Ernst Kaltenbrunner: Hitlers Schatten und Himmlers größte Angst

Ernst Kaltenbrunner: Hitlers Schatten und Himmlers größte Angst

Nürnberg, 20. November 1945. In der Zelle Nummer 4 des Nürnberger Justizpalastes sitzt ein Hüne von Mann, fast zwei Meter groß, das Gesicht von tiefen Schmissen entstellt, die Augen kalt und abwägend. Es ist Ernst Kaltenbrunner, der ehemalige Chef des Reichssicherheitshauptamtes, und er wartet auf seinen Prozess. Draußen liegt Deutschland in Trümmern, und mit ihm das mörderische Imperium, das dieser Mann mit aufgebaut hat. Die amerikanischen Wärter, die ihn täglich beobachten, berichten von einem seltsamen Phänomen: Kaltenbrunner weint immer wieder. Nicht aus Reue, wie sich herausstellen wird, sondern aus Selbstmitleid. Der Mann, der Millionen in den Tod geschickt hat, bemitleidet sich selbst.

Doch wer war Ernst Kaltenbrunner wirklich? Wie konnte ein österreichischer Rechtsanwalt aus gutbürgerlichem Haus zu einem der gefährlichsten Männer des Dritten Reiches aufsteigen? Und warum fürchtete ausgerechnet Heinrich Himmler, der mächtige Reichsführer SS, diesen Mann mehr als jeden anderen? Die Geschichte, die heute ans Licht kommt, führt uns in die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. Sie handelt von Macht, Verrat und einem System, in dem selbst die Henker einander misstrauten.

Ernst Kaltenbrunner erblickt am 4. Oktober 1903 in Ried im Innkreis das Licht der Welt. Sein Vater Hugo ist ein angesehener Rechtsanwalt, die Familie gehört zum gehobenen Bürgertum Oberösterreichs. Es ist eine Welt der Ordnung, der Tradition, des österreichischen Kaisertums. Eine Welt, die bald untergehen wird. Die Familie Kaltenbrunner verbringt ihre Sommer am malerischen Attersee, der kleine Ernst lernt schwimmen, wandern, die Berge lieben. Er hat einen älteren Bruder, Werner, der später ebenfalls Jurist werden wird. Die Brüder wachsen behütet auf, besuchen gute Schulen, lernen die Manieren der österreichischen Oberschicht. Nichts an dieser idyllischen Kindheit lässt ahnen, welches Grauen dieser Junge einst über Europa bringen wird.

Der junge Ernst wächst in Linz auf, jener Stadt, die auch einem anderen österreichischen Jungen als Heimat dient: Adolf Hitler. Die beiden Familien kennen sich sogar flüchtig. Kaltenbrunners Vater und Hitlers Vater sind Mitglieder desselben Stammtisches. Ob sich die beiden Söhne je als Kinder begegnet sind? Die Geschichte schweigt, doch ihre Wege werden sich kreuzen auf verhängnisvolle Weise. Kaltenbrunner studiert Rechtswissenschaften in Graz, später auch in Prag. Er ist kein brillanter Student, aber ein ehrgeiziger. Seine Professoren erinnern sich später an einen durchschnittlichen, aber beharrlichen jungen Mann. Und er hat eine Eigenschaft, die ihm später nützen wird: Er ist groß, physisch einschüchternd, und er weiß, wie man Furcht erzeugt. Die Schmiße in seinem Gesicht, Erinnerungen an Mensuren der Burschenschaft Arminia, tragen zu seinem bedrohlichen Erscheinungsbild bei. Ein Zeitgenosse beschreibt ihn als einen Mann, den man nachts nicht begegnen möchte. Sein kantiges Gesicht, die kalten Augen, der massive Körperbau. All das wird ihm später in den Vernehmungskellern der Gestapo zugute kommen.

1930 geschieht etwas, das sein Leben für immer verändern wird. Ernst Kaltenbrunner tritt der NSDAP bei, Mitgliedsnummer 1.199. Kurz darauf folgt der Eintritt in die SS. Der junge Anwalt hat seine Berufung gefunden, und sie hat nichts mit Recht und Gerechtigkeit zu tun. In Österreich der frühen dreißiger Jahre ist die NSDAP noch eine verbotene Organisation. Nach dem gescheiterten Juli 1934, bei dem österreichische Nationalsozialisten Bundeskanzler Dollfuß ermorden, geht die Bewegung in den Untergrund. Und genau hier beginnt Kaltenbrunners eigentlicher Aufstieg. Er wird zum Führer der österreichischen SS ernannt. Seine Aufgabe: die illegale Parteiarbeit zu koordinieren, Netzwerke aufzubauen, den Boden für den kommenden Anschluss zu bereiten. Kaltenbrunner erweist sich als geschickt, skrupellos und absolut loyal. Er organisiert Sprengstoffanschläge, koordiniert Propaganda, schmuggelt Waffen und Material über die deutsche Grenze. Der Mann ist ein Rohling, notiert ein Zeitgenosse, aber ein nützlicher.

