Ich habe meiner neuen Frau nie gesagt, dass das Weingut mir gehört. Ich habe ihr gesagt, ich sei nur der Kellermeister, der die Fässer pflegt, die Leitungen prüft und die Türen schließt, wenn der letzte Gast gegangen ist. Und ich danke Gott jeden Tag, dass ich geschwiegen habe, denn keine sechzig Stunden nach unserer Hochzeit saß sie mit einem Steuerberater an meinem Tisch und fragte, wie viel das Anwesen wert sei. Mein Name ist Sigmund.

Ich werde im Oktober siebenundsechzig. Ich bin in der Pfalz aufgewachsen, zwischen Weinbergen und Kalksteinmauern, in einem Haus, das nach Herbst und altem Holz roch. Mein Vater war Winzer, sein Vater auch. Ich war das einzige Kind und habe früh gelernt, Trauben zu lesen – nicht mit dem Refraktometer, sondern mit den Fingerkuppen.
Wenn die Schale leicht nachgibt, ist es Zeit. Mit sechsundzwanzig habe ich meine erste kleine Parzelle gekauft, eine südlich ausgerichtete Hanglage bei Deidesheim. Marode Reben, schlechter Boden, kein Strom im Schuppen. In drei Jahren habe ich sie in eine der besten Lagen der Gegend verwandelt.
Dann kam eine zweite Parzelle dazu, dann das alte Gutshaus am Ortsrand, das seit Jahren leer stand. Heute gehört mir ein Weingut mit vierzehn Hektar, einer Vinothek, sechs Ferienwohnungen im Gutshaus und einem kleinen Verkaufsraum, den meine Frau Erika mit aufgebaut hat. Erika war vierunddreißig, als sie starb. Sie war diejenige, die den Besuchern erklärte, warum unser Spätburgunder anders schmeckt als andere.
Sie führte die Bücher, verwöhnte die Gäste und stand morgens um sechs schon in der Küche, wenn Weinlese war. Vor drei Jahren starb sie nachts an einem Herzinfarkt, ohne Vorwarnung, ohne Abschied. Da war nicht nur meine Frau weg, da war meine ganze Welt weg. Zwei Jahre lang habe ich alleine gelebt.
Meine Tochter Renata, die mit ihrem Mann und zwei Kindern in Freiburg wohnt, rief mich jeden Sonntag an. Sie sagte, ich solle rausgehen, Menschen treffen, aufhören, jeden Abend allein auf der Terrasse zu sitzen und in die Weinberge zu starren. Ich sagte, ich sei in Ordnung. Das stimmte nicht, aber ich war noch nicht bereit, das zuzugeben.
Dann habe ich auf einem Weinfest in Neustadt Gisela kennengelernt. Sie war dreiundfünfzig, hatte kurzes graumeliertes Haar und lachte so, dass man unwillkürlich mitlachen musste. Sie sagte, sie sei vor einem Jahr aus Mannheim weggezogen, nach einer langen Ehe, die einfach nicht mehr funktioniert habe. Sie arbeite jetzt als Buchhalterin für eine kleine Firma – nichts Großes, nur genug zum Leben.
Ihr Sohn Tobias, zweiundzwanzig, mache eine Pause zwischen Bachelor und Master. Sie fragte mich, was ich mache, und ohne lange nachzudenken sagte ich, ich arbeite auf einem Weingut als Kellermeister, ich kümmere mich um die Fässer, die Anlage, den Hof. Warum? Weil ich ein Jahr zuvor fast einen Fehler gemacht hätte, der mich alles gekostet hätte – eine Frau, die ich beim Golfturnier meines Bruders kennengelernt hatte.
Ich hatte ihr erzählt, was ich besitze. Zuerst schien es ihr gleichgültig, dann fragte sie, ob ich einen Steuerberater habe, dann ob ich daran gedacht hätte, das Gutshaus zu verkaufen und in die Stadt zu ziehen, dann ob ich eine Vollmacht für meine Konten vergeben hätte. Ich habe die Sache schnell beendet. Aber die Frage blieb: Wie sieht man, ob jemand einen wirklich meint oder nur das, was man hat?
Also war ich bei Gisela – der Kellermeister, und es störte sie kein bisschen. Sie brachte selbst gebackenen Pflaumenkuchen vorbei, wenn ich Mittagspause hatte. Wir saßen auf der alten Bank vor dem Keller und hörten dem Wind in den Reben zu. Sie fragte nie nach Geld, nie nach dem Haus, nie nach dem Weingut als solchem.
