An dem Tag, an dem ich das Telefon abnahm, dachte ich, es sei ein Versehen. Doch die Spedition meines Mannes sagte mir, dass er diese Woche gar nicht nach Hamburg gefahren war. Er hatte es mir…

An dem Tag, an dem ich das Telefon abnahm, dachte ich, es sei ein Versehen. Doch die Spedition meines Mannes sagte mir, dass er diese Woche gar nicht nach Hamburg gefahren war. Er hatte es mir...

Als ich an jenem Donnerstag das Telefon abnahm, glaubte ich noch an ein Versehen. Doch die Stimme aus der Spedition machte mir klar, dass mein Mann seit Jahren nicht nach Hamburg fuhr, obwohl er es mir jede Woche erzählte. In seiner Jackentasche fand ich eine handgeschriebene Geburtstagskarte, unterzeichnet mit „in Liebe, Silke und Dora“. Eine Karte voller Zärtlichkeit für einen Vater und Ehemann.

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Ich war Theresa Kremer, damals 35 Jahre alt und seit fast 14 Jahren mit Reiner Lehmann verheiratet. Wir hatten drei Kinder, Karl Eduard, Luisa und Jens. Reiner arbeitete als Fernfahrer und schickte jeden Monat Geld an seine angeblich schwerkranke Schwester Silke in Leipzig. Ich hatte sie nie gesehen und nie hinterfragt, wohin das Geld wirklich ging.

Ich brachte die Kinder zu meiner Freundin Elke und nahm den frühen Bus nach Leipzig. Die Adresse führte mich zu einem hübschen Eckhaus mit einem Schild: „Silkes Schneideratelier, Maßanfertigung“. Eine junge Frau mit langem Zopf öffnete die Tür. Sie hatte genau die Augen meines Sohnes Karl Eduard.

Als ich nach Silke fragte, sagte das Mädchen: „Meine Mutter ist kurz einkaufen. Aber mein Vater ist zu Hause. “ Da wusste ich alles. Sie war Doras Vater, meine Tochter hieß anders, aber sie war die Tochter meines Mannes.

Reiner kam aus dem Hinterzimmer. Sein Gesicht verlor jede Farbe. „Theresa“, flüsterte er. Dann trat Silke ein, elegant und selbstbewusst, mit Einkaufstaschen.

Sie begriff sofort. „Theresa“, sagte sie, ohne den Satz zu beenden. Ich hielt die Karte hoch. „Kennst du das?

“ Stille. Dora stand zwischen uns, verwirrt und ängstlich. „Mama, Papa, wer ist diese Frau? “ Ich sagte ihr die Wahrheit: Ich bin seit 13 Jahren mit deinem Vater verheizt.

Wir haben drei Kinder. Sie brach in Tränen aus. Reiner versuchte zu erklären, aber Silke schnitt ihm das Wort ab: „Er hat mir erzählt, er sei Witwer, als Dora geboren wurde. Er sagte, er könne mich wegen der Witwenrente nicht heiraten.

“ Ich sah Reiner direkt an. „Wie lange führst du dieses Doppelleben? “ Er senkte den Kopf. „Ich kannte Silke zuerst.

Als sie schwanger wurde, war ich schon mit dir zusammen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. “ Genau in diesem Moment entschied ich mich. „Wir gehen“, sagte ich zu meinen Kindern, die oben im Haus waren und plötzlich herunterkamen, weil sie den Lärm hörten.

Die Kinder standen schweigend da. Karl Eduard sah Dora an, dann mich. „Ist das sein Kind, Mama? “ Ich nickte.

Reiner verließ wortlos das Haus. Er fuhr davon und ließ beide Frauen und alle vier Kinder zurück. Wir standen da, Fremde und doch durch denselben Lügner verbunden. Silke sah mich an, mit Tränen in den Augen.

„Was machen wir jetzt? “ Ich wusste es noch nicht, aber ich wusste, dass ich nicht einfach zurückgehen konnte in dieses Leben aus Lügen. Ich ließ mich scheiden. Reiner zahlte Unterhalt, aber es reichte kaum.

Kurz nach der Scheidung erfuhr ich, dass ich schwanger war – von meinem eigenen Mann, den ich gerade verlassen hatte. Vier Kinder, keine Berufsausbildung, ein Kind unter dem Herzen. Meine Mutter, die früher gesagt hatte, ich solle die Ehe retten, nahm mich auf. In diesen dunklen Monaten klingelte eines Tages Silke an unserer Tür.

Sie sah erschöpft aus, aber entschlossen. „Ich habe den Laden. Du kannst nähen. Wir sollten zusammenarbeiten.

“ Ich glaubte, sie wolle mich betrügen. Doch sie sagte: „Ich habe einen Fehler gemacht, weil ich glaubte, was er sagte. Aber du hast mich nicht belogen. Lass uns etwas aufbauen.

So entstand „Neuanfang Konfektion“. Aus zwei betrogenen Frauen wurde ein Unternehmen. Silke kümmerte sich um den Verkauf, ich um die Näharbeit. Unsere Kinder wuchsen zusammen auf.

Dora, meine Tochter Beatrice, die im Jahr 1973 geboren wurde, Karl Eduard, Luisa, Jens – sie wurden Geschwister, obwohl sie nicht dieselbe Mutter hatten. Die Kinder fanden zueinander, besonders die Älteren. Jahre später starb Reiner bei einem Autounfall. Wir erfuhren es zufällig.

Es gab keine Tränen, nur einen seltsamen Frieden. Der Laden wuchs. Ich kaufte ein größeres Haus. Silke kam mit Dora zu uns, als ihre Krankheit schlimmer wurde.

Sie starb 1995 an Brustkrebs, meine Freundin, die ich einst als Feindin sah. Ich hielt ihre Hand, bis sie ging. Meine Kinder wurden erwachsen, sie übernahmen das Geschäft. Luisa wurde Designerin, Jens übernahm den Vertrieb, Karl Eduard Ingenieur, Beatrice Anwältin.

Dora führte die Buchhaltung. Heute, mit 76 Jahren, blicke ich auf ein Leben, das ich mir nicht hätte ausmalen können, als ich an jenem Tag in Leipzig die Wahrheit entdeckte. Die Geburtstagskarte, die ich in Reiners Jacke fand, war der Anfang meiner wahren Geschichte.