Ich lachte nicht, weil irgendetwas daran komisch war, sondern weil meine Hände in diesem Moment zitterten – nicht vor Wut, sondern vor Schmerz. Dieser dumpfe, bohrende Schmerz in meinem linken Knie, der mich seit dem Unfall im März nicht mehr losgelassen hatte. Ich saß im Rollstuhl, mein Oberschenkel steckte noch in der Schiene, und mein Schwiegersohn stand vor mir mit einem Gesichtsausdruck, den ich nicht deuten konnte. Der Umschlag hatte keinen Absender.

Ich las die erste Zeile, und etwas in mir wurde ganz still. Ich sollte von vorne anfangen, damit das alles einen Sinn ergibt. Seitdem lebe ich allein in dem Haus, das wir gemeinsam gebaut haben. Eine Garage, in der ich immer noch ihre Gartenstühle aufbewahre, weil ich es nicht übers Herz bringe, sie wegzuwerfen.
Aber das wäre eine andere Geschichte. Er war freundlich, immer hilfsbereit. Ich rutschte auf der fünften Stufe aus und landete unten, linkes Bein zuerst. Die nächsten drei Tage verbrachte ich in der Unfallchirurgie des Universitätsklinikums Heidelberg, dann zwei Wochen in der Reha, danach vier Monate in ebendiesem Rollstuhl in meinem Wohnzimmer – zwischen den Gartenstühlen meiner toten Frau und dem Fernseher, den ich kaum noch einschaltete.
Er hatte den Brief bekommen, weil Marlis mich gebeten hatte, Torben das Haus aufschließen zu lassen, falls etwas passieren sollte, während ich noch im Rollstuhl saß. Ich hatte nicht Nein gesagt. Dann las ich die erste Zeile, und die Welt wurde für einen Moment ganz still. Die Klageschrift umfasste 18 Seiten.
Die Daten standen alle darin. Erster Vorfall, 22. März. Mein erster Gedanke war, dass das ein Irrtum sein musste.
Ich rief ihn an, und er ging sofort ran, weil er mich gerade auf dem Display gesehen hatte. Dann, nach einer Pause, sagte er: „Edmund, das ist eigentlich eine gute Nachricht. “
Ich fragte: „Was soll daran eine gute Nachricht sein? “
„Weil du für jeden einzelnen dieser Tage ein wasserdichtes Alibi hast.
Du warst im Krankenhaus, du warst in der Reha, du warst in deinem Rollstuhl in Kirchheim. Das lässt sich alles belegen. “
Aber ich hatte die Klageschrift noch vor mir liegen; ich habe zwei Enkelkinder. Ich sollte auch meine Telefonrechnungen der letzten Monate anfordern und jeden Kontakt mit Marlis und Torben aufschreiben.
Meistens waren es kurze Gespräche, weil ich ihr von der Physiotherapie erzählen wollte oder von einem Brief der Krankenkasse, den ich nicht verstand. Sie war jedes Mal kurz angebunden. Einmal hatte sie aufgelegt, bevor ich ausgeredet hatte. Briefe schreibe ich keine mehr.
Ich schreibe kaum noch. Seit Herter nicht mehr da ist, schreibe ich nur noch Einkaufslisten und Formulare für Behörden. Sonst nichts. Ich schlief schlecht in dieser Nacht, nicht wegen des Knies.
Die Unterlagen vom Uniklinikum kamen nach vier Tagen. Er schickte alles sofort an die Gegenseite. Zwei Tage später rief er mich an. Der Anwalt der anderen Seite besteht auf dem Verfahren.
Jemand, der so aussieht wie ich, laut ihrer Aussage eindeutig als ich zu erkennen. Von Mai, vor dem Kaufland am 23. Mai, und einmal in der Nähe der Wohnung meiner Tochter am 14. Mai.
Ich hatte im Mai Physiotherapie. Im Juni ging ich zur Kontrolle zu meinem Hausarzt. Ich weiß, aber die Fotos existieren, und die andere Seite hat Zeugen. Zwei Nachbarn, die behaupten, einen Mann gesehen zu haben, der auf meine Beschreibung passt.
