Berlin, 14:47 Uhr – Ein 25-jähriger Mann aus Neukölln hat am Dienstagmorgen ein Vorstellungsgespräch bei einem Tech-Startup in Berlin-Mitte absolviert, nachdem sein Vater ihn eigenen Angaben zufolge aus der Wohnung gestoßen hatte. Der Vorwurf der Familie: Der Sohn habe sich geweigert, seine Schwester zu einem Einkaufszentrum zu fahren. Was wie ein alltäglicher Familienkonflikt klingt, hat sich zu einem massiven Compliance-Fall ausgeweitet – mit Konsequenzen für den Vater, der nun suspendiert ist.
Der 25-jährige Matis K. , der anonym bleiben möchte, schildert gegenüber unserer Redaktion die Ereignisse des Morgens. Er stand um 7 Uhr auf, bereitete sich akribisch auf das Gespräch vor, das um 12:30 Uhr in der Friedrichstraße stattfinden sollte.
„Ich habe jahrelang gekellnert, babysittet, mich durchgeschlagen. Diese Chance war alles für mich“, sagt er. Doch dann betrat seine 19-jährige Schwester Kara sein Zimmer.
Sie verlangte, dass er sie um 12 Uhr zur Mall of Berlin fährt. Als er ablehnte, eskalierte die Situation.
„Kara sagte, ich solle das Gespräch verschieben. Sie sagte, ich hätte doch schon hundert Bewerbungen geschrieben“, erinnert sich K. Er weigerte sich.
Daraufhin holte die Schwester den Vater. Der stellte sich vor ihn, warf ihm vor, die Zukunft seiner Schwester zu gefährden. „Er sagte wörtlich: ‚Deine Schwester hat eine Zukunft.
Deine zählt nie. ‘ Dann stieß er mich gegen den Türrahmen im Flur“, berichtet K. Ein Bilderrahmen zerbrach, seine Schulter prallte gegen das Holz.
Die Mutter, die hinzukam, reagierte mit einem enttäuschten Blick: „Warum machst du immer Ärger? “
Statt nachzugeben, rief K. eine Freundin an. Hanna, die er seit Jahren kennt, holte ihn um 11:32 Uhr in einem silbernen SUV an der Reuterstraße ab.
„Sie hat mich beruhigt, mir Wasser gegeben und mit mir die Interviewfragen geübt“, sagt K. Um 12:18 Uhr erreichten sie das Bürogebäude in der Friedrichstraße. K.
absolvierte das Gespräch – 47 Minuten, Systemdesign, Pairing, eine Aufgabe zur Validierung von IBANs. Die Product Managerin nickte, der Teamleiter stellte Fragen. „Ich blieb ruhig.
Ich wusste, ich gehörte hierher“, sagt er.
Doch der Konflikt war nicht beendet. Am Abend erhielt K. eine Nachricht von seiner Schwester: „Du hast alles versaut.
Wir sind fertig mit dir. “ Sein Vater hatte offenbar beim Startup angerufen und behauptet, der Kandidat sei „instabil und gewalttätig“. Er hinterließ eine Voicemail, in der er drohte, seine Kontakte bei der IHK zu nutzen.
„Mir wurde kalt in den Händen, aber nicht im Herzen“, sagt K. Er dokumentierte alles – die Voicemail, Chatverläufe, Fotos seiner verletzten Schulter.
Mit Hannas Hilfe formulierte er zwei Beschwerden: eine an die Compliance-Abteilung des Startups, eine an die Personalabteilung der Firma seines Vaters. Um 8:30 Uhr am nächsten Morgen sendete er die E-Mails. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten.
Die Hiring-Direktorin des Startups, Dr. Stein, rief persönlich an: „Ihr Verfahren bleibt davon unberührt. Wir leiten eine Untersuchung ein und sperren externe Kontakte zu Ihrem Vater.
“ Die Firma des Vaters suspendierte ihn vorläufig von allen Außenterminen. Die IHK forderte eine Stellungnahme.
Zwei Wochen später bot das Startup K. eine unbefristete Stelle an. Gehalt: 3.
200 Euro brutto, Mobilitätszuschuss, Start am 1. Dezember. Er unterschrieb nicht sofort – „aus Prinzip“, wie er sagt.
Er nahm sich eine Nacht Bedenkzeit. Inzwischen hat er eine eigene Wohnung in Moabit bezogen, 28 Quadratmeter, 780 Euro warm. Seine Eltern und die Schwester haben ihn blockiert.
„Ich dokumentiere, ich entscheide, ich bleibe“, sagt er. Die Schulter ist verheilt, nur ein gelbgrüner Schatten erinnert noch an den Vorfall.
Am 1. Dezember trat K. seinen ersten Arbeitstag an.
Er fuhr mit der U9 zum Leopoldplatz, wechselte in die U2, stieg in Mitte aus. Am Drehkreuz zeigte er seinen Ausweis, an der Rezeption wünschte man ihm einen guten Morgen. Auf seinem Platz lagen Laptop, Notizbuch und ein Willkommens-Post-it.
„Ich legte die Hand auf den Tisch und atmete ein. Zum ersten Mal seit Jahren wartete ich nicht mehr auf den Sturm“, sagt er. Die interne Untersuchung des Startups läuft noch.
Die Personalabteilung der Firma des Vaters hat eine Vorprüfung eingeleitet. Ob es zu weiteren arbeitsrechtlichen Konsequenzen kommt, ist offen. K.
sagt nur: „Ich habe die Wahrheit abgegeben. Mehr musste ich nicht tun. “