Sie schien wirklich einfach froh zu sein, in meiner Nähe zu sein. Tobias begegnete mir zunächst kaum. Er war meist in seinem Zimmer, tippte auf dem Laptop, ging spät abends aus. Gisela entschuldigte ihn.
Er verarbeite noch die Scheidung der Eltern. Brauche Zeit, um anzukommen. Nach acht Monaten habe ich ihr einen Antrag gemacht. Wir saßen auf der Terrasse.
Die Sonne ging hinter den Weinbergen unter, der Himmel war orange und rosa – wie er es hier manchmal ist, wenn alles stimmt. Sie weinte und sagte Ja. Sie sagte, sie habe nicht gedacht, dass sie noch einmal so etwas fühlen würde. Wir heirateten im kleinen Rahmen.
Mein alter Freund Bertram, der seit zwanzig Jahren meinen Wein vertreibt, stand neben mir. Renata kam mit ihrem Mann und den Kindern aus Freiburg. Mein Bruder Alfons war da, und Giselas Freundin Wiburg war extra aus Stuttgart angereist. Die Trauung fand im Gutshaus statt, im alten Gewölbe zwischen Barrikfässern und Sandsteinwänden – wie Erika es sich immer gewünscht hatte und wie ich es nun für Gisela tat.
Kurz vor der Zeremonie zog mich Bertram zur Seite. Er sah mich lange an. „Sigmund“, sagte er. „Bist du sicher?
“ Ich sagte ja. Er nickte, aber sein Blick blieb nachdenklich. Renata umarmte mich danach und flüsterte: „Sie scheint nett zu sein, Papa. Ich hoffe, sie macht dich glücklich.
“ Auch in ihrer Stimme war etwas, das sie nicht aussprach. Die Hochzeitsnacht verbrachten wir im Gutshaus, in meinen privaten Räumen hinter der Vinothek. Ein Schlafzimmer, ein Bad, eine kleine Küche, ein Wohnzimmer mit altem Eichengebälk und einem Fenster, das auf die Reben hinausgeht. Gisela sah sich um und sagte: „Es ist gemütlich.
“ Aber ihr Blick wanderte dabei kurz durch den Raum – ein Blick, der abschätzte. Ich dachte, ich bilde mir das ein. Am nächsten Morgen war alles normal. Frühstück, Kaffee, sie war herzlich und lachte viel.
Ich dachte, der Blick am Abend zuvor war Erschöpfung gewesen. Am übernächsten Morgen war es anders. Ich kam vom Keller zurück, wir hatten ein Leck an der Kühlanlage gehabt, das ich früh morgens geflickt hatte, und fand Gisela und Tobias am Küchentisch. Tobias hatte einen Laptop vor sich, Gisela einen Schreibblock mit Notizen.
Zwischen ihnen lagen Ausdrucke. „Was ist das? “, fragte ich. Giselas Gesicht war ruhig, aber es war nicht das Gesicht, das ich kannte.
Es war ein anderes Gesicht. „Setz dich, Sigmund. Wir müssen reden. “
Ich setzte mich.
Mein Kaffee wurde kalt, während sie sprach. Sie sagte, meine Unterkunft sei inakzeptabel. Tobias brauche ein eigenes Zimmer. Sie sei nicht bereit, in einem Hinterzimmer hinter einer Schankstube zu leben.
Sie habe sich bereits Mietwohnungen in Neustadt angesehen – die billigste vernünftige Dreizimmerwohnung kostet 1400 Euro im Monat. Ob ich mir das als Kellermeister leisten könne. „Gisela, das hier ist meine Dienstwohnung. Ich kann nicht einfach verlangen, dass der Betrieb mir etwas anderes gibt.
“
„Dann ist es vielleicht Zeit, den Job zu wechseln“, sagte sie. „Du bist 67, Sigmund. Wie lange willst du noch Fässer schleppen und Leitungen reparieren? “
Tobias schaute von seinem Bildschirm auf.
„Mama hat recht. Du müsstest längst in Rente sein. Was hast du überhaupt auf der hohen Kante? “
Der Satz traf mich wie ein Eimer kaltes Wasser.
