Operation Taifun | Warum Die Nachschublinien Der Wehrmacht Zusammenbrachen | Geschichte Ohne Mythen

Operation Taifun | Warum Die Nachschublinien Der Wehrmacht Zusammenbrachen | Geschichte Ohne Mythen

Es ist der 26. November 1941. Auf einem Bahnhof östlich von Orscha stehen zehn deutsche Dampflokomotiven reglos im Schnee. Ihre Kessel sind geplatzt, das Wasser in den Rohren zu Eis geworden. Wenige hundert Kilometer weiter östlich, in den Wäldern vor Moskau, versuchen Soldaten der Heeresgruppe Mitte ihre letzten Patronen zu rationieren. Ein einzelner Lanzer der vierten Panzerdivision erhält an diesem Tag drei Schuss Gewehrmunition für den gesamten Kampftag. Die Panzer der zweiten Panzerarmee stehen südlich von Tula, nicht weil der Feind sie aufgehalten hätte, sondern weil der Treibstoff ausgegangen ist. Dies ist das Bild der Wehrmacht im Spätherbst 1941: eine Armee, die sich selbst nicht mehr versorgen kann.

Die Frage, die sich stellt, ist von entscheidender historischer Bedeutung: Warum brachen die Nachschublinien der Wehrmacht während der Operation Taifun zusammen? Jenes Unternehmen, das Moskau fallen und den Krieg im Osten beenden sollte. Wie konnte die modernste und erfahrenste Armee Europas, die in weniger als zwei Monaten Polen besiegt hatte, die in sechs Wochen Frankreich niedergeworfen hatte, die in wenigen Wochen den Balkan unterworfen hatte, plötzlich daran scheitern, ihre eigenen Divisionen mit Brot, Benzin und Patronen zu beliefern? Die einfache Antwort lautet: Der russische Winter. Diese Antwort ist bequem, weit verbreitet und falsch.

Der Winter war nicht die Ursache des Zusammenbruchs. Der Winter war lediglich jener Moment, in dem bereits existierendes Versagen sichtbar wurde, unbarmherzig, zahlenmäßig, tödlich. Die Analyse zeigt, dass der Zusammenbruch der deutschen Versorgung nicht im Dezember begann, sondern bereits im Juli und August auf den Plänen der Generalquartiermeister, in den Werkstätten der Reichsbahn, in den Statistiken über Lastkraftwagen und Pferde. Die Entscheidungen, die in den Führerhauptquartieren getroffen wurden, und die Männer, die diese Entscheidungen umzusetzen hatten, stehen im Zentrum dieser Betrachtung.

Eduard Wagner, der Generalquartiermeister des Heeres, Franz Halder, der Generalstabschef, Fedor von Bock, der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Mitte, sowie jene Eisenbahner, Fahrer und Versorgungsoffiziere, deren Namen in den Archiven oft nur als Nummern erscheinen, sind die Protagonisten dieses Dramas. Die Geographie spielte eine entscheidende Rolle: die etwa 1000 Kilometer zwischen der Reichsgrenze und Moskau, die unterschiedliche Spurweite des russischen Eisenbahnnetzes, die Straßen, die keine Straßen waren, sondern aufgeweichte Lehmänder durch endlose Wälder. Tag für Tag lässt sich rekonstruieren, wie aus einer siegreichen Offensive eine Katastrophe wurde.

Die Schlussfolgerungen sind unbequem, aber durch die Quellen belegt. Erstens: Die logistische Grundlage der Operation Taifun war von Beginn an unzureichend. Die Generalstabsberechnungen des Sommers gingen von einem schnellen Zusammenbruch der Roten Armee aus, einem Zusammenbruch, der nicht eintrat. Zweitens: Die Warnungen der Versorgungsoffiziere wurden systematisch ignoriert oder heruntergespielt. Eduard Wagner wusste bereits im August, dass der Nachschub für einen Winterfeldzug nicht ausreichen würde. Drittens: Die Entscheidung, die Panzergruppen im Spätsommer nach Norden und Süden umzulenken zur Unterstützung der Vorstöße auf Leningrad und Kiew, kostete jene sechs bis acht Wochen, die der Winter der Wehrmacht vor Moskau nicht mehr zugestehen sollte.