Kaltenbrunner baut ein ausgeklügeltes System der Unterwanderung auf. Seine Agenten infiltrieren die österreichische Polizei, das Militär, die Verwaltung. Wenn der Tag X kommt, soll alles bereit sein, und Kaltenbrunner sorgt dafür, dass es bereit ist. Mehrfach wird er verhaftet, er verbringt insgesamt 18 Monate in österreichischen Gefängnissen. Doch das bricht ihn nicht. Im Gegenteil, es stärkt seinen Ruf als unbeugsamer Kämpfer für die Sache. Als der Anschluss im März 1938 endlich kommt, gehört Ernst Kaltenbrunner zu den ersten, die ihre Belohnung einfordern. Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, hat ein Auge auf den großen Österreicher geworfen. Hier ist jemand, der sich bewährt hat, der keine Skrupel kennt, der das schmutzige Geschäft des Terrors versteht. Kaltenbrunner wird zum höheren SS- und Polizeiführer für die Donauländer ernannt. Er kontrolliert nun den gesamten Polizei- und Sicherheitsapparat in Österreich.

Seine erste große Bewährungsprobe: die Verfolgung der österreichischen Juden. Kaltenbrunner organisiert sie mit bürokratischer Effizienz. Innerhalb weniger Wochen werden Zehntausende verhaftet, enteignet, in Konzentrationslager deportiert. In Wien arbeitet sein Büro eng mit Adolf Eichmann zusammen, der hier seine mörderischen Methoden perfektioniert. Der Jurist aus Linz hat seine menschlichen Regungen längst abgelegt, falls er je welche besessen hat. Doch der entscheidende Wendepunkt in seiner Karriere kommt am 27. Mai 1942. An diesem Tag greifen tschechische Widerstandskämpfer Reinhard Heydrich an, den Chef des Reichssicherheitshauptamtes in Prag. Der blonde Henker stirbt am 4. Juni an seinen Verletzungen. Himmler steht vor einem Problem. Wer soll Heydrichs Nachfolger antreten? Das RSHA ist das Nervenzentrum des nationalsozialistischen Terrors. Gestapo, Kriminalpolizei, Sicherheitsdienst, alles untersteht dieser Behörde. Monatelang zögert der Reichsführer, führt das Amt selbst kommissarisch. Dann, im Januar 1943, fällt die Entscheidung: Ernst Kaltenbrunner wird neuer Chef des RSHA.

Mit seiner Ernennung zum Chef des RSHA betritt Kaltenbrunner die innersten Kreise der Macht. Sein Reich erstreckt sich über sieben Ämter mit Tausenden von Mitarbeitern. Amt 4, die Gestapo unter Heinrich Müller, mit Adolf Eichmann als Leiter des Judenreferats, organisiert die Endlösung. Amt 6 unter Walter Schellenberg betreibt den Auslandsgeheimdienst. Kaltenbrunner hat Zugang zu allen Geheimnissen des Regimes. Die Zentrale des RSHA befindet sich in der Prinz-Albrecht-Straße 8 in Berlin, eine Adresse, die zum Synonym für Terror wird. In den Kellern dieses Gebäudes werden Menschen gefoltert und ermordet. Kaltenbrunner weiß das. Er unterschreibt die Befehle. Doch hier beginnt auch eine Geschichte, die oft übersehen wird: die wachsende Rivalität zwischen Kaltenbrunner und seinem Vorgesetzten Himmler. Auf den ersten Blick ist die Hierarchie klar. Himmler ist der Reichsführer SS, Kaltenbrunner nur einer seiner Untergebenen. Doch die Realität ist komplizierter. Kaltenbrunner hat etwas, das Himmler nicht hat: direkten Zugang zu Adolf Hitler.