Ich schwieg eine Weile. Jemand, der so aussieht wie ich, sagte ich dann, das müssen wir herausfinden. Ich stehe aufrecht seit dem Unfall, weil mir mein Physiotherapeut es eingebläut hat, weil ich sonst Rückenschmerzen bekomme. Danach saß ich lange am Tisch und sah mir die Fotos auf meinem Bildschirm an.
Herter hatte immer gesagt, ich solle auf mein Bauchgefühl hören. Er sah sich die Fotos sehr lange an, dann holte er eine Lupe aus seiner Jackentasche. „Die wurden inszeniert“, sagte Siegmund Brandes, machte sich Notizen und meinte, er würde sich in drei Tagen melden. Und kein einziger Anruf hatte länger als 4 Minuten gedauert.
Einige Nummern tauchten in meiner Telefonrechnung gar nicht erst auf. Er nannte es Caller-ID-Spoofing und erklärte, dass man über bestimmte Internetdienste jeden Anruf so aussehen lassen kann, als käme er von einer anderen Nummer. Es kostet fast nichts, erfordert keinerlei technisches Wissen. Ich rief Dor Kreuzer sofort an.
Eine kurze Pause. Dann: „Wir können die Verbindungsdaten bei den Mobilfunkanbietern anfordern. Wenn jemand aus Freiburg angerufen hat, während du im Rollstuhl in Heidelberg gesessen hast, lässt sich das beweisen. “
„Dein Schwiegersohn hat deinen Namen in den letzten zwei Jahren mehrfach benutzt“, sagte er.
Das ist noch nicht bewiesen, aber die Staatsanwaltschaft kann das prüfen. Ich saß eine Weile still da. Dein Schwiegersohn hatte vor der Heirat mit deiner Tochter eine andere Beziehung, vier Jahre lang. Er hat das schon einmal gemacht.
Die geschiedene Ex von damals war der Vater der Frau. Die Stille danach war sehr lang. Die vollständigen Krankenakten, die Reha-Berichte, die Besucherlisten, die Telefonrechnung mit den Abweichungen, der Antrag auf Mobilfunkdaten. Gleichzeitig nutzte Sigmund Brandes seinen Kontakt bei der Staatsanwaltschaft Karlsruhe, um sich nach dem alten Fall in Thüringen zu erkundigen, weil Torben dort gewohnt hatte, bevor er nach Freiburg zog.
Ich nahm den Zug, weil mein Knie für lange Fahrten noch nicht bereit war. Ruhig, methodisch, ohne jedes Drama. Physiotherapie-Protokolle, Besuchszeiten, Telefonrechnung, der Antrag auf Mobilfunkdaten, die zeigen würden, dass die fraglichen Anrufe nicht aus Heidelberg kamen, sondern aus dem Großraum Freiburg, während ich in meinem Rollstuhl saß. Dann präsentierte er das zweite Bündel: die E-Mail-Adresse in meinem Namen, das Briefpapier und einen Bericht aus Thüringen über einen Vorfall vor neun Jahren, der nie zu einer Verurteilung führte, aber in den Akten stand.
Lisner sagte lange nichts. „Haben Sie mir davon erzählt? “, fragte er. Als wir zurückkamen, saßen Marlis und Torben nicht mehr nebeneinander.
Ich werde nicht jedes Detail der folgenden Wochen erzählen, weil ein Teil davon meine Tochter betrifft und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Die Mobilfunkdaten bestätigten, was Dr. Kreuzer vermutet hatte. Manchmal sitzen wir einfach eine Weile schweigend da, weil wir nicht wissen, wie wir das alles in Worte fassen sollen.
Als wäre nichts gewesen, als wäre ein halbes Jahr nicht vergangen. Kinder messen Zeit nicht in Monaten. Und ich hatte keine Ahnung, dass jemand meinen Namen benutzen konnte, ohne dass ich einen Finger rührte, ohne meinen Stift, ohne mein Wissen. Das ist das Erschreckende an diesen Zeiten.
Es ist erschreckend einfach. Aber hier ist die andere Sache, die ich gelernt habe, und sie ist wichtiger. Und die Zeiten lügen nicht. Kreuzer hat mir etwas erzählt, das ich nie vergessen werde.
Nicht weil ich es vergessen wollte, sondern weil ich es meiner Tochter weitergeben wollte, wenn die Zeit gekommen ist. Das Strafverfahren läuft noch. Ich setze meine Energie jetzt anders ein.