Viertens: Die Umspurung der sowjetischen Eisenbahnen scheiterte an technischen, personellen und zeitlichen Grenzen, die schon vor dem Angriff bekannt waren. Fünftens: Die Versorgung brach nicht trotz, sondern wegen des Erfolgs in den Kesselschlachten zusammen, denn jeder Vorstoß verlängerte die Nachschubwege um weitere 100, 200, 300 Kilometer. Am Ende dieser Dokumentation wird verständlich, warum die Soldaten der Heeresgruppe Mitte im Dezember vor Moskau standen, ohne Winterkleidung, ohne Treibstoff, ohne Munitionsreserven. Dies war keineswegs ein Unglücksfall, sondern das mathematisch vorhersehbare Ergebnis einer Reihe von Entscheidungen, die lange vor dem ersten Schneefall getroffen worden waren.

Der Beginn liegt im Hochsommer jenes Jahres, als die Wehrmacht noch siegreich nach Osten marschierte und niemand in Berlin daran zweifelte, dass Moskau bis zum Herbst fallen würde. Am 22. Juni 1941 überschritten drei Millionen Soldaten der Wehrmacht und ihrer Verbündeten die sowjetische Grenze. Die Operation Barbarossa begann mit einem beispiellosen Erfolg. Innerhalb der ersten Woche zerschlugen die deutschen Panzergruppen die sowjetischen Verteidigungslinien im Grenzgebiet. Der Kessel von Bialystok-Minsk schloss sich bereits am 28. Juni. Etwa 300.000 Rotarmisten gingen in Gefangenschaft, etwa 3000 Panzer und Geschütze wurden erbeutet oder zerstört.

Doch bereits in diesen ersten Tagen begann sich ein Muster abzuzeichnen, das die gesamte Ostfrontkampagne prägen sollte. Die Siege waren gewaltig und sie waren teuer. Jeder Kilometer, den die Panzerspitzen nach Osten rollten, bedeutete einen weiteren Kilometer, den der Nachschub zurücklegen musste. Am 3. Juli notierte Generaloberst Franz Halder, der Chef des Generalstabes des Heeres, in sein Tagebuch jenen berühmten Satz, dass der Feldzug gegen Russland innerhalb von 14 Tagen gewonnen sei. Dieser Satz wird oft zitiert, um die Selbstüberschätzung der deutschen Führung zu illustrieren. Doch er verrät mehr als nur Hochmut. Er verrät die grundlegende Fehleinschätzung, auf der die gesamte Logistikplanung beruhte.

Das Oberkommando des Heeres hatte seine Versorgungsberechnungen unter der Annahme erstellt, dass die Hauptmasse der Roten Armee westlich der Düna-Linie vernichtet werden würde. Danach, so die Planung, werde es nur noch einen Verfolgungsfeldzug gegen einen geschlagenen Gegner geben. Doch die Rote Armee wurde nicht vollständig vernichtet. Sie wurde zerschlagen, aber sie kehrte zurück mit neuen Divisionen aus Sibirien, aus dem Ural, aus dem Kaukasus. Und mit jeder neuen sowjetischen Armee verlängerte sich der Krieg um Wochen, dann um Monate. Die Kesselschlacht von Smolensk, die vom 10. Juli bis zum 5. August andauerte, brachte erneut gewaltige Verluste für die Rote Armee: etwa 310.000 Gefangene, 3000 Panzer, 3000 Geschütze.

Doch für die Heeresgruppe Mitte bedeutete dieser Sieg auch den ersten ernsthaften logistischen Engpass. Die Panzergruppen 2 und 3 unter Heinz Guderian und Hermann Hoth hatten ihre Nachschubbasen weit hinter sich gelassen. Der Treibstoffverbrauch überstieg die Anlieferung. Die Munition wurde rationiert. Generalquartiermeister Eduard Wagner meldete bereits Ende Juli, dass die tägliche Versorgungsmenge für die Heeresgruppe Mitte nur noch etwa die Hälfte des Bedarfs decke. Am 21. August 1941 traf Adolf Hitler eine Entscheidung, die bis heute zu den umstrittensten des gesamten Krieges zählt. Gegen den Rat seines Generalstabschefs Halder, gegen die Vorstellungen Fedor von Bocks und gegen die Überzeugung Guderians, der sogar persönlich im Führerhauptquartier Wolfschanze vorstellig wurde, befahl Hitler die zweite Panzergruppe nach Süden zu verlegen, um gemeinsam mit der Heeresgruppe Süd den Kessel von Kiew zu schließen.

Die dritte Panzergruppe sollte den Vorstoß auf Leningrad unterstützen. Der Angriff auf Moskau wurde zurückgestellt. Die Führerweisung Nummer 35 vom 6. September bestätigte diese Neuausrichtung und gab den Befehl für eine neue entscheidende Operation gegen die sowjetischen Kräfte vor Moskau, die Operation Taifun. Doch zwischen der ursprünglichen Verzögerung und dem Beginn dieser neuen Offensive lagen wertvolle Wochen. Wochen, in denen die Rote Armee neue Verteidigungslinien aufbaute, Wochen, in denen der Herbstregen näher rückte, Wochen, die sich später als unersetzlich erweisen sollten. Die Kesselschlacht von Kiew, die am 26. September mit der Kapitulation der sowjetischen Südwestfront endete, war der größte taktische Sieg in der Geschichte der Wehrmacht.

Etwa 665.000 Rotarmisten gingen in Gefangenschaft. Doch dieser Sieg war ein logistisches Desaster. Die zweite Panzergruppe musste ihre Fahrzeuge über mehr als 700 Kilometer nach Süden bewegen und anschließend für die Operation Taifun wieder nach Norden zurück. Der Verschleiß an Motoren, Getrieben, Ketten und Reifen war enorm. Guderian meldete, dass nur noch etwa die Hälfte seiner Panzer einsatzbereit sei. Ersatzteile waren Mangelware, denn die Produktion im Reich war auf einen kurzen Feldzug ausgelegt, nicht auf einen Abnutzungskrieg. Um den Zusammenbruch des Nachschubs zu verstehen, muss man sich die Geografie vergegenwärtigen. Zwischen Warschau und Moskau liegen etwa 1200 Kilometer. Zwischen der deutsch-sowjetischen Grenze vom Juni 1941 und Moskau liegen etwa 1000 Kilometer.

Die Heeresgruppe Mitte verfügte Ende September über etwa eine Million Soldaten, über etwa 1700 Panzer und Sturmgeschütze, über etwa 14.000 Geschütze und Werfer sowie über etwa 500.000 Pferde. Eine Armee dieser Größe benötigte täglich etwa 30.000 Tonnen Nachschub: Munition, Treibstoff, Lebensmittel, Futter, Ersatzteile, medizinische Güter. Davon entfielen allein etwa 9000 Tonnen auf Hafer und Heu für die Pferde. Der sogenannte Großtransportraum der Wehrmacht, also jene Lastkraftwagenkolonnen, die dem Oberkommando direkt unterstellt waren, verfügte über eine theoretische Transportkapazität von etwa 20.000 Tonnen. Doch diese Zahl war auf deutsche Straßen und deutsche Bedingungen berechnet. In Russland halbierte sich die Leistung.

Die Straßen waren überwiegend unbefestigt, die Entfernungen gewaltig, der Verschleiß dramatisch. Hinzu kam, dass die Wehrmacht in den vorangegangenen Jahren eine große Zahl erbeuteter Fahrzeuge französischer, tschechischer, belgischer und niederländischer Bauart in Dienst gestellt hatte. Der Ersatzteilbedarf für diese etwa 2000 verschiedenen Fahrzeugtypen war praktisch unmöglich zu decken. Ein beschädigter französischer Lastwagen blieb oft einfach am Straßenrand stehen, weil kein passender Vergaser, keine passende Kupplung, kein passender Reifen in der Nähe war. Das größte logistische Problem lag jedoch nicht auf der Straße, sondern auf der Schiene. Das sowjetische Eisenbahnnetz besaß eine Spurweite von 1524 Millimetern. Die europäische Normalspur betrug 1435 Millimeter. Die Differenz von 89 Millimetern war unüberwindbar.

Deutsche Lokomotiven und Waggons konnten auf russischen Schienen nicht fahren. Die Eisenbahnpioniere der Wehrmacht mussten daher entweder die russischen Gleise umspuren, also eine der beiden Schienen versetzen, oder erbeutete sowjetische Lokomotiven einsetzen. Beides erwies sich als schwieriger als geplant. Die Umspurung war zeitintensiv. Jeder Kilometer erforderte die Arbeit eines Pionierbataillons für etwa einen Tag. Bis Ende September waren von Brest bis Smolensk etwa 920 Kilometer umgespurt, doch die Leistungsfähigkeit dieser Strecken blieb weit hinter den Erwartungen zurück. Die sowjetische Eisenbahn war auf längeren Zugabständen, schwächeren Brücken und weniger dichtem Signalnetz aufgebaut. Hinzu kam ein Problem, das niemand in der deutschen Planung vorhergesehen hatte.

Die sowjetischen Wasserstationen für Dampflokomotiven waren in Abständen von etwa 70 bis 80 Kilometern angelegt, passend für sowjetische Lokomotiven mit großen Wassertanks. Deutsche Lokomotiven der Baureihen 03 und 05 benötigten Wasser in Abständen von etwa 30 bis 40 Kilometern. Die Lücke zwischen den Wasserstationen bedeutete, dass deutsche Züge auf langen Abschnitten buchstäblich stehen blieben, weil die Kessel leer liefen. Die Eisenbahnpioniere mussten daher zusätzliche Wasserstationen errichten, doch Material und Pumpen waren knapp. Im Winter sollte dieses Problem tödlich werden. Bevor wir zur Operation Taifun selbst kommen, müssen wir einen Moment beim vielleicht unterschätztesten Element der deutschen Logistik verweilen: beim Pferd.

Die Wehrmacht war entgegen ihrem Ruf als motorisierte Armee zu etwa vier Fünfteln eine Pferdearmee. Von den 143 Divisionen, die im Juni in den Osten einmarschierten, waren nur etwa 30 vollständig motorisiert. Die Infanteriedivisionen bewegten ihre Artillerie, ihre Trosse und ihren Nachschub mit Pferden, etwa 5000 bis 6000 Pferde pro Division. Insgesamt standen zu Beginn der Operation Taifun etwa eine Million Pferde im Osten. Diese Pferde benötigten täglich etwa neun Kilogramm Futter. Ein Pferd ohne Hafer verliert innerhalb weniger Wochen seine Zugkraft. Ein Pferd ohne Hufeisen auf gefrorenem Boden wird binnen Tagen lahm. Ein Pferd, das nicht regelmäßig gedeckt untergebracht wird, stirbt bei Temperaturen unter minus 20 Grad. Alle drei Bedingungen, Hafer, Hufeisen für Frostboden, gedeckte Unterbringung, waren im November und Dezember vor Moskau nicht gegeben.

Am 2. Oktober 1941 begann die Operation Taifun. Drei Panzergruppen und drei Armeen der Heeresgruppe Mitte traten zum Angriff an. Fedor von Bock, der Oberbefehlshaber, verfügte über die stärkste Heeresgruppe, die die Wehrmacht jemals aufgestellt hatte. Die Planung sah einen doppelten Zangenangriff vor. Die vierte Panzergruppe unter Erich Höpner und die dritte Panzergruppe unter Hermann Hoth sollten die sowjetische Westfront bei Wjasma einschließen. Die zweite Panzergruppe unter Heinz Guderian sollte weiter südlich bei Brjansk zuschlagen. Die Angriffe gelangen. Am 7. Oktober schlossen sich die Zangen bei Wjasma. Etwa 650.000 Rotarmisten wurden eingekesselt. Am 9. Oktober begann die Einkesselung bei Brjansk, die bis zum 13. Oktober abgeschlossen war. Weitere etwa 300.000 sowjetische Soldaten gingen in Gefangenschaft.

Es war ein weiterer gewaltiger Sieg. Doch genau in diesen Tagen des Triumphs begannen die ersten Alarmmeldungen der Versorgungsoffiziere einzutreffen. Die Entfernungen hatten sich erneut dramatisch verlängert. Von den Nachschubhöfen bei Smolensk bis zu den Kampftruppen bei Wjasma lagen bereits etwa 200 Kilometer Straße. Die Lastkraftwagenkolonnen benötigten für einen Umlauf, Hinfahrt, Entladung, Rückfahrt, etwa drei bis vier Tage. In dieser Zeit verbrauchten die Fahrzeuge selbst einen erheblichen Teil des transportierten Treibstoffs. Bei sehr langen Nachschubstrecken, so eine alte Quartiermeisterregel, verbraucht der Lastwagen am Ende mehr Benzin als er anliefert. Diese Grenze war Ende Oktober fast erreicht. Am 6. Oktober fiel der erste Schnee. Er schmolz am folgenden Tag, doch er kündigte jene Jahreszeit an, die in Russland einen eigenen Namen trägt: die Rasputiza, die Wegelosigkeit.

Die Zeit, in der die Erde keine Erde mehr ist, sondern eine zähe bodenlose Masse aus Wasser und Lehm. Zwischen etwa dem 10. Oktober und dem 15. November verwandelten sich die russischen Straßen in Sumpflandschaften. Lastwagen versanken bis zu den Achsen. Pferde brachen mit den Beinen in den Morast ein. Artilleriegeschütze mussten mit bis zu zwölf Pferden gezogen werden, wo zuvor sechs genügten. Fedor von Bock schrieb in seinem Tagebuch am 20. Oktober, dass die Situation kritisch sei, dass der Nachschub nicht ausreiche, um die Offensive mit der notwendigen Kraft fortzusetzen. Er bat um eine Operationspause, doch aus dem Führerhauptquartier kam keine Genehmigung. Hitler, überzeugt davon, dass ein letzter Stoß die Rote Armee vor Moskau zerschlagen werde, forderte Fortsetzung des Angriffs.

In dieser Zeit geschah etwas, das militärhistorisch beispiellos ist. Eine siegreiche Armee verlor ohne feindliche Einwirkung ihre Offensivkraft, sondern durch die eigenen Versorgungsketten. Panzereinheiten blieben liegen, weil der Treibstoff nicht ankam. Infanteriekompanien mussten zurückbleiben, weil sie nichts mehr zu essen hatten. Artillerieregimenter konnten ihre Geschütze nicht nachführen, weil die Pferde erschöpft waren. An diesem Punkt ist es notwendig, einen der tragischsten Männer dieses Feldzuges näher zu betrachten: Eduard Wagner. Geboren im Jahre 1894 in Kirchenlamitz, war seit dem 1. August 1940 Generalquartiermeister des Heeres. Er war ein brillanter Organisator, ein Mann der Zahlen und der nüchternen Analyse.

Wagner wusste lange vor den meisten seiner Kollegen, was sich in Russland anbahnte. Bereits im Juli hatte er intern berechnet, dass die Versorgung der Ostarmee bei einem Scheitern des schnellen Sieges an ihre Grenzen stoßen werde. Im August warnte er Halder, dass ein Winterfeldzug unter den gegebenen Umständen nicht durchhaltbar sei. Im Oktober legte er detaillierte Berechnungen vor, die zeigten, dass der Großtransportraum und die Reichsbahn gemeinsam nicht in der Lage seien, die Heeresgruppe Mitte über eine Entfernung von mehr als 600 Kilometern hinreichend zu versorgen. Wagner wurde gehört und ignoriert. Nicht aus böser Absicht, sondern aus jener Mischung aus Wunschdenken und Befehlsdisziplin, die das Oberkommando des Heeres in jenen Monaten prägte.

Halder notierte die Warnungen. Brauchitsch nahm sie zur Kenntnis. Hitler übergab sie dem Willen. Wagner selbst tat, was er konnte. Er verlagerte Ressourcen, er setzte Prioritäten, er optimierte Umläufe. Doch die grundlegende Diskrepanz zwischen dem, was die Truppe brauchte, und dem, was ankam, konnte er nicht schließen. Sein persönliches Schicksal sollte sich später am 23. Juli 1944 tragisch erfüllen. Wagner war am Attentat auf Hitler beteiligt und nahm sich nach dessen Scheitern in Zossen das Leben. Doch im Herbst 1941 war er noch der Mann, der Listen führte über das, was nicht ankam. Zwischen dem Generalstabschef des Heeres Franz Halder und Adolf Hitler bestand in diesen Monaten ein fundamentaler strategischer Konflikt, der sich unmittelbar auf die Versorgungslage auswirkte.

Halder wollte Moskau. Er sah in der sowjetischen Hauptstadt den entscheidenden Knotenpunkt des sowjetischen Eisenbahnnetzes, des Rüstungswesens und der staatlichen Macht. Wer Moskau nahm, so Halders Überzeugung, schnitt die Rote Armee von ihren eigenen Nachschublinien ab. Hitler hingegen dachte in wirtschaftlichen Kategorien. Er wollte die Ukraine mit ihrem Getreide, den Donbas mit seiner Kohle, den Kaukasus mit seinem Öl. Diese unterschiedlichen Prioritäten führten nicht nur zu der bereits erwähnten Verzögerung im August und September, sondern auch zu einer permanenten Unsicherheit bei der Verteilung der knappen Transportkapazitäten. Der Eisenbahnnachschub musste zwischen den Heeresgruppen Nord, Mitte und Süd aufgeteilt werden. Jede Umpriorisierung bedeutete Verzögerungen, unentladene Waggons, gestaute Züge.

Im Oktober konnten zeitweise nur etwa die Hälfte der für die Heeresgruppe Mitte vorgesehenen Züge tatsächlich das Zielgebiet erreichen. Die Deutsche Reichsbahn war im Herbst 1941 gleichzeitig die wichtigste und die überfordertste Organisation des gesamten Krieges. Sie hatte den Auftrag, nicht nur die Ostfront zu versorgen, sondern auch die Westfront, Norwegen, den Balkan und das Mittelmeer. Hinzu kamen die Deportationen, die zivile Versorgung und die Rüstungsproduktion. Im Osten existierte zudem die Ostbahn, die Feldeisenbahnen der Wehrmacht, die für den Betrieb auf den umgespurten Strecken zuständig waren. Zwischen Reichsbahn und Ostbahn gab es strukturelle Reibungen, unterschiedliche Befehlsstränge, konkurrierende Materialanforderungen.

Die Lokomotiven der Baureihen, die im Westen problemlos funktionierten, versagten im Osten. Sie waren nicht für die extremen Temperaturschwankungen ausgelegt. Die Schmiermittel, die im Reich verwendet wurden, erstarrten bei minus 25 Grad. Die Stahlgusskomponenten wurden bei Frost spröde. Wasserhähne froren ein, Weichen klemmten. Im November brach die Leistungsfähigkeit der Ostbahn dramatisch ein: von etwa 200 Zügen pro Tag im Oktober auf unter 100 Züge pro Tag Ende November, zeitweise auf etwa 30 bis 40. Am 15. November begann die zweite Phase der Operation Taifun. Der leichte Frost hatte die Schlammlandschaft in eine harte, befahrbare Oberfläche verwandelt. Panzer konnten wieder rollen, Lastwagen konnten wieder fahren. Fedor von Bock ordnete den Angriff an mit Truppen, die am Rande der Erschöpfung standen, mit Versorgungslinien, die knapp ausreichten, um den Betrieb aufrechtzuerhalten, aber keine Reserven bildeten.

Die dritte und vierte Panzergruppe im Norden zielten auf Klin und den Kanal Moskau-Wolga. Die zweite Panzerarmee, mittlerweile zur Armee aufgewertet unter Guderian, zielte von Süden auf Tula und sollte Moskau im weiten Bogen von Osten einschließen. Der Plan war ambitioniert. Die Ausführung war eine Abfolge kleinerer Erfolge bei ständig wachsenden Verlusten. In den Wochen vom 15. November bis zum 5. Dezember spielte sich jenes 𝒹𝓇𝒶𝓂𝒶 ab, das die Operation Taifun zum Synonym für gescheiterten Ehrgeiz werden ließ. Die Temperaturen fielen auf minus 15, minus 20, schließlich minus 30 Grad. Die deutschen Soldaten trugen überwiegend Sommeruniformen und leichte Wollmäntel. Die Winterbekleidung, die bereits im August produziert worden war, Pelzmäntel, Filzstiefel, Schneeanzüge, Kopfhauben, lagerte in Warschau, in Minsk, in Smolensk, weil die überlasteten Eisenbahnen keine Priorität für diese Güter gesetzt hatten.

In den Statistiken erscheint eine Zahl, die alle anderen Zahlen dieses Feldzuges in den Schatten stellt. Etwa 100.000 deutsche Soldaten erlitten zwischen November und Januar Erfrierungen. Etwa 14.000 davon waren so schwer, dass Amputationen notwendig wurden. Diese Verluste waren keine Kampfverluste, sie waren reine Versorgungsausfälle. Am 18. November griffen die Panzer der zweiten Panzerarmee bei Tula an. Der Angriff blieb im sowjetischen Abwehrfeuer stecken. Guderian meldete, dass er nicht weiter vorgehen könne, weil die Treibstofflieferung nur den Verbrauch eines Tages decke. Am 20. November erreichten Verbände der vierten Panzergruppe den Raum um Klin. Die Temperatur fiel auf minus 22 Grad. Fahrzeuge mussten die ganze Nacht hindurchlaufen, weil sonst das Öl im Motor erstarrte und sie am Morgen nicht mehr anspringen würden.

Der dadurch entstehende zusätzliche Treibstoffverbrauch traf eine ohnehin überstrapazierte Versorgung. Am 23. November fiel Klin. Sowjetische Einheiten zogen sich zurück, hinterließen jedoch zerstörte Brücken, gesprengte Eisenbahnverbindungen und geplünderte Depots. Die Taktik der verbrannten Erde, die Stalin bereits im Juli angeordnet hatte, wirkte sich in diesen Wochen verheerend aus. Die Wehrmacht fand kaum Unterkünfte für ihre Soldaten. Dörfer waren niedergebrannt, Öfen waren zerstört, Brunnen waren verschüttet. Die Truppe kampierte im Freien oder in Notquartieren bei Temperaturen, die jede Metallberührung zur Verletzungsgefahr machten. Am 28. November erreichten Panzer der siebten Panzerdivision den Kanal Moskau-Wolga bei Jachroma und überquerten kurzzeitig die Kanalbrücke. Es war der tiefste Vorstoß des gesamten Feldzuges.

Die Spähtrupps blickten in Richtung der etwa 40 Kilometer entfernten sowjetischen Hauptstadt. Doch ein sowjetischer Gegenangriff warf die Vorhut bereits am folgenden Tag über den Kanal zurück. Der deutsche Kraftstoffvorrat an diesem Abschnitt reichte nicht mehr für einen weiteren eigenen Vorstoß. Am 30. November erreichten motorisierte Einheiten der zweiten Panzerdivision den Raum Krasnaja Poljana und Lopnja, nur etwa 20 bis 25 Kilometer vom Zentrum Moskaus entfernt. Es war der äußerste Punkt, den die Wehrmacht je erreichte. Von dort an gab es nur noch Rückzug. Die Soldaten konnten angeblich die Türme des Kremls durch ihre Ferngläser sehen, eine Geschichte, die später vielfach nacherzählt wurde, deren Wahrheit jedoch im Nebel jener kalten Tage verschwunden ist. Am 1. Dezember befahl von Bock einen letzten Vorstoß der vierten Armee unter Günther von Kluge in Richtung Moskau entlang der Linie Naro-Fominsk.

Der Angriff blieb nach wenigen Kilometern in der Verteidigung einer frisch aus Sibirien herangeführten sowjetischen Division stecken. Am selben Tag meldete der Quartiermeister der Heeresgruppe Mitte, dass die Munitionsreserve für die Artillerie auf etwa eineinhalb Tage Feuergefecht zusammengeschmolzen sei. Einige Panzereinheiten verfügten noch über Treibstoff für weniger als 50 Kilometer Fahrstrecke. Am 2. Dezember drang ein Aufklärungstrupp des 62. Pionierbataillons bis in den Raum von Chimki vor, wenige Kilometer westlich des Moskauer Stadtgebiets. Es war eine einzelne isolierte Aktion ohne jede operative Bedeutung, aber sie wurde später zum Symbol für den nächsten Punkt, den deutsche Uniformen im Raum Moskau je erreichten. Am 3. Dezember fielen die Temperaturen erstmals auf minus 35 Grad.

An diesem Tag starben allein in der Heeresgruppe Mitte mehrere hundert Soldaten an Erfrierungen. Die meisten starben nicht in der Schlacht, sondern in Schützenlöchern, Unterständen und am Straßenrand. Am 4. Dezember meldete Fedor von Bock dem Oberkommando des Heeres, dass seine Truppen die Offensive nicht fortsetzen könnten. Es sei, so Bock, nicht mehr möglich, eine entscheidende Operation durchzuführen. Die Heeresgruppe müsse in die Defensive übergehen. Die Meldung kam einem Eingeständnis der Niederlage gleich, wenn auch noch nicht einer Niederlage durch den Feind, sondern einer Niederlage durch die Logistik. Ein Aspekt, der in der offiziellen deutschen Dokumentation jener Wochen oft unterschätzt wurde, war der Einfluss der sowjetischen Partisanenbewegung auf die Nachschubwege.

Bereits am 3. Juli hatte Stalin in seiner Rundfunkansprache zum Partisanenkampf aufgerufen. Bis zum Herbst hatten sich in den weitläufigen Wäldern hinter der deutschen Front, besonders in den Brjansker Wäldern, in den Pripjatsümpfen und östlich von Smolensk, Gruppen gebildet, die Eisenbahnstrecken sprengten, Brücken angriffen, Lastwagenkolonnen aus dem Hinterhalt beschossen. Die Zahlen sind bis heute umstritten. Deutsche Quellen sprechen für Oktober und November von etwa 900 bis 1200 Anschlägen auf Eisenbahnstrecken im Bereich der Heeresgruppe Mitte. Jeder Anschlag bedeutete Stunden, manchmal Tage, bis die Strecke wieder befahrbar war. Jede gesprengte Brücke bedeutete Umwege, Entladung auf halber Strecke, zusätzlichen Einsatz der ohnehin knappen Lastwagen. Die Partisanen wurden nicht zur unmittelbaren Ursache des Zusammenbruchs, aber sie waren der sandige Nebel, der sich in jedes Getriebe der deutschen Logistik setzte.

Fedor von Bock, geboren am 3. Dezember in Küstrin, war einer der dienstältesten und angesehensten Offiziere der Wehrmacht. Er hatte im Ersten Weltkrieg als Generalstabsoffizier gedient. Er hatte den Polenfeldzug als Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Nord geleitet. Er hatte im Westfeldzug die Heeresgruppe B befehligt. Im Russlandfeldzug führte er die gewaltigste Truppenzusammenstellung seiner Karriere. Bock war ein preußischer Soldat alter Schule, pflichtbewusst, streng, stolz. Seine Tagebücher aus dem Herbst zeigen einen Mann, der zwischen den Anforderungen des Führerhauptquartiers und den realen Möglichkeiten seiner Truppe zermürbt wurde. Er forderte Pausen, bekam keine. Er meldete Engpässe, wurde zur Weiterführung gedrängt. Er sah, wie seine Divisionen verbluteten, und musste doch jeden Morgen neue Befehle zum Angriff herausgeben.

Am Ende verlor er seinen Posten, aber vorher verlor er den Glauben an die Führung, der er diente. Sein spätes Schicksal, er erlag am 4. Mai 1945 in einem Marinelazarett in Oldenburg in Holstein den Verletzungen, die er am Vortag bei einem Tieffliegerangriff nahe erlitten hatte, schloss eine Karriere ab, deren tragischer Höhepunkt jene Wochen vor Moskau waren. In den Tagen vom 1. bis 5. Dezember war die Heeresgruppe Mitte in einem Zustand, den man am besten als operative Lähmung bezeichnen kann. Die Panzereinheiten standen weit auseinandergezogen, ohne geschlossene Front, ohne Reserven. Die Infanteriedivisionen waren zahlenmäßig geschwächt. Viele Kompanien zählten nur noch etwa 40 bis 60 Mann statt der regulären 180. Die Ausrüstung war zum Teil unbrauchbar geworden. Gewehre froren ein, weil das Waffenöl erstarrte. Maschinengewehrschlösser rosteten in der feuchten Kälte fest.

Artilleriegeschütze hatten nach wochenlangem Einsatz auf Feldpositionen ohne Pflege an Schießgenauigkeit verloren. Und hinter allem lag die Versorgung, zerbröckelt, unregelmäßig mit täglichen Ausfällen. Die Soldaten aßen, was die Feldküchen liefern konnten, wenn sie überhaupt Brennstoff hatten. Sie tranken Wasser, das aus Schnee geschmolzen wurde. Sie schliefen in Scheunen, in ausgebrannten Bauernhäusern, auf Stroh, das auf gefrorenem Lehm lag. Viele schliefen überhaupt nicht mehr richtig, weil die Kälte das Einschlafen lebensgefährlich machte. Wer am falschen Ort einnickte, wachte nicht wieder auf. Am 4. Dezember, dem Tag, an dem von Bock seine pessimistische Meldung an das Oberkommando des Heeres sandte, waren die Wetterberichte aus dem Osten eindeutig. Eine Kältefront aus Sibirien rollte heran.

Was kein deutscher Offizier an diesem Tag wusste, war, dass die sowjetische Führung unter Georgi Schukow bereits seit Wochen Reserven konzentriert hatte. Frische Divisionen aus Sibirien, aus dem fernen Osten, die auf Wintertemperaturen ausgerüstet waren, die Filzstiefel trugen, die wattierte Jacken hatten, die mit Panzern vom Typ T-34 ausgestattet waren, deren breite Ketten im Schnee nicht einsanken. Gegen diese Truppen sollte die erschöpfte, ausgelaugte, unterversorgte Heeresgruppe Mitte am folgenden Tag ihren härtesten Kampf führen, nicht mehr als Angreifer, sondern als Verteidiger einer Front, die sie nicht mehr halten konnte. Am 5. Dezember 1941 begann die Rote Armee unter dem Oberbefehl Georgi Schukows jenen Gegenangriff, der die Operation Taifun endgültig beendete. Über den gesamten Frontabschnitt vor Moskau griffen frische sowjetische Divisionen an.

Truppen, die ausgeruht waren, die warme Kleidung trugen, die Munition und Treibstoff hatten. Die erschöpften deutschen Verbände konnten dem nichts mehr entgegensetzen. Innerhalb weniger Tage mussten die vorgeschobenen Spitzen der Heeresgruppe Mitte teilweise um 50, 60, an manchen Abschnitten über 100 Kilometer zurückweichen. Klin wurde am 15. Dezember aufgegeben. Kalinin fiel am 16. Dezember. Guderian meldete aus dem Raum Tula, dass geordnete Rückzüge nur noch bedingt möglich seien, weil der Treibstoff fehle, um Fahrzeuge in Sicherheit zu bringen. Panzer, Lastwagen, Artilleriegeschütze blieben am Straßenrand zurück, oft unbeschädigt, aber leergetankt, eingefroren, unbrauchbar. Die personellen Folgen innerhalb der deutschen Führung waren beispiell