woche war ich jeden Tag dort. Nicht weil das der Plan war, sondern weil Dennis kochen und mit Gästen reden kann, aber nichts von dem, was ein Betrieb sonst noch braucht. In der dritten Woche fehlte die Umsatzsteuer-Voranmeldung. In der fünften standen zwei Lieferanten vor der Tür, weil niemand die Rechnungen bezahlt hatte, obwohl Geld da war.

Im zweiten Monat fragte er seinen Steuerberater, was eine Inventur ist. Ich habe 34 Jahre lang in der Verwaltung eines Baubetriebs gearbeitet, zuletzt als Leiterin der Buchhaltung. Also habe ich angefangen, das zu machen, was mein Sohn nicht kann. Ich habe die komplette Buchhaltung geführt: Kassenbuch, Belegwesen, Umsatzsteuer, Lohnabrechnungen für zuletzt sieben Mitarbeiter.

Ich habe den gesamten Einkauf gemacht, alle Lieferantenverträge verhandelt, Preise nachverhandelt, Reklamationen geregelt. Ich habe die Dienstpläne geschrieben und habe morgens um 6:30 Uhr aufgeschlossen, damit der Bäcker liefern kann, weil Dennis um 6:30 Uhr nicht aufsteht. Ich habe abends abgerechnet, den Tagesatz gezählt und zur Bank gebracht. Jahre lang, sech Tage die Woche, zuletzt etwa 35 Stunden die Woche.

Und jetzt kommt der Punkt, der später alles entschieden hat: Ich hatte keinen Vertrag, keine Anmeldung, keine Lohnabrechnung, keine Sozialversicherung, nichts. Ich habe kein Gehalt bekommen, kein einziges Mal in neun Jahren. Am Anfang hieß es: „Mama, wenn es läuft, kriegst du was. “ Dann hieß es: „Mama, wir müssen erst den Kredit tilgen.

“ Und irgendwann hieß es gar nichts mehr. Ich habe von meiner Rente gelebt, 1. 180 Euro, und habe in einem Betrieb gearbeitet, der zuletzt einen Jahresumsatz von über 400. 000 Euro hatte.

Dann kam Katrin, Dennis’ Frau. Sie hatte vorher im Einzelhandel gearbeitet und hat sich um das Erscheinungsbild gekümmert: Instagram, Deko, die Karte, die Website. Das kann sie gut, das muss ich sagen. Aber mit ihr veränderte sich, wie man mit mir umging.

Am Anfang sagte sie noch: „Elisabeth, du machst das mit den Zahlen ja unglaublich. “ Nach einem Jahr sagte sie zu einer neuen Mitarbeiterin, während ich daneben stand: „Die Elisabeth macht so ein bisschen Büro. “ 2020 stellte sie den Betriebsablauf um, ohne mich zu fragen. Als ich sagte, dass das mit den Lieferzeiten nicht funktioniert, sagte sie: „Elisabeth, du bist da vielleicht ein bisschen altmodisch.

“ Es funktionierte nicht, und nach sechs Wochen kehrten wir zu meinem Ablauf zurück. 2022 kauften sie ein neues Kassensystem mit Tablet. Ich fragte, ob es GOBD-konform sei, und sie sah mich an, wie man eine Frau ansieht, die aus Versehen ein Fremdwort benutzt hat. Es war nicht konform, das merkten wir bei der nächsten Prüfung.

Aber ich wurde bei Entscheidungen nicht mehr gefragt. Ich schloss weiterhin um 6:30 Uhr auf, machte die Buchhaltung, telefonierte mit den Lieferanten. Aber wenn etwas besprochen wurde, saßen Dennis und Katrin zusammen, und ich erfuhr es hinterher. Im Sommer 2024 kam ein Journalist von der Lokalzeitung wegen einer Serie über inhabergeführte Cafés.

Katrin gab das Interview, Dennis stand daneben. Im Artikel stand dann: „Das Ehepaar Trautmann führt das Café seit 2015 gemeinsam, unterstützt von einem eingespielten Team. “ Ich war das eingespielte Team. Ich schnitt den Artikel aus und legte ihn in eine Schublade.