Der Führer schätzt den großen Österreicher. Vielleicht erinnert er ihn an die gemeinsame Heimat, an die Stammtische von Linz. Vielleicht gefällt ihm Kaltenbrunners brutale Direktheit, die so anders ist als Himmlers nervöse Unterwürfigkeit. Immer häufiger empfängt Hitler seinen Sicherheitschef zu persönlichen Vorträgen, ohne dass Himmler dabei ist. Der Kaltenbrunner, murmelt Himmler zu seinem Masseur Felix Kersten, der Kaltenbrunner wird mir noch Schwierigkeiten machen. Was genau fürchtet Heinrich Himmler an seinem Untergebenen? Die Antwort liegt in der Natur des nationalsozialistischen Systems selbst. Im Dritten Reich ist Macht niemals sicher. Hitler fördert bewusst Rivalitäten zwischen seinen Paladinen. Er teilt Kompetenzen auf, lässt Zuständigkeiten überschneiden, beobachtet, wie seine Untergebenen gegeneinander intrigieren. Wer heute in Gunst steht, kann morgen gestürzt sein, und niemand weiß das besser als Himmler. Der Reichsführer SS hat Feinde. Göring hasst ihn, Bormann misstraut ihm, Goebbels verachtet ihn, Speer hält ihn für einen gefährlichen Fantasten. Und nun gibt es da diesen Kaltenbrunner, der regelmäßig beim Führer vorspricht, der Dinge weiß, die Himmler nicht weiß, der Kontakte pflegt, die Himmler nicht kontrollieren kann.

Schlimmer noch, Kaltenbrunner sammelt Informationen. Das ist sein Job, gewiss, aber er sammelt sie über jeden, auch über Himmler. Die Gestapoakten enthalten kompromittierendes Material über praktisch jeden hochrangigen Nazi. Was, wenn Kaltenbrunner dieses Material eines Tages gegen seinen Vorgesetzten verwendet? Himmler beginnt, seinen eigenen Geheimdienst gegen Kaltenbrunner einzusetzen. Er lässt ihn überwachen, seine Telefonate abhören, seine Kontakte registrieren. Es ist ein groteskes Spiel: Der Chef der SS lässt den Chef des RSHA bespitzeln, während dieser seinerseits den Reichsführer überwacht. Zwei Spinnen im selben Netz, die einander belauern. Im Sommer 1944 steht das Reich mit dem Rücken zur Wand. Die Alliierten sind in der Normandie gelandet, im Osten rollt die Rote Armee unaufhaltsam westwärts, und am 20. Juli explodiert eine Bombe in Hitlers Hauptquartier, der Wolfsschanze. Das Attentat scheitert. Hitler überlebt mit leichten Verletzungen, und nun schlägt Kaltenbrunners Stunde. Er übernimmt persönlich die Leitung der Ermittlungen. Seine Männer durchkämmen die Wehrmacht, die Verwaltung, die alte Elite. Rund 7.000 Menschen werden verhaftet, Hunderte hingerichtet.

Die Hinrichtungen erfolgen auf grausame Weise. Auf Hitlers ausdrücklichen Befehl werden viele der Verschwörer an Fleischerhaken aufgehängt, und ihr Todeskampf wird gefilmt. Kaltenbrunner liefert seinem Führer, was dieser verlangt: Blut und Vergeltung. Für Himmler ist das Attentat ein Wendepunkt anderer Art. Er beginnt zu zweifeln. Kann Deutschland diesen Krieg noch gewinnen? Sollte er nicht Kontakte zu den Westalliierten knüpfen, einen Separatfrieden aushandeln? Der Reichsführer SS, der Mann, der die Vernichtung der europäischen Juden organisiert hat, träumt davon, sich als Friedensvermittler zu präsentieren. Kaltenbrunner ahnt, was Himmler plant. Seine Agenten berichten von geheimen Kontakten, von Verhandlungen über neutrale Kanäle in der Schweiz und Schweden. Es ist Material, das dem Reichsführer den Kopf kosten könnte. Kaltenbrunner wartet ab, er sammelt, er plant. Im Frühjahr 1945 bricht das Reich zusammen. Die Fronten lösen sich auf, Hitler sitzt in seinem Berliner Bunker, fünfzehn Meter unter der Erde, und verschiebt imaginäre Divisionen auf seiner Karte. Und die Ratten beginnen, das sinkende Schiff zu verlassen. Himmler unternimmt einen letzten verzweifelten Versuch.