„Das ist eine Sache zwischen mir und deiner Mutter. “
„Er gehört jetzt zur Familie“, sagte Gisela. „Wir treffen Entscheidungen gemeinsam. “ Sie schob mir einen Ausdruck über den Tisch.
„Eine Immobilie in Neustadt, Viertelhaus, 390. 000 Euro. Ich habe das gestern gefunden. Guter Grundriss.
Ruhige Lage. Garten. “
„Gisela, ich habe keine 390. 000 Euro.
“
„Wie viel hast du? “
Ich schwieg. Die Frau, die in acht Monaten nie nach Geld gefragt hatte, fragte jetzt nach einer Zahl. Ich nannte eine, die real war, aber nicht vollständig – rund 150.
000 Euro auf dem Tagesgeldkonto. Der Rest – Weingut, Ferienwohnungen, Grundstücke – das war anderes Kapital, das man nicht eben auszahlt. „Das reicht nicht“, sagte Tobias ohne aufzusehen. „Es ist ein Anfang“, sagte Gisela.
Ihre Stimme war schärfer geworden. „Was ist mit Rentenversicherungen, Lebensversicherungen? “
„Die sind für das Alter. “
„Du bist im Alter, Sigmund.
“ Sie sah mich an. „Ich habe meine Wohnung in Mannheim aufgegeben. Ich bin hergezogen. Ich habe dich geheiratet.
Das Mindeste ist, dass du meiner Familie ein Dach über dem Kopf bietest. “
Das Wort Familie fühlte sich in ihrem Mund wie etwas Scharfes an. Ich stand auf. „Ich muss arbeiten.
“
„Wir sind noch nicht fertig. “
„Ich bin es für jetzt. “
Ich ging direkt zu Bertram, der sein Büro im alten Presshaus hat. Er sah mich an, schloss die Tür, sagte nichts.
Ich erzählte ihm alles. Er hörte zu, ohne mich zu unterbrechen. Dann lehnte er sich in seinen Stuhl. „Renata hat mich gestern Abend angerufen.
“
„Was? “
„Wiburg hat sich beim Empfang seltsam verhalten. Renata hat sie und Tobias zusammen im Treppenhaus erwischt. Sie hat nicht alles gehört, aber genug.
Tobias hat gesagt, der Alte sei völlig ahnungslos und das Weingut sei ein Vermögen wert. Wiburg hat gelacht. Renata wollte dir deine Hochzeitsnacht nicht verderben, deswegen hat sie mich angerufen. “
Mein Magen zog sich zusammen.
„Bertram, was habe ich getan? “
„Noch nichts, das du nicht rückgängig machen kannst. Aber wir müssen klug vorgehen. “
Abends rief ich Renata an.
Sie erzählte mir alles – das Treppenhaus hinter einer halboffenen Tür, Tobias’ Worte über die Konten, Wiburgs Antwort, sie suche sich immer die Einsamen aus. Renata hatte fast eingegriffen, aber dann nicht gewollt, weil ich so glücklich ausgesehen hatte. „Papa, es tut mir so leid. “
„Entschuldige dich nicht.
Du hast versucht, auf mich aufzupassen. Ich hätte besser auf mich selbst aufpassen müssen. “
Nachdem wir aufgelegt hatten, saß ich lange in meinem Büro, dem kleinen Raum hinter der Vinothek, von dem Gisela nichts wusste. Ich dachte nach.
Eine Konfrontation würde nichts bringen, außer dass sie die Taktik wechseln würden. Wenn das hier so war, wie ich zu ahnen begann, brauchte ich mehr als Worte. Ich brauchte Beweise. Am nächsten Tag eskalierte die Sache.
Ich kam vom Weinberg zurück und fand Tobias in meinem Aktenschrank. Er stand einfach so da, mitten in meinen Unterlagen, die Ordner aufgeklappt auf dem Boden. „Was tust du da? “
Kein Erschrecken, keine Entschuldigung.
„Ich suche die Grundbuchauszüge. Mama braucht ein vollständiges Bild der Vermögenslage. “
„Lass sofort meine Sachen in Ruhe. “
Er richtete sich auf.
Er war größer als ich, breit gebaut. Ich sah, dass er das wusste. „Sigmund, du kannst kooperieren, oder das hier kann unangenehm werden. Meine Mutter ist deine Frau.
Güterrecht, eheliches Vermögen – das kennst du doch, oder? Du willst das nicht vor Gericht austragen. “
„Drohst du mir? “
„Ich informiere dich.
“ Er lächelte kurz. Das war das Kälteste, was ich je auf einem Gesicht gesehen hatte. „Es wäre klüger, du machst das freiwillig. “ Er ließ sich Zeit beim Gehen.
Noch am gleichen Nachmittag rief ich eine Detektivin an. Gerda Ohmann, empfohlen von einem Bekannten meines Bruders, der früher beim LKA gearbeitet hatte. Ich gab ihr alles: Namen, Fotos, das Datum der Hochzeit, den Herkunftsort Mannheim. Vier Tage später rief sie mich zurück.
„Herr Sigmund, bitte setzen Sie sich. “
Giselas richtiger Name war nicht Giselhartner. Er war Gudrun Wichmann. Sie hatte nie in Mannheim gelebt – ihre letzte bekannte Adresse war in Wien.
Tobias war nicht ihr Sohn, sondern der Sohn ihres Bruders – ihr Neffe. Er war nicht zweiundzwanzig, er war neunundzwanzig. Wiburg war nicht ihre Freundin, sondern ihre ältere Schwester. Und Wiburg hatte das schon mehrfach gemacht.
„Was meinen Sie mit mehrfach? “
„In den letzten sieben Jahren hat Gudrun Wichmann vier Männer geheiratet. Alle über sechzig, alle Witwer oder geschieden, alle mit Immobilienvermögen. In jedem Fall hat die Gruppe Druck ausgeübt, bis der Mann nachgegeben hat.
Einer in der Steiermark hat seinen Bauernhof übertragen, nachdem Tobias – oder wie er damals hieß – ihn körperlich bedroht hatte. Ein anderer in der Schweiz hat seine Lebensversicherung ausgezahlt und das Geld überwiesen. Ein Dritter in Bayern hat einer Vollmacht zugestimmt, und sein Konto war innerhalb einer Woche leer. “
Sie machte eine kurze Pause.
„Und der vierte Mann, ein Rentner aus Kärnten, ist während des Scheidungsverfahrens an einem Herzinfarkt gestorben. Die Familie glaubt, der Stress war mit ursächlich. Beweisbar ist es nicht. “ Sie sah mich ernst an.
„Ich sage das, damit Sie verstehen, mit wem Sie es zu tun haben. Das sind keine Gelegenheitstäter. Das ist organisiert. “
Mir war übel.
Ein Mann war gestorben. Ich bedankte mich und saß lange in meinem Büro. Durch die Wand hörte ich Gäste in der Vinothek, das Klirren von Gläsern, das Rauschen des Brunnens im Hof. Dieses Weingut.
Erika und ich hatten es von einem vergessenen Hof zu etwas gemacht, das Menschen Freude bereitet. Das ließ ich mir nicht nehmen. Aber ich brauchte einen Plan – keinen, der auf Wut basierte. Am nächsten Morgen brachte Gisela neue Forderungen.
Sie hatte recherchiert, sagte sie, und festgestellt, dass ihr als Ehefrau nach deutschem Zugewinnausgleich ein erheblicher Anteil des Vermögenszuwachses zustünde, sollte es zur Scheidung kommen. Sie wolle daher Kontenzugriff, gemeinsame Verfügungsgewalt – und am Wochenende wolle sie mit einem Makler das Gutshaus besichtigen, um zu verstehen, was man realistischerweise daraus machen könne. Ich spielte die Rolle des erschöpften alten Mannes. „Ich habe mit dem Betriebsinhaber gesprochen.
Er hat eine Möglichkeit für eine Abfindung erwähnt. Vielleicht 50. 000 Euro, wenn ich in den Vorruhestand gehe. Zuzüglich einer kleinen monatlichen Rente vom Betrieb.
“
Ihre Augen wurden wach. „Wie viel genau? “
„Das müsste noch verhandelt werden. “
„Dann verhandel.
Und frag nach deinen Ersparnissen. Ich kann damit arbeiten. “
Tobias stand in der Tür. „Läuft es?
“
„Er kommt langsam an“, sagte Gisela und sah mich dabei mit diesem Lächeln an, das ich jetzt richtig lesen konnte. Kalt. Kalkuliert. Nichts Echtes dahinter.
„Ja“, sagte ich. „Ich komme an. “
An diesem Abend traf ich mich mit Gerda Ohmann und einem Anwalt, den sie mitgebracht hatte: Dr. Hagen Schrott, seit zwanzig Jahren auf Vermögensbetrug spezialisiert, früher Staatsanwalt in Nürnberg.
„Wir haben genug für eine Strafanzeige“, sagte er. „Identitätsbetrug, Erschleichung einer Ehe unter falschen Angaben, dokumentiertes Muster der Tatbegehung. Aber wenn Sie wollen, dass alles lückenlos ist, empfehle ich eine kontrollierte Situation, in der die Betroffenen ihre Absichten offen aussprechen. “
„Ich habe überall auf dem Anwesen Videokameras“, sagte ich.
„Und Audioüberwachung mit entsprechenden Hinweisschildern an allen Eingängen. Das war immer schon so, wegen des Weinkellers und der Gästewohnungen. “
Gerda nickte. „Dann bauen wir das Szenario.
“
Drei Tage lang bereitete ich alles vor. Ich sagte Gisela, mein Arbeitgeber – also der angebliche Besitzer des Weinguts – wolle sie und Tobias persönlich treffen, um über meine Abfindung zu sprechen. Da ich als Angestellter quasi Teil des Inventars sei, brauche die Firma auch ihre Unterschrift für bestimmte Regelungen. Sie sagte sofort: „Tobias kommt mit.
“
Natürlich. Das Treffen war angesetzt auf einen Dienstagvormittag in der Vinothek. Bertram sollte den Betriebsinhaber spielen. Gerda würde von meinem Büro aus die Kameras beobachten.
Dr. Schrott würde auf dem Parkplatz warten, in Verbindung mit der Polizeidienststelle Neustadt. Punkt zehn Uhr kam Gisela in einem gebügelten Hemd, Tobias neben ihr in einem Poloshirt, das – soweit ich es beurteilen konnte – aus meinem Kleiderschrank stammte. Bertram empfing sie hinter dem langen Eichentisch in der Vinothek, in einem dunklen Anzug, eine Akte vor sich.
„Frau Hartner, Tobias, danke, dass Sie gekommen sind. Sprechen wir über Sigmunds Übergang. “
Die ersten zehn Minuten verliefen ruhig. Bertram legte ein fiktives Abfindungspaket vor: 50.
000 Euro gestaffelt über zwei Jahre, verbunden mit einer Klausel zur Räumung der Dienstwohnung innerhalb von vier Wochen nach Ausscheiden. Gisela hörte aufmerksam zu. Sie stellte genaue Fragen zu Steuerfreibeträgen, zur Auszahlungsform, zur betrieblichen Altersvorsorge. Sie war vorbereitet.
Das war nicht ihr erstes Gespräch dieser Art. Dann legte Bertram den Haken aus. „Es gibt eine Komplikation. Die Dienstwohnung ist an das Arbeitsverhältnis geknüpft.
Mit dem Ausscheiden aus dem Betrieb endet das Wohnrecht. Sie hätten dann vier Wochen Zeit, die Räumlichkeiten zu verlassen. “
Giselas Gesicht veränderte sich. Die freundliche Maske rutschte.
„Das ist nicht akzeptabel. Wir sind verheiratet. Das ist unser Zuhause. “
„Die Wohnung ist kein eheliches Eigentum, Frau Hartner.
Sie ist Eigentum des Betriebs. “
„Ich kenne meine Rechte“, sagte sie, und ihre Stimme wurde flach. „Ich bin seine Ehefrau. Ich habe Anspruch auf eigenen Unterhalt, auf Mitbenutzung des ehelichen Wohnsitzes.
“
„Das eheliche Wohnsitzrecht bezieht sich auf den gemeinsamen Haushalt, nicht auf eine Dienstwohnung eines Arbeitgebers. Das ist juristisch eindeutig. “
Tobias lehnte sich vor. „Dann soll er eben nicht gehen.
Er bleibt Kellermeister. Und ihr gebt meiner Mutter ein vernünftiges Apartment auf dem Gelände. Es gibt schließlich Ferienwohnungen genug hier. “
„Die Ferienwohnungen sind gewerblich vermietet.
“
„Dann vermietet eine weniger. “
Tobias stand jetzt. Er war einen Kopf größer als Bertram. „Hören Sie, meine Mutter hat alles aufgegeben, um hierherzukommen.
Sie hat ihre Wohnung gekündigt, ihre Arbeit aufgegeben, ihr Leben neu ausgerichtet. Und jetzt sagen Sie mir, dass der Mann, den sie geheiratet hat, in einem Abstellraum hinter einem Weinschuppen wohnt? Das akzeptieren wir nicht. “
Er trat einen Schritt vor.
„Ich erkläre Ihnen jetzt, wie das läuft. Entweder Sigmund bekommt eine angemessene Abfindung – ich rede von mindestens 80. 000 Euro Cash, nicht gestaffelt – oder wir fangen an, unbequeme Fragen über diesen Betrieb zu stellen. Hygienemängel im Keller.
Ungenehmigte Umbauten im Gutshaus. Schwarzarbeit bei der letzten Sanierung. “
Er lächelte. „Nur ein Anruf beim Ordnungsamt, ein Brief an das Finanzamt, ein paar Bewertungen auf den einschlägigen Portalen.
Das reicht, um eine Weinsaison zu ruinieren. Ich bin sicher, Sie wissen das. “
Gisela sah mich über den Tisch an. Ihr Gesicht war vollkommen offen – kein Charme, keine Wärme, keine Spur von dem Lachen, das mich damals auf dem Weinfest überwältigt hatte.
Nur Kalkül. „Sigmund. Sag ihm, dass ihr kooperieren werdet. Sag ihm, dass er in meine Konten schauen kann.
Sag ihm, dass wir das Gutshaus gemeinsam besichtigen. Oder ich nehme mir, was mir gesetzlich zusteht – und das wird für alle unangenehm. “
Ich sah sie lange an. „Nein“, sagte ich.
Sie blinzelte. Bertram drückte einen Knopf auf seinem Telefon. Die Tür zur Vinothek öffnete sich. Zwei Beamte der Polizeidienststelle Neustadt traten ein, hinter ihnen Dr.
Schrott. Tobias fuhr herum. „Was ist das? “
„Gudrun Wichmann“, sagte einer der Beamten, „und Ralf Wichmann – Sie sind vorläufig festgenommen.
Verdacht auf Eingehungsbetrug, Erpressung und gewerbsmäßigen Betrug. “
Gisela – Gudrun – erblasste. „Das ist nicht mein Name. “
„Wir haben Ihren Reisepass, Ihren Mietvertrag aus Wien und die eidesstattliche Erklärung einer früheren Nachbarin.
“
Tobias lief zur Tür. Er schaffte es bis zur Schwelle, bevor der zweite Beamte ihn am Arm packte. Er riss sich los, schwang den Ellbogen – und traf ins Leere. Der Beamte ließ ihn nicht erneut ausholen.
Dreißig Sekunden später lag Tobias auf den alten Steinplatten der Vinothek, die Hände auf dem Rücken. Gudrun drehte sich zu mir um. Die Maske war vollständig verschwunden – kein Lächeln, kein Charme, nur der nackte Blick einer Frau, deren Rechnung nicht aufgegangen war. „Du hast mich reingelegt.
“
„Nein“, sagte ich. „Du hast dich selbst reingelegt. Ich habe nur dafür gesorgt, dass die Kameras liefen. “
Wiburg wurde noch am gleichen Abend in einem Hotel in Bad Dürkheim festgenommen, nachdem Gerda Ohmann ihr Handy zurückverfolgt hatte.
Die Ermittlungen dauerten Wochen. Gerda Unterlagen wurden der Staatsanwaltschaft Frankenthal übergeben. Drei der früheren Opfer meldeten sich – ein Winzer aus der Steiermark, ein Rentner aus der Bodenseeregion, ein ehemaliger Lehrer aus dem Wallis. Sie alle hatten Versionen derselben Geschichte erlebt.
Der Winzer aus der Steiermark, Adalbert, vierundsiebzig, sagte vor Gericht mit zitternder Stimme, er habe es jahrelang niemandem erzählt. Er habe sich zu alt gefühlt, um zuzugeben, dass er hereingefallen sei. „Du bist nicht dumm“, sagte ich ihm nach seiner Aussage auf dem Gang vor dem Sitzungssaal. „Du warst allein.
Die haben das ausgenutzt. “
Er nickte und sah aus dem Fenster. Dr. Schrott erledigte die Eheaufhebung.
Wie sich herausstellte, hatte Gudrun Wichmann die Heiratsurkunde unter falschem Namen unterzeichnet – die Ehe war von Anfang an nichtig. Der Prozess dauerte drei Wochen. Gudruns Verteidigerin versuchte, sie als eine Frau darzustellen, die nur finanzielle Sicherheit gesucht und dabei unkluge Entscheidungen getroffen habe. Das Gericht sah sich das Videomaterial aus der Vinothek an – alle vierzig Minuten davon – und brauchte für die Beratung weniger als fünf Stunden.
Gudrun bekam neun Jahre. Tobias sechs – der steirische Fall hatte seine Strafe erhöht. Wiburg vier Jahre wegen Beihilfe. Nach der Urteilsverkündung schüttelte mir Adalbert die Hand.
„Ich habe nicht geglaubt, dass mir jemand glaubt. “
„Ich habe dir geglaubt“, sagte ich. „Und zwölf Geschworene auch. “
Renata kam am Wochenende darauf nach Deidesheim.
Wir saßen auf der Terrasse, die Kinder liefen zwischen den Reben, und sie fragte mich, wie es mir gehe. „Besser als erwartet. “
„Papa, darf ich dich etwas fragen? “
„Natürlich.
“
„Warum hast du ihr von Anfang an nicht gesagt, dass das Weingut dir gehört? “
Ich sah eine Weile auf die Weinberge. Die Reben standen frisch im Licht, die Blätter bewegten sich kaum. „Weil ich wollte, dass jemand mich liebt – mich.
Nicht das Weingut, nicht die Grundstücke, nicht die Konten. Nur Sigmund, den Kellermeister, der im Herbst um vier Uhr aufsteht und im Winter die Fässer reinigt. “
Renata schwieg einen Moment. „Und was hast du dabei gelernt?
“
„Dass man auf Geheimnissen kein echtes Fundament baut, selbst wenn die Absicht gut ist. “ Ich machte eine kurze Pause. „Und dass man auf seine Tochter hören sollte. Vor allem auf die.
“
Sie legte den Kopf an meine Schulter. „Mama hätte die in einer Woche durchschaut. “
Ich lachte – das erste echte Lachen seit Wochen. „Deine Mutter hätte die beim ersten Abendessen durchschaut.
“
Mit einem Teil der Rücklagen, die ich durch den Schadensersatz als Nebenkläger erstattet bekam, habe ich einen kleinen Fonds eingerichtet. Nicht groß, aber genug, um älteren Menschen, die Opfer von Heiratsschwindel geworden sind, die ersten Anwaltskosten und psychologische Betreuung zu finanzieren. Gerda Ohmann hat angeboten, weiterhin ähnliche Fälle zu untersuchen, wenn ich die Detektivkosten übernehme. Das tue ich.
Bertram fragte mich, ob ich nach alldem nicht einfach in Rente gehen wolle. „Sonntags gehe ich fischen“, sagte ich. „Den Rest der Woche gibt es Arbeit. “
Er lachte und schüttelte den Kopf.
Seitdem sind einige Monate vergangen. Der Herbst kommt früh in diesem Jahr – die Reben färben sich schon Ende August an den Rändern. Ich stehe morgens früh auf, wie immer, gehe einmal über den Hof, prüfe den Keller, trinke meinen Kaffee auf der alten Bank vor dem Eingang. Manche Abende, wenn es still ist und die letzten Gäste gegangen sind, setze ich mich ans Fenster und schaue auf die Weinberge.
Erika wäre jetzt hier gesessen. Sie hätte etwas Kluges gesagt, Kaffee mitgebracht, den Kopf geschüttelt über meine Sturheit – und dann hätte sie gelacht. Ich vermisse sie jeden Tag. Aber ich bin in Ordnung.
Wenn es ein nächstes Mal geben sollte, werde ich ehrlich sein. Ich werde meine Karten auf den Tisch legen und darauf vertrauen, dass die richtige Person nicht auf die Hand schaut, sondern darauf, dass ich überhaupt spiele. Ich habe das Licht gelöscht und dem Wind in den Reben zugehört. Draußen roch es nach Erde und reifendem Most.
Manche Antworten braucht man nicht. Man muss nur wissen, dass man das Richtige getan hat. Das reicht.