Ich weiß bis heute nicht, warum. Das Jubiläum war am 12. April. Zehn Jahre Café Trautmann.

Der Laden war abends für Gäste geschlossen, sechzig Leute kamen: Lieferanten, Stammkunden, jemand von der Stadt„ Ich hatte drei Wochen daran gearbeitet: Einladungen verschickt, Getränke bestellt, den Caterer verhandelt, die Abrechnung gemacht. Ich hatte mir ein neues Kleid gekauft, dunkelblau. Das erste neue Kleid seit vier Jahren. Und dann hielt Katrin ihre Rede.

Sie sprach gut, erzählte von den Anfängen, den schweren Jahren, der Pandemie. Sie sagte, es gab Momente, da wussten wir nicht, ob wir den nächsten Monat noch aufmachen. Ich wusste, welche Momente sie meinte. Ich war es, die im Frühjahr mit der Bank verhandelt hat, als der Kontokorrentkredit ausgereizt war.

Ich bin dreimal hingefahren, bis der Berater die Linie erhöht hat. Dennis wusste damals nicht einmal, wie hoch der Kredit war. Er hat mich gefragt: „Kriegen wir das hin? “ Und ich habe gesagt: „Ja.

Dann fing sie an, Leute vorzustellen und ihnen zu danken. Dem Steuerberater dankte sie, dem Bäcker, der seit zehn Jahren liefert, der Köchin, die seit vier Jahren da ist. Einer Aushilfe, die seit acht Monaten da ist, sagte sie: „Ohne Jule wären wir im letzten Sommer untergegangen. “ Ich saß da und klatschte mit.

Und dann kam sie zu mir. Sie hob ihr Glas und sagte: „Und das ist Elisabeth, meine Schwiegermutter. Sie hilft bei uns ein bisschen aus. Für ihr Alter macht sie das ganz ordentlich.

Es gab höfliches Gelächter. Nicht böses, freundliches. Die Leute sahen mich an und lächelten wohlwollend, so wie man eine alte Frau anlächelt, die noch ein bisschen mithilft. Und ich habe mitgelacht.

In einem Laden, dessen Mietvertrag auf meinen Namen läuft. In einem Kleid, das ich mir für diesen Abend gekauft hatte. Und dann habe ich noch drei Stunden lang Gläser abgeräumt, für die man mir gedankt hat, indem man mir sagte, ich mache das ganz ordentlich für mein Alter. Der Bäcker, Herr Lemke, kam später zu mir und sagte: „Frau Trautmann, das war nicht in Ordnung.

“ Ich sagte: „Ach, sie hat das nicht so gemeint. “ Er sah mich an und sagte: „Frau Trautmann, ich telefoniere seit zehn Jahren mit Ihnen, nicht mit den beiden. Mit Ihnen. “ Dieser Satz hat länger in mir gearbeitet als die Rede.

Ich ging an dem Abend nach Hause, setzte mich an meinen Küchentisch, und da passierte etwas, das ich nicht steuern konnte: Ich fing an zu rechnen. Nicht aus Wut, aus Gewohnheit. Ich habe 34 Jahre lang gerechnet, wenn ich nicht weiterwusste. Ich rechnete aus, was ich in neun Jahren gearbeitet habe: 35 Stunden die Woche, sech Tage, 42 Wochen im Jahr, weil ich manchmal Urlaub hatte.

Neun Jahre, 13. 200 Stunden. Ich schaute im Internet nach, was eine Buchhalterin mit meiner Qualifikation verdient. Der Tarif liegt bei etwa 22 Euro die Stunde.

Das macht 290. 000 Euro. Ich habe für 290. 000 Euro gearbeitet und nichts bekommen.

Und meine Schwiegertochter hat vor 60 Menschen gesagt, ich helfe ein bisschen aus. Am nächsten Morgen rief ich einen Anwalt an„ Ich bin nicht gegangen, um Geld zu holen. Ich bin hingegangen, weil ich wissen wollte, was ich eigentlich bin. Ob ich jemand bin.

Dr. Bernau, Fachanwalt für Arbeits- und Gesellschaftsrecht, Kanzlei am Pfaffenteich. Ich bekam einen Termin für Donnerstag. Ich nahm alles mit: den Mietvertrag, neun Ordner Buchhaltung, die Lieferantenverträge, den Zeitungsartikel.

Dr. Bernau brauchte zweieinhalb Stunden. Er sah sich alles sehr genau an und sagte fast nichts. Nur einmal fragte er: „Und das haben Sie alles selbst gemacht?

“ Ich sagte: „Ja. “ „Auch die Lieferantenverträge? Da steht überall Ihr Name als Verhandlungsführerin. “ „Ja.

Dann schob er die Unterlagen zusammen, legte die Hände darauf und sah mich an. „Frau Trautmann, ich muss Ihnen etwas erklären, und Sie werden es zuerst nicht glauben. “ Dann sagte er: „Sie sind nicht die Aushilfe in diesem Betrieb. Sie sind die Schlüsselfigur.

Und zwar in drei verschiedenen Hinsichten, von denen jede einzelne genügen würde. “

Erstens: der Mietvertrag. „Das Ladenlokal ist an Sie vermietet. Sie sind Mieterin.

Ihr Sohn hat das Objekt von Ihnen zur Nutzung überlassen bekommen, ohne dass es einen schriftlichen Untermietvertrag gibt. Er nutzt es, weil Sie es dulden. Sie können diese Duldung beenden, und wenn Sie das Mietverhältnis selbst kündigen, verliert der Betrieb sein Lokal. “ Ich fragte: „Einfach so?

“ „Nicht einfach so. Es gibt Fristen. Aber ja: Ihr Sohn hat kein eigenes Recht an diesen Räumen. “

Zweitens: die Arbeit„ „Sie haben neun Jahre lang in einem Betrieb geweisungsgebunden gearbeitet, ohne Vertrag und ohne Entgelt.

Das ist arbeitsrechtlich hochproblematisch für den Betrieb, und sozialversicherungsrechtlich ist es ein Fall, bei dem die deutsche Rentenversicherung sehr genau hinsieht. “ Ich fragte, was das heißt. „Es heißt, dass bei einer Betriebsprüfung die Frage gestellt wird, warum eine Person über neun Jahre täglich 35 Stunden für einen Betrieb arbeitet, ohne angemeldet zu sein. Die Konsequenzen für Ihren Sohn wären erheblich: Nachzahlungen, Säumniszuschläge, unter Umständen ein Strafverfahren wegen Vorenthaltens von Arbeitsentgelt.

“ Ich sagte: „Ich will meinen Sohn nicht anzeigen. “ Er sagte: „Das habe ich verstanden. Ich erkläre Ihnen nur, wo Sie stehen. “

Und dann kam der dritte Punkt, und da habe ich verstanden, wie die Sache wirklich liegt.

Er fragte: „Frau Trautmann, wer kennt in diesem Betrieb die Passwörter? “ Ich sagte: „Ich. “ „Wer hat Zugang zum Geschäftskonto? “ „Ich habe die Vollmacht.

Dennis natürlich auch. Es ist sein Konto. “ „Wer weiß, wann welche Rechnung fällig ist? “ „Ich.

“ „Wer hat die Verträge mit den Lieferanten verhandelt, und wen rufen die an, wenn es ein Problem gibt? “ „Mich. “ „Wer macht die Lohnabrechnung für die sieben Mitarbeiter? “ „Ich.

Er lehnte sich zurück und sagte: „Frau Trautmann, dieser Betrieb läuft nicht mit Ihrer Hilfe. Er läuft, weil Sie ihn führen. Ihr Sohn kocht, Ihre Schwiegertochter dekoriert, und Sie betreiben das Unternehmen. “

Ich saß in diesem Büro und habe geweint.

Zum ersten Mal seit dem Jubiläum. Nicht aus Kummer. Sondern weil zum ersten Mal seit neun Jahren jemand ausgesprochen hat, was ich bin. Wir besprachen dann, was ich will.

Und ich sagte etwas, das Dr. Bernau überraschte:** „Ich will nicht kämpfen. Ich will gehen. “ Er fragte, ob ich mir das gut überlegt habe.

Ich sagte:** „Ich bin 72. Ich stehe seit neun Jahren um fünf Uhr auf. Ich will nicht um mein Recht in diesem Café kämpfen. Ich will raus, und ich will, dass es geordnet passiert.

Ich hatte es mir in der Nacht davor aufgeschrieben, was ich wollte. Erstens:** Ich kündige den Mietvertrag zum nächstmöglichen Termin. Aber ich biete dem Vermieter an, dass er direkt mit Dennis einen neuen Vertrag schließt, wenn Dennis die Bonität nachweist. Ich zerstöre nichts, ich nehme nur meinen Namen heraus.

Zweitens:** Ich stelle meine Tätigkeit ein, mit einer Übergabefrist von vier Wochen, in der ich alles dokumentiere und erkläre. Drittens:** Ich verlange keine Nachzahlung für neun Jahre. Aber ich verlange eine schriftliche Bestätigung dessen, was ich in diesem Betrieb getan habe. Ein qualifiziertes Zeugnis.

Dr. Bernau sah mich lange an und sagte dann:** „Frau Trautmann, das ist die zurückhaltendste Forderung, die ich in 25 Jahren gehört habe. Und wenn ich ehrlich bin, ist sie die härteste. “ Ich fragte, warum.

„Weil sie Ihnen nichts wegnehmen, wofür sie Sie hassen könnten. Sie hören einfach auf, und dann sehen alle, was sie waren. “

Die Schreiben gingen am 23. April raus.

Eines an den Vermieter, mit der Kündigung und dem Angebot der Vertragsübernahme. Eines an Dennis, mit der Mitteilung, dass ich meine Tätigkeit zum 21. Mai einstelle, mit dem Angebot einer geordneten Übergabe. Dennis rief mich am selben Abend an.

Er schrie nicht. Er lachte. Er sagte:** „Mama, was ist denn jetzt in dich gefahren? Wegen der Rede?

Das war doch nur so daher gesagt. “ Ich sagte:** „Dennis, ich höre am 21. Mai auf. Ich möchte, dass wir die vier Wochen für eine ordentliche Übergabe nutzen.

“ Und er sagte, und das war der Moment, in dem ich wusste, dass es richtig ist:** „Mama, mach mal halblang. Wir kriegen das schon hin. Das ist ja jetzt keine Raketenwissenschaft. “

Neun Jahre Buchhaltung, Einkauf, Personal, Lieferanten.

Keine Raketenwissenschaft. Ich sagte:** „Gut, dann brauchst du die Übergabe ja nicht. “ Und legte auf. Das war ein Fehler von mir, das gebe ich zu.

Ich hätte die Übergabe machen sollen, egal was er sagt. Ich habe es aus Trotz nicht getan, und das war nicht meine feinste Stunde. Aber ich habe etwas anderes gemacht, das ich für richtig halte. Ich habe in den vier Wochen alles vorbereitet, was ein anständiger Mensch vorbereitet.

Ich erstellte eine Übergabemappe, 80 Seiten: alle Passwörter, alle Ansprechpartner mit Telefonnummern, alle Fälligkeiten, die Zugänge zum Kassensystem, den Ablauf der Monatsabrechnung, die Fristen beim Steuerberater, die Kündigungsfristen der Mitarbeiter. Ich legte sie am 21. Mai morgens um 6:30 Uhr auf die Theke, zusammen mit dem Schlüssel. Und dann bin ich gegangen.

Ich hatte die Lieferanten vorher informiert, alle 14. Ich rief jeden einzelnen an und sagte, ich höre auf. Ab dem 21. sei Dennis Trautmann ihr Ansprechpartner.

Herr Lemke, der Bäcker, sagte:** „Frau Trautmann, dann kündige ich. “ Ich sagte:** „Herr Lemke, das müssen Sie nicht meinetwegen tun. “ Er sagte:** „Ich tu es nicht Ihretwegen. Ich liefere seit zehn Jahren um 6:30 Uhr, weil Sie da sind und aufschließen.

Ich stelle mich nicht um sechs Uhr an eine verschlossene Tür. “

Was in den drei Wochen danach passierte, weiß ich zum Teil von Mitarbeitern, die mich anriefen, und zum Teil aus dem, was in der Stadt geredet wurde. In der ersten Woche fiel die Frühjahrslieferung aus. Zweimal, weil niemand um 6:30 Uhr da war und Herr Lemke nicht warten konnte.

Am dritten Tag rief mich Jule an, die Aushilfe. Sie fragte:** „Frau Trautmann, entschuldigen Sie, aber wissen Sie, wo die Zugangsdaten für das Bestellsystem vom Getränkelieferanten sind? Wir haben kein Mineralwasser mehr. “ Ich sagte:** „Jule, das steht auf Seite 40 in der Mappe, die auf der Theke liegt.

“ Sie fragte:** „Welche Mappe? “ Die Mappe lag drei Tage auf der Theke, und niemand hatte sie aufgeschlagen. In der zweiten Woche kamen die Mahnungen. Nicht weil kein Geld da war, sondern weil niemand wusste, welche Rechnungen fällig sind.

Zwei Lieferanten stellten auf Vorkasse um. Der Fleischer rief mich an und fragte, ob bei den Trautmanns alles in Ordnung sei. Seit zehn Jahren sei nie etwas schiefgegangen, jetzt drei Mahnungen in zwei Wochen. In der dritten Woche gab es einen Zwischenfall mit den Löhnen.

Die Lohnabrechnung für Mai war nicht gemacht worden. Ich hatte sie immer zwischen dem 15. und dem 25. gemacht, und ich bin am 21.

gegangen. Sieben Mitarbeiter bekamen ihr Geld zu spät, teilweise falsch. Die Köchin, die seit vier Jahren da war, bekam 200 Euro zu wenig, weil ihre Überstunden nicht erfasst waren. Zwei kündigten.

Die Köchin war eine davon. Und Ende Juni kam die Betriebsprüfung. Die war schon lange angekündigt, das wusste ich. Ich hatte die Unterlagen im März vorbereitet, alles sortiert, alles bereitgelegt.

Es lag in meinem Ordnerschrank, den ich dort gelassen habe. Was bei dieser Prüfung herauskam, weiß ich nicht genau. Ich habe nicht gefragt, und Dennis hat es mir nicht erzählt. Ich weiß nur, dass danach der Steuerberater das Mandat niedergelegt hat.

Das erfuhr ich von ihm selbst. Er rief mich an und sagte:** „Frau Trautmann, ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich immer gewusst habe, wer diese Unterlagen erstellt hat. Neun Jahre lang habe ich mit Ihnen telefoniert. Es war eine Freude.

Und dann kam der Brief vom Vermieter. Er hatte mein Angebot geprüft und Dennis eine Bonitätsauskunft abverlangt. Dennis reichte sie ein. Sie reichte nicht.

Der Vermieter schrieb mir, sehr höflich, dass er den Vertrag nicht auf Herrn Dennis Trautmann übertragen kann, und dass er das Objekt nach Ablauf meiner Kündigungsfrist neu vermieten wird. Ich las diesen Brief und rief dann bei Dr. Bernau an. Ich fragte, ob ich die Kündigung zurücknehmen kann.

Er sagte:** „Sie können. Wollen Sie? “ Ich dachte eine Nacht darüber nach. Und ich habe es nicht getan.

Nicht aus Härte, sondern weil ich verstanden habe, dass ich sonst wieder da bin, wo ich neun Jahre lang war. Die alte Frau, die unterschreibt, damit es weitergeht, und dann vor 60 Gästen vorgestellt wird als jemand, der ein bisschen aushilft. Das Café Trautmann hat am 11. August geschlossen.

Zehn Jahre und vier Monate. Das ist jetzt sechs Monate her. Ich will nicht so tun, als wäre das ein Triumph. Es war furchtbar.

Mein Sohn hat sein Lebenswerk verloren, und ich habe dabei die Hand nicht gehalten. Ich weiß nicht, ob ich das richtig gemacht habe. Ich denke fast jeden Tag darüber nach. Aber ich weiß, dass ich es nicht anders konnte.

Dennis arbeitet wieder als angestellter Koch in einem Hotel am See. Er verdient anständig. Er ruft alle paar Wochen an, und wir reden über nichts. Er hat sich nie entschuldigt, und ich glaube inzwischen, dass er es auch nicht versteht.

In seinem Kopf hat seine Mutter ihm den Laden weggenommen. Katrin spricht nicht mit mir. Und dann ist noch etwas passiert. Im Oktober rief mich Herr Lemke an, der Bäcker.

Er fragte, ob ich Lust hätte, zwei Tage die Woche bei ihm im Büro zu arbeiten. Seine Tochter mache die Buchhaltung, aber sie komme nicht hinterher, und er suche seit einem Jahr jemanden. Ich fragte:** „Herr Lemke, ich bin 72. “ Und er sagte:** „Frau Trautmann, ich weiß, was Sie können.

Ich habe es zehn Jahre lang am Telefon gehört. “

Ich arbeite jetzt dienstags und donnerstags bei der Bäckerei Lemke, auf Minijob-Basis, mit einem richtigen Vertrag, mit Lohnabrechnung und Anmeldung. Ich verdiene 580 Euro im Monat. Das ist nicht viel.

Aber es ist das erste Geld, das ich für meine Arbeit bekomme, seit ich 2015 in Rente gegangen bin. Als die erste Lohnabrechnung kam, habe ich sie an den Kühlschrank gehängt. Sie hängt immer noch da. Wenn Sie in einem Familienbetrieb mitarbeiten, dann lassen Sie sich anmelden.

Auch wenn es nur ein paar Stunden sind. Auch wenn es die eigenen Kinder sind. Besonders dann. Ein Vertrag ist kein Misstrauen.

Ein Vertrag ist das einzige, was hinterher noch da ist, wenn die Dankbarkeit weg ist. Ohne Vertrag sind Sie rechtlich niemand. Sie haben keinen Anspruch auf Lohn, Sie sammeln keine Rentenpunkte, Sie sind nicht unfallversichert. Wenn Sie in diesem Betrieb von der Leiter fallen, sind Sie ein Privatunfall.

Neun Jahre, 13. 000 Stunden, null Rentenpunkte. Und noch etwas, das schwerer ist:** Wenn Sie für jemanden unterschreiben, für einen Mietvertrag, für einen Kredit, für irgendetwas, schreiben Sie sich auf, dass Sie es getan haben, und lesen Sie es einmal im Jahr. Ich habe 2015 diesen Mietvertrag unterschrieben, und danach neun Jahre lang nicht mehr daran gedacht.

Ich wusste es. Aber ich habe es nicht gewusst. Wenn ich es die ganze Zeit gewusst hätte, hätte ich vielleicht schon im dritten Jahr etwas gesagt. Vielleicht wäre das Café dann noch offen.

Ich bin Elisabeth Trautmann. Ich bin 72 Jahre alt. Wenn ich dienstags zur Bäckerei fahre, komme ich an dem Laden vorbei. Es ist jetzt ein Friseur drin.

Sie haben die Theke rausgerissen und die Wände weiß gestrichen. Ich gucke da immer kurz hin, aber ich bleibe nicht stehen, denn ich muss um acht Uhr im Büro sein. Bei einem Mann, der mich zehn Jahre lang am Telefon hatte und wusste, wer da eigentlich mit ihm spricht.