Über den schwedischen Grafen Folke Bernadotte bietet er den Westalliierten die Kapitulation an, ohne Hitlers Wissen. Er stellt sich vor, er könnte als neuer Führer eines bereinigten Deutschlands mit den Westmächten gegen die Sowjetunion kämpfen. Es ist eine groteske Fehleinschätzung. Als Hitler davon erfährt, ist sein Zorn grenzenlos. Der treue Heinrich, sein treuester Gefolgsmann, hat ihn verraten. Hitler tobt, schreit, befiehlt Himmlers Verhaftung. Und wer hat Hitler über Himmlers Verrat informiert? Die Quellen sind nicht eindeutig, aber vieles deutet auf Kaltenbrunner. Er hat seinen Moment gewählt. Er hat zugeschlagen. Der Reichsführer SS ist erledigt. Doch auch Kaltenbrunner kann den Untergang nicht mehr aufhalten. Am 30. April 1945 erschießt sich Adolf Hitler. Wenige Tage später kapituliert Deutschland bedingungslos. Die Stunde der Abrechnung hat geschlagen. Ernst Kaltenbrunner wird am 12. Mai 1945 von amerikanischen Truppen in den österreichischen Bergen gefasst, in einer Jagdhütte in Altaussee. Er hat versucht, sich zu verstecken, sich einen falschen Namen zugelegt. Es hilft nichts. Sein Gesicht ist zu bekannt, seine Taten zu dokumentiert. Die Narben der Mensuren verraten ihn.

In Nürnberg sitzt er auf der Anklagebank neben Göring, Ribbentrop und den anderen Überlebenden der Nazi-Elite. Er bestreitet alles. Er habe nichts gewusst von den Konzentrationslagern, nichts von den Massenmorden. Die Dokumente mit seiner Unterschrift? Gefälscht. Die Zeugenaussagen? Lügen. Niemand glaubt ihm. Der amerikanische Chefankläger Robert Jackson konfrontiert ihn mit Beweisen: Befehle zur Hinrichtung von Kriegsgefangenen, Anordnungen zur Deportation von Juden, Genehmigungen für medizinische Experimente in Konzentrationslagern. Kaltenbrunners Unterschrift steht unter jedem dieser Dokumente. Am 1. Oktober 1946 verkündet das Gericht sein Urteil. Schuldig in allen Anklagepunkten. Tod durch den Strang. In den frühen Morgenstunden des 16. Oktober 1946 steigt Ernst Kaltenbrunner die 13 Stufen zum Galgen hinauf. Er ist der ranghöchste SS-Offizier, der in Nürnberg hingerichtet wird. Himmler hat sich seiner Verantwortung durch Selbstmord entzogen, er biss am 23. Mai 1945 auf eine Zyankali-Kapsel. Kaltenbrunner hingegen wird zur Rechenschaft gezogen. Seine letzten Worte gelten seiner Familie, seiner Frau Elisabeth und seinen drei Kindern, die er zurücklässt. Dann fällt die Falltür. Der Henker John C. Woods vollstreckt das Urteil. Um 1:15 Uhr nachts ist Ernst Kaltenbrunner tot. Er wird 43 Jahre alt.

Seine Leiche wird zusammen mit den anderen Hingerichteten eingeäschert. Die Asche wird in den Fluss Isar gestreut. Ein namenloses Ende für einen Mann, der so viel namenloses Leid verursacht hat. Was bleibt von Ernst Kaltenbrunner? Die Erinnerung an einen Mann, der systematischen Massenmord zu seinem Beruf machte, an einen Juristen, der das Recht mit Füßen trat, an einen Menschen, der seine Menschlichkeit verloren hatte oder sie nie besaß. Sein Name ist heute weniger bekannt als der von Himmler, Göring oder Goebbels. Und doch war er einer der gefährlichsten Männer des Regimes. Er leitete die Maschinerie des Terrors, unterzeichnete die Todeslisten, überwachte die Vernichtung. Sechs Millionen ermordete Juden, Millionen weitere Opfer. An all diesen Verbrechen trug er Mitverantwortung. Doch seine Geschichte erzählt uns auch etwas über die Natur totalitärer Systeme. Selbst in der Hölle des Nationalsozialismus gab es keine Solidarität unter den Tätern. Himmler fürchtete Kaltenbrunner, Kaltenbrunner misstraute Himmler. Beide belauerten einander, beide intrigierten, beide warteten auf den Moment, dem anderen in den Rücken zu fallen.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass das System, das sie aufgebaut hatten, am Ende auch sie selbst verschlang. Der Terror, den sie über Millionen gebracht hatten, fraß schließlich seine eigenen Kinder. Ernst Kaltenbrunner war kein Monster im biblischen Sinne, kein gehörnter Dämon, kein mythisches Wesen des Bösen. Er war ein Mensch, ein gebildeter Mann, ein Vater von drei Kindern, ein Sohn aus gutem Hause. Und gerade das macht seine Geschichte so verstörend, denn sie zeigt uns, wozu Menschen fähig sind, wenn sie ihre moralischen Grenzen fallen lassen, wenn sie Ideologie über Menschlichkeit stellen. Diese Erinnerung schulden wir den Opfern, und diese Warnung schulden wir der Zukunft